Wonach ist dir heute?

Kurz vorweg: Beim Aufräumen und Aussortieren habe ich einen Ordner mit Geschichten gefunden, die ich mit Mitte zwanzig über die Suche nach der großen Liebe geschrieben habe. Unter anderem für die Zeitschrift Maxi, wie diesen Artikel von vor mehr als zehn Jahren. Ich lese sie immer wieder gern, die Texte über meine Suche nach dem richtigen Partner. Weil die Zeit aufregend, anstrengend und irgendwann zu ende war. Vielleicht habt ihr ja Lust, mitzukommen, auf eine kleine Zeitreise zurück ins Single-Leben, mit einem Oldie-but-Goldie-Artikel im Monat. Oder ihr seid eh gerade Single und die Geschichten zeigen euch: Das haben wir alles schon mal erlebt, es bleibt nicht für immer so!

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2005, London – Zwei Wochen telefonierte und mailte ich u.a. mit Olivers Ex-Arbeitgeber und seinen Eltern, um ihn wiederzufinden. Seine erste Mail: “Sorry, wer warst du noch mal?”

Die 2-Wochen-Romanze

Nein, nein, nein. Aus. Schnitt. Vorbei. So beginnt doch keine Liebesszene. Wenn sich zwei Menschen nach zehn Jahren zum ersten Mal wiedersehen und das auch noch unter den Augen von Eros, dem steinernen Engel der Nächstenliebe am Piccadilly Circus in London, dann muss ein Feuerwerk explodieren und mindestens Barry White singen.

Und dann steht da nicht diese seltsame Mischung aus Sylvester Stallone und Ralf Schumacher, die behauptet, meine große Urlaubsliebe zu sein. Oliver Moore. Davon bekommt Hollywood ja Pickel.

„Stefanie? Hey, how are you?“ Oliver steckt mir seine Hand entgegen. Ich versuche zu lächeln und mich nicht suchend umzublicken nach dem niedlichen Lehrer aus dem Sprachurlaub von damals. Der mir englische Grammatik beibrachte und „echt voll Hammer gut küssen“ konnte, wie mein Tagebuch immer noch weiß.

Oliver weiß nicht mehr so viel.  14 000 Studenten habe er in seiner Zeit als Sprachlehrer unterrichtet, hatte er mir in seiner ersten E-Mail geschrieben. Und dass es ihm wahnsinnig Leid täte, aber er sich nicht mehr an mich erinnern könnte. 14 000 Studenten, garantiert nicht wenige davon weiblich. Ob er die auch alle in seinen grünen Käfer zu den weißen Klippen gefahren hat?

“Äh, tja, puh, was ist denn jetzt der Plan? Wollen wir frühstücken gehen? Vielleicht irgendwo, wo es ruhiger ist?“ Oliver Moore wippt von einem Bein auf das andere, weiß nicht, wo er mit seinen Händen hin soll. Damals fand ich ihn toller als Luke Perry. Heute würde ich lieber zu Urban Outfitters gehen und mir die grünen Mokassins von der Website kaufen, als hier zu sein. Bin ich wirklich für diesen höflichen Fremden nach London gefahren? Wir gehen nach Covent Garden, frühstücken.

Oliver redet und redet und redet. Dreimal stellt er fest, dass ich Journalistin bin. „Interessant“ findet er das. Er selbst arbeitet jetzt bei Lloyd’s, Englands größter Versicherungsgesellschaft. Wir setzen uns auf die Terrasse eines Cafés, Oliver holt Milchkaffee. Ich versuche mich zu erinnern. Hatte mein Tagebuch nicht etwas von einem wahnsinnig gut aussehenden Jungen erzählt, der mich jeden Tag mit seinem Käfer nach Hause brachte – obwohl ich direkt gegenüber der Schule wohnte? Der mich „Babe“ nannte, obwohl das damals nur Patrick Swayze in „Dirty Dancing“ sagen durfte?

Immerhin, Oliver strengt sich an. Versucht sich an 1995 zu erinnern, an uns. Der Sprachurlaub fand Ostern statt, dauerte zwei Wochen, in der Kent School of English in Broadstairs. Die Lehrer waren um die Zwanzig, wir Schüler sechzehn. Sie waren die Popstars, wir die Groupies. Der schönste, coolste unter ihnen: Oliver. Der Mädchenschwarm.

Eine Mitschülerin malte – so groß, dass es sogar vom Flugzeug aus lesbar war – „I love Ollie“ in den Sand.

Andere steckten ihm kleine Liebesbriefchen hinter die Scheibenwischer seines Käfers. Ich tat das, was man auf keinen Fall tun sollte, wenn man nicht wenigstens einen Hauch von Talent dafür besitzt: Ich sang „Hero“ von Mariah Carey für ihn, vor 200 Menschen, bei einer Schulveranstaltung. „Oh ja, das war grausam!“, lacht Oliver, und ich lache mit. Hinter uns erklingt jetzt tatsächlich Musik. Eine Frau steht vor der offenen Markthalle und singt. Irgendetwas, das nach dramatischer Liebe klingt. Hollywood hat also doch aufgepasst, denn jetzt wird es ein bisschen kitschig, aber auch wunderschön. „Auf einmal kommt alles zurück“, sagt Oliver, irritiert. Er guckt mich an. Er erinnert sich. Der liebenswerte englische Kerl ist zurück! Und plötzlich ganz aufgeregt. Er will alles wissen: Weißt du noch, wie dies war? Weißt du noch das? Nur bei einer Frage geraten wir beide ins Stocken: Und, bist du in einer festen Beziehung? Oliver ist. Zum ersten Mal ernsthaft, seit zwei Jahren, mit Rachel, es fühlt sich toll an. Rachel. Aha.

Oliver will die Geburtstagsparty, zu der er eingeladen ist, auf später verlegen. Er möchte mir zeigen, wie er lebt. Plötzlich rennt die Zeit, und wir versuchen uns ihr in den Weg zu stellen: laufen herum, lachen, beenden die Sätze des anderen, nehmen uns in den Arm, pieksen uns gegenseitig in unseren Hüftspeck, gucken uns ganz genau an. „Es ist unglaublich, wie sehr du Rachel ähnelst“, sagt Oliver – der Schuft.

Und dann bin ich müde. Vom frühen Aufstehen, der Aufregung, vor Erleichterung , dass er doch er selbst ist und unsere Romanze nicht nur eine Einbildung. Meine Zunge lahmt, mein Englisch wird unverständlich, ich lasse ihn reden. Alles, was er sagt, klingt schön. Er passt auf, dass ich nicht vors Auto laufe, holt mir ein Bier, füttert mich. Ich könnte mit meinem Kopf auf seinem Schoß einschlafen, es würde mir nichts passieren. Doch leider muss ich zum Flughafen und er zur Geburtstagsparty, mit Rachel. Wir stehen in der U-Bahn. Er muss nach rechts, ich weiter geradeaus. „Aber wir warten nicht noch mal zehn Jahre, bis wir uns wiedersehen“, sagt Oliver, und ich schüttle den Kopf.

Wir drücken uns, der Abspann läuft. Danke, Rachel, dass du die Größe hattest, mir für einen Tag deinen Freund zu borgen. Danke Oliver, dass du so mutig warst, eine Unbekannte zu treffen. So Hollywood, und jetzt kommst du.

Original-Bild am Picadilly Circus – Jochen Braun

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. ChrissyVictor 5. Juni 2018 um 11:52 Uhr

    Ich lieb die Idee. Ich kann mich nur zu gut an die Suche nach Mr. Right erinnern und denke bewusst ab und zu daran zurück. Dann bin ich immer gleich wieder viel dankbarer für die Wäscheberge, die mein Mann produziert. 😉

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  3. Reserl 6. Juni 2018 um 06:28 Uhr

    Uiiiiihhhh ist das schön, so eine tolle Geschichte, richtig super geschrieben, das hätte jetzt auch als Buch weitergehen können, obwohl ich selten Bücher lese, des hätte ich gekauft. Was wird nur aus meiner Jugendliebe geworden sein, Peter hieß er und hat Theologie studiert, Gott sei ihm näher als ich, hat er damals beim Abschied gesagt, schade. Peter wenn du das liest, bitte melde dich :-)).
    Alles Liebe vom Reserl

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  4. Marina 7. Juni 2018 um 00:32 Uhr

    Wie witzig. Ziemlich genau 10 Jahre später, nämlich Ostern 2005, verbrachte ich im selben Alter wie Du damals meine Ferien zum Sprachunterricht in Broadstairs bei der selben Sprachschule. Und es war was das Thema Frauenschwarm und Schüler angeht genau das selbe : -D

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  5. Ursi 13. Juni 2018 um 09:24 Uhr

    Ohhh wie cool! Schöne Geschichte!

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