Emotional Detox:

Wie man aufhört, neidisch zu sein und sich einfach nimmt, was man braucht. Psychologin Laura Ritthaler erklärt’s und verrät einen Supertrick für die Umsetzung.

„Warum wird die denn jetzt befördert? Die hat doch gar nichts drauf!“

oder

„Es ist unerträglich, dass die sich jetzt ein Haus kaufen und dann auch noch mit dem Geld der Eltern!”

oder

„Wieso zur Hölle sieht bei der eigentlich immer alles so gut aus?“

Neid. Überhaupt kein schönes Gefühl. Da ist man nicht stolz drauf. Ist aber trotzdem manchmal da.

Ich kenne das auch. Als unsere Kinder noch sehr klein waren und ich von jedem Rascheln nachts aufwachte, während mein Mann seelenruhig weiterschlief. Da war ich richtig neidisch auf seinen Schlaf. Er konnte nichts dafür – trotzdem. So ging es mir auch, wenn er mit seinen Jungs für ein Wochenende wegfahren wollte. Ich sagte dann zwar sowas wie: „Ja klar, natürlich Schatz, mach das, viel Spass“, wenn es dann aber durch Erschöpfung und Schlafentzug richtig anstrengend wurde, ging in meinem Innerem ein ganz anderer Film los. Ein richtig fieser Streifen. Ich, die Hauptdarstellerin, die einfach ungerecht behandelt wird. Die immer alles alleine machen muss. Den ganzen Kinderkram organisieren, an alle Geburtstage denken, überlegen, was es Morgen zu Essen gibt und was man heute noch alles bedenken muss, damit die nächste Woche gut laufen kann. WEIß DER EIGENTLICH, WAS ICH HIER ALLES MACHE?! 

Wenn wir neidisch auf Andere sind, ist das ein Hinweis auf ein eigenes Bedürfnis, das noch nicht ausreichend erfüllt ist.

Für das wir selbst meist aber besser sorgen können.

Ich reagierte auf meinen Mann so neidisch, weil er sich etwas nahm,  das ich mir vergessen hatte zu nehmen: Zeit und Raum ganz für mich Selbst. Die „Nur-Ich“ Zeit. Daraufhin wurde ich wütend und ungerecht in der Bewertung ihm gegenüber. So kann keiner gewinnen. Ich nicht, weil ich mich dann noch schlechter fühlte mit der Wut im Bauch. Mein Mann nicht, weil er seine Ich-Zeit später vorgehalten bekam.

Durch diese unschönen Momente habe ich viel gelernt. Wie wichtig es für mich ist, dass ich mir selbst regelmäßige Auszeiten nehme, um Dinge zu tun oder zu lernen, die mir gut tun oder auf die ich einfach nur Lust habe. Und vor allem, dass ich diese Nur-Ich-Zeiten richtig fest einplanen muss, sonst gehen sie einfach unter oder kommen zu kurz. 

Das Beste daran ist: seitdem ich mich ganz bewusst und regelmäßig um mich selbst und meine Bedürfnisse kümmere, kann ich diese kleinen Auszeiten auch meinem Mann aus vollem Herzen gönnen. Einfach weil ich selbst glücklich bin und ich weiss, wie glücklich diese Ruhe-Oasen machen können. So gewinnen wir beide.

Ein Supertrick in drei Schritten, um Neid-Gefühle positiv für sich zu nutzen:

Schritt eins: Das Gefühl aufschreiben. 

Fragen Sie sich: Wann sind Sie neidisch auf jemanden oder etwas? Machen Sie sich eine Liste. Bei mir hätte meine Liste damals so ausgesehen: Ich bin neidisch auf den tiefen Schlaf meines Mannes und, dass er sich die Freiheit nimmt, einfach mal nur an sich zu denken und alles andere liegen zu lassen. Wenn Ihnen das ganz klar ist, können Sie es Ihrem Partner und sich selbst gegenüber deutlicher machen.

Schritt zwei: Das Gefühl auseinander nehmen.

Fragen Sie sich: Welche Bedürfnisse stecken dahinter? Auch hier nehmen Sie sich ein bisschen Zeit und schreiben alles auf, was Ihnen dazu einfällt. Das hilft beim Sortieren. Bei mir waren es folgende Bedürfnisse: das Bedürfnis nach Schlaf, Freiheit, Anerkennung, Unabhängigkeit und nach einer schönen (sauberen und aufgeräumten) Wohnung.

Schritt drei: Die eigenen Bedürfnisse befriedigen.

Fragen Sie sich jetzt: Welche konkreten Schritte sind wichtig, damit Sie Ihre Bedürfnisse selbst stillen können. Manches ist ganz einfach und sofort umsetzbar indem man zum Beispiel mal „Nein“ zu dem Bedürfnis des Gegenüber sagt und damit „Ja“ zu sich und zu seinen Bedürfnissen. Anderes setzt etwas Planung voraus oder muss besprochen werden. Dann ganz wichtig: Die Umsetzungen sollten fest in den Alltag integriert werden. Bei mir waren die Lösungen: Ich bekomme drei Mal die Woche für sieben Stunden durchgehenden Schlaf. Ein Mal die Woche gehe ich zum Yoga. Ein Wochenende im Monat fahre ich alleine weg, um zu arbeiten oder Freunde zu treffen. Wir haben eine Babysitterin gefunden, die nicht nur regelmäßig auf die Kinder aufpasst, sondern davor für ein paar Stunden die Wohnung schön macht. Das Geld, das wir dafür investieren, ist die beste Altersvorsorge. Denn wir investieren es ja in uns. In unser Lebensglück!

Nur Mut!

Laura Ritthaler

 

Laura Ritthaler ist Diplom-Psychologin, arbeitet seit 10 Jahren in eigener Praxis, gibt Seminare & Workshops zum Thema „Flow – Selbstbestimmt leben und arbeiten“ und hat das “Emotional Detox”-Konzept entwickelt. Dafür bietet sie unter anderem ein Wochenende mit psychologischer Beratung für ein individuelles Thema an – Steffis Erfahrungsbericht zum Emotional Detox-Wochenende findet ihr hier. Die Kolumnen und Tricks von Laura Ritthaler ersetzen natürlich keine Therapie, können aber Impulse geben und den Alltag erleichtern. Und deswegen schreibt sie hier monatlich eine Emotional-Detox-Kolumne zu Themen aus dem Alltag.

12 Comments

  1. Antworten Ursula 15. September 2017 um 09:16 Uhr

    Wie schön, endlich wieder von dir zu lesen, liebe Laura. Und du hast mal wieder so recht: Frau muss sich um sich selber kümmern, sonst wird sie grummelig, und das ist schlecht für die ganze Familie. Liebe Grüße und schönes Wochenende euch allen !

  2. Antworten Valerie 15. September 2017 um 09:24 Uhr

    Ich kann die Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse, die Laura beschreibt, so gut nachvollziehen. Leider bin ich alleinerziehende Mama von 2 Kindern (2 und 5) – mit vollem Schlafmangel, aber nur mit halbem Gehalt. Gibt es irgendwelche Tipps für diesen Fall? Ich würde mich sehr freuen.

    • Antworten Laura Ritthaler 15. September 2017 um 09:42 Uhr

      Liebe Valerie, spanne Freunde & Verwandte ein. Bitte um Unterstützung, mit hoch erhobenem Kopf. Solche schwierigen Situationen muss (und kann) niemand ganz alleine schaffen. Oft reichen erstmal ein paar Nächte Schlaf oder ein paar Stunden Zeit, um wieder neue Kraft tanken zu können. Ganz viel Mut beim Einsammeln von Unterstützung. Herzlich, Laura

  3. Antworten Kathrin 15. September 2017 um 10:43 Uhr

    In diesem Fall war es machbar den Neid zu analysieren und das fehlende Bedürfnis (übrigens eine sehr tolle und wirklich stimmige Beschreibung für Neid) zu stillen. Es gibt aber auch viele (ich denke die meisten Fälle) die sich eben nicht stillen lassen, sei es aus Geldmangel, gesundheitlichen oder familiären Umständen und das sind dann die Fälle die sozusagen nicht behandelbar sind. Hier denke ich muss man den Neid für sich selber zulassen und lernen mit ihm umzugehen und andere positive Sachen suchen die man selber hat und die vielleicht die andere Person die man gerade beneidet nicht hat, denn die wenigsten Menschen auf die man gerade neidisch ist haben wirklich alles. Die Freundin die dauernd auf Reisen ist hat vielleicht keine Kinder, die mit den schicken Klamotten hat dafür vielleicht eine nicht so tolle Wohnung… im Falle von Anfällen von Grün also immer auf eigene positive Dinge blicken. Aber ich würde hierzu auch gerne eine professionelle Antwort hören, das ist jetzt nur meine Taktik.
    VG Kathrin

  4. Antworten Juliane 18. September 2017 um 12:58 Uhr

    Hallo und vielen Dank für den Anstoß. Die Taktik kann ich anhand des Beispiels nachvollziehen, das lässt sich sicher gut umsetzen. Wie funktioniert das aber bei abstrakteren Fragestellungen, beim Beförderungsbeispiel etwa? Bei solchen Fragen gelingt mir dieses Hinterfragen, diese Transferleistung nicht. Das lässt sich mit der Taktik doch nicht so leicht lösen, oder? Genau diese Fragen beschäftigen mich ja mehr als das Alltags-Kind-Mann-Haushalt-Arbeit-Problem. Viele Grüße! J.

    • Antworten Laura Ritthaler 18. September 2017 um 23:11 Uhr

      Hallo Juliane,

      Super, Danke für die Frage, jetzt wird es nämlich spannend: Neid ist ja ein ziemlich komplexes Gefühl. Damit geht zb einher, dass wir zuerst einen Vergleich ziehen (zb wer hat was verdient an Vorwärtskommen), dann ist oft auch das Gerechtigkeitsempfinden betroffen (wieso die denn jetzt, ich wäre doch viel besser geeignet / habe länger dafür gearbeitet oä). Vor allem aber dann auch das Gefühl der Machtlosigkeit dies beeinflussen oder verändern zu können. Und genau da müsste der Hebel angesetzt werden.
      Es geht immer darum: was kann man selbst dafür tun, damit man seinem Ziel (zb hier der Beförderung) näher kommt. Neid in Form von Gedankenkarussell und Grübeln bringt einen ja leider weiter weg von seinem Ziel und macht das Ganze noch unerträglicher, weil nichts dabei rum kommt (außer schlechten Gefühlen).
      Schritt 2 welche Bedürfnisse stehen dahinter wäre hier vielleicht das Bedürfnis nach Anerkennung, nach Gerechtigkeit, Beeinflussbarkeit der Situation…
      Schritt 3 wäre in diesem Fall die Frage: was können Sie ganz konkret tun, damit SIE beim nächsten Mal befördert werden. Mit wem müssten Sie sprechen. Was könnten Sie verändern. Wie müssten Sie auftreten. Manchmal ist es aber auch aussichtslos zb ohne Vitamin B vorwärts zu kommen, dann müsste man sich überlegen ob man das für sich möchte. Und dann die dementsprechende Entscheidung treffen.
      Bin gespannt wie das weiterhilft.
      Herzlich,
      Laura Ritthaler

  5. Antworten Catharina König 21. September 2017 um 09:36 Uhr

    Was auch hilft: Zu lesen, dass man mit seinem Gefühl nicht alleine ist. Denn genau so war es im ersten Babyjahr bei uns auch: Ich wache auf, um das Baby zu stillen, liege danach vielleicht noch wach und mein Mann ratz tief und fest und schnarcht auch noch behäbig dabei. Er ein Wochenende zum JGA eines Freundes? Na klar!

    Das Gefühl, dass Sie beschreiben kenne ich genau so. Mittlerweile hat es sich eingependelt und ich weiß nun auch besser, meine Bedürfnisse wichtig zu nehmen und einzufordern. Danke für den Reminder!

  6. Antworten Susan Thorn 25. September 2017 um 21:31 Uhr

    Hallo Laura,

    Das kann ich sehr gut nachvolziehen, denn in etwa die gleichen Bedürfnisse, die du benennst (durchgehender Schlaf, Zeit für mich) kann ich auch bei mir als zweifacher Mutter feststellen. Aber sie umzusetzen finde ich teilweise doch recht schwer. Vor allem das Thema Schlaf. Falls möglich würde mich interessieren, wie du es regelst, 3 Nächte in der Woche durchschlafen zu können? (Einfach weil ich keine Idee habe wie man das hinbekommt, wenn der Mann doch immer als letztes wach wird)
    Viele Grüße,
    Susan

    • Antworten Laura Ritthaler 26. September 2017 um 08:45 Uhr

      Hallo Susan,
      völlig richtig, die Umsetzung der Bedürfnisse ist oft überhaupt nicht einfach, es lohnt sich dennoch so sehr da dran zu bleiben. Wir haben damals dann letztendlich unsere Wohnung so umgeräumt, dass in einem Zimmer der ‘Schläfer’ ab frühen Abend sein konnte. Bevor wir diesen Aufwand machten, haben wir ins Kinderzimmer eine ‘Erwachsenen’ Matratze gelegt und einer von uns beiden hat dort genächtigt. Da ich bei beiden Kindern nach 6 Wochen wieder angefangen habe zu arbeiten, hatte ich es leichter im Einfordern und dabei bleiben. In jedem Fall: Als Mutter macht man den härtesten Job der Welt und Ihnen steht Ihr Schlaf genauso zu wie Ihrem Mann und Ihren Kindern. Viel Kraft. Herzlich, Ihre Laura Ritthaler

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