Wonach ist dir heute?
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Als mir am Jahresende alles, wirklich alles privat und im Job um die Ohren flog, schrieb ich einfach weiter. 450-mal: „Wir suchen ein Weihnachtswunder“ auf je einen Umschlag. In den Umschlag steckte ich einen Brief mit der Bitte um Hilfe. Seit langer Zeit suchten wir ein kleines Haus für unsere kleine Familie, aber immer scheiterte es im entscheidenden Moment. Das sogenannte Flyern, Briefe in Gebieten zu verteilen, in die man gern ziehen würde, war für mich ein No-Go. Andere mit meinen persönlichen, privilegierten Wünschen (wahrscheinlich) zu nerven, war für mich undenkbar. Bis dort, wo wir aktuell wohnen, die Situation eskalierte. Dünne Wände/Nerven und temperamentvolle Nachbarn/Kinder – ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber es brauchte ein Wunder.

Und das kam.

„Wir haben kein Haus für euch“, schrieben oder sagten die Ersten, die sich am Telefon oder per E-Mail nach unserer Flyeraktion meldeten, „ABER wir wollten sagen: Wir helfen euch gern. Ruft doch mal hier und da an. Schreibt doch mal dem und dem. Ihr schafft das! Und ach Quatsch, ihr nervt doch nicht. Und nein, wir wollen dafür nichts. Wenn ihr dann hier wohnt, grillen wir einfach mal zusammen.“

Wie gut das tat.

2020 hatte mir an manchen Tagen den Glauben ans Miteinander geklaut.

Ans Füreinanderdasein, auch in stürmischen Zeiten, wenn so viele auf Kampfmodus und Egoismus schalten. Klopapier bunkern und viel Schlimmeres.

Vielleicht bekamen dafür die kleinen Gesten des Miteinanders noch mehr Bedeutung. Als wir spontan bei Instagram eine ehrenamtliche Aktion für Obdachlose in Berlin erwähnten und am Ende des Tages 10.000 Euro Spenden gesammelt hatten, das war ein Tag, der Hoffnung machte. Auch der Tag, als Kamala Harris zur ersten Vizepräsidentin der USA gewählt wurde. Es gab auf jeden Fall ein paar dieser Momente.

Sich immer wieder aufzuraffen und Hoffnung zu haben, ins Vertrauen zu gehen und der Glaube an Wunder vereinen uns alle. Auch der Wunsch nach Verbindung. Doch manchmal steht davor das Grenzensetzen. Damit wir erst mal zurückkommen in die Verbindung mit uns selbst.

„Ich will gerade so vieles nicht mehr. Ich will mich nicht dafür beschimpfen lassen, dass ich Feministin bin. Oder nicht Feministin genug. Weil ich liebe und konsumiere und noch immer nach Antworten suche. Ich will nicht gefallen müssen. Nicht immer höflich sein. Mir die Welt nicht von Männern erklären lassen und auch nicht von Menschen, die Minderheiten treten. Ich will mich nicht mehr darüber ärgern, wenn andere meine Ideen klauen und kopieren, worin all mein Herzblut steckt. Ich will mich nicht mehr kleinmachen, damit andere sich besser fühlen. Mich nicht mehr aufregen über Leute, die mitlaufen, statt selbst zu denken. Nur noch wundern“, schreibt die so kluge Nike van Dinther, Gründerin und Chefredakteurin von thisisjanewayne.de unter anderem auf Instagram.

Um sich einfach nur zu wundern, statt auszurasten, braucht es Abstand.

Einen Puffer. So kitschig oder esoterisch das auch immer klingt, aber Frieden mit sich selbst. Was hilft, um in dieses Friedensgefühl zu kommen, ist Zeit. Ruhe. Einkehr. Viele von uns scheinen das in den letzten zwei Wochen vor dem Jahreswechsel gefunden zu haben und sich jetzt nicht einfach wieder wegnehmen lassen zu wollen. Im Gegenteil: lieber noch eine Schippe davon obendrauf zu legen. Um einen guten Puffer zu haben für diese herausfordernden Zeiten.

Mir blieben in der Jahreswechselzeit vier Tage, an denen ich uns als Familie von allem abschotten konnte. Es gab nur uns vier, aneinandergekuschelt, mit genügend Zeit, um schauen zu können, was jede*r braucht. Oder auch einfach nur Spaß zu haben. Das war die Zeit, als ich zurück zu mir und meinem Frieden fand. Und etwas zurückkam, was ich so vermisst hatte: die pure Freude über einfach alles, was da ist und wofür ich so dankbar bin.

Wie sich daraus ein Puffer gebildet hatte, merkte ich, als ich vergangene Woche zurück ins Büro kam und die Herausforderungen ganz entspannt löste und zurückspielte, wie eine verdammt lässige Tennisspielerin den Ball übers Netz. Lächelnd, mit einem Witz übers Netz rufend. Dank ebenfalls sehr entspannter Kolleg*innen gab es viel zu lachen. Und ein natürlicher Reflex setzte wieder ein: nicht immer sofort auf alles zu reagieren. Erst mal Luft zu holen. Was oft mehr klärt, als man so denkt.

Ich fand sogar Frieden mit unserer jetzigen Wohnsituation. Aber dazu ein anderes Mal mehr, jetzt vielleicht nur dazu passend dieses Zitat von Charlie Chaplin: „Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn

sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten.“

Ganz bestimmt hatte meine gute Laune auch mit einem großen Wunder zu tun: Am 21. Dezember 2020 rief gegen 12 Uhr ein Hausverkäufer an. Er habe unseren Brief gefunden, ob wir vorbeikommen möchten. Was wir sofort taten. Wir waren nicht gleich zu einhundert Prozent überzeugt von dem Haus, weil viele Kompromisse nötig sind, aber die haben wir Schritt für Schritt für uns geklärt. Wir hätten jetzt dieses kleine Reihenmittelhaus so wahnsinnig gern für unsere kleine Familie. Auch, weil sich so viele nette Menschen aus der Gegend gemeldet haben. Es ist noch längst nichts unterschrieben, wir haben noch nicht mal die Kreditfreigabe der Bank. All das ist in diesen Zeiten noch komplizierter als eh schon. „Warum erzählst du es dann alles bereits?“, fragte mich eine besorgte Leserin. „Was, wenn du wieder scheiterst auf dem Weg?“ Dann scheitere ich. So ist das Leben. Das heißt aber nicht, dass es keine Wunder mehr gibt.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Cordelia 11. Januar 2021 um 18:33 Uhr

    „Die pure Freude über einfach alles, was da ist und wofür ich so dankbar bin.“
    So ging es mir auch und dieses Gefühl will ich sowas von nicht mehr hergeben. Toller Text (like always) – happy new year!

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  3. Julebambule 11. Januar 2021 um 19:53 Uhr

    Applaus Applaus Applaus!
    Nough said.

    Antworten
  4. Christiane 11. Januar 2021 um 20:10 Uhr

    Liebe Steffi, was für ein famoser Start ins neue Jahr. Dieser Text hat mir heute Abend so viel gegeben, mir so ein riesiges Lächeln ins Gesicht gezaubert, dass ich, während ich das schreibe, sogar noch ein bisschen breiter grinse. Danke! Danke dir und euch. Danke eurem Gespür für die leisen und lauten Töne, die unbequemen und mutigen Gedanken und eurer Gabe, das alles hier zur richtigen Zeit für uns auf den Bildschirm zu zaubern.

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  5. Carla 13. Januar 2021 um 11:20 Uhr

    Toi toi toi, dass alles klappt mit dem Häuschen.

    Mir sind meine 30qm Apartment (ohne Balkon und nach Norden ausgerichtet ohne Sonne) im ersten Lockdown auf den Kopf gefallen, haben mich eingeengt und fast irre gemacht. Seit 1,5 Jahren wollte ich ausziehen, hatte aber einfach nichts Bezahlbares gefunden. Und eigentlich wollte ich auch gerne mit meinem Freund zusammen wohnen, der aber nicht will.

    Und dann habe ich es so richtig in die Hand genommen. So wie Ihr. Und ich war erfolgreich – mit Kompromissen natürlich. 😉 Kein Keller und Dachgeschoss ohne Aufzug… Aber hey, ich hab ausgemistet und bewege mich deutlich mehr weil ich es einfach muss…

    Und für meine anderen akuten Baustellen (u.a. Kinderwunsch mit 33, Mann der sich nicht comitten will, Angst davor, mich zu trennen weil Angst zu groß, dass sich Familie nie mehr erfüllt) und meine Dämonen aus der Vergangenheit, habe ich mir endlich professionelle Hilfe geholt.

    Nachdem ich mich das jahrelang nicht getraut habe.

    Alleine das In-die-Hand-nehmen gibt schon wieder Kraft für alles, was noch kommt und angegangen werden muss.

    Alles Liebe für 2021 – kann nur besser werden. 🙂

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    • Romy 13. Januar 2021 um 16:38 Uhr

      Liebe Carla, es hört sich super an, wie du das angehst!

      Und @Steffi: eine Rubrik mit (kurzen) Interviews, wie andere Lösungen für Alltagsprobleme (wie diese) finden oder Dinge/Veränderungen angehen, würde mir zu eurem famosen Content noch gefallen :-). Vielleicht ja auch mit Mitgliedern dieser Community oder Nachbar*innen, Freund*innen etc.

      Auf euch beide!

      Antworten
  6. Steffi 14. Januar 2021 um 16:26 Uhr

    Liebe Steffi,
    ich drücke Euch ganz feste die Daumen für das Häuschen!

    Antworten
  7. Tatjana 15. Januar 2021 um 10:15 Uhr

    Liebe Steffi,

    ich bin keine Leserin von Newsletter, die ich mehr oder weniger ausversehen oder aus Neugier abonniere um sie dann immer wieder aufwändig einzeln in den Papierkorb zu schieben. Deinen Newsletter lese ich allerdings wie eine gute Morgenlektüre, über die ich mich freue, wenn ich sie im Postfach vorfinde.
    Ich kann deine Situation so gut nachempfinden. Uns ging es ganz genau so. Wir leben in Baden Württemberg, da ist die Wohnsituation auch sehr bescheiden und von den Immobilienpreisen mal ganz zu schweigen. Keiner der besichtigten Häuser entsprach unseren Bedürfnissen oder sie waren fast abrissbereit oder die Bank hat schlichtweg nicht mitgemacht. Also hatten wir 2019 auch unser Weihnachtswunder, nachdem wir schon fast aufgegeben hatten. Uns lief über Ecken ein schönes Grundstück zu und schwups waren wir plötzlich Bauherren. Ganz nach dem Motto, finden wir kein Häuschen, dann kommt das Häuschen eben zu uns. Das Geheimnis liegt darin, sich nicht zu verkrampfen, es aber immer als Ziel vor Augen zu haben und …. VISUALISIEREN!

    Ich drücke Euch die Daumen

    Ganz liebe Grüße, Tatjana

    … und gute Gesundheit! Ich liege momentan mit dem fiesen Corona im Bett und liege meine Quarantänezeit ab.

    Antworten
  8. Angela Francisca Endress 15. Januar 2021 um 10:23 Uhr

    Liebe Steffi, danke für deine Mut machenden Worte und dass du sie formuliert und mit uns geteilt hast! Ich nehms mal gleich fürs ganze Jahr und wünsche dir auch ein ganz gutes!

    Angela Francisca

    Antworten
  9. Katharina 15. Januar 2021 um 20:54 Uhr

    Hallo liebe Steffi,

    schön, zu hören, dass die Flyer-Variante bei euch so vielversprechend ausgegangen ist. Das macht mir Mut, dasselbe Vorhaben in und um München umzusetzen, was wir seit 1 1/2 Jahren vor uns herschieben und gleichzeitig aber unser erster Gedanke war.

    Hier wird ja mittlerweile jede Bruchbude, die sich Haus nennt, für (weit) über 1 Mio. € vertickt, die einigermaßen gut erhaltenen oder neueren Häuser dann ab 1,5 bis 3 Mio. € und nach oben offen (und wir reden hier meist über DHH!).

    Wer kann sich das leisten, mal davon abgesehen. dass wegen der Kinder nicht beide Vollzeit arbeiten?

    Am grässlichsten sind die Bieterverfahren, wo es nur darum geht, den höchsten Preis zu erzielen, anstatt einer Familie ein bezahlbares Haus zu ermöglichen.

    Am liebsten würde ich die Omis/Opis schütteln, deren Enkel/Neffen/Nichten sie dazu bequatscht haben und sie fragen, ob sie ihr Eigenheim nicht lieber einer netten Familie verkaufen würden mit ewigem Wohn- oder zumindest Besuchsrecht, etc. – ich jedenfalls wollte mein Haus nicht irgendwem überschreiben, und was nützt einem am Lebensende das ganze Geld?

    Ein schönes Foto einer Produktnamensänderung eines Produktes meines Arbeitgebers habt ihr da 😉 Möge uns allen der Corona-Kopfschmerz bald vergehen. Es kann nur besser werden!

    Antworten
  10. Julia 16. Januar 2021 um 12:43 Uhr

    Danke für die feministischem Gedanken. Teile diese fast alle ausnahmslos. Schön, dass Du wieder da bist.
    Gruß
    Julia

    Antworten
  11. Valerie 1. Februar 2021 um 13:04 Uhr

    Liebe Steffi!

    Tatsächlich waren die ersten Wochen dieses Jahres anstrengender als 2020. In den letzten Tagen des Jahres hat sich irgendwie soviel entladen dass der Mann und ich einfach nur mehrere Tage handfest gestritten haben. Ich fühle mich ungesehen und wie der ‚Depp vom Dienst‘ als Haupt-Carearbeiter 24/7 und er erzählt mir dass er keine Zeit für sich hat. Excuse me?! Nun ja – wir sind auf einem besseren Weg.
    2020 hat mich auch gelehrt loszulassen – Erwartungen an meinen Körper. DAS Traumhaus schlechthin, eine waschechte Villa aus den 30ern, mit doppelt soviel Platz wie jetzt, fast 300qm, aber wir hätten wohl mind. 1 Jahr doppeltfinanzieren und gleichzeitig dort wahnsinnig viel sanieren müssen, inkl neuen Dach und potentiellen Wasserschaden – das war zuviel Risiko. Ich hab auch meine Idee arbeiten zu gehen erstmal verworfen, keine Option in der momentanen Zeit ohne zuverlässige Kinderbetreuung. Stattdessen überlege ich zu studieren, mit 38. Ist nicht wenig verwegen, aber fühlt sich gut an. Ich bin dankbar für diese intensive Zeit mit Lütti die ich bei keinem der drei Teenies hatte und dass ich mich zu 100% auf die Kinderbelange konzentrieren kann ohne das Gefühl zu haben keinem gerecht zu werden. Es ist anders – aber gut.

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