...DIE MAROTTEN DER NEUEN ELTERN.

Zwei Damen Mitte sechzig auf einer Parkbank.

„… und ich zieh meinem Enkel die Jeans hoch. Fand meine Tochter gar nicht lustig! Mamaaaaa, das sieht ja schrecklich aus!! Die Hose gehört nicht in die Achselhöhle, sondern auf die Hüfte, so ganz lässig locker.”

„Lässig locker, eine Nierenbeckenentzündung findet deren Kinderarzt bestimmt nicht lässig locker!”

„Hat’s bei uns nicht gegeben.”

„Hat’s bei uns nicht gegeben.”

„Da waren die Kinder schön warm eingepackt. Bei uns gab es ja auch noch Strampler …”

„Sagt meine Tochter, das sei zu „babymässig”.”

„Aber was sind unsere lütten Enkelkinder denn? Sind das keine Babies? Die müssen doch noch früh genug aussehen wie Erwachsene.”

„Mhhh.”

„Na.”

„Jaja.”

„Da kauft sie dem Schuhe für über 60 Euro aus Amerika, obwohl der noch nicht mal krabbeln kann! Steht stundenlang beim Zoll dafür, statt mal schön zu schlafen …”

„Hat’s bei uns nicht gegeben!”

„Und dann möchte meine Tochter per What’s App stündlich ein Update, wenn ich mit dem Kleinen allein unterwegs bin. Wo wir sind, mein Enkel und ich. Was wir machen … Mit Fotos! Die verwackeln bei mir doch immer so …”

„Dieser Technikkram, ich versteh das nicht. Ich krieg das auch nicht hin mit deren Wehlahm da Zuhause. Hab eh immer Angst, dass ich denen das aufbrauche und nix mehr da ist, wenn die dann nach Hause kommen …”

„Hör mir auf mit dem Internet. Dann musste sie ja unbedingt diesen einen Kinderwagen haben. Warte, Bio sollte der sein. Nee, das ist ja immer dieses Essenstheater. So ähnlich … Brio!”

„Ach komm, hör auf! Hab ich auch gehört! Gibt’s nicht mehr, die schwedische Firma, heißt jetzt irgendwie anders …

“„Uncool” sagt meine Tochter …”

„Ich sag’s dir! Der musste in diesem Gebrauchtladen online gekauft werden – na, hier, wie heißt das noch – ich merk mir das immer mit Ihbah, heißt aber anders, na …?”

„Ibäy, haha! Nee, Ebäh!”

„Genau!”

„Stundenlang haben sie da geguckt, bis sie endlich den hatten, der top aussieht, die Vorbesitzer „cool” genug sind und der Originalname musste drauf stehen …”

„Irre.”

„Mhhh. Und hat wahrscheinlich immer noch ein Vermögen gekostet. So viel Rente bekommen wir nicht mal monatlich …”

„Aber mal ehrlich: die Kinderwagen sehen doch heute aus wie kleine Limousinen vom Bestattungsunternehmen, oder? Muss ja auch alles ins Schwarz sein. Und dann sind die heute so leise, gleiten an einem vorbei – da erschrickt man sich andauernd!”

„Ich sag’s dir!”

„Apropos Namen. Nicht nur der Kinderwagen darf nicht irgendeinen haben, das Kind ja auch nicht mehr!”

„Du, ich weiß manchmal nicht, bin ich hier bei Ikea oder in der Kita, wenn ich den Kleinen abhole und auf die Namensschilder gucke …”

„Das ist ja noch idyllisch bei euch. Bei uns in der Kita fragt du dich eher, ob du den Flug nach Amerika oder ins Autohaus verpasst hast – Rachel, Cayenne …”

„Und die Anziehsachen für die Kinder – alles in Grau, Weiß, Creme …”

„Das sind doch Seniorenfarben! So sollten wir doch eigentlich aussehen! Haha!”

„Der war gut!!! Das muss ich Günther erzählen!”

„Du, und dann hab ich noch etwas ganz Schlimmes gemacht: Ich hab das Kind vor die Tür gestellt …”

„Wie …?”

„Na, das schlief so schön nach dem Spaziergang. Wir haben die Kinderwagen dann früher einfach in der Einfahrt oder im Garten stehen lassen, so haben die noch Stunden geschlafen! Da war das Drama groß, als sie davon Wind bekam. Wir leben hier doch nicht aufm Land! Das ist eine Großstadt! Die werden doch geklaut!!!”

„Musste einfach nicht erzählen …”

„Einfach nicht erzählen …”

„War bei uns alles ganz anders.”

„Oder haben wir einfach nur vergessen wie das war?”

„Du, nächste Woche Tennis?”

„Ich freu mich!”

„Grüß schön!”

„Grüß schön!”

„Tschüssi!”

„Tschüssi!”

„Mach’s gut, du!”

„Tschüüüsss!”

Text – Stefanie Luxat

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