Wonach ist dir heute?

Kannst du bitte noch mal deinen Text über Verena Pausder hier veröffentlichen? Eigentlich mache ich ja gerade Kannste mal-Pause, aber diese Frage bekomme ich so oft gestellt, dass ich dachte: Naaaaa gut.

Im Herbst 2018 traf ich für den She’s Mercedes Verena Pausder in Berlin. Die mittlerweile 40-Jährige spielt in der Top-Liga der digitalen Pioniere, ist dreifache Mama, erfolgreiche Unternehmerin – wer jetzt schon denkt: Na toll, wieder so eine Wonderwoman, was hat das mit meinem Leben zu tun?! Erstmal lesen. Verena ist nämlich auch nicht alles so zugeflogen, ganz im Gegenteil: Als sie eine neue Führungsposition antritt, dafür zwischen Berlin und Hamburg pendelt, gerade Kind zwei bekommen hat, verlässt sie plötzlich ihr erster Mann. Von jetzt auf gleich. Es kommt immer das Leben dazwischen, bei allem, was man tut. Die Frage ist, ob man sich davon aufhalten lässt. Verena Pausder hat es nicht.

Dieser Text von mir ist zuerst im She’s Mercedes-Newsletter erschienen. Zusammen mit  Jessica Weiß von Journelles, Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert schreibe ich regelmäßig für den Newsletter, treffe ich besondere Frauen, die ihre Geschichten und besten Tipps erzählen. Wenn ihr euch für den kostenlosen Newsletter registrieren möchtet, einfach hier klicken und anmelden.

Und jetzt: Viel Freude mit Verena Pausders Geschichte.

Es geht gleich zur Sache. „Können wir alles haben als Mütter und Berufstätige?“ ist meine erste Frage, als Verena Pausder und ich uns in ihrem Berliner Büro zum Interview treffen. Die 39-Jährige spielt beruflich in der Top-Liga der digitalen Pioniere. Ihr Steckenpferd ist die digitale Weiterbildung von Kindern. Mit ihrem Unternehmen Fox & Sheep entwickelt sie Apps für Kinder und hat es für mehrere Millionen Euro an den Spielzeughersteller HABA verkauft. Ihre Bildungsstätten die HABA Digitalwerkstätten gibt es mittlerweile deutschlandweit, aktuell arbeitet sie mit ihrem Team am weiteren Ausbau dieser Idee. Sie hat drei leibliche Kinder (1 ½, 8 & 10), ein Bonuskind (6) und ist in zweiter Ehe glücklich verheiratet. Ist es also doch möglich, alles zu haben? Verena Pausder lacht. „Die Frage stelle ich mir auch oft! Ich habe begriffen, dass mein Beruf in die Kategorie Zeit für mich fallen muss. Weil davon bleibt darüber hinaus nicht viel. Ich liebe meinen Beruf und kann die Zeit daher sehr genießen.“

Das war nicht immer so. Als Verena Pausder gerade ihren zweiten Sohn bekommen hat und beruflich für eine Führungsposition zwischen Hamburg und Berlin pendelt, verlässt sie plötzlich ihr erster Ehemann. Eines abends steht er vor ihr und verkündet, er würde jetzt sofort nach München ziehen zu seiner neuen Freundin. Ohne Vorwarnung. Es ist Freitagabend. Verena Pausder schreibt trotz Schock übers Wochenende eine Rede an ihre 60 Mitarbeiter in Berlin und versucht sie Montagfrüh zu halten. Doch außer sehr vielen Tränen und Herz zerreißendem Schluchzen bekommt sie nicht viel raus. Bis auf: „Wenn ihr mir helfen wollt, ich euch leid tue, dann macht euren Job gerade bitte einfach extra gut.“

Ihre damaligen Chefs, Szene-Größen wie Oliver Samwer, fragen sie, wie sie helfen können. Verenas Antwort: „Ich brauche zwei Monate, um alles neu zu organisieren“. Die bekommt sie.

Zum ersten Mal bittet sie Freunde und Verwandte um Hilfe.

Bei der Kinderbetreuung und dem Umzug nach Berlin. Als im Groben alles organisiert ist, geht sie eine Woche alleine in die Berge nach Südtirol, um sich selbst Zeit zum Verstehen und neu ausrichten zu geben.

Ein Jahr später lernt sie ihren heutigen Mann kennen, fünf Jahre später bekommen sie ein gemeinsames Kind und zum ersten Mal gönnt sie sich eine Elternzeit für sechs Monate. „Bei meinen ersten zwei Kindern, meinen Söhnen, bin ich noch alle vier Stunden zum Stillen nach Hause gerannt. Klingt harmlos, war aber wirklich tough.“

Nach dem Verkauf von Fox & Sheeps für mehrere Millionen Euro hätte Verena Pausder eigentlich aufhören können zu arbeiten. Eigentlich. Wäre da nicht ein ganz anderer Anspruch, der sie antreibt, abseits vom Geld: „Ich will, dass auf jedem deutschen Schulhof eine Digitalwerkstatt steht, vorher höre ich nicht auf. Ich habe noch so viel vor, es wäre eine Verschwendung, hier einfach nur rumzusitzen!“

Ihre Kinder gehen morgens früh in die Schule und Kita, nachmittags kümmern sich die Nannies, in Krankheitsfällen übernimmt gleich eine von ihnen morgens. Sie kümmern sich auch um Besorgungen, beziehen die Betten neu, machen die Wäsche, erledigen mit den Kindern die Hausaufgaben. Verena Pausder verlässt um Punkt 17.55 Uhr ihr Büro, damit sie kurz nach sechs zum Abendbrot Zuhause sein kann: „Das ist mir heilig. Das mache ich, weil ich es möchte, nicht, weil ich es muss.“

Hat sie manchmal ein schlechtes Gewissen? „Nein, hab ich tatsächlich nicht. Mein Selbstbild ist auch null, dass ich meine Kinder nicht sehe. Ich bin morgens mit ihnen zwei Stunden zusammen und abends noch mal drei Stunden, das finde ich ganz schön viel.“

Die Nannies wohnen nicht mit im Haus, morgens und auch am Wochenende oder im Urlaub sind sie nicht dabei: „Das wollen wir einfach alleine schaffen. Natürlich würden wir uns freuen, wenn Samstag jemand käme und fragen würde: „Wollt ihr mal kurz Luft holen und nichts tun?“, aber das würde zu sehr an unserem Selbstverständnis als Eltern kratzen.“

Ob sie manchmal angefeindet wird von anderen Müttern für ihr Lebensmodell, möchte ich gern von ihr wissen. „Nicht ins Gesicht, aber hintenherum bestimmt. Es trifft mich aber nicht, weil ich weiß, dass ich das für mich Richtige tue.

Ich hätte auch gar kein Problem damit, mich für eine Podiumsdiskussion zum Thema Rabenmütter auf eine Bühne zu setzen.

Mich könnte da kein Argument treffen. Ich sehe meine Kinder und bin so zufrieden damit, wie gut es ihnen geht.“

Wir treffen uns zwei Mal für dieses Gespräch und einen Videodreh. Sie zeigt mir ihr Büro – sie sitzt mit ihrem Team zusammen in einem Raum, alle haben die gleichen Tische. Großes, eigenes Angeberbüro? Fehlanzeige. Wir springen zusammen Trampolin bei ihr Zuhause im Garten – sie Pirouetten, ich versuche nur nicht runter zu fallen. Ich treffe eine ihrer Nannies, sehe wie sie das Abendbrot schon mal für die Kinder vorbereitet und wie ordentlich die ganze Wohnung ist. In der Ecke sehe ich die Fitness-Hilfsmittel für die Sporteinheiten mit dem Trainer zwei Mal die Woche. Auf einem Regal Fotos von ihr und ihrem Mann – beide sehr hübsch und strahlend. Ich muss an das Portrait über Gwyneth Paltrow in der New York Times vor kurzem denken, das international Wellen schlug. Eine Redakteurin war zu Besuch in Gwyneth vermeintlich perfekten Welt und schrieb einen humorvollen Abgleich zu ihrer. Es wäre jetzt ganz einfach, Verena Pausder in eine Schublade zu stecken und damit die hochkommenden neidischen Gefühle wegzuschieben. Oder, und das halte ich für tausend Mal schlauer, einfach zu schauen, wie man das, was einem an ihrem Lebensstil fasziniert ins eigene Leben überträgt. In dem Maß, das sich für einen selbst gut anfühlt. Und wenn man ein anderes Lebenskonzept verfolgt, das von ihr vielleicht nicht nachvollziehen kann, es nicht zu verurteilen. Sondern sie und sich selbst sein zu lassen.

Beim unserem zweiten Treffen erzähle ich Verena, dass mich unser Gespräch sehr inspiriert hat und ich mich neu aufstellen werde im Job und in der Kinderbetreuung. Sie erzählt, es habe sie fasziniert, dass ich so voll anwesend bin bei dem, was ich tue. Dass ich ihr das Gefühl gegeben hätte, es wäre nichts anderes gerade wichtig gewesen als unser Gespräch. Davon würde sie sich gern eine Scheibe abschneiden.

Am Ende des Tages sitzen wir zusammen im Auto, Verena fährt, wir sammeln ihre Familie ein, es entsteht etwas Zeitdruck und ich merke: Egal wie viel Geld man hat oder wie viele Nannies – wir kommen doch alle in die gleichen Situationen. Verenas Söhne wollen übers Wochenende nach Hamburg, ihren Patenonkel besuchen und müssen pünktlich zum Bahnhof. Ihre kleine Tochter quengelt, wenn sie nicht parallel entertaint wird, der Gatte ist mürrisch, weil ihn im Job etwas nervt, wir müssen noch mal nach Hause, weil sie den Buggy vergessen hat und dann ruft der Patenonkel auch noch an, das etwas schief geht mit dem Wochenende. Verena lacht mich an und sagt: „Der normale Wahnsinn.“ Der ganz normale Wahnsinn, wie wir ihn alle kennen.

 

3 Tipps von Verena Pausder, wie man das Mutter sein und Karriere machen unter einen Hut bekommt:

  1. Suche dir eine sehr gute Vertretung. Es ist total hilfreich, wenn man weiß, dass Zuhause jemand die Kinder betreut, der das gleiche Wertesystem hat, der einen sehr gut kennt und interessiert ist an einer langen Beziehung. Dann kann man mit einem sehr guten Gefühl ins Büro gehen. Ich selbst bin mit Au-Pairs aufgewachsen. Das war ein ständiger Wechsel, was gut war, wenn ich jemanden nicht mochte, aber furchtbar, wenn ich jemanden lieb gewonnen hatte.
  2. Finde klare Lösungen, setze nicht auf Flickenteppiche. Damit meine ich: nimm nicht eine Babysitterin, die nur mittwochs kann, dann noch für donnerstags die Nachbarin und Freitag hat noch eine Freundin Zeit. So ein Flickenteppich an Betreuung fliegt einem auf Dauer um die Ohren. Setz dich lieber ein Mal hin, überlege dir: wie will ich arbeiten und gebe für die Kinderbetreuung Geld aus. Das ist ja nicht für immer nötig, nur für die ersten Jahre.
  3. Gehe Vollzeit zurück in deinen Job. Die meisten Teilzeit-Mütter arbeiten wie eine Vollzeit-Kraft, werden nur nicht dafür bezahlt. Das möchte ich unbedingt ändern. Sonst haben die Frauen natürlich kein Geld für Kinderbetreuung und der Hund beißt sich in den Schwanz. Wenn nur Teilzeit möglich ist, investiere dein Gehalt trotzdem in Kinderbetreuung, damit du im Job am Ball bleiben kannst. Es wird sich später auszahlen.

 

Fotos – Dennis Dirksen

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Ulrike 11. Juni 2019 um 09:55 Uhr

    Verena ist eine schlaue und umtriebige Frau, die Deutschland garantiert weiterbringt und immer wieder zum Nachdenken anregt. Sie ist aber auch ihre eigene Chefin und hat mehr Freiheiten, was die “Regeln” betrifft.
    Liebe Steffi: Wir sind ja für mehr wirkliche Realität. Ich würde mich über Portraits von Frauen / Familien freuen, in welchen ich mich als “Normalo” wiederfinde – ohne das Geld eines Exits für Nannies und Putzfrauen – so im ganz normalen Wahnsinn. Ich mag mein zu Hause auch nicht mit einem Au Pair teilen etc. Ich arbeite 30h/h Woche, habe 2 tolle Kinder, mein Mann hilft, wir verdienen beide genug – trotzdem erschlägt uns der Alltag und meine / Paar-Interessen fallen immer hinten runter. Ich brauchen Inspirationen, wie andere Frauen das machen: sagt man Elternabende einfach ab? Nimmt man monatliche “Haushaltstage” . Was sind die life-hacks anderer Frauen der, sagen wir mal, 2.Reihe – die Mitarbeiterinnen von Verena oder Lea Sophie, gern in Führungsrollen aber eben nicht ganz oben. Weisst du was ich meine? Liebe Grüße aus Berlin

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  3. Cornelia 12. Juni 2019 um 20:25 Uhr

    Liebe Ulrike, das fände ich auch wunderbar. Ich arbeite ebenso wie mein Mann Teilzeit, wir versuche wirklich alles fifty fifty zu teilen aber als Logopädin fehlen mir schlicht die finanziellen Möglichkeiten eine Nanny einzustellen, in Eigentum zu investieren oder mein Geld für mich arbeiten zu lassen. (Hände hoch wer 150 Euro zahlen würde für die beste Logopädin der Welt! Vielleicht entgeht mir da ja was?!?) Wie geht es all den “Normalos” da draußen, kracht euch auch manchmal die Decke auf den Kopf? Habt ihr Angst vor der Zukunft? Schüchtert euch der Wille zum Erfolg, die Idee alles haben zu können, ja zu müssen gar, auch manchmal ein? Ich danke dir Steffi für diesen tollen Ort, die vielen Inspirationen und den Tritt in den Hintern ab und an. Manchmal bin ich unsicher ob “normal” sein ausreicht, ob man sich einfach nur mehr anstrengen muss? Oder ob es einfach manchmal zu viel sein darf!

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  4. Soo-Hyun 17. Juni 2019 um 00:03 Uhr

    Danke, Steffi, dass Du so offen darüber schreibst, wie auch Du beim Anblick eines von außen hin so perfekten Lebens mit Neidgefühlen ringst und wie Du damit umgehst. Ich habe irgendwo mal gehört, dass uns Eifersucht und Neid den Weg weisen können, wovon wir gerne mehr hätten. Manchmal glaube ich aber, dass wir uns erst einmal darüber klar werden müssen, was genau in uns diese Emotionen auslöst. Ist es der Wohlstand, die großartige Unterstützung im Alltag, das unfassbare Glück einen solch tollen Job zu haben, die Belohnung für die harte Arbeit, die dahinter steht, der Luxus Vollzeit zu arbeiten, die Anerkennung und die eigene persönliche Erfüllung durch ein solch facettenreiches Leben, diese bewundernswerte Zufriedenheit mit den eigenen Lebensentscheidungen, … Dann ist Neid vielleicht nur ein erster Sensor dafür, dass wir in unserem eigenen Leben nach etwas suchen, das wir noch nicht gefunden haben. Und der Weg dorthin ist sehr wahrscheinlich schwerer, als nur ein anderes Lebensmodell zu kritisieren, sondern erfordert ehrliche, harte Arbeit in uns selbst. Wenn wir uns dann klarer darüber sind, was wir möchten und was wir brauchen, fällt es uns vielleicht auch leichter, uns gegenseitig zu unterstützen und uns über die Erfolge der anderen zu freuen, denn sie sind alle Meilensteine auf dem Weg zu einer Zukunft, in der wir Frauen auch wirklich das haben können, was wir möchten, ohne uns von irgend jemandem vorschreiben zu lassen, wie dies aussehen soll.
    Wie schön, dass Verena diese Klarheit schon erreicht hat, auch wenn ich mich frage, mit welchen Hürden oder Zweifeln sie heute vielleicht noch zu kämpfen hat. Ich finde es jedenfalls wunderbar, dass sie mit sich so im Reinen ist, echt toll.

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