Wonach ist dir heute?

Ein Gastbeitrag von Natalia Ried

Fehlschläge gehören zum Leben, sie lassen sich nicht vermeiden – aber was ist, wenn das Leben einen nicht nur aus der Kurve trägt, sondern gleich einen Abgrund ansteuert? Wie beendet man eine Ehe, die einen unglücklich macht? Wie macht man Schluss mit Aushalten, Zurückstecken und Warten. Jedes Wort hat Konsequenzen, sagt man – jedes Schweigen auch, sage ich!

Lethargie und Gleichmut legten sich schwer wie eine Bleidecke auf unsere Ehe, jeder Versuch das Schweigen zu durchbrechen und Dynamik in unseren Alltag zu bringen scheiterte. Wir waren uns fremd geworden, charakterlich völlig verschieden. Er einsilbig und in sich gekehrt – ich redselig und aufgeschlossen. Ich träumte davon Dinge umzusetzen statt nur vor uns herzuschieben – fühlte mich ausgebremst, zum Stillstand gebracht. Ich wollte nicht mehr die Probleme weglächeln, die Unzufriedenheit runterschlucken – ich wollte leben und sehnte mich nach einem Umbruch. Wenn ich Entscheidungen treffe, höre ich zuerst auf meinen Körper und was ich hörte gefiel mir nicht.

“Ich fühlte mich, als sei ein wichtiger Mensch gestorben: Ich selbst.”

Schweigen ist die tiefste Verletzung, die man mir zufügen kann und hatte eine zerstörerische Kraft auf meine Ehe. Dennoch war die Entscheidung zu gehen keine einfache. Wir waren Eltern und obschon mein Herz noch Widerstand leistete, war der Kopf kühl und klar. Kinder spüren das, wenn man nicht ehrlich ist. Wenn Eltern unglücklich sind, reißt es ihnen den Boden unter den Füßen weg. Ich wollte meiner Tochter eine glückliche Mutter sein, keine die gleichgültig auf der Stelle tritt.

Mein Mann reagierte auf unseren Auszug so, wie ich es erwartet hatte: wort- und widerstandslos. Glücklicherweise verfüge ich über einen ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb und wenn ich schon keinen Plan im Kopf hatte, so doch im Herzen das Gefühl: Das ist deine Chance! Ich musste wieder bei null anfangen, auch finanziell. Mein zerplatzter Lebenstraum machte mich demütig und doch wagemutig zugleich. Ich wollte wieder brennen und habe meine ganze Kraft in unser kleines Nest und mein neues Projekt miliaink.com gesteckt. Wahnsinn, was sich da plötzlich in mir regte! Eine unglaubliche Kraft, die mich so weit beflügelte, dass ich neben meiner halben Stelle als Lehrerin einen Auftrag nach dem anderen annahm. Mit dem Erfolg kam die Unabhängigkeit und mit der Unabhängigkeit das unerschütterliche Selbstvertrauen alles schaffen zu können, was ich mir jemals vornehmen würde.

Umbrüche ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben – meine Mutter, die mein größtes Vorbild und zeitlebens mein Fels in der Brandung bleiben wird, hat uns vorgelebt, dass Neuanfänge unumgänglich sind. Die Ausreise aus Russland Anfang der 90er mit all ihren Höhen und Tiefen, die vielen Jahre mit ihren Erfolgen und Enttäuschungen: all das empfinde ich heute als Bereicherung.

Dass wir heute, knapp zwei Jahre nach dem Bruch ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, ist unser beider Verdienst. Ich bin überzeugt, dass Kinder trotz räumlicher Trennung behütet aufwachsen können, wenn sie beide Elternteile bedingungslos lieben dürfen.

Ich habe ziemlich bald und ohne es darauf abzusehen einen lebenslustigen und herzlichen Mann kennengelernt. „Man muss mit allem rechnen”, sagt meine Mutter immer, „ auch mit dem Schönen!” Wir wollen es gelassen angehen, denn obgleich die letzten Monate sehr aufregend waren, so ist der Alltag weiterhin turbulent und die Arbeit kräftezerrend. Gerade gönne ich mir eine längere Auszeit von meiner gestalterischen Tätigkeit milia_ink und konzentriere mich wieder verstärkt auf die kleinen Dinge des Lebens! Erfolg wird zur Nebensache, sobald die Begeisterung einem Pflichtgefühl weicht. Manchmal muss man Nein zu anderen sagen, um wieder Ja zu sich selbst sagen zu können.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Angelika 23. November 2015 um 19:38 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch zur Rundumerneuerung!
    Ganz liebe Grüße aus Innsbruck

    Antworten
  3. Kea 23. November 2015 um 20:04 Uhr

    Sehr sehr schöner Text, der mich wirklich berührt hat! Liebe Grüße, Kea

    Antworten
  4. Teresa Sonnenschein 23. November 2015 um 20:18 Uhr

    Liebe Natalia,

    was für ein Text – den ich zu 100% unterschreiben kann.
    Ich habe am Rande die Entwicklung deines Shop mitbekommen und kann dir nur aus Herzen dazu gratulieren. So schöne Sachen stellst du her. Wunderbar, dass du miliaink “das Leben geschenkt hast”. Und genauso schön finde ich, dass du mit deinem Mann ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hast, das wird euch eure Tochter sicherlich irgendwann danken.
    Ich wünsche dir weiterhin in all den Bereichen deines Lebens ganz viel Erfolg.

    Lieben Gruß,
    Teresa

    Antworten
  5. Laura 23. November 2015 um 22:32 Uhr

    Ging gerade mitten ins Herz bei mir… Danke für den schönen Text! Hat einem richtig Mut gemacht.

    Antworten
  6. Louisa 24. November 2015 um 01:04 Uhr

    Danke für diesen Text! Genau das musste ich jetzt lesen. Ich habe mich gerade frisch getrennt und war gerade wieder am Zweifeln, da poppt dieser Text bei facebook auf. Du hast auf jeden Fall einer Person (mir) mit diesem Text für heute viel, viel Kraft gegeben.

    Ich folge dir schon länger auf instagram und fand deine Arbeit und deine Geschichte immer unglaublich inspirierend. Und jetzt nach meiner Trennung umso mehr. Jep, das wollte ich nur mal gesagt haben. You rock!

    Antworten
    • Natalia | miliaink 24. November 2015 um 23:24 Uhr

      Ach Louisa! Du glaubst gar nicht wie sehr mich deine lieben Worte berühren! ❤️ Ich wünsche dir viel Kraft und den Mut auch mal auf deinen Bauch zu hören! Und denk stets daran, immer auch mit dem Schönen zu rechnen! ❤️
      Liebste Grüße, Natalia

      Antworten
  7. Kristina 24. November 2015 um 08:16 Uhr

    Liebe Natalia,

    Dein Text hat mich sehr berührt.
    Danke für den Impuls, ab und zu die eigene Lebenssituation zu überdenken – das habe ich gerade getan und momentan stimmt alles, aber man weiß nie 😉
    Der Spruch Deiner Mutter gefällt mir sehr gut, denn auch Veränderungen, so unbequem sie oft sind, können so viel Schönes bringen.

    Alles Gute für Dich!
    Kristina

    Antworten
  8. Fräulein Zuckerwatte 24. November 2015 um 11:27 Uhr

    Oh Natalia ♡

    So schöne Worte die Du da gefunden hast!

    Ich bin so sehr bei Dir:
    Nichts festhalten was zwickt & zwackt sondern nach vorn schauen und vertrauen dass etwas Wundervolles nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

    Alles Liebe aus der Schweiz,
    Susann

    Antworten
  9. Monica Hoffmann 15. Juni 2018 um 05:00 Uhr

    Liebe Natalia,
    ich weiss nicht, wie ich dich erreichen kann. Von den Faehnchen “Glueckwunsch” haette ich gerne 20 Stk nach: 12623 Berlin, Eichenstr. 48
    Schade, dass du das Letterpressing aufgibst.
    Herzliche Gruesse
    Monica Hoffmann

    Antworten

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