Träum schön!

Sex mit Jon Schnee und Essen gehen mit Paul Ripke – was unsere Träume über unsere Wünsche verraten.

Interview – Catharina König

Manchmal schleichen sich Personen in unsere Träume, die wir entweder schon längst vergessen hatten oder sogar peinlich finden. Oft träumen wir auch von Prominenten; haben Sex mit George Clooney oder Jon Schnee, trösten Clueso, knutschen mit Paul Ripke oder Detlef D. Soest. Oder auch mit dem Sportlehrer unserer Kinder. Wie kommt das, was wollen die da? Was wollen uns Träume wie diese sagen? Und warum träumen wir eigentlich nie von unserem eigenen Mann?

Wir haben einen gefragt, der es wissen muss: Prof. Dr. Michael Schredl leitet ein Schlaflabor, ist Psychologe und Psychotherapeut. Er erklärt, was im Schlaf mit unserem Gehirn passiert und welche Bedeutung Träume für den Wachzustand haben können.

Herr Schredl, wenn meine Kollegin davon träumt, mit Paul Ripke zu essen und anschließend mit ihm rum macht – was tut das Gehirn da?

Das Gehirn ist kreativ. Wenn man die Person auch im Wachzustand attraktiv findet, dann fragt sich natürlich keiner, wie es zu einem sexuellen Traum kommen kann. Die Frage entsteht ja nur bei den Träumen, wo es eine Diskrepanz gibt. Aber mein Ansatz ist die nicht-sexuelle Deutung von sexuellen Träumen.

Freud hingegen hat ja in so ziemlich allem einen sexuellen Ansatz gesehen.

Er hat sehr viel danach gesucht, das hat auch mit seiner Zeitepoche zu tun, als noch nicht so viel über das Thema gesprochen wurde.  Aber bei dem Traum mit Paul Ripke, sollten Sie Ihre Kollegin fragen, was sie an Paul Ripke interessant findet. Nicht im physischen Sinne. Vielleicht ist es sein Erfolg, die Schlagfertigkeit? Die Intimität ist also nicht auf der physischen Ebene zu verstehen, sondern dahingehend, dass man Eigenschaften einer Person im Traum gerne selbst hätte.

Wir haben auch eine kleine Umfrage unter den Leserinnen dazu gemacht. Interessant war, dass ziemlich viele Frauen von Jon Schnee, einer Figur aus Game oft Thrones, träumen. Hat Hollywood da einfach einen extrem guten Job gemacht, indem es eine Figur erschaffen hat, von der viele Frauen träumen: Stark gegenüber seinen Gegnern, verantwortungsbewusst seinen Angehörigen gegenüber? Ihrem Ansatz folgend würde das bedeuten, dass wir uns auch solche Eigenschaften wünschen.

Das ist ja sozusagen das Grundanliegen von Hollywood, dass es Dinge zeigt und Sehnsüchte nach Eigenschaften weckt, die man auch gerne hätte – eine richtige Traumfabrik eben. Seien es Actionfilme, wo es ums Durchsetzen geht oder Liebeskomödien. Es geht ja immer um Sachen, die Menschen auch in sich tragen.

Also hat Hollywood in Sachen Jon Schnee ganze Arbeit geleistet. Sehnsüchte werden geweckt und unser Gehirn schöpft da im Traum aus den Vollen?

Es ist ein Bild, dass das Gehirn nimmt, um diese Eigenschaften darzustellen. Da geht es nicht nur darum, diesen Mann haben zu wollen, sondern auch dessen Stärken. Da ist beides dabei.

Aber wie ist das bei Menschen, die man wirklich nicht mag, nicht ausstehen kann? Wieso träumt man auch von denen und wird im Traum intim?

Wenn es Menschen sind, denen man im Alltag auch real begegnet, ist es meist so, dass diese Personen Eigenschaften haben, die man doch gerne selbst hätte. Bei Prominenten ist es eigentlich recht einfach – die haben ja schon diesen Status, dass sie berühmt und anerkannt sind. Da geht es oft darum, dass man gesehen werden will, positiv wahrgenommen wird, eine Wirkung hat. Da ist es meist egal, ob der Prominente sympathisch ist oder nicht. Da geht es darum, dass man in seinem Umfeld auch so angesehen sein möchte. Sind die Personen einem wirklich völlig unsympathisch, kommen solche Träume auch eher selten vor.

Und welche Botschaft will mir mein Gehirn vermitteln, wenn ich von einem Ex-Partner träume? Auch, wenn man seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte: Wie schleichen sich solche Personen plötzlich in meinen Traum?

Da greift ein anderer Ansatz: Der Traum greift auf alles zurück, was wir jemals erlebt haben. Und wenn die Partnerschaft nicht ganz schlimm war, dann gab es ja sicher auch positive emotionale Erlebnisse. Und Träume verknüpfen diese. Deshalb träumt man oft von einem Ex-Partner, wenn man jemand Neues kennenlernt. Das Gehirn greift dann auf die Informationen zurück, denn die Emotionen, wie etwa Verliebtsein, sind die gleichen. Der Traum assoziiert frühere Erfahrungen mit gleichen Emotionen und Erlebnissen.

Also ruft das Gehirn Emotionen und Erinnerungen ab, die sich mit einem aktuellen Gefühl decken.

Ja, eine Funktion des Schlafes ist ja, neue Informationen in unser Gedächtnissystem einzubauen. Das nennt sich schlafbezogene Gedächtniskonsolidierung. Informationen werden in unserem Gehirn in ein Netz eingebaut. Ist man also neu verliebt, wird dieses Gefühl in das Verliebtheits- bzw. Partnerschaftsnetz eingebaut. Und da sitzen eben auch die alten Informationen.

Ok, aber wenn ich in einer glücklichen Partnerschaft bin, vielleicht auch nicht mehr ganz neu, wieso brenne ich dann mit dem Bruder oder dem besten Freund meines Mannes durch? Wieso nicht mit meinem Mann selbst?

Die Grundidee ist hier, dass es in einer Beziehung zwei Bedürfnisse gibt – das ist zum einen das Bedürfnis nach Bindung und zum anderen nach Autonomie. Solche Träume scheinen eher das Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Autonomie auszudrücken.

Was also nicht heißt, dass man wirklich durchbrennen sollte.

Nein, aber offenbar gibt es einen Drang nach Unabhängigkeit, nach einem eigenen Bereich. Der Traum nutzt ein Symbol, dass der Bindung entgegensteht. Da kann man sich im Wachzustand fragen, wie man das für sich nutzen kann – außer mit einem anderen durchzubrennen.

Träume benutzen dramatische Bilder, wie auch Hollywood.

Damit wollen sie etwas deutlich machen. Sie im Wachzustand zu durchleuchten ist gut, man sollte sich aber natürlich davor hüten, sie Eins-zu-Eins zu deuten. Denn der oben beschriebene Traum heißt nicht, dass man seinen Mann nicht mehr liebt.

Ich hatte mal vor über zehn Jahren, und jetzt wird es etwas peinlich und klischeehaft, einen Traum, in dem ich mit George Clooney durch eine schottische Hochlandebene mit Burgruinen spaziert bin. Was will mir der Traum denn sagen?

Das würden viele Frauen ja gerne, ich weiß gar nicht, was daran peinlich ist? Das hört sich doch erstmal sehr schön an.

Absolut, war es auch. Aber ich frage mich natürlich, was dieser Traum mir sagen will. Oder will der mir gar nichts sagen und ich habe einfach im Traum ein schönes Erlebnis gehabt?

Ein schönes Erlebnis hat auch eine Aussage. Hier geht es darum, sich zu überlegen, wie man solch schöne Gefühle auch im Wachzustand erleben kann. Und das muss ja nicht George Clooney sein. Positive Träume haben gerade in Stressphasen eine klare Aussage: Da ist ein Bedürfnis, schöne Gefühle auch im Wachzustand stärker zu suchen und zu erleben. Die Frage ist also: Was kann ich mir Gutes tun?

Manche Träume sind ja auch sehr realistisch, wenn man etwa davon träumt, mit einem Kollegen oder dem Lehrer der Kinder rumzuknutschen. Da ist es fast peinlich, wenn man dem am nächsten Tag begegnet.

Das ist so bei der Art von Träumen. Je realistischer ein Traum, desto mehr beeinflusst er unser Tagesempfinden. Träumt man zum Beispiel davon, vom Partner verlassen oder hintergangen zu werden, ist man oft so richtig sauer auf den.

Und das Knutschen, wofür steht das? Eine Freundin von mir hat letzt vor einem wichtigen Termin davon geträumt, mit dem Kunden – den sie nicht mag – zu knutschen. War das der unterbewusste Wunsch, der Termin möge harmonisch und konstruktiv ablaufen? Weil küssen will sie den sicher nicht.

Das Knutschen ist eine bildhafte Darstellung des Wunsches, dass man ein angenehmes Gespräch hat. Das ist auch in Bezug auf den Lehrer so zu verstehen: Da ist ein intensiver Austausch gewünscht, damit der Lehrer sich gut um das Kind kümmert. Da ist eine – nicht-sexuelle – emotionale Nähe gewünscht. Träume haben die Tendenz, zu dramatisieren. Und das Küssen ist eine intensivierte Form von einer freundlichen Interaktion.

Danke für das spannende Gespräch, Herr Schredl!

 

Macht euch schöne Träume,

Catharina

Interview – Catharina König

Foto – Bruce Christianson

5 Comments

  1. Antworten Katharina 28. März 2019 um 08:37 Uhr

    Super spannendes Interview! Danke.
    Ich hab beim Lesen mehrfach laut gesagt: “Ach nee, das ist ja interessant!”
    Jetzt versteh auch ich meine Träume besser.
    Danke. Danke auch, das ihr eure Träume mit uns geteilt habt.
    Ganz lieben Gruß
    Katharina

  2. Antworten Kerstin 28. März 2019 um 09:09 Uhr

    Liebe Steffi, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview. Das erklärt einiges, und ab jetzt fällt es mir noch leichter, abends meinen Kopf zu betten und mich fröhlich, offen und neugierig der “schlafbezogene Gedächtniskonsolidierung” zu widmen. Sensationell. Das nächste Bewerbungsgespräch wird ganz anders vorbereitet!

  3. Antworten Catharina 28. März 2019 um 09:14 Uhr

    Hallo Kerstin, toll, dass es dir gefallen hat – es ist auf jeden Fall ein super spannendes Thema! Viel Erfolg beim Bewerbungsgespräch!

  4. Antworten Catharina 28. März 2019 um 09:15 Uhr

    Sehr gerne – aber auch so lustig, dass man teils von den gleichen Promis träumt!

  5. Antworten Anni 28. März 2019 um 20:37 Uhr

    Das beruhigt mich ungemein, dass nicht jeder sexuelle Traum mit … tatsächlich sexuell motiviert ist…

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