Wonach ist dir heute?

Hier findet ihr den ersten Teil von Suses „Love Shui” Versuch.

An Tag 23 sollte ich neun gelbe Rosen kaufen, diesmal nicht bloß für die Vase, sondern für ein Ritual. Im Grunde sei jede Blume dafür okay (bloß keine Lilien), rote Rosen gingen auch, aber die wirkliche Blume der Liebe sei die gelbe Rose. Also, wenn man es irgendwie einrichten könne, grab yellow ones! Und die Dornen unbedingt entfernen! Die Vase solle man dann neben einen Spiegel stellen, sich davor hocken, die erste Rose nehmen und mit ihrem Blütenkelch über die Haare, den Kopf, das Gesicht streichen bis runter zum Kinn. Über die geschlossenen Augen fahren mit dem Stängel, und dabei flüstern: I can see love.

Sie auf die Hände legen, ans Herz pressen, an den nackten Bauch… Das ganze Ritual sollte beendet werden, indem man sich selbst fest in die Augen schaut und laut sagt:  In front of me, Love. Behind me, Love. To the left of me, Love. And to the right of me, Love. Above me and below me, Love. All around me and inside me. Nicht erschloss sich mir, ob ich das ganze Spektakel einmal oder neunmal machen muss. Am Ende jedenfalls, wenn sie verblüht seien, müsse man sie vergraben irgendwo. Es fing an, mich ein wenig zu nerven, aber meine Disziplin trieb mich an, und ich hetzte zwischen zwei Deadlines in meinen Lieblingsblumenladen. Gelbe Rosen gab es keine. Eine der Floristinnen fragte, wie viele es denn sein sollen. Sie stöhnte, puh, nee also neun auf keinen Fall, höchsten, also, wenn überhaupt vielleicht zwei, aber auch das könne sie zu diesem Zeitpunkt echt noch nicht versprechen, denn sie bräuchte die eigentlich alle für einen Brautstrauß. Ich muss sehr verzweifelt gewesen sein, denn ich sagte allen Ernstes: Okay, dann komme ich noch mal kurz vor Ladenschluss vorbei. Ja, das wäre das Beste.

Auf dem Nachhauseweg dämmerte mir, wie unfair das ist. Die Braut hat doch schon einen Mann, die braucht keine neun gelben Rosen mehr in ihrem Strauß. Am Abend versackte ich vor der Serie „Easy“ und versäumte, noch mal in den Laden zu gehen, ach Fuck it. Das waren die Momente, in denen ich Zweifel bekam und mir langsam die Puste ausging. Dennoch machte ich weiter, setzte den Kurs emsig fort, hielt mich an die Vorgaben, ähnlich wie man auch ein vierwöchiges Detox durchzieht, wenn man einmal damit begonnen hat. Auch bei einer Entgiftungsmethode ist ja die primäre Motivation, dass sich etwas ändert, man bereits währenddessen Erfolge spürt oder sieht.  Aber auch nach drei Wochen striktes Befolgen spürte und sah ich gar nichts, außer:

Meine Bude sah aus, als hätte ich sie nicht mehr alle am Sträußchen.

Und dass meine Handflächen beschmiert waren mit mystischen Symbolen (diesmal sollte man die wirklich in seine Hand malen!) Jedes Mal, wenn sich Besuch ankündigte, versteckte ich hastig alle magischen Werkzeuge: das Kranichpärchen Foto neben meinem Bett, das chinesische Schriftzeichen am Kühlschrank, vor allem aber die Kerze.

Diese Kerze war eine der Aufgaben, ich musste sie mit einer Mischung aus Sandelholz- und Zimtöl einreiben. Ein guter Yogi hat natürlich solche Zaubermittel im Haus, jedenfalls Sandelholzöl. Vor diese Kerze sollte ich ein Foto stellen von meinem perfekten Partner. Es könne auch eine Abbildung sein aus einer Illustrierten. Ich tippe, das funktioniert ähnlich wie ein Visionboard. Leider hatte ich grad gar keinen Schwarm, mir fiel partout niemand ein, den ich hätte vor meine Kerze platzieren wollen, also druckte ich das Foto eines Hamburger Prominenten aus. Auf den kam ich, weil er ein paar Wochen zuvor überall aufkreuzte, wo auch ich aufkreuzte. Der Höhepunkt war erreicht, als er plötzlich im Gang bei Alnatura vor den Teesorten vor mir stand. Danach noch an anderen Orten, es musste ein Zeichen gewesen sein. Aber all das war vor meinem Kurs.

Jeden Tag brannte die Kerze nun ein Stück weiter runter, das Foto von dem fremden Mann davor. Nach ein paar Tagen fühlte ich mich wie ein Stalker, wie ein durchgeknalltes Fan Girl, das ist doch nun wirklich Voodoo, wenn man jemanden ohne sein Wissen so missbraucht für die eigenen Zwecke. Ich recherchierte: Liebeszauber würden nicht in den freien Willen einer Person eingreifen. Ich beruhigte mich ein wenig, aber kaum ging ich auf die Straße, dachte ich daran, ob ich den Promi treffe. Er tauchte nie wieder auf. Was allerdings auftauchte war sein Name. Kaum öffnete ich Instagram sprach man über ihn, ein Foto ploppte auf, einmal erwähnte eine Freundin ihn aus dem Nichts. Es war verrückt. Als diese Phase abebbte, wurde ich merkwürdig, alles drehte sich in meinem Kopf nur noch um den perfect partner, von morgens bis abends dachte ich daran, ich sah in jedem einen potentiellen Partner, selbst im Postboten.

Ich verwandelte mich in einen Vamp, in eine dämonische Verführerin.

Und nicht nur wildfremde Männer betrachtete ich mit gierigen Augen, auch Frauen, denn jeder, das lernte ich im Kurs, kann ein Bindeglied sein. Jedenfalls theoretisch, denn praktisch lief gar nichts. Bis mir was auffiel: Warum gucken mich eigentlich alle Männer so an? Vermutlich lag es an meiner Aura, an meinem elektromagnetischem Feld, das sich 24 Stunden am Tag nur mit Liebe und Bindegliedern beschäftigte.

Und dann waren die 27 Tage um. Am 28. Tag trudelte das Zertifikat per Mail ein: Certificate of Completion. This certificate is proudly presented to Mrs. Susanne Kaloff für das Vollenden des Online Kurs “Find True Love in 27 Days.“ Das Zertifikat trug die Nummer 0145810418. Ich fühlte mich irgendwie abgespeist, da mache ich 27 Tage so einen Zirkus und bekomme am Ende nur ein vorgefertigtes Blatt Papier via Mail? Sie hätten ja für meine 35 Mäuse wenigstens eine weiße Brieftaube beauftragen können. Von einem Mann, mit einer Rose zwischen den Lippen will ich gar nicht reden!

Was ich plötzlich hatte, war irrsinnig viel Zeit, jetzt, da ich meine Nachmittage nicht mehr am Fotodrucker von Budni verbringen, nicht mehr täglich in sämtlichen Blumenläden der Stadt das Rosensortiment durchforsten und nicht mehr jeden Morgen mit rotem Stift in mein Heftchen notieren musste, was mein zukünftiger perfekter Partner am ersten Date tragen wird. Was ich nicht hatte, war ein Date. Um nicht untätig herumzusitzen, schrieb ich fleißig weiter an meinem neuen Buch. Außer in den Stunden, in denen ich versank in Vintage Online Shops, die sich spezialisiert hatten auf Laura Ashley Hochzeitskleider aus den Siebzigern. Wie ich dort hinkam, konnte ich später, als ich bereits sehr lange Zeit dort abgetaucht war, nicht mehr rekonstruieren, aber ich schwöre, es steckte keine Heiratsabsicht dahinter. Ich geriet da so rein, eigentlich war ich nur auf der Suche nach einer weißen, viktorianischen, hochgeschlossenen Spitzenbluse für meine Sammlung weißer, viktorianischer, hochgeschlossener Spitzenblusen.

Nach Abschluss des Kurses sammelte ich alles ein, auch die Strippe hinter der Schlafzimmertür, die ich aus zwei roten Bändern flechten musste. Auf meinem Handgelenk sah ich mein eigenes Tattoo:  I am Love. So wie der gleichnamige Film mit Tilda Swinton, er ist einer meiner liebsten.

Vielleicht brauchen wir keine Liebe, wir sind die Liebe selbst.

Und dann geschah etwas Sonderbares: Ich vergaß den Kurs von einen auf den anderen Tag, ich vergaß den Promi, vergaß die Symbole, vergaß, dass ich alleine war, vergaß die Erwartung, vergaß die Suche. Stattdessen beschäftigte ich mich nur noch mit mir. Es hat etwas Erleichterndes, die Dinge zu sich kommen zu lassen. Ich erinnerte mich an einen Satz von John Wineland. Er ist ein Typ aus L.A, der solche Männerseminare in der Natur macht, außerdem ist er der Ex von Guru Jagat, aber das führt hier jetzt zu weit. Jedenfalls mag ich ihn, er sagt kluge Dinge. Auf die Frage, wo denn die Qualitätsmänner alle sind, antwortete er mal: „The conscious men are hiding from your hidden heart.“ Damals dachte ich, ach Papperlapapp, vor mir muss sich keiner verstecken, mein Herz steht offen wie 7-Eleven. Aber was Beziehung betraf, tat es das in Wahrheit gar nicht.

In Wahrheit konnte ich mir nicht mal vorstellen, neben einem Mann aufwachen zu wollen. Ich habe nach dem Kurs keinen Heiratsantrag bekommen, noch nicht meine True Love gefunden, aber etwas rausgefunden: Was ich möchte. Und was ich auf keinen Fall möchte. Dinge rausgefunden, die ich mich nicht mal getraut habe, vor mir selbst zu formulieren. Vielleicht sollte der Kurs lieber heißen: Find Your True Self in 27 Days. Wer sich nämlich fast vier Wochen täglich intensiv mit Liebe beschäftigt, mit Beziehung, mit den Details einer Beziehung, sie im Gedanken ausschmückt, aufschreibt, wie der Sex, das Zusammenleben, wie die gemeinsame Wohnung, die Gespräche, die Reisen, die Feste, die Hochzeit, Frühling, Sommer, Herbst und Winter zusammen sein werden, hat kaum eine Chance, sein Herz zu verstecken. Vor allem nicht vor sich selbst.

 

Titelfoto – Unsplash

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Anna 14. Oktober 2019 um 19:26 Uhr

    Oh, ich liebe, liebe, liebe diesen Text!!
    So sehr gelacht, Danke!!
    Und welcher Online Vintage Store bitte hat sich auf Laura Ashley Brautkleider spezialisiert?? ??

    Antworten
  3. Christina 15. Oktober 2019 um 12:52 Uhr

    Ja, das würde mich auch mal interessieren 🙂

    Antworten
  4. Fabienne 15. Oktober 2019 um 14:30 Uhr

    Das ist mal wieder ein solch herrlicher, erfrischender Text! An einigen Stellen musste ich so schmunzeln, an anderen habe ich mich in gewisser Weise selbst erkannt 😀

    Und @Steffi: Super, dass du immer ein solch breites Spektrum an Artikel abdeckst, es wird hier nie langweilig 🙂

    Alles Liebe für euch!
    Fabienne von https://www.villaimmergruen.de

    Antworten
  5. Suse 15. Oktober 2019 um 16:05 Uhr

    Wie sweet, Dankeschön, liebe Anna!
    Aaaaalso zu den Vintage Laura Ashley Brautkleidern, na gut, ich verrate es: Auf Etsy gibt es etliche, eine Engländerin hat sich auf nur Laura Ashley Vintage spezialisiert, dort gibt es auch die schönsten viktoriansichen Spitzenblusen, zum Teil ungetragen, aus den Achtzigern und Neunzigern.
    Welcome to the World Of Laura Ashley ;))

    https://www.etsy.com/shop/VintageLauraAshley?ref=simple-shop-header-name&listing_id=699949380

    https://www.etsy.com/shop/VintageLauraAshley?ref=simple-shop-header-name&listing_id=699949380&section_id=12109087

    Hier auch eins:
    https://www.etsy.com/listing/523923294/laura-ashley-wedding-dress-victorian?ref=shop_home_feat_3&frs=1

    Antworten
  6. Suse 15. Oktober 2019 um 16:06 Uhr

    Hallo Christina,

    auf Etsy gibt es etliche, eine Engländerin hat sich auf nur Laura Ashley Vintage spezialisiert, dort gibt es auch die schönsten viktoriansichen Spitzenblusen, zum Teil ungetragen, aus den Achtzigern und Neunzigern.
    Welcome to the World Of Laura Ashley ;))

    https://www.etsy.com/shop/VintageLauraAshley?ref=simple-shop-header-name&listing_id=699949380

    https://www.etsy.com/shop/VintageLauraAshley?ref=simple-shop-header-name&listing_id=699949380&section_id=12109087

    Hier auch eins:
    https://www.etsy.com/listing/523923294/laura-ashley-wedding-dress-victorian?ref=shop_home_feat_3&frs=1

    Antworten
  7. Suse 15. Oktober 2019 um 16:10 Uhr

    Danke Fabienne!

    Ich freue mich, dass er dich erfrischt hat, wie schön!

    Shine on,
    Suse

    Antworten
  8. Anija 18. Oktober 2019 um 10:22 Uhr

    Herrlich schön, lustig, bewegend, nachdenklich machend. <3
    Vielen Dank für diese Offenheit, ich bin überzeugt davon, dass genau DAS der richtige Weg ist, weil man das dann auch ausstrahlt.

    Antworten
  9. Juli 18. Oktober 2019 um 22:22 Uhr

    Oh, wie wunderbar, wie klug, wie ent- und gleichzeitig bezaubernd, dieser Weg zu dir selbst! Ein ganz großartiges Fazit und ein irre witzig geschriebener Text. Mange mange tak!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht
* Erforderliche Felder sind markiert

Alles im Archiv anschauen

Wenn du das hier liest, habe ich mich etwas Großes getraut: Nicht perfekt zu sein.
Kann man seine wahre Liebe in 27 Tagen finden? Autorin Susanne Kaloff probiert es aus – und trifft dabei auf Kranichpärchen und Mehlmotten.
Macht Selbstdisziplin glücklich? Wenn es zum Rausch statt Nervenzusammenbruch führt, dann schon, findet Kolumnistin Susanne Kaloff.
Wie hält man es aus, wenn im Leben nicht alle Träume in Erfüllung gehen? Susanne Kaloff weiß Antwort in ihrer neuen Kolumne.
Ist er der Richtige? Auf meiner Suche nach der großen Liebe, traf ich oft die Falschen.
Wie ist es, eine Urlaubsliebe zehn Jahre später ausfindig zu machen und wiederzusehen? Ich hab’s ausprobiert und aufgeschrieben.
Muss man seiner Freundin alles erzählen? Und wie verändern sich Freundschaften, wenn man älter wird?
Was, wenn mir etwas passiert? Wie wissen meine Kinder dann, wie sehr ich sie liebe? Oder vielleicht sogar: geliebt habe?