Wonach ist dir heute?


Andreas Paschedag Berlin Verlag OhhhMhhh Blogpost

Jetzt könnte man denken: Ah, kein Wunder, dass die Luxat ein Buch nach dem anderen schreibt – ihr Schwager arbeitet ja auch im Verlag, da hat der bestimmt mal schnell… Hat er nicht. Weil, wie das manchmal so ist, hätte ich mich gar nicht getraut, ihn zu fragen. Andreas war zwölf Jahre Lektor für Belletristik und Sachbuch im Aufbau Verlag und ist seit 2012 Programmleiter für deutschsprachige Belletristik im Berlin Verlag. Um zwei seiner Erfolgsprojekte aus dem vergangenen Jahr zu nennen: Gila Lustiger “Die Schuld der anderen” (wochenlang auf der Spiegel Bestsellerliste) und Inger Maria Mahlke “Wie Ihr wollt” (nominiert für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2105).

Belletristik. Romane. Andreas verantwortet so richtig gute Romane. Das sind keine Bücher mit vielen tollen Bildern und ein paar lustigen Kolumnen, Bildunterschriften und Co.. Nee, Belletristik. Das ist für mich die Olympiade, ich sitz da, um im Bild zu bleiben, noch mit zitternden Knien in der Umkleidekabine. Aber wer weiß, vielleicht mach ich mich ja irgendwann zumindest mal warm.

Bei mir ging’s los mit dem Bücher schreiben, als ich die Idee für mein Hochzeitsbuch hatte. Ich war damals noch fest bei einem Zeitschriftenverlag angestellt und es war vertraglich geregelt, dass ich meine Idee zuerst bei deren Partnerverlag anbieten musste. Random House war das. Die fanden mein Konzept für das Hochzeitsbuch gut und los ging es. Da das Buch ein Erfolg wurde, kamen bald andere Verlage von allein auf mich zu und fragten, ob ich nicht auch mal Lust hätte, ein Buch mit ihnen zu machen. So sind bisher diese vier Bücher von mir erschienen: Einfach heiraten!: Das Hochzeitsbuch, Wie eine Wohnung ein Zuhause wird, Wie sag ich’s meinem Mann? Über das Zusammenleben mit einer anderen Spezies, Herzlich Willkommen! Mit Gästen zuhause – Tischdekoration & kreative Ideen.

Aber wie wird man BuchautorIn, wenn man niemanden in dem Bereich kennt? Die Frage höre ich oft. Mein Schwager kennt die Antwort. Und: er verrät seine aktuellen Lieblingsbücher für diesen Sommer. Los geht’s:

Lieber Andreas, es gibt so unendlich viele Bücher, lohnt es sich heute noch, AutorIn zu werden?

Eine gute Frage. Warum sollte es sich nicht lohnen? Es hängt davon ab, was man sich erwartet. Erst einmal gilt: Wem es Spaß macht, Geschichten zu erzählen, unsere Welt mit Sprache zu beschreiben und (neu) zu erfassen, gar ganz andere Welten als die, die bloß unseren Alltag abbildet, zu erfinden, der sollte sich diesem schönen, fantasievollen Hobby widmen. Schreiben lernt man in der Regel dadurch, dass man es praktiziert, dass man sich mit und in der Sprache ausprobiert. Kaum je war ein „fertiger“ Autor von Anfang an da. Schreiben und Lesen – viel Lesen! – das Sichauseinandersetzen mit Texten, eigenen wie fremden, sind die beste Schule. Nichts anderes passiert im Grunde unter professioneller Anleitung auch an den renommierten Schreibschulen wie zum Beispiel dem Literaturinstitut in Leipzig, dem Institut für literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim, an den Literaturinstituten in Biel und Wien oder wo man sonst noch das Schreiben „studieren“ kann.

Aber noch mal zurück zu deiner Ausgangsfrage, ob „es sich heute noch lohnt“: Ich würde sagen, wenn das Schreiben Spaß macht, ist sie eigentlich schon hinreichend beantwortet. Und alles, was das Sich-Lohnen darüber hinaus ausmachen könnte, hängt von ganz unterschiedlichen, längst nicht immer selbst beeinflussbaren Faktoren ab.

Generell sollte jeder, der mit dem Bücherschreiben reich und berühmt werden möchte, wissen: Nur sehr, sehr wenige Autoren können dauerhaft und gut vom Schreiben leben.

Bestsellerautor wird nur ein Bruchteil all derjenigen, die mit hohen Erwartungen und Plänen den Weg als Schriftsteller einschlagen. Etwas polemisch gesagt könnte man sich genauso gut vornehmen, als Spieleerfinder, Schauspieler oder Formel-1-Fahrer den Durchbruch zu schaffen. Auf jeden Fall steckt auch hinter einer erfolgreichen Schriftstellerkarriere eine Menge Arbeit.

Woran erkennst du Talente? Nach was für Autoren suchst du?

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat mal gesagt: „Literatur muss Spaß machen“, sie soll, „unterhalten, freilich auf intelligente Weise. Durch Literatur lernen wir uns selber besser verstehen.“ Dem kann ich nicht widersprechen. Für den Berlin Verlag suche ich nach guten, besonderen Geschichten, die mehr vermögen, als nur die Welt, wie sie jeder von uns tagtäglich erlebt, abzubilden. Fantasie, historisches Bewusstsein, ein besonderer sprachlicher Zugang sowie die Fähigkeit, in passendem Tempo und mit überzeugender Dramaturgie zu erzählen, stehen hier im Blickpunkt. Wenn all das auf die eine oder andere Weise da ist und gelingt, wird das Schreiben zur Kunst. Und dann ist es auf jeden Fall ein Text, aus dem wir gerne ein Buch machen.

Andreas Paschedag Berlin Verlag OhhhMhhh Schreibtisch

Was rätst du jemand, der Buchautor werden möchte?

Kommt man irgendwann zu der Meinung, sich genug im stillen Kämmerlein – oder vielleicht auch schon in seinem Literaturkreis – ausprobiert zu haben, dass nun die Welt am eigenen Geschreibsel teilhaben sollte, liegt es nah, sich die passende Plattform für eine größere Öffentlichkeit zu suchen. Die Möglichkeiten dafür sind heute sehr viel vielfältiger, als sie es noch vor gar nicht so langer Zeit waren, denn allein das Internet bietet eine Fülle von Öffentlichkeitsforen, die Autoren früher nicht zur Verfügung standen. Ob beispielsweise mit einem Blog oder als so genannter Self-Publisher: digitale Medien und Formate wie das e-book bieten eine scheinbar unbegrenzte Fülle an neuen Möglichkeiten, Aufmerksamkeit für das eigene Schreiben zu suchen. Aber darin liegt auch ein Problem, nämlich die Frage, wie ich es schaffe, (m)ein potentiell interessiertes Publikum auch wirklich zu erreichen?

Verlage gibt es seit mehreren hundert Jahren, nach wie vor halte ich ihre unermüdliche Arbeit sowie das Engagement des Buchhandels und eine fundierte Literaturkritik für das probateste Mittel, literarische Werke an ihre potentiellen Lesern zu bringen.

Wie aber kommt man an „seinen“ Verlag? Wie erregt man die Aufmerksamkeit von Lektoren und Verlegern? Der wohl am häufigsten beschrittene Weg, seit es Verlage gibt, ist der folgende: Man schickt eine Textprobe (am besten gleich mit aussagekräftigem Exposé) an seinen Wunschverlag, der laut Programmprofil – hier sollte man sich besser vorab gut informieren – zum eigenen Buchprojekt passen könnte. Leider ist das nach meiner Erfahrung aber auch der unergiebigste Weg. In meiner mittlerweile knapp zwanzigjährigen Artbeit als Lektor habe ich – gemessen an der Fülle der Einsendungen, die die Verlage täglich erreichen, nur relativ wenige solcher Erfolgsfälle erlebt.

Besser ist es, man macht erstmal auf andere Weise auf sich aufmerksam: über die Veröffentlichung von Texten in Literaturzeitschriften, die Teilnahme an Schreibwerkstätten oder Literaturwettbewerben wie etwa dem einmal jährlich in Berlin stattfindenden „Open Mike“, um nur einen renommierten Nachwuchswettbewerb zu nennen. Auch dafür muss man sich natürlich erst mit seinen Texten bewerben.

Ich kann aber verraten, dass Lektoren und Literaturagenten sehr genau hinschauen, wer bei Wettbewerben für den Nachwuchs hervorsticht.

Apropos Agenten: diese zwischengeschaltete Aufgabe eines solchen Literaturvermittlers, kommt ursprünglich aus der amerikanischen Literaturszene, in Deutschland sind die ersten Agenturen vor etwa dreißig Jahren gegründet worden. Man kann sich ihre Aufgabe in etwa wie die eines Spielervermittlers und persönlichen Managers im Fußball vorstellen. Der Literaturagent nimmt einen Autor unter Vertrag und versucht ihn über seine guten Kontakte an den passenden Verlag weiterzuvermitteln. Hierfür verlangt er einen Anteil von der Vorschusssumme, die ein Verlag in der Regel an den Autor zahlt, wenn sich beide Seiten einig geworden sind. Heutzutage sind Literaturagenten im Vermittlungsgeschäft nicht mehr wegzudenken. Und mit guten Literaturagenturen arbeiten wir gerne und sehr professionell zusammen.

Was braucht es alles, um als Buchautor reich zu werden?

Ich habe vorher ja schon erwähnt, dass nur ein ganz geringer Teil der vielen, vielen Buchautoren tatsächlich dauerhaft und gut vom Schreiben leben kann. Viele der literarisch ambitionierten Autoren, mit denen ich zusammenarbeite, hangeln sich mit Lesungshonoraren, Stipendien, Förder- und Preisgeldern und nicht zuletzt mit dem, was die Verlage an Vorschusszahlungen leisten können, durchs Leben. Es muss vieles zusammenkommen, um von einer dauerhaften finanziellen Absicherung ausgehen zu können: Ein Bestseller ist natürlich die Grundvoraussetzung, doch selbst, wenn man den einen Glückstreffer schafft, reicht das oft auch nicht dafür hin, den Rest des Lebens nur noch mit Schreiben verbringen zu dürfen. Richtig interessant wird es erst, wenn Auslandsrechte verkauft werden können und das Buch auch in anderen Ländern erfolgreich ist, und wenn sich dann noch weitere mediale Verwerter wie zum Beispiel die Filmindustrie für den Stoff begeistern lassen. Doch das gelingt nur den wenigsten. Wer Autor werden möchte, sollte es also aus Leidenschaft wollen, nicht, weil er meint, so das schnelle und große Geld verdienen zu können.

Andreas Paschedag Berlin Verlag OhhhMhhh Buecher Blogpost

Und hier noch ein paar Buchtipps aus der laufenden Saison, die ich für unbedingt lesenswert halte. Allen voran mein absoluter Lieblingstitel dieses Frühjahrs (erfreulicherweise im Berlin Verlag erschienen):

Pierre Jarawan “Am Ende bleiben die Zedern”

Die zu Herzen gehende Geschichte einer Vatersuche, die von Deutschland bis in den Libanon führt und auf kluge und angenehm leichte Weise so vieles von dem miterzählt und erklärt, was in der medialen Berichterstattung zu den Konflikten im Nahen Osten sowie den Ursachen für das Flüchtlingsdrama ungesagt bleibt. Allein deshalb eins der wichtigsten Bücher seit langem und darüber hinaus ein Roman, den man nicht mehr zur Seite legen will, bis man sein grandios inszeniertes Finale gelesen hat. Und dann möchte man eigentlich sofort wieder von vorne beginnen. Ich habe diesen Text nicht nur als Lektor zig Mal verschlungen. Die perfekte Urlaubslektüre!

Auf der Facebook-Seite von Pierre Jarawan gibt es einen Trailer zum Buch.

Auch toll:

Catalin Dorian Florescu “Der Mann, der das Glück bringt” – eine warmherzig erzählte Familiengeschichte und ein großes Jahrhundertpanorama zwischen New York und dem rumänischen Donaudelta.

Oder der schonungslos ehrliche und in weiten Teilen grandios komische Bericht aus dem Leben des Autors Benjamin von Stuckrad-Barre “Panikherz”, der nebenbei auch noch die schönste Hommage an den gerade 70 gewordenen Freund Udo Lindenberg ist.

Wer sich mehr für die kurze Form interessiert, für sprachlich fein gearbeitete Geschichten von Mutigen, Spinnern und Träumern, der kann mit Kristina Schilkes Erzählungsband “Elefanten treffen” eine neue literarische Stimme entdecken.

Fürs Herz und als Strandlektüre empfehle ich unbedingt noch einen Titel aus unserem Taschenbuch: “Die kleine Bäckerei am Strandweg” von Jenny Colgan – ein Häuschen in Cornwall, der Duft nach frisch gebackenem Brot, eine wahrhaft sympathische Heldin und ein Papageientaucher mit gebrochenem Flügel als entzückender kleiner Begleiter.

Und für Spannungsfans noch eine gruselige Zukunftsvision, der atemraubende Technikthriller “Das Netz” des schwedischen Autors Frederik T. Olsson.

Fotos – Berlin Verlag

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Doro 14. Juni 2016 um 11:25 Uhr

    Erstmal (;) ) möchte ich kein Buch schreiben, aber das war trotzdem sehr interessant. Toll! Vielen Dank für den echt klasse Einblick.

    Antworten
  3. Sandra von 3-ZKB 14. Juni 2016 um 17:43 Uhr

    Sehr sehr interessant, dachte ich mir, als ich deinen Teaser bei Instagram gesehen habe. Mal sehen, was Herr Paschedag verrät, ging es mir durch den Kopf, als ich deinen Blog aufrief. Und jetzt, nach dem Lesen, bin ich beeindruckt davon, wie ausführlich und ehrlich er geantwortet hat. Schon anhand seiner Erläuterungen kann man erahnen, wie viel Fleiß Autoren (und die, die es werden wollen) aufbringen müssen. Man darf halt nie vergessen, wie viel Schufterei und emsiger Fleiß dahinter steckt, wenn jemand seinen Traum verwirklicht und ein Buch veröffentlicht, einen Laden oder ein Café aufmacht. Ich habe vor 1,5 Jahren meinen eigenen Laden aufgemacht und erlebe oft Menschen, die verblendete Vorstellungen davon haben… Weil es für sie ein Traum ist und sie diesen nicht zu Ende denken und ernsthaft in die Realität bringen (wollen), lassen sie außer Acht, dass es harte Arbeit bedeutet, seinen Traum zu verwirklichen (auch wenn es irre Spaß macht ;-)). Deshalb freue ich mich immer über Texte und Interviews, die zeigen, dass nicht alles einfach nur easypeasy ist, sondern man für seinen Traum auch oft den Popo zusammenkneifen muss. 😉

    Antworten
  4. Franzy vom Schlüssel zum Glück 15. Juni 2016 um 18:38 Uhr

    Ist ja super interessant, was dein Schwager zu berichten hat..
    jetzt bin ich auch auf seine Tipps gespannt 🙂

    Viele liebe Grüße

    Franzy

    Antworten

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