Wonach ist dir heute?

Sie tut es nicht. Sie schafft nicht alles. Und wenn sie das angeblich tut, dann hör lieber dem Tuten der Schiffe zu als ihr.

Niemand schafft alles. Die Frage ist, warum wir das so gern möchten. Das jemand alles schafft. Warum wir jemanden diese Frage stellen und ob die eigentliche Frage dahinter nicht ist: Müsste ich nicht noch mehr schaffen?

Ich höre diese Frage ganz oft: „Wie schaffst du das bloß alles?“ Und ich mag sie nicht, die Frage, auch wenn sie manche vielleicht aus einer Art Bewunderung stellen oder als Kompliment meinen. Ich kann sie nicht leiden, weil sie mich in eine Ecke drückt, in der ich nicht stehen möchte. Ecke Superwoman. Da ist es zugig und ungemütlich. Da steht man allein. Weil es sie nicht gibt, diese Frau, also kann man sich auch nicht an ihr wärmen.

Höre ich diese Frage, fühlt es sich für mich an, als richte jemand den Scheinwerfer auf mich, als würde jemand die Seziernadel auspacken und alles, was ich dann denke ist: Siehst du denn meine blauen Flecken nicht? Vom Hinfallen. Siehst du denn meine Schürfwunden nicht? Vom es gerade noch so irgendwie hinbekommen. Glaubst du wirklich, dass ich alles geschenkt bekomme und nicht für vieles teuer bezahle? Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Nur als: schau mal genauer hin. Warum sollte mein Leben so groß anders sein als deins? Warum möchtest du das so gern?

Wenn ich einen Menschen sehe, der bei mir Neid erzeugt oder das Gefühl, da hätte jemand das Leben besser im Griff als ich, was auch immer diese Frage in unser Gehirn lockt, dann übe ich mit mir und meinem Gegenüber milde zu sein. Dann denke ich daran, wie ich selbst schon gescheitert bin und die Person ganz bestimmt auch. Niemand gewinnt am laufenden Band: im Job, der Beziehung, mit seinen Kindern, Nachbarn, Kollegen – das schafft keiner.

„Warum müssen wir eigentlich so viel schaffen? Warum ist das lobenswert und nicht das Nicht-alles-schaffen, vielleicht sogar das Nichtstun oder gar Scheitern?“

Mir imponieren Menschen mehr, die zugeben, dass sie nicht alles hinbekommen. Die sich Freiräume einrichten. Die bewusst verzichten auf Dinge, um Zeit zu haben für das, was sie glücklich macht. Das beeindruckt mich mehr als das Klagelied des so viel zu tun haben’s. Das kann ich auch geigen, den ganzen Tag. Aber während ich das Lied spiele, wird alles um mich herum Grau, rennt die Zeit, wird mein Herz nervös, mein Magen, schaltet mein Körper in den Überlebensmodus, kommt Stress auf.

Spannender finde ich, wie man diese Spirale erst gar nicht betritt. Wie man dem sich immer schneller drehenden Karussell einfach nur zusieht, während man draußen auf der Parkbank sitzt und in Ruhe an einem Liebesapfel knabbert. Oder besser noch: beim Knabbern seinen Blick auf etwas Schönes statt so Stressiges richtet.

Ich übe das Nicht-alles-schaffen. Zum Beispiel, wenn die Kita anruft: das Kind ist krank. Ich dann krank bin. Der Mann, wir alle. Das Telefon klingelt, ein schöner Job hereinkommt, ein Auftrag stressig wird. Beim Mann das gleiche passiert. Und wenn man glaubt, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, sich einfach noch ein Virus, noch ein Problem auftürmt. Ich nicht mehr weiter weiß, weil egal wie wir es anstellen, gerade keiner von uns gewinnen kann. Keine Hilfe in Sicht ist. Die Tränen laufen, die Frage kommt, ob wir denn alles falsch machen. Dann hilft es nicht, sich zu fragen, wie schaffen das bloß alle anderen. Da hilft nur, mich zu fragen: Wie habe ich es beim letzten Mal geschafft, als ich an diesem Punkt war? Ach ja: Schritt für Schritt. Eins nach dem anderen angehen, eben nicht alles auf ein Mal. Weil das keiner schafft.

Also lasst uns doch diese doofe Frage gemeinsam über Bord werfen. Wir brauchen sie nicht. Wir schaffen das auch so.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Jana 16. Dezember 2015 um 23:04 Uhr

    Ein paar Tränen und ein ganz großes DANKE – Ich kann Deine Worte gerade so gut gebrauchen!❤️

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  3. Barbara 17. Dezember 2015 um 10:08 Uhr

    Ich danke Dir für so schöne Worte. Genau zur richtigen Zeit 🙂
    Liebe Grüße
    Barbara

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  4. Tina 21. Dezember 2015 um 23:21 Uhr

    Liebe Steffi,
    mir haben Deine Worte auch sehr gut gefallen. Ich backe viel und gerne, dafür sind manche unserer Möbel 20 Jahre alt und umdekoriert wird alle 5 😉
    Aber mir ist auch der Gedanke gekommen, dass blogs wie Deiner (persönlich aber nicht privat) zu diesem Trend beitragen, denn er verbreitet eine solche “Tschaka-Stimmung” und zeigt z.B. Deinen perfekt designten Flur und eben viel seltener das Keksback-Chaos in der Küche mit Baby wie im letzten Jahr.
    LeserInnen vergessen, dass dies Dein Job ist und Dein blog und Deine Wohnung auch Dein Aushängeschild. Derjenige, bei dem das Kind auch mit fast Drei mangels Alternativen noch im Elternschlafzimmer untergebracht ist (keine Tränendrüse – Hausbaubedingt) postet eher kein Kinderzimmer – Makeover! Ich denke, hier fehlt es auch an Medienkompetenz, die hülfe, den Neid zu vermeiden.
    Viele Grüße
    Tina

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    • Silvia Schüßler 6. Januar 2016 um 14:32 Uhr

      @ Tina und Steffi: Ich möchte Tina insofern zustimmen als ich auch überrascht war, einen solchen Post auf diesen Seiten zu finden, die für mich eher Perfektion vermitteln. Dass ich doch immer wieder reinschaue liegt daran, dass du – Steffi – auf mich sehr unabhängig, ehrlich und aufrichtig wirkst und ich die Beiträge zum Muttersein erfrischend offen fand. Das Dekorieren ist nicht so meins, weil ich sehr viele andere Interessen habe und da habe ich den Mut zum Prioritäten setzen. Trotzdem schaue ich mir deine Ideen gerne an, weil das ein oder andere sich ja doch umsetzen lässt oder ich nutze es als Ausflug mal in ein ganz anderes Wohnzimmer … Insofern geht es für mich nicht um Neidvermeidung. Mir geht es mehr darum, das Ideal der Perfektion zu hinterfragen und freue mich, davon nun mehr bei dir – Steffi – zu lesen. Ich glaube, dass gerade wir Frauen uns gegenseitig stärken können, indem wir einfach menschlich sind und zugeben, dass wir “auch nur mit Wasser kochen”. Miteinander zu konkurrieren um die Position der coolsten, souveränsten und gechilltesten Mama/Frau/Partnerin führt in die Isolation und zur Überforderung. Wir brauchen als Menschen aber vor allem Beziehung und Verbindung, um uns kreativ entfalten und zu einer lebenswerteren Welt ( nicht nur für unsere Kinder) beitragen zu können. Vielen Dank für Eure Beiträge!

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  5. Larissa//No Robots Magazine 23. Dezember 2015 um 11:55 Uhr

    Vielen Dank für die ehrlichen Worte! Ich habe auch schon lange über einen Artikel nachgedacht, dass wir viel zu viel von uns erwarten – und die Welt uns den Glauben gibt, dass wir auch alles erreichen können/müssen. Dank dir habe ich jetzt endlich den Anstoß gefunden, ihn auch zu schreiben. 🙂

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  6. Britta 15. Januar 2016 um 16:01 Uhr

    Liebe Steffi, was für schöne Worte! Wie treffend. Wie wichtig! Ich habe vor gerade zwei Stunden einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben und bin mit Unverständnis und Kopfschütteln überschüttet worden, weil ich nicht die 100%Stelle angenommen habe, sondern nur die 50%Stelle. Was machst du denn den ganzen Tag, wenn du “nur” so wenig arbeitest?!? Wurde ich gefragt. Zum Beispiel Waffeln backen, mit meinen Kindern rumlümmeln, nähen, bloggen, joggen…. In schönen blogbeiteägen stöbern, dabei Kaffee trinken. Und das Leben genießen! Echt. Für keinen Preis der Welt, würde ich freiwillig mehr arbeiten, solange ich nicht wirklich finanziell darauf angewiesen bin. Merkwürdigerweise stößt das vor allem bei Frauen auf Unverständnis. Und das ist schade! Denn mit heißen Waffeln und den Kindern zusammen schon am Freitag das Wochenende feiern macht sehr viel Spaß! Liebe Grüße! P.S. Courage zur Blamge: supercooler Spruch!!! Britta

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  7. Moni 15. Februar 2016 um 09:09 Uhr

    Da fällt mir ein Songtext ein:

    “Und plötzlich wachen sie auf und sind 40
    und erschrecken wenn der Schiri HALBZEIT schreit
    und fragen sich wann endlich mal die Zeit kommt
    in der man endlich mal Zeit hat”

    Daran musst ich bei deinem tollen Artikel denken.

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