Emotional Detox:

Wie man sich seinen Raum zurückerobert. Mehr Platz für sich selbst und eigene Wünsche einfordert. Zuhause, in der Arbeit und bei seinen Hobbys. Psychologin Laura Ritthaler erklärt wie’s geht.

“Man ey, das darf doch wohl nicht war sein!!!”, “Wie rücksichtslos ist das denn jetzt?!”, “Was bildet der/die sich eigentlich ein?”  – sowas in der Art könnte in der eigenen Sprechblase stehen, wären manche Situationen in unserem Leben ein Comic. Situationen, in denen man von Außen gestört wird und damit völlig aus dem Konzept kommt.

Wenn man sich richtig angestrengt hat, pünktlich zur Yogastunde zu kommen und dann platzt jemand genau in die Anfangsentspannung rein, als ob es egal wäre, dass alle Anderen durch die Unterbrechung in ihrem Runterfahren gestört werden.

Wenn man nach langem wieder mal ausschlafen kann, dann aber die Nachbarn pünktlich um 6.00 Uhr in der Früh Rabatz machen, weil sie genau dann halt immer aufstehen und das tun, was getan werden muss (Wohnungsumräumaction/Frühjahrsputz).

Man nimmt seinen ganzen Mut zusammen um seinem Chef etwas mitzuteilen, was einem schon ganz lange auf dem Herzen liegt und er würgt einen ab mit einem: „Jetzt nicht, ich habe gerade etwas Wichtiges zu tun“.

Dann passiert es schnell, dass wir von negativen Gefühlen wie Wut, Ärger und Enttäuschung richtig überflutet werden. So als ob uns eine Riesenwelle umwirft und wir nur noch nach Luft schnappend im Sand liegen können. Dann fühlen wir uns im ersten Moment so hilflos wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Wenn wir dann nichts proaktiv für uns und unsere Bedürfnisse tun, sondern uns nur innerlich ärgern indem wir in eine Art Dialog gehen: „Das kann doch wohl nicht wahr sein, unmöglich, das lasse ich nicht mehr mit mir machen…“, dann verstärken wir die negativen Gefühle leider nur noch. Weil wir uns dann nicht nur über den Anderen ärgern, sondern auch über uns selbst.

Wenn wir nicht für uns selbst einstehen in dieser stark-emotionalen Situation, dann bekommen wir es hinterher durch das Grübeln doppelt ab. Zum einen von der Situation, die unsere Bedürfnisse angreift und dann auch noch der Ärger über uns selbst, dass wir nichts getan haben für uns. Uns nicht geschützt haben, indem wir für uns eingestanden sind.

Besonders hart trifft es übrigens Menschen, die sich selbst generell immerzu hinten anstellen.

Wenn man nämlich von sich erwartet immer pünktlich und leise zu sein und die Bedürfnisse der Anderen wichtiger zu nehmen als die Eigenen, dann erwartet man das umgekehrt auch von den Anderen, bekommt es aber nicht und bleibt enttäuscht zurück.

„Burnout Phänomene entwickeln typischerweise nur Menschen, die sich besonders loyal und intensiv an die Erwartungen an sie und an den Bedürfnisse Anderer ausrichten und sich dafür enorm einsetzten, oft bis zu völligen Selbstausbeutung“ erklärt Dr. Gunther Schmidt, Leiter einer der bekanntesten Burnout Kliniken Deutschlands. Deshalb ist es so wichtig, dass wir für uns einstehen und uns den Raum zurückobern, indem wir für uns kämpfen und uns nicht von den negativen Gefühlen so beherrschen zu lassen, dass wir handlungsunfähig werden.

Wir können nicht alles kontrollieren was Andere sagen oder tun. Wir können aber beeinflussen wie wir selbst damit umgehen. Ob wir klein beigeben und dann innerlich vor Wut kochen oder ob wir rausgehen und für uns einstehen.

Folgende Tricks helfen raus aus der Statistenrolle und rein in die Rolle, die uns zugeteilt worden ist: Regisseurin des eigenen Lebens zu sein:

1.) Proaktiv werden. So schnell es geht rausgehen aus der negativen Gefühlsgefangenschaft und konkret etwas tun, um die Lage zu verändern. Den Fokus der Aufmerksamkeit also darauf richten, was wir konkret beeinflussen können. Bei einigen Situationen reicht es, das Thema einfach  kurz anzusprechen und einen Vorschlag zu machen. Zum Beispiel bei der Yogastunde den/die Yogalehrer/in bitten die Tür bei Beginn der Stunde abzuschliessen.

2.) Das konstruktive Kritikgespräch. Für anspruchsvolle Situationen und mit Menschen, mit denen wir öfter zu tun haben, erweisen sich folgende vier Schritte als wirkungsvoll:

1. Die Situation aus eigener Sicht konkret beschreiben.

2. Die Auswirkung auf mich schildern

3. Die Gefühle beschreiben

4. Den Wunsch oder die Erwartung für die Zukunft nennen.

Zum Beispiel könnte man den früh aktiven Nachbarn einen Brief schreiben oder noch besser mit Ihnen sprechen. So in der Art könnte es aussehen, wenn man die vier Schritte beachtet: “Hallo, ich würde gerne etwas ansprechen, was mich beschäftigt. Ihr habt gestern um 6.00 Uhr begonnen, eure Wohnung zu putzen, was man bei uns unten sehr laut hört. Ich bin wach geworden und hab mich geärgert, weil ich den Schlaf in der früh gerade so dringend gebraucht hätte. Ich fände es super, wenn Ihr in Zukunft erst ab 8.00 Uhr beginnen könntet. Wäre das für Euch machbar?

3.) Nehmen Sie Raum ein! Eine phantastische Möglichkeit ist, dass Sie ein  „ich muss“ durch ein „ich will“ ersetzen. Bei dem Trainingsprogramm können Sie kreativ sein: sich erlauben etwas lauter zu lachen als vielleicht gerade passend- einfach weil es gerade so lustig ist und weil Sie sich den Raum dazu geben wollen (statt angepasst und leise sein zu müssen). Sich mal nach vorne stellen, auch wenn die Anderen dann vielleicht etwas weniger sehen. Aus einem Film/Vortrag/Gespräch einfach rauszugehen, wenn es sie tierisch langweilt. Wenn Sie sich selbst wichtig nehmen und Raum einnehmen, dann sind Sie nicht nur weniger störanfälliger, sondern Ihre Mitmenschen werden Ihnen auch respektvoller begegnen.

Nur Mut!

Laura Ritthaler

P.S.: Noch kurz in eigener Sache: Ich freue mich sehr, wie positiv meine Kolumne hier aufgenommen wird. Die vielen lieben und spannenden Kommentare und Fragen waren sehr interessant für mich. Ich freue mich auch wirklich sehr darüber, dass so, so, so viele OhhhMhhh-Leserinnen meine Emotional Detox-Wochenenden gebucht haben. Nur muss ich aktuell schauen, dass ich mit meinen Kapazitäten haushalte (Stichwort berufstätige Mutter) und so ist diese Kolumne leider die vorerst letzte gewesen. Aber wer weiß, was 2018 bringt. Vielleicht hören, lesen oder sehen wir uns dann ja doch irgendwie wieder. Alles Liebe für euch, herzlichen Dank für alles – vor allem an Steffi für ihre großartige Unterstützung, Laura

 

Laura Ritthaler ist Diplom-Psychologin, arbeitet seit 10 Jahren in eigener Praxis, gibt Seminare & Workshops zum Thema „Flow – Selbstbestimmt leben und arbeiten“ und hat das “Emotional Detox”-Konzept entwickelt. Dafür bietet sie unter anderem ein Wochenende mit psychologischer Beratung für ein individuelles Thema an – Steffis Erfahrungsbericht zum Emotional Detox-Wochenende findet ihr hier. Die Kolumnen und Tricks von Laura Ritthaler ersetzen natürlich keine Therapie, können aber Impulse geben und den Alltag erleichtern. Und deswegen schreibt sie hier monatlich eine Emotional-Detox-Kolumne zu Themen aus dem Alltag.

12 Comments

  1. Antworten Lilli 29. November 2017 um 08:33 Uhr

    Liebe Laura, danke für den Beitrag. Du hast recht, proaktiv handeln ist so wichtig, anstatt es in sich hinein zu fressen. Es Bedarf für Leute wie mich großen Mut, doch danach fühlt man sich wieder ganz bei sich und gestärkt.
    Schade, dass Du hier aufhörst – wünsche Dir nur das Beste, lg, Lilli

    • Antworten Laura Ritthaler 29. November 2017 um 09:39 Uhr

      Liebe Lilli,
      vielen Dank für die schnellen und so positiven Rückmeldung, diese freuen mich immer so sehr!
      Und ja: es kostet viel Mut sich Raum für sich zu nehmen- und genau deshalb so wichtig, dass wir uns da gegenseitig unterstützen und bestärken!
      Herzlich, Laura

  2. Antworten Ursula 29. November 2017 um 10:08 Uhr

    Oh, liebe Laura, das ist aber schade – doch verständlich. Den tollen Post hab’ ich sofort auf der Facebookseite der Erbsenkoenigin geteilt, passt so gut. Und die Tipps sind wie immer wunderbar, Nr. 2 werde ich im Anschluss sofort anwenden 😉 Hab’ eine ruhige schöne Vorweihnachtszeit und lass es dir gut gehen! Ursula

    • Antworten Laura Ritthaler 9. Dezember 2017 um 19:26 Uhr

      Liebe Ursula,

      danke für die Blumen und das Verständnis.
      Tip Nummer 2 habe ich heute gerade wieder im Workshop Psychologie Kurs an der Charité in Berlin unterrichtet. Klingt immer einfacher als es dann tatsächlich ist- aber es lohnt sich so sehr.
      Herzlich,
      Laura

  3. Antworten Levke 29. November 2017 um 18:12 Uhr

    Hallo, das ist eine sehr hilfreiche und mutmachende Kollumne. Im Alltag fehlt so oft die Besinnung auf sich selbst. Herzlichen Dank für die Denkanstöße! Levke

  4. Antworten Sabine Habermann 30. November 2017 um 14:17 Uhr

    Hallo Laura, wie schön, Dich hier zufällig entdeckt zu haben. Tolle Kolumne 🙂 Danke :-)))
    Lieber Gruß
    Sabine

  5. Antworten Mumbai 30. November 2017 um 15:27 Uhr

    Mein Kommentar wurde geloescht…… Sollte man nicht einer Meinung sein…..

    • Antworten Steffi 30. November 2017 um 15:29 Uhr

      @Mumbai: Liebe Mumbai, ich habe keinen weiteren Kommentar von dir bekommen. Hattest du die Rechenaufgabe zur Spam-Vermeidung am Ende gemacht und dann auf senden gedrückt? Hier ist leider nichts angekommen. Schick gern noch mal! Liebe Grüße, Steffi

  6. Antworten Stephi 4. Dezember 2017 um 20:56 Uhr

    Liebe Laura!
    Ich finde es wirklich schade, dass dies der vorerst letzte Beitrag ist. Mir haben die Beiträge sehr gut gefallen und ich fand die Aufbereitung und den Inhalt sehr erfrischend. Da ich mich mit deiner Sichtweise sehr gut identifizieren kann und gerade selbst an mir aktiv arbeite, wollte ich fragen, ob du für mich ein paar Literaturvorschläge hast- ich würde mich unglaublich freuen:) Alles Liebe stephi

    • Antworten Laura Ritthaler 9. Dezember 2017 um 19:16 Uhr

      Liebe Stephi,

      Mein persönliches Lieblingsbuch ist:
      Formbewusstsein von Frank Berzbach
      Es ist voller Inspirationen und psychologischen Weisheiten- sehr klar beschrieben mit schönen Worten.
      Dann finde ich die Bücher von Irvin D. Yalom alle sehr gut.

      Eine schöne Reise zu Deinem Inneren.
      Herzlich,
      Laura Ritthaler

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