Wonach ist dir heute?
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Mir geht es zurzeit vermutlich so wie den meisten Singles, die von sich selbst noch vor einer Woche aus tiefster Überzeugung behauptet haben, dass sie mit ihrem Beziehungsstatus absolut glücklich sind. Ich kann grundsätzlich super gut mit mir alleine sein, doch seit Social Distancing zu sozialer Askese verpflichtet, ist plötzlich alles anders. Denn mein Alleinsein ist nicht länger frei gewählt und fühlt sich daher zum ersten Mal an wie Einsamkeit.

Ich wohne alleine, arbeite selbständig von zu Hause und freue mich normalerweise den ganzen Tag darauf, mich am Abend mit Freunden zu verabreden, in Bars, Restaurants oder eben auch mal zu Dates zu gehen. Geht grad alles nicht. Während meine Freunde erschöpft von der unmöglichen Vereinbarkeit von Home Office und Kind berichten, fällt mir zu Hause die Decke auf den Kopf. Egal, wie frei und unabhängig ich mich als Single bisher wahrgenommen habe, in Quarantäne denke ich viel darüber nach, wie schön es in dieser Zeit wäre, einen Partner zu haben.

Ja, wir alle befinden uns aktuell in einer absoluten Ausnahmesituation, die jeden auf ganz individuelle Weise an seine Grenzen bringt. Körperlich, finanziell oder eben auch emotional. So groß diese Challenge auch sein mag, verzweifeln ist das letzte, was wir jetzt tun dürfen. Stattdessen müssen wir versuchen, unser soziales Leben und unsere Routinen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Das bedeutet: Neben Live-Cooking-Sessions mit Freunden oder virtuellen Opernbesuchen mit der Familie, muss auch das Flirten und Daten keineswegs aufhören.

Es gilt aktuell lediglich: Nur gucken, nicht anfassen.

Ungewohnt, aber lasst mich erklären, warum genau das auch eine Chance sein kann.

Ihr kennt sicher die Netflix-Kuppelshow „Love is Blind“. Darin lernen sich Singles einzig und allein über Gespräche kennen, sie verlieben und verloben sich, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie der andere aussieht. Und ja, am Ende wird sogar geheiratet. Das Konzept ist irrsinnig, aber auch irrsinnig erfolgreich.

Nein, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals dazu raten würde, das eigene Leben von einem Trash-Format inspirieren zu lassen. Doch die Show hat einen Aspekt, den ich mag: Menschen nehmen sich mal wieder richtig viel Zeit dafür, sich miteinander zu beschäftigen, sich zu unterhalten und kennen zu lernen. Denn dazu kommt es in der Realität (spätestens seit es Dating-Apps gibt) nur noch viel zu selten. Man schreibt sich normalerweise kurz, trifft sich zeitnah, vögelt miteinander oder/und ghostet sich. Ohne, dass man jemals den Nachnamen des anderen erfragt hätte. Und darum glaube ich, dass die Quarantäne uns dabei helfen kann, das Flirten wieder neu zu lernen.

Wie das konkret aussehen soll? Egal, ob es mit einem Kollegen Zoom gemacht hat, ihr euch bereits ein bis zwei mal mit einem interessanten Typen getroffen habt oder auf Tinder & Co. unterwegs seid – #StayHome haut dem ganzen nun eine Bremse rein und entschleunigt das Daten maximal. Weil wir uns vorerst nun einmal mit niemandem mehr treffen können, sondern einander, nun ja, eine Weile verbal bei Stange halten müssen.

Anders als die Kandidaten wissen wir natürlich, wie unser Gegenüber aussieht, doch auch uns bleibt nur, uns ganz langsam kennen zu lernen: Erstmal wird sich nur geschrieben, vielleicht beginnen wir zu telefonieren, bis irgendwann der virtuelle Höhepunkt kommt: Facetime.

Funktioniert niemals? Doch! Und Slow-Dating kann sogar das viel schönere und intensivere Kennenlernen sein. Ich habe mal jemanden bei Tinder gematched, als dieser gerade am Flughafen – auf seinem Heimweg – war.

Klar, unser Commitment hätte genau hier wieder vorbei sein können. War es aber nicht. Wir haben uns den ganzen Tag lang geschrieben, weil’s einfach lustig war. Am nächsten Morgen haben wir zu Sprachnachrichten gewechselt und am selben Abend zum ersten Mal telefoniert. Das haben wir von da an vier Wochen lang gemacht, jeden Abend sechs (!) Stunden lang. Durch diese langen Gespräche hat sich in kürzester Zeit nicht nur ein enormes Schlafdefizit eingestellt, sondern auch eine extrem große Vertrautheit. Wir haben uns von unserem Arbeitstag erzählt, und von unserer Kindheit. Wovon wir heute träumen und wovor wir Angst haben.

Der seltsame Mix aus absurder Geborgenheit und dankbarer Anonymität hat es leicht gemacht, sich zu öffnen.

Ohne groß darüber nachzudenken, was der andere von einem denken könnte.

Wir lernten, die Laune des anderen anhand der Stimme zu lesen und miteinander zu schweigen. Innerhalb einer Woche baute sich eine Nähe und Intimität auf, die auf anderem Wege so nicht möglich gewesen wäre.

Diese Art des Kennenlernens war eine der krassesten Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Ich hatte das Gefühl, alles über einen Menschen zu wissen, den ich noch niemals in meinem Leben gesehen hab. Und auch im Gegenzug vertraute ich jemandem extrem intime Dinge an, ohne ihm je in die Augen geschaut zu haben.

Nach einem Monat trafen wir uns dann zum ersten Mal. Das war crazy. Schließlich steht plötzlich jemand vor dir, über den du alles weißt, der dir total vertraut und zugleich wildfremd ist. Wie er wohl riecht? Wie er sich anfühlt? Unsicher und zugleich aufgeregt versuchte ich, die beiden Persona miteinander zu verknüpfen und die fehlenden Puzzleteile zu ergänzen. Nachdem wir zwei Stunden unbeholfen wie Teenager nebeneinander liefen, knutschen wir zum ersten Mal. So verknallt wie in dem Moment habe ich mich noch nie zuvor gefühlt. Hätte er mich an diesem Abend gefragt, ob ich ihn heiraten will, hätte ich vermutlich ja gesagt.

Im Unterschied zu der Reality-Show haben wir zwar nicht geheiratet, aber wir sind danach in die selbe Stadt gezogen und waren sechs Monate lang zusammen. Es war mit Abstand die intensivste Beziehung, die ich je hatte. Noch heute verbindet uns eine ganz besondere Freundschaft, weil das tiefe Verständnis für einander uns beide so sehr zusammengeschweißt hat, dass wir den anderen nie wieder missen wollen. Natürlich ist das nur meine ganz persönliche Erfahrung, eine ähnliche Geschichte kann auch in einer bitteren Enttäuschung enden, weil man sich wochenlang in etwas hineinsteigert, Luftschlösser baut, den anderen auf ein Podest hebt und beim Realitäts-Check dann die große Erwartungs-Seifenblase platzt. Hier muss einfach jeder auf sein Bauchgefühl vertrauen, das ist beim Daten doch sowieso der einzige Kompass, den man hat.

Basierend auf meinem eigenen Erlebnis stelle ich hier also die steile These auf, dass die aktuelle Quarantäne das Beste ist, was unserem Flirtverhalten passieren kann. Weil wir dadurch zu etwas gezwungen werden, was wir anders vermutlich nie wieder hinbekommen hätten: Uns mal wieder länger mit einem anderen Menschen auseinanderzusetzen und uns zu trauen, emotional tiefer zu tauchen.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Nadine Kaiser 23. März 2020 um 22:54 Uhr

    Ja genau! Ich habe vor 9 Jahren meinen Mann in einem Dating Portal kennengelernt. Wenn ich im Nachhinein davon erzählt habe, war es immer der entscheidende Unterschied zwischen a) nen Typen sehen, attraktiv finden, daten und dann merken, dass das, was aus seinem Mund kommt, nicht zu meinen Ohren passt oder b) mit jemandem erst ne Weile Emails geschrieben zu haben, zu merken, dass der Schreibstil passt, dann zu telefonieren-stundenlang über Wochen hinweg. Danach wie oben beschrieben alles voneinander zu wissen… wenn man sich dann noch beim ersten Treffen im wahrsten Sinne des Wortes „gut riechen kann“, steht einer Beziehung nichts mehr im Wege. Nach 3 Monaten kam der Heiratsantrag und zwei Jahre später unser Sohn zur Welt. Ich kann slowdating ebenso jedem wärmsten empfehlen:)

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  3. Janina 28. März 2020 um 21:37 Uhr

    Oh Anna-Lena, du bist einfach die coolste Frau in ganz Berlin. Super Artikel! Ich wünschte, ich könnte mit dir quarantänen! X Janina

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  4. Anna-Lena 31. März 2020 um 18:58 Uhr

    Liebe Nadine,
    ach wie cool, super spannend, dass du da ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hast! Vielen Dank für’s Teilen!! <3

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  5. Anna-Lena 31. März 2020 um 18:59 Uhr

    Hahaha, Janina, vielen Dank!! Ich würde mich freuen, dich kennen zu lernen!!

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