Wonach ist dir heute?

Die Frau soll warten, bis sie den Antrag bekommt, es soll der schönste Tag des Lebens werden, einmal Prinzessin sein – bei kaum einem anderen Thema wie der Hochzeit werden wir oft noch mit total veralteten Rollenbildern konfrontiert.

Genau das merkten auch die Freundinnen Anna Beyer und Wenka Kasper bei der Hochzeitskleidsuche für eine Freundin. Während die Modebranche langsam mehr Diversität einziehen lässt, kommt Brautmode immer noch sehr traditionell daher. Geschäfte, in denen Frauen entgegen altmodischer Schönheitsideale und Hochzeitskitsch Kleider abseits des Mainstreams bekommen, gibt es kaum. Warum nicht also selbst einen Laden eröffnen, der genau das angeht?

Ihre Idee verfolgten die beiden weiter – Wenka war damals Produktionsassistentin in einer Filmproduktionsfirma und Anna im Personalbereich in einem Start-Up tätig. Sie recherchierten, schrieben einen Businessplan und wagten schließlich vor einem Jahr den Sprung in die Selbstständigkeit. Unter dem Motto Brides Breaking the rules eröffneten sie in Hamburg ihren Concept Store anwe bridal – und machen hier vieles anders als klassische Brautläden:

Den eigenen Look finden.

Egal ob in Zeitschriften oder bei Pinterest – die Überzahl der Brautmodels repräsentiert immer noch schlanke Frauen mit glänzender Mähne und durchtrainierten Oberarmen, eingewickelt in Massen an Tüll und Glitzer. Diversität? Frauen jenseits von Größe 38, große Busen, kleine Busen, jüngere, ältere, homosexuelle, helle und dunkle Hautfarbe – meistens leider noch Fehlanzeige.

Anna und Wenka haben genau deshalb für anwe bridal ihr Lookbook so divers fotografiert und auch ihr Instagram Account zeigt: Es gibt mehr als nur Klischees. Es gibt viele verschiedene Menschen und Stile, Wünsche und Träume und man sollte sich in nichts zwängen, was einem nicht wirklich zusagt. Es braucht dafür nur ein größeres Forum, damit noch mehr Frauen darauf aufmerksam werden und sich trauen, eigene und neue Wege zu gehen.

Die wahre Größe finden.

“Also bis zur Hochzeit muss ich mindestens noch 5 Kilo abnehmen…” Sätze wie diesen hört man, traurig aber wahr, noch oft von Bräuten. Auch Anna und Wenka fällt bei den Anproben immer wieder auf, welchen Schönheitsdruck sich viele machen. Es vergeht fast kein Termin, ohne das vermeintliche Problemzonen thematisiert werden und aufgezählt wird, was man noch alles an sich verändern will. Die Frage ist, warum wir Frauen uns immer noch so einen Druck machen lassen und von wem eigentlich genau.

Die Gründerinnen setzten bei ihrer Auswahl auf Size Inclusivity. Im Store gibt es Anprobemodelle in den Größen 36 bis 46 und es werden auch Marken ausgesucht, die in allen Größen produzieren. Da viele Designer aber immer noch keine größeren Größen anbieten, führt anwe bridal auch “Curve Collections”. Im November wird im Laden zudem eine Trunk Show mit Brautkleidern gehostet, die es bis Größe 60 geben wird.

Auf Nachhaltigkeit setzen.

Die Modeindustrie spielt eine große Rolle in der Klimakatastrophe. Nachhaltigkeit und Slow Fashion sind für Anna und Wenka deshalb auch in der Brautmode besonders wichtig. Die beiden achten darauf, wie und wo die Kleider, die sie anbieten, hergestellt werden: Alle Kleider sind handgefertigt und werden nur auf Bestellung in den Ateliers der Designer gemacht. Zwei der Marken, die sie anbieten, verwenden sogar Stoffreste aus der Produktion von High-End-Marken und recycelte Materialien. Auch wird bei den Designs darauf geachtet, dass die Kleider später einzufärben oder änderbar sind, damit sie auch nach der Hochzeit weiterhin getragen werden können.

Der nachhaltige Plan bei anwe bridal für die Zukunft: Getragene Brautkleider, die dem Stil des Concept Stores entsprechen, ankaufen und Second Hand verkaufen. So passen die Kleider dann auch für kleinere Budgets.

Zur Lieblingsmusik entspannen.

Oft gibt es in Brautläden große Gemeinschaftsumkleiden für alle Bräute. Das kann lustig sein oder für schüchterne Menschen die Hölle. Bei anwe bridal kann man vorab einen Termin ausmachen und hat den Store dann für sich alleine. Ganz entspannt und in Ruhe dürfen alle Kleider angefasst und so viel anprobiert werden, wie man möchte. Und das Beste: Vorab können in der Buchung Musikwünsche angeben werden, sodass man sich bei der Anprobe zu seinen Lieblingssongs richtig wohlfühlen kann.

Und dann werden sie ausprobiert, die vielen verschiedenen Stilrichtungen, die schlichten, sehr modernen Schnitte mit Statement-Ärmeln und offenen Nähten oder mit romantischer, französische Spitze sowie moderne Boho-Looks mit aufwendigen Stickereien. Aber auch Jumpsuits, Pullis, Blusen und Röcke gibt es im Sortiment. Und die Hauptsache: Alles muss bequem sein und zur Braut passen.

Es ist eine kleine, feine, behutsame Revolution, die hoffentlich viel erreichen wird.

 

Fotos – Kim Spix

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Lisa Ha 24. Oktober 2019 um 11:42 Uhr

    Danke für den tollen Beitrag! So ein tolle Brautmodengeschäft hätte ich damals gebrauchen können.
    Ich habe beim Brautkleidkauf vor 3 Jahren leider sehr schlechte Erfahrung gemacht.
    2 Wochen nach der Geburt meiner Tochter war ich zum Brautkleidkauf beim bekanntesten Brautmodeladen der Stadt und hatte große Erwartung an eine tolle Beratung. Die Hochzeit sollte 4 Wochen später statt finden (also 6 Wochen nach der Geburt). Ich trug Kleidergröße 38 und war sehr zufrieden mit meinem Körper und hatte nicht vor, Sport oder ähnliches zu machen und bis zur Hochzeit abzunehmen.
    Bei der Anprobe erklärt mit die damalige Beraterin leider sehr oft, was an meinem Körper schlecht ist.
    Der Bauch ist zu dick, der Po zu groß, die Brust muss gepuscht werden. Sie wollte mich sogar in eine Korsage zwängen, damit alles “optimal” aussieht. Das ich das nicht wollte, fand die Dame unmöglich. Ich hatte 2 Wochen vorher ein Kind auf die Welt gebracht und wollte nicht irgendeinem fremden Ideal entsprechen. Mein Kleid habe ich dann bei einer anderen Beraterin gefunden.
    Als ich mein Feedback an den Geschäftsführer gegeben habe, wurde die unmögliche Beraterin sogar noch gelobt! Völlig unverständlich. Sie wollte nur das ich perfekt aussehe und mich auch wohl fühle.
    Das ich mich bereits super wohl gefühlt hatte war denen egal. In ein anderes Geschäft konnte ich nicht gehen, da nicht viel Zeit war um ein Kleid zu bestellen.
    Seit dem Rate ich jeder Freundin/ Bekanntin/ Arbeitskollegin von diesem Geschäft ab.
    Viele Grüße
    Lisa

    Antworten
    • Lesley 24. Oktober 2019 um 13:36 Uhr

      Liebe Lisa, ohje – das ist ja wirklich genau so gelaufen, wie es nicht sein sollte! Aber schön, dass du trotzdem noch ein tolles Kleid für dich gefunden hast. Viele Grüße, Lesley

      Antworten
  3. Claudia 24. Oktober 2019 um 16:18 Uhr

    Das Konzept hört sich vielversprechend an. Ich habe mir damals ein Hochzeitskleid geliehen, das finde ich auch eine sehr nachhaltige Lösung.

    Antworten
  4. Anija 25. Oktober 2019 um 08:56 Uhr

    Das klingt SO SO gut! <3
    Vielen Dank fürs Teilen!

    Antworten
  5. Jana 1. November 2019 um 12:04 Uhr

    Großartig!!!! Sollte ich mal heiraten, würde ich den Weg von Berlin nach Hamburg auf jeden Fall auf mich nehmen, um in diesem tollen Store zu stöbern! Oder machen sie vielleicht noch einen Store in Berlin auf?! #träumchen

    Jana

    Antworten
  6. Juliane 22. November 2019 um 23:09 Uhr

    Dieser Beitrag kommt wie gerufen! Nach 2 gemeinsamen Kindern kam im Sommer der Antrag – ich hab das Heiraten also noch vor mir. Aber eigentlich hab ich ein Brautkleid schon abgeschrieben denn ich entspreche einfach nicht dem gängigen Brautkleid-Ideal. Dabei finde ich meinen Körper wirklich toll und die große Oberweite stört mich gar nicht. Aber ich sehe das schon immer am Schnitt – in die meisten Kleider passen nur kleine, straffe Brüste. Ich hab auch keine Lust auf rückenfreie Modelle. Damit bin ich dann also schon fast raus. Hochgeschlossen, nachhaltig und für große Oberweite geschnitten – forget it. Ich wohne in München aber überlege ernsthaft, nach HH zu reisen um mir dort ein Kleid auszusuchen. Danke für den Tipp!

    Antworten

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