Wonach ist dir heute?
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Für die meisten Menschen bedeutet ein Umzug vor allem Stress. Ihr seid in zwölf Monaten zwölf mal umgezogen. Seid ihr verrückt?

 
Felix Zeltner (36): Die meisten Verrückten würden diese Frage wohl mit Nein beantworten. Ich sage auch Nein. Aber es stimmt, dass wir gerne ein bisschen gegen gesellschaftliche Normen verstoßen.

Christina Horsten (36): Die Idee entstand aus der Not. Als wir mit unserer neugeborenen Tochter Emma aus dem Krankenhaus kamen, lag im Briefkasten die Wohnungskündigung. Die Vermieterin warf uns vor, zu laut zu sein. In Wahrheit wollte sie keine Kinder im Haus. Wir wurden vor Gericht geladen, aber hatten keine Chance und mussten ausziehen. In der nächsten Wohnung, die wir auf die Schnelle fanden, gab es bald eine happige Mieterhöhung. Das konnten wir uns nicht leisten. Mit Baby in einer der teuersten Städte der Welt ohne Wohnung – zunächst war es für uns eine Katastrophe. Doch im Nachhinein war die Mieterhöhung für uns ein Geschenk. Ohne sie wären wir wohl nie zu Stadtnomaden geworden.

Aber warum habt ihr euch nicht einfach eine neue Wohnung gesucht und seid dort geblieben? 

 
Felix: Wir hatten in New York so viele tolle Stadtteile kennengelernt und konnten uns nicht entscheiden, in welchem wir wohnen wollten. Dann haben wir gesagt: Dann wohnen wir eben in allen! Uns war zwar gleich klar, dass das eine Schnapsidee war, aber sie ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Also erzählten wir allen davon. Als ein Freund uns dann tatsächlich eine Wohnung für einen Monat angeboten hat, haben wir uns von unseren Möbeln getrennt und sind losgezogen.

Eure Tochter Emma war knapp zwei Jahre alt als euer Umzugsmarathon begann. War das für sie nicht sehr anstrengend?

 
Christina: Fast alle – allen voran unsere Eltern – haben gesagt: Was tut Ihr dem Kind bloß an? Und es stimmt: Emma hatte kein Vetorecht. Sie musste einfach mit! Aber natürlich war für uns immer klar, dass wir das Ganze abbrechen, wenn wir den Eindruck haben, dass Emma darunter leidet. Das Gegenteil war der Fall. Ich glaube, ihr hat es am meisten Spaß gemacht.

Für Emma war jede Wohnung wie ein neu entdeckter Spielplatz.

Wie habt ihr denn auf einem der teuersten und schwierigsten Mietmärkte der Welt jeden Monat eine neue Wohnung gefunden?

 
Felix: Das war von Anfang die größte Herausforderung, und daran wären wir mit unserem begrenzten Budget im ersten halben Jahr auch fast gescheitert. Gerettet hat uns eine Mischung aus befreundeten New Yorkern, die von verfügbaren Wohnungen wussten, und ein Newsletter für Künstler und Kreative, in dem Ateliers und Wohnungen angeboten werden.

Wo und wie habt ihr gewohnt? Was habt ihn den verschiedenen Stadtteilen erlebt?

 
Christina: Jeder Stadtteil und jede Wohnung war ganz anders. Wir wohnten in Norden von Manhattan im Buchladen eines antiquarischen Buchhändlers, umgeben von 15.000 Büchern. Im East Village im Süden von Manhattan hatten die Vormieter ein wildes Leben:

Die Wohnung diente zuvor einem von Models geführten Marihuana-Lieferservice als Hauptquartier.

Und in Seagate, ganz im Süden von Brooklyn, schliefen wir in der ältesten und inzwischen einzigen Gated Community New Yorks. Die Siedlung hat einen Privatstrand und eine eigene Polizei. Egal, wo wir waren: unsere schönsten Erlebnisse waren immer die Neighborhood Dinners. Zu denen haben wir jeden Monat Nachbarn, Freunde, Ladenbesitzer, Aktivisten, Autoren und andere Menschen aus der Nachbarschaft eingeladen und sie gebeten: Erzählt uns etwas über Euer Viertel!

Habt ihr je ans Aufgeben gedacht?

 
Felix: An dem Punkt waren wir mindestens ein Mal. Wenn man ein kleines Kind, zwei Fulltime-Jobs, keine Wohnung, dafür aber überzogene Kreditkarten hat – dann ist das vor allem Stress. Wenn du am 25. eines Monats nicht weißt, wo Du am 1. des nächsten Monats mit deiner Familie schlafen sollst, macht Dich das fertig. Auf der anderen Seite wuchs mit jeder Neighborhood die Faszination an der Reise – und wir wollten auch unseren Kritikern beweisen, dass es geht. Aufgeben kam eigentlich nicht in Frage.

Wie oft hat der Umzugsstress zum Ehestreit geführt?

 
Felix: Selten! Wir sind ein gutes Team und sind schon immer viel zusammen gereist. Wenn man den Everest besteigt, hält man auch auf Gedeih und Verderb zusammen, anstatt zu streiten. Als Paar hat uns das Jahr in eine völlig neue Sphäre katapultiert. Uns kann eigentlich nichts mehr schocken.

Was habt ihr durch das ständige Umziehen gelernt?

 
Felix: Zusammenhalten, reduzieren, die Menschen und nicht die vier Wände, die einen umgeben, als essentiell begreifen.

Christina: Ich wurde allerdings nicht über Nacht zur Minimalistin. Das war ein langer Lernprozess. Jedes Mal, wenn wir unser Zeugs durch enge Treppenhäuser geschleppt haben, haben wir beschlossen, uns von noch mehr zu trennen. Am Ende hatten wir jeder nur noch einen Koffer und eine Kiste für Emmas Spielzeug. Das war sehr befreiend. Bei unseren letzten Umzügen mussten wir so eigentlich gar nicht mehr packen, sondern nur noch die Koffer zuklappen.

Klingt so, als könnte die Netflix-Aufräum- und Wegwerf-Päpstin Marie Kondō noch etwas von euch lernen.

 
 Christina: Auf keinen Fall. She is the queen!

Aber ihr habt bestimmt Tipps für einen möglichst stressfreien Umzug.

 
Christina: Klar! Erstens: Nie wieder zerfleddernde Pappkartons! Wiederverwendbare Plastikkisten sind praktischer. Zweitens: Ein Umzug ist die beste Gelegenheit zum Ausmisten. Weniger ist mehr.

Was war das Beste an eurer Odyssee durch New York?

 
Felix: Dass wir am Ende nicht nur einen bezahlbaren Kindergarten für Emma, sondern auch eine schöne neue Wohnung gefunden haben. Beides wäre ohne das Umzugsabenteuer nicht passiert. Dazu haben wir Hunderte neuer Menschen in unserem Leben – vom geheimnisvollen Buchhändler über den wütenden Anti-Gentrifizierungs-Aktivisten bis zum intellektuellen Obdachlosen. Insgesamt haben wir unglaublich viel Hilfsbereitschaft erfahren. Übers Ohr gehauen wurden wir nur ein einziges Mal. Für eine Fake-Wohnungsanzeige haben wir online eine Anzahlung geleistet und standen vor verschlossener Tür. Die Algorithmen waren zum Glück schlauer und holten das Geld vom Betrüger zurück.

Was bedeutet für euch das Gefühl Zuhause zu sein?

 
Felix: Für mich war Zuhause die ersten 19 Jahre meines Lebens Fischbach, ein eingemeindetes 5000-Seelen-Dorf bei Nürnberg. Dort habe ich mit meiner Familie in einem Jahrhunderte alten Fachwerkhaus gelebt. Seit dem Studium bin ich mit dem Rucksack viel durch die Welt gereist, oft zusammen mit Christina. Aber ich habe das Nomadentum nicht wie sie in die Wiege gelegt bekommen. Gemeinsam haben wir kapiert, wie wertvoll es ist, weiterzuziehen, Dinge hinter sich zu lassen, immer wieder aufzubrechen, das Glück außerhalb der Komfortzone zu suchen.

Christina: Mein Papa war Diplomat. Ich wurde in New York geboren, habe jedoch in Berlin auf der John F. Kennedy-Schule Abi gemacht. In Berlin habe ich auch mein Grundstudium und meine Promotion absolviert. Ich habe als Kind und Jugendliche aber auch Bonn und Prag gelebt. Für mich ist Zuhause kein geographischer Ort, sondern eher ein emotionales Konzept.

Zuhause ist dort, wo mein Herz und meine Familie sind.

Sogar die New York Times hat schon über euch berichtet…

 
Christina: Ja, ich glaube, die fanden unser Projekt eine tolle Liebeserklärung an ihre Stadt. Wenn wir hingegen Deutschen von unserem Projekt erzählten, sagten sie meist: „Puh. Klingt stressig. Wollt Ihr das wirklich machen?“ Wenn wir New Yorkern davon erzählt haben, sagten sie meist. „Wow! Klingt cool! Macht das unbedingt!“

Felix: Für Amerikaner ist nomadisches Leben generell kein so großes Ding. Sie ziehen zwei bis drei Mal häufiger um als Deutsche. Und in New York gibt es fast ausschließlich befristete Mietverträge. Hier ist jeder ständig on the move.

Und wann zieht ihr das nächste Mal um?

 
Christina: Nicht sehr bald. Wir haben gerade einen Mietvertrag für zwei Jahre unterschrieben – zum ersten Mal überhaupt, seit wir 2012 hierher kamen. Emma ist damit nicht einverstanden. Neulich hat sie gefragt, wann wir wieder umziehen. „Wie findest du es denn hier?“, habe ich sie gefragt. Ihre Antwort war: „Langweilig!“

 

Mehr über die Erlebnisse der drei könnt ihr im Buch “Stadtnomaden” von Christina und Felix lesen. Und hier geht es zu ihrem Instagram-Account und ihrer Webseite.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. julia I mintlametta 25. Februar 2020 um 10:55 Uhr

    ach so schön. danke fürs teilhaben-lassen. uns steht gerade der umzug von hamburg ins ruhrgebiet bevor. da wir (bislang) nicht passendes finden, wäre das ja eine gute alternative – doch angesichts zwei (schon leicht älterer) kinder und meiner unspontaneität… hmmm… aber ich freue mich zumindest schonmal aufs ausmisten und auch die idee des neighborhood-dinners nehme ich auf jeden fall mit. yeah!

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    • Steffi 25. Februar 2020 um 11:49 Uhr

      @julia mitlametta: lustig, hast du auch gerade so lust auszumisten? ich bin schon wieder wild dabei. und ja, das mit dem nachbarschaftsdinner habe ich mir auch notiert innerlich. so eine simple, schöne idee. so schade, dass du hamburg verlässt, aber ruhrgebiet klingt auch toll. ich drück die daumen, dass ihr was findet! herzlich, steffi

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  3. Petra von FrauGenial 25. Februar 2020 um 17:26 Uhr

    Ich glaube, nach dem Jahr, weiß man was Minimalismus wirklich bedeutet. Ich hatte auch mal eine Vorstellung, aus dem Koffer zu leben. Meine Tochter übernimmt das inzwischen. In ihrer fast zweijährigen Stuttgart Zeit ist sie gut 6 mal umgezogen. Und hat dadurch Anschluss gefunden, neue Leute kennenlernen dürfen und hat so das Ansonsten gelernt, wovon ich noch meilenweit entfernt bin. Bei uns steht vorerst kein Umzug bevor. Aber ausmisten ist drinnen

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  4. Anna 28. Februar 2020 um 11:37 Uhr

    Was für eine tolle Familie! Tolles Paar! Die Idee habe ich mir im Hinterkopf notiert und vielleicht ist das auch mal ein Projekt für uns, wenn wir zurück nach Köln ziehen sollten. Es gibt noch zu viele schöne Veedel, die wir erkunden möchten. Jetzt düsen wir erstmal mit sehr wenigen Sachen und dem Wohnmobil durch die Welt.

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  5. Sylvia-Manorita Wiedemann 2. März 2020 um 18:53 Uhr

    Ganz toll – weiter viel Freude!!!

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