Wonach ist dir heute?
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Es ist 19.30 Uhr. Elternabend-Primetime. Viele gespannte, neugierige und auch ein wenig sorgenvolle Augenpaare blicken mir entgegen. Sie gehören Eltern, denen eine neue und sehr besondere Zeit bevorsteht – ihr Kind wird eingeschult. Heureka, lasset die Spiele beginnen!

Ich habe bereits viele dieser Abende hinter mir. Da gibt es die einen Fragen: Wie funktioniert das mit dem Hausaufgabenheft? Wie oft muss das Sportzeug mit nach Hause? Pappordner oder doch die aus Plastik? Hilfe, mein Kind kann noch nicht lesen Und dürfen nun eigentlich Süßigkeiten in die Brotdose? Es wird genickt, nachgehakt und mitgeschrieben.

Und dann gibt es da noch die anderen Fragen. Fragen, die nur wenige auf solchen Abenden stellen. Weil man fürchtet, sich lächerlich zu machen. Oder weil man Angst vor der Antwort hat. Oder weil man glaubt, man wäre die einzige Person mit diesen Sorgen. Dabei schlagen Elternherzen doch ziemlich ähnlich. Und darum immer her mit euren Ängsten. Denn so viel sei schon verraten:

Ihr seid nicht so hilflos, wie ihr vielleicht denkt.

Ok, gleich mal Butter bei die Fische. Ich habe Angst, dass mein Kind eine fiese Lehrkraft bekommt.

Auch wenn ich euch versprechen kann, dass ich wirklich viele ganz wunderbare Grundschullehrkräfte kenne, so kann ich diese Sorge erstmal verstehen. Das eigene Kind anderen Menschen anzuvertrauen ist kein leichter Schritt. Und bezogen auf den Schulstart heißt das in der Regel sogar, es in die Obhut eines meist noch fremden Menschen zu geben. Dementsprechend sensibel sind die elterlichen Antennen. Wird mein Kind gut behandelt? Wird Rücksicht genommen? Läuft alles fair? Von anderen Eltern habt ihr auch schon so einige Geschichten gehört. Und überhaupt sah die Lehrkraft der anderen Klasse auf dem Infoabend irgendwie netter aus.

Dinge wie diese können den unheimlich wichtigen Aufbau einer guten Eltern-Lehrkraft-Beziehung schnell negativ beeinflussen und damit am Ende auch nachteilig für euer Kind sein. Lasst euch also nicht zu sehr von euren Sorgen oder den Meinungen anderer leiten. Ab in die Offensive und mit ein bisschen Vertrauensvorschuss über den eigenen Schatten springen. Auf die Lehrkraft eures Kindes zugehen und Bande knüpfen: „Hallo, wir sind die Eltern von Arvid. Unser Kind freut sich schon sehr auf die Schule. Für Sie ist es doch bestimmt auch immer wieder aufregend, die neue Klasse kennenzulernen, oder?“

Denn auch, wenn ihr der Lehrkraft eventuell kritisch gegenübersteht, für euer noch junges Kind wird dieser Mensch in den nächsten Jahren eine unheimlich wichtige Bezugsperson sein. Und ihr bringt es in arge Bedrängnis, wenn ihr euch dazwischenstellt und Mauern aufbaut. Das kann für Kinder wirklich sehr belastend sein und wird oft unterschätzt. Ihr habt eure Schwierigkeiten mit manchen Methoden der Klassenlehrkraft, euer Kind berichtet aber sehr positiv von ihr? Dann überlegt, ob ihr das respektieren könnt und wägt gut ab, ob ihr die Beziehung mit Kritik belastet.

Sollten euch Dinge nachhaltig stören oder euer Kind sich gar negativ und hilfesuchend äußern, dann zeigt eurem Kind, dass ihr ihm zur Seite steht und nehmt den Kontakt zur Lehrkraft auf. Und wer sich zu Beginn (eben auch trotz aller Zweifel und Vorbehalte) um ein positives Verhältnis zur Lehrkraft bemüht, wird es im Falle des Falles deutlich leichter haben, auch mal kritische Auseinandersetzungen zu führen.

Mein Kind kennt niemanden in seiner Klasse. Ist das ein Problem?

Steht eine neue Situation bevor, dann ist es natürlich schon ein beruhigendes Gefühl, eine Freundin oder einen Freund an seiner Seite zu haben. Das gilt ja bis ins Erwachsenenalter. Aber ihr erinnert euch vielleicht noch daran, wie man damals als Kind auf dem Campingplatz keine halbe Stunde gebraucht hat, um neue Freunde zu finden.

Die ersten Schulwochen sind vor allem fürs Ankommen da.

Um Beziehungen und ein Miteinander aufzubauen. Manche Kinder sind da sehr schnell, andere brauchen mehr Zeit, aber sie finden zueinander. Bald werden die ersten Namen häufiger fallen und das geplagte Elternherz kann sich entspannen.

Aber was, wenn mein Kind ausgegrenzt oder gemobbt wird?

Wenn ihr über einen längeren Zeitraum das Gefühl habt, dass eurer Kind so gar nicht ankommen will, dass es keine Kontakte knüpft oder sogar bewusst ausgeschlossen wird, dann muss natürlich gehandelt werden. Welche Anzeichen auf Ausschluss oder Mobbing hindeuten können und wie ihr als Eltern helfen könnt, ist hier genauer nachzulesen: So oder so nehmt bitte umgehend Kontakt zur Klassenlehrkraft oder einer Vertrauenslehrkraft auf.

Ein kleiner Insider-Tipp an dieser Stelle: Lehrkräfte fühlen sich schnell unangenehm ertappt, wenn man sie auf solche Dinge anspricht. Schlichtweg, weil wir ständig fürchten, etwas nicht gesehen zu haben (was bei der Menge an Menschen, die wir begleiten, selbstverständlich passiert) und dafür verantwortlich gemacht zu werden. Schnell wird darum abgeblockt und gerechtfertigt. Es kann Wunder wirken, hier diplomatisch zu beginnen: „Frau Demir, ich brauche Ihren Rat. Ich habe den Eindruck, mein Kind findet keinen Anschluss. Es erzählt auch kaum von anderen Kindern und hat auch nie Verabredungen. Wir sind etwas besorgt. Haben Sie etwas beobachten können? Ich weiß, das ist sicherlich gar nicht so einfach bei so vielen Kindern. Aber ihre Einschätzung ist natürlich sehr wichtig für uns…“

Mein Kind trennt sich nicht leicht, wie soll ich den Übergang morgens gestalten? Darf ich es bis zum Klassenzimmer bringen?

Hui, eine große Streitfrage! Die Meinungen von Lehrkräften und Pädagogen gehen hier sehr auseinander.

Ich persönliche sehe das so – meine neuen Schützlinge waren eben noch Kindergartenkinder und ich hab bisher noch nicht den kindlichen „so-du-bist-jetzt-ein-Schulkind-und-darum-kannst-du-jetzt-alles-alleine“-Schalter gefunden. Niemand würde sich über die Notwendigkeit einer Eingewöhnung im Kindergarten streiten. Niemand würde in anderen Situationen verlangen, das eigene Kind ohne eine Übergangsphase bei einer fast unbekannten Person ratzifatz abzugeben. Aber schulisch werden da noch harte Fronten aufgebaut. Vielleicht liegt es daran, dass Lehrkräfte aus Angst vor Kritik ungern Eltern im Klassenzimmer haben. Man lässt sich nicht gern in die Karten schauen. Das macht angreifbar. Oder man möchte morgens Ruhe und Zeit für seine Klasse ohne großes Ankommensgewusel. Oder man fürchtet permanente Tür- und Angelgespräche. Alles verständlich, aber wer sich einer guten Eingewöhnung öffnen möchte, findet sicherlich Kompromisse. In den ersten Schulwochen eine feste Viertelstunde vor dem eigentlichen Unterrichtsbeginn, in der das Ankommen (mit oder ohne Eltern) eingeplant ist, man sich Zeit für ein paar Worte nimmt, die Beziehungen pflegt und den Übergang erleichtert.

Hat die Lehrkraft eures Kindes da aber andere Überzeugungen, dann verlagert das Abschiedsritual einfach vor das Schulgebäude. Begleitet euer Kind so weit wie möglich. Dann vielleicht eine Umarmung, ein geheimer Handschlag, ein wiederkehrender Satz. Bleibt so stehen, dass euer Kind euch noch sehen kann, wenn es sich umdreht. Vereinbart ein Zeichen, das euch euer Kind gibt, wenn ihr gehen dürft. Das Gefühl über die Trennung mitentscheiden zu können, gibt ihnen oft die notwendige Sicherheit, um den Sprung zu schaffen.

Wie merke ich, dass mit meinem Kind etwas nicht stimmt? Dass es nicht mitkommt oder sich langweilt?

Ankommen braucht Zeit. Gebt sie euren Kindern. Und uns Lehrkräften. Für die weitere Schulzeit vertraut auf die gute Beziehung zu eurem Kind und auf eure Elternantennen. Ihr wisst und spürt genau, wann sich euer Kind wohl fühlt, wann es ihm grundlegend gut geht. Und wann nicht. Ihr seht, ob es sich zurückzieht. Häufiger Bauchweh bekommt. Diese Intuition bleibt euch auch mit Schuleintritt erhalten. Versprochen. Und wenn ihr unsicher werdet, dann sind wir Lehrkräfte da. Redet mit uns: „Mia klagt morgens oft über Bauchschmerzen und möchte nicht in die Schule. Sie kennen mein Kind ja auch sehr gut. Haben Sie in den letzten Wochen vielleicht etwas bemerkt?“ Ihr seht schon, diese Sache mit einer guten, wertschätzenden Eltern-Lehrkraft-Beziehung ist eine echte Zauberformel. Und mit guter Kommunikation habt ihr da ganz viel in der Hand.

Ich hab, ehrlich gesagt, keine Lust auf Elternämter. Ist das ok?

Ihr habt weder Zeit, noch wirklich Lust, noch die entsprechende Skills für die gängigen Elternämter? Dann verzichtet auf eine solche Aufgabe. Nein, nichts annehmen. Auch nicht aus Pflichtgefühl oder schlechtem Gewissen. Und wenn man euch überreden möchte, dann kommuniziert ehrlich und klar: „Sehr schmeichelnd, dass ihr euch das vorstellen könnt, aber ich bin dafür nicht geeignet.“

Ihr könnt auch ohne Amt verlässliche und wertvolle Schuleltern sein.

Hilfe bei Schulausflügen, kleineren Projekten oder beim Faschingsbuffet sind für uns ebenso wichtig. Seid uns Lehrkräften wohl gesonnen, kommuniziert ehrlich, seid offen für eine vertrauensvolles, wertschätzendes Miteinander und schon leistet ihr einen kostbaren Beitrag für den schulischen Weg eures Kindes.

Ich habe keine guten Erinnerungen an die Schulzeit. Ich hab echt Schiss vor dem, was meinem Kind bevorstehen könnte…

Der Schulstart unseres Kindes stellt auch für Eltern eine Herausforderung dar. Erinnern wir uns doch nur allzu gut an ungerechte Lehrkräfte, unverständlichen Tafelunterricht, miese Noten, peinliche Bundesjugendspiele, fiese Mitschüler*innen und die EINEN Turnschuhe, die man brauchte, um dazu zu gehören, die man aber leider nie hatte. Für viele von uns war die Schulzeit nicht unbedingt eine rosige Zeit und so ist es nur verständlich, dass wir in Anbetracht der Tatsache, dass wir nun bald unsere eigenen Kinder in diese Welt entlassen, keine optimistischen Luftsprünge vollführen, sondern eher ein „na, ob das was wird“ murmeln.

Nun ist es aber so, dass sich Kinder besonders in so unbekannten Situationen an uns orientieren. Das ist evolutionär so geprägt: „Erstmal gucken, was die Großen machen. Das kann ja nicht so verkehrt sein.“ Und damit das auch gut klappt, sind die Sprösslinge mit besonders feinen Antennen ausgestattet. Sie spüren genau, wenn wir Angst haben. Und eben auch, wenn wir sorgenvoll gen Schulstart schauen. „Wenn meine Eltern so nervös auf die Schule reagieren, dann scheint mit dem Ort was nicht zu stimmen.“

Zum Glück hat diese Medaille aber zwei Seiten. Denn wir können eben auch genauso positiv beeinflussen und gute Gefühle wecken. Und da sich die meisten Kinder trotz aller Ungewissheit auf die Schule freuen, müssen wir eigentlich nur daran anknüpfen. Lesen lernen, bis 100 rechnen, Ausflüge, Freundschaften, Pausen, die neuen Stifte endlich benutzen, groß werden – das Schulkindleben birgt tolle Abenteuer und ganz viel Stolz. Sprecht über all das, was eure Kinder Schönes erwartet. Im letzten Jahr schrieb ich hier auf dem Blog bereits darüber, wie man den Schulstart positiv begleiten kann.

Aber die Sache mit dem Vertrauen. Wie schaffe ich das?

Unsere Kinder in die Schule zu entlassen, verlangt von Eltern ein enormes Vertrauen. Möchten wir doch unsere Kinder vor allem Negativen schützen und fürchten schnell um all die Hürden, die in der Schulwelt lauern. Wir haben sie schließlich selbst erlebt. Aber unsere Kinder sind ganz eigene Menschen. Dinge, die uns passiert sind, müssen nicht für unsere Kinder gelten. Und wenn doch, dann hilft es, die eigenen Erlebnisse als wertvollen Handlungsschatz zu betrachten: „Mein Kind macht andere Erfahrungen als ich. Aber wenn etwas schief läuft, bin ich da und habe vielleicht eine Lösung parat.“ Eine ungerechte Note, ein fieser Streit? Wir haben das durch und wissen vielleicht noch, was dann hilft. Zuhören. Einstehen. Trösten. Kakao machen. Wir können auf das zurückgreifen, was wir damals gebraucht haben oder hätten. Wir sind quasi wandelnde, hochkompetente Schulkrisen-Ratgeber. Weil „been there – done that“. Irgendwie tröstlich, oder?

Und an dieser Stelle noch ein zweiter hilfreicher Gedanke. Er stammt von der Therapeutin meines Kindes: „Auf Ihr Kind warten Krisen. Dagegen können Sie nichts tun. Verschwenden Sie Ihre wertvolle Energie nicht bei dem Versuch, jedes Problem von ihrem Kind abzuwenden oder dabei, sich nächtelang um alle mögliche Herausforderungen zu sorgen. Konzentrieren Sie sich lieber darauf, Ihr Kind auf diese Momente vorbereiten. Es stark zu machen. Und seine Widerstandskraft zu fördern.“

Die menschliche Fähigkeit, Krisen standzuhalten nennt sich Resilienz und kann früh von uns Eltern gestärkt werden. Was genau wir unseren Kindern bereits ab dem Babyalter mitgeben können, könnt ihr hier nachlesen. Die Schulwelt wird sicherlich Schwierigkeiten für unsere Kinder bereithalten. Aber wir haben sie bis hierhin liebevoll begleitet und sind auch weiterhin ihr Netz und doppelter Boden. Vergesst nicht, wie unheimlich wertvoll das ist.

Und wenn die Sorgerei zu groß wird, dann denkt an all die schönen Dinge, die hinter Schultüren lauern.

Pausenbrote tauschen, Film gucken, den ersten Satz alleine lesen, einen Auftritt meistern, Klassen-Adventskalender, das erste Mal einen Füller benutzen, vom Wochenende erzählen, die unbenutzten Mappen und Hefte im neuen Schuljahr, einen Streit lösen, Geburtstagskind sein und das einzig wahre „für-immer-Sommerferien“-Gefühl.

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