Wonach ist dir heute?
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„Ja, aber ich doch nicht“, denke ich, als ich mich durch die derzeitige Berichterstattung über das Thema Rassismus lese. Mit dem wohligen Gefühl, dass ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen. Verständnis ist schließlich mein zweiter Vorname. Aber wichtig, dass das Thema mal Fahrtwind kriegt, finde ich nicht nur als Mutter, sondern auch als Grundschullehrerin. Schließlich muss der Rest der Welt endlich mal aufwachen.

Und dann lese ich weiter. Und noch ein bisschen mehr. Und mein reines Gewissen wird immer kleinlauter und macht Platz für die unbequeme Erkenntnis – auch ich bin längst nicht „woke“, wach, wie es heißt, wenn einem als weißer Mensch klar ist, wie viel Rassismus es auf der Welt gibt. Tatsächlich habe ich sogar ziemlich verpennt.

Ich war schon irgendwie tolerant. Aber leider zu meinen eigenen Bedingungen. Ich habe sie oft passiert, die „Rassismusfreie Schule“-Schilder an Schulgebäuden.

Aber wenn man der Wahrheit ins Auge blicken will und sich trotzdem deutlich positionieren möchte, dann wären diese Schilder wohl die ehrlichere Variante: „Ja, bedauerlicherweise existiert auch an unserer Schule noch Rassismus. Wir können das nicht leugnen. Aber wir wollen ihn nicht mehr tolerieren und sind auf dem Weg, uns zu reflektieren und ihm die Stirn zu bieten.“

Apropos Ehrlichkeit …

In meiner täglich stattfindenden Lesezeit habe ich meiner Klasse in den letzten drei Schuljahren genau nur zwei Bücher von Autor*innen mit Migrationshintergrund vorgelesen. Meine Wahl fiel tatsächlich in erster Linie auf deutsche Klassiker oder auf Bücher, die eben gerade so im Trend lagen. Und nebst einseitiger Autor*innen war auch inhaltlich zugegebenermaßen nicht viel Diversität zu finden.

Um unsere Lehrwerke steht es im Übrigen nicht besser. Es wird sich um Vielfalt bemüht, aber so wirkt es oft auch: bemüht. In unserer Fibel habe ich zwar immerhin Abbildungen von BIPoC (Black and Indigeneous People/Person(s) of Colour) finden können, aber sie waren doch sehr deutlich in der Unterzahl und auch keine der durchs Buch führenden Hauptfiguren. Auch in meinem derzeitigen Mathebuch sind alle Hauptfiguren weiß. An dieser Stelle könnte ich die Verantwortung wieder schnell von mir weisen. Ich drucke diese Lehrwerke ja nicht. Ich kann doch nichts für die Auswahl von Texten und Bildmaterial. Aber ich habe auch niemals die Initiative ergriffen und diesen Missstand an die jeweiligen Verlage zurückgemeldet. Schlimmer noch – mir ist die fehlende Diversität nur selten aufgefallen. Als wir uns vor ein paar Jahren für das jetzige Lehrwerk entschieden haben, habe ich das Kriterium der Vielfalt ehrlicherweise kaum im Blick gehabt.

Damit aber noch lange nicht genug.

Selbst in meinen Unterricht haben sich diskriminierende Pauschalisierungen eingeschlichen.

Mehrsprachigkeit war bisher nämlich häufig meine universelle Antwort auf Lernschwierigkeiten bei Kindern mit Migrationshintergrund. Dabei hatte ich weder theoretische Grundlagen im Hinterkopf noch eigene Spracherfahrungen zur Verfügung, die dieses pauschale Urteil so einfach zugelassen hätten. Tatsächlich zeigt mir ein genaueres Einlesen in die Thematik, dass diese Annahme schlichtweg nicht stimmt. In meinem Erfahrungshorizont aber erschien sie mir logisch: „Kein Wunder, dass Aliye die Textaufgaben so schwerfallen, zuhause wird ja nur türkisch gesprochen.“ Und muss mir jetzt eingestehen, dass ich bei einem Kind mit deutscher Muttersprache gleich in mehrere Richtungen überlegt hätte. Ich hätte schneller Anschauungshilfen gegeben, damit das Kind sein mathematisches Können unter Beweis stellen kann.

Und dann wäre da noch die Sache mit der Beurteilung der unterschiedlichen Sprachen. Wie faszinierend fand ich doch meinen Schüler, der neben seiner dänischen Muttersprache auch schon fließend Englisch sprach, bevor er in meine Klasse kam und mit dem Erlernen des Deutschen als seiner dritten Sprache begann. Befürchtete ich Schwierigkeiten? Kaum. Ich war beeindruckt und sah in dieser kompetenten Mehrsprachigkeit große Chancen. Dachte ich genauso euphorisch über Kinder mit beispielsweise türkischer Muttersprache? Die Antwort ist auch diesmal nicht rühmlich.

Und zum Schluss könnten wir ja nochmal einen Blick darauf werfen, wie häufig das Thema Rassismus selbst Lerngegenstand meines Unterrichtes ist. Es taucht im Lehrplan auf. Hier und da. Aber wenn wir ehrlich sind, sind das auch die ersten Themen, die man schiebt oder nur kurz anreißt, wenn es an Zeit für die „wichtigeren“, weil zu benotenden Themen- und Lerninhalte fehlt. #systemfehler

Das Zugeben ist schwer. Ach man, wie gerne würde ich, aber … Wie gerne würde ich leugnen. Wie gerne würde ich mich rechtfertigen. Aber wer sich als weiße Person dem Thema Rassismus stellen möchte, muss eben auch diese verdammt unbequemen Gefühle und jede Menge Scham aushalten und bereit sein, eigenes Fehlverhalten einzusehen.

Was können wir Lehrer*innen also tun?

1. Informiert euch!

Vielleicht geht es vielen von euch so wie mir. Sich ertappt fühlen. Begreifen, was man alles nicht gewusst oder zu wenig hinterfragt hat. Schlimm genug, dass es so lange so war, aber spätestens ab jetzt darf Unwissenheit nie wieder als Ausrede gelten. Lest. Hört zu. Fragt betroffene Eltern oder Schüler*innen um Rat. Bücher wie „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters oder „Exit Racism“ von Tupoka Ogette sorgen für unzählige Aha-Momente.

Die Reportage „Gleiche Leistung, schlechtere Noten: Rassismus in der Schule“ vom SWR gibt wachrüttelnde Einblicke in die Schulrealität.

2. Nehmt euch Zeit!

Wir brauchen Zeit, um mit Kindern über Rassismus zu sprechen. Um Konflikte nachhaltig aufzulösen. Nicht immer alles zwischen Tür und Angel. Aber das System macht es uns schwer. Wir hetzen unsere Schüler*innen von Thema zu Thema. Ich wünsche mir mehr Freiraum. Und so lange er von unseren Ministerien nicht kommt, müssen wir eben die Initiative ergreifen. Dann eben nicht über die Körperteile des Marienkäfers sprechen, sondern mal gemeinsam ins Federmäppchen gucken. Über Hautfarbestifte sprechen. Mal einen Konflikt in den Mittelpunkt stellen. Darüber sprechen, wie man reagieren kann. Sich Zeit nehmen, um Expert*innen in die Schulen zu holen. Sozialtraining auf den Stundenplan!

3. Respektiert Kinderstimmen!

Ein Ort, an dem sich Toleranz und Gleichberechtigung entfalten sollen, braucht nämlich Augenhöhe.

Würden sich meine Schüler*innen trauen, mich auf Fehlverhalten hinzuweisen?

Würden sich betroffene Kinder an mich wenden und Hilfe suchen? Wenn nicht, fehlt mir ein wichtiger Faktor für die Eindämmung und Bekämpfung von Rassismus an Schulen. Dann bleibt vieles einfach so stehen. Oder geht an mir vorbei.

Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche sich stark machen, dann müssen sie vom ersten Schultag an ihre Stimme als wertvoll erleben. Ich als Lehrkraft muss ihnen von Beginn an ein offenes Ohr vermitteln, sie Kritik üben lassen und auch in der Lage sein, mich zu entschuldigen.

4. Unterschiede zulassen!

In unserer Schulwelt dreht sich viel zu viel um das Angleichen. Alle sollen möglichst alles zur gleichen Zeit gleich gut können. Und wenn nicht, dann wird nach Wegen gesucht, dieses Level irgendwie herzustellen. Verbunden mit der ständigen Message: „Du bist nicht gleich. Und das ist ein Problem, dass wir beheben müssen.“ So meinen wir das nicht. Keine Lehrkraft mit Herz denkt so und dennoch werden uns seit unseres Studiums die wachsenden Unterschiede und die Heterogenität der Schüler*innen irgendwie eher als negative Herausforderung vermittelt, mit der man nun leider irgendwie umgehen muss. Und diese Sprache hat unser Denken geformt.

Lasst uns das ändern und Unterschiede endlich als Chance begreifen. Und sie auch zulassen. Nein, wir sind nicht alle gleich. Zum Glück. Wir müssen nicht alle dasselbe wissen, dasselbe können, nicht alle die gleiche Sprache sprechen, nicht alle die gleichen kulturellen Erfahrungen gemacht haben, wir müssen nicht alle gleich aussehen, um gut als Gruppe miteinander zu funktionieren. Ganz im Gegenteil. Es ist wunderbar, dass wir so unterschiedlich sind. Lasst uns den Wert von Einzigartigkeit vermitteln. „Toll, dass du was anderes kannst als ich. So können wir uns unterstützen.“

5. Mehr Diversität ins Schulpersonal!

2017 betrug der Anteil an Lehrkräften mit Migrationshintergrund an allgemeinbildenden Schulen insgesamt gerade einmal acht Prozent, an Grundschulen sogar nur vier Prozent. Ein Bildungssystem, das in großer Mehrheit von weißen privilegierten Menschen der Mittelschicht gestaltet wird, bietet leider auch viele Möglichkeiten für Rassismus. Weil wir aus einer anderen Lebenswirklichkeit heraus handeln. Und auch, wenn wir uns diesbezüglich gerade sehr reflektieren, brauchen wir Vielfalt und Austausch, um unser System nachhaltig offener und toleranter zu machen. Wir müssen uns also dringend darum bemühen, die Diversität im Schulpersonal (Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen, weitere Fachkräfte) zu erhöhen und uns auch fragen, warum das bisher nicht der Fall ist.

6. Bildet euch fort!

„Du Kakaofratze!“ Geschrei auf dem Flur. Sätze wie diese fallen tagtäglich. Scherzhaft dahingesagt oder angriffslustig ins Gesicht gebrüllt. Sie sind Gegenstand unserer Schulwelt. Was tust du als Lehrkraft, wenn du das siehst und hörst?

Wenn wir ehrlich sind, ist das Lösen von Konflikten oft eine deutliche Kompetenzlücke bei Lehrkräften. Bei mir jedenfalls war das lange so. Viele Konflikte, egal ob mit rassistischer oder anderer Motivation, viele Diskriminierungen und Beleidigungen finden ihren festen Platz an unseren Schulen, weil sie zu wenig bearbeitet werden. Wir Lehrkräfte schauen zu oft weg. Und das nicht, weil wir kein Interesse daran hätten, sondern schlichtweg aus Überforderung. Wir wissen nicht, was wir tun oder sagen sollen. Wir wissen nicht, wie wir helfen und klärend einschreiten können. Es ist nicht Teil unserer Ausbildung. Das gilt es zu ändern. Wir müssen Fortbildungen in diesem Bereich ganz weit oben auf die Tagesordnung setzen. Wir brauchen Handlungsstrategien und klare Leitlinien, die einheitlich im Kollegium abgesprochen und umgesetzt werden. Es muss klar sein, mit rassistischen Äußerungen kommt man an dieser Schule nicht weit.

Viele Impulse und Kontakte dazu gibt es bei www.schule-ohne-rassismus.org oder auch in den Leitfäden der Antidiskriminierungsstelle des Bundes www.antidiskriminierungsstelle.de

7. Schafft gleiche Bildungschancen!

Zahlreiche Studien wie die des Instituts für Bildungsforschung der Universität Wuppertal belegen, dass Kinder mit Migrationshintergrund bei gleichen Leistungen schlechter bewertet und eingeschätzt werden.

Grund dafür sind unsere hartnäckigen Vorurteile. So wie ich, schauen wir oft sorgenvoll auf die Mehrsprachigkeit, meist ohne so richtig vertieft informiert zu sein. Wir nehmen viel an und wissen noch zu wenig. Und an dieser Stelle verweise ich an Punkt 1: „Informiert euch!“ Ich jedenfalls stelle bereits seit den wenigen Tagen meines Wachrüttlers fest, dass ich den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen nochmal viel positiver begegne. Das tut mir gut. Und auch den Kindern merklich. Ein Eindruck, der übrigens von den Erkenntnissen der oben genannten Studie wissenschaftlich gestützt wird.

8. Prüft euer Material und eure Lehrwerke!

Der Blick in meine Lehrwerke und in meine Klassenbücherei war ernüchternd. Es ist jetzt dringend an mir, das anzupassen. Gute Anhaltspunkte für passende diverse Bücher (z.B. als Klassenlektüre) gibt die Seite buuu.ch

Ab heute ist Diversität wichtiges Auswahlkriterium für meine Unterrichtsmaterialien und ich werde mich auch nicht mehr scheuen, Verlage auf einseitige Darstellungen hinzuweisen.

9. Haltung zeigen – immer und ohne Ausreden

Laut der Berliner Antidiskriminierungsbeauftragten für Schulen Saraya Gomis gehen rassistische Diskriminierungen deutlich weniger von Mitschüler*innen aus, sondern meist von Lehrer*innen oder Erzieher*innen.

Na ja, gut, das ist halt wieder deren andere Mentalität. Die verstehen das nicht.“ Morgens, halb zehn, in Deutschland – Sätze aus dem Lehrer*innenzimmer. Schnell dahingesagt stehen sie im Raum. Und jetzt gilt es, sich zu solidarisieren. „Ich sehe das anders.“ Vielleicht finde ich am Anfang noch nicht die treffenden Worte. Vielleicht überzeuge ich damit auch keine oder keinen meiner Kolleg*innen, aber ich habe mich positioniert. Ich habe diesem Satz eine hörbare Gegenstimme gegeben und gezeigt: „Ich dulde das nicht.“

Und für alle, die wie ich auch immer erst 30 Minuten später schlagfertig sind: Die App konterbunt.de gibt einem spielerisch die Möglichkeit, sein Bewusstsein für Parolen jeglicher Art zu schärfen, und trainiert gleichzeitig, was man diesen Äußerungen sinnvoll entgegensetzen kann.

 

Und was können die Eltern tun?

Bestärkt uns in unserer Themenauswahl. Unterstützt uns beim Auslassen der Marienkäferteilchen. Gebt sozialen Themen auch von eurer Seite Gewicht. Ja, auch wenn sie nicht benotet werden.

Redet mit uns. Euer Kind berichtet von Diskriminierungen, die uns entgehen? Bitte teilt uns das mit. Wir werden nie alles mitbekommen. Wir sind auf Rückmeldung angewiesen. (Und liebe Lehrkräfte, dann nicht angegriffen und bloßgestellt fühlen, sondern dankbar sein, dass wir nicht immer alles allein sehen müssen!)

Euch selbst fällt Ausgrenzung auf? Übernehmt Verantwortung. Gebt das an Elternsprecher*innen weiter. Thematisiert das auf Elternabenden. Sprecht für die, die nach jahrelangem Kampf keine Kraft mehr haben.

Beim Organisieren von Schulfesten einfach mal nur Speisen anbieten, die niemanden ausgrenzen. Und ja, das geht. Bei Allergien sind wir dazu ja auch bereit und finden durchaus wunderbare Alternativen.

Kümmert euch um eine gute Klassenelterngemeinschaft. Unterschiedliche Sprachen dürfen zum Beispiel keine bequem vorgeschobene Hürde sein. Aufeinander zugehen geht auch ohne viele Worte. Grenzt nicht aus WhatsApp-Gruppen aus. Versucht wichtige Informationen in den Gruppen übersetzen zu lassen.

Schaut kritisch auf die Diversität in Büchern, Serien, Filmen und Spielen, die ihr eurem Kind bereitstellt. Diverses Spielzeug findet ihr hier: tebalou.de Und wenn ihr auf etwas Schönes stoßt, dann freuen wir uns über eine Empfehlung. Wir sind ein Team, ich kann es nicht oft genug sagen.

Achtet auf eure Sprache. Euer Kind erzählt von dem neuen Mitschüler Jamaal? Lasst eure erste Frage nicht sein: „Oh, wo kommt er denn her?“ Fragt lieber: „Und? Meinst du, er hatte einen schönen ersten Tag?“

Sprecht schon früh mit eurem Kind über Rassismus. Das ist kein reines Schulthema. Es ist gesamtgesellschaftlich. Auf buchkind-blog.de/bilderbuch-kinderbuch-gegen-rassismus-fuer-toleranz/ findet ihr wunderbare Bücher, die das Thema kindgerecht aufgreifen.

Liebes Schulsystem, ich bin da. Spät. Aber ich bin da. Und ab jetzt, wenn ich ein Schulgebäude betrete, vorbei am „Rassismusfreie Schule“-Schild, werde ich dafür kämpfen, dass es jeden Tag ein bisschen mehr stimmt.

 

Fotos: Vidha Schröder / @liebe_im_quadrat

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Laura 18. Juni 2020 um 09:36 Uhr

    Einfach nur Hut ab!

    Ein wunderbarer Text, voller so wichtiger Ansatzpunkte und vor allem konkretes “An- die- Hand- nehmen”.

    Danke Danke Danke !

    Antworten
  3. Judith 18. Juni 2020 um 10:27 Uhr

    Vielen Dank für diesen ehrlichen Artikel! Es ist so wichtig, ehrlich zu sein und das eigene Verhalten zu reflektieren. Denn wir alle sind ja nicht Fehler und selten auch Vorurteilsfrei. Ich habe selber Migrationshintergrund, aber auch das schützt mich nicht davor, Vorurteile zu haben. Einiges in deinem Text hat mich nachdenklich werden und mein eigenes Verhalten überdenken lassen – danke dafür!

    Antworten
  4. Nina 18. Juni 2020 um 10:43 Uhr

    Vielen Dank für diesen tollen, ehrlichen und wachrüttelnden Artikel! Es muss sich noch so viel bewegen. Nein. Wir müssen noch so viel bewegen. Ich muss und kann noch so viel bewegen und verändern. Ich fühle erkenne (leider) die gleich Verhaltensmuster bei mir als Mutter, z. B. im Hinblick auf die Auswahl von Büchern etc. Und es sind so viele vermeintlich kleine Dinge, die wir verändern können – auch im privaten. Ich möchte das Thema gerne auch in unsere Kita mitnehmen. Weil auch da sollte es entsprechende Literatur, Malstifte mit verschiedenen Hautfarben etc. geben.
    Toll fand ich auch die vielen, sehr hilfreichen Links!

    Dabke und liebe Grüße
    Nina

    Antworten
  5. Hannah 18. Juni 2020 um 13:31 Uhr

    Bravo, Bravo!

    Seit ich vor einer gefühlter Ewigkwit die Repräsentation von Afroamerikanern in Lehrwerken für den Englischunterricht analysiert habe, bin ich ensetzt über so viel Rassismus in unseren ach so tollen Interkulturellen Kompetenzen! Dein Artikel fasst das super zusammen, hier kann sich jeder angesprochen und ermutigt werden.

    Antworten
    • Frauke 18. Juni 2020 um 21:41 Uhr

      Danke für das Erinnern und all die vielen Links.
      Ich bin Lehrerin und mache, nachdem meine Elternzeit letzte Woche zu Ende gegangen ist, gerade nur Vertretung, bei der ich dies mit den Kindern behandeln will… Und merke gerade wie plump das ist, dass das nur ein Thema für Vertretung sei… Aber vielleicht immerhin ein Anfang?

      Antworten
  6. Anemone 18. Juni 2020 um 15:03 Uhr

    Danke. Ich nehme gerade meinen Sohn von der einen Schule, wo er erst in diesem Schuljahr durch Umzug neu hinzugekommen ist, weil er dort monatelang rassistischem Mobbing Verhalten ausgesetzt war, bis er entsetzend viel an Lernlust und Lebensfreude eingebüßt hatte. Was hat seine Klassenlehrerin gemacht, als sie in einem Elterngespräch schon vor Monaten auf die Situation aufmerksam gemacht wurde? Genau, gar nichts. Schön geredet, ignoriert. Hat sie sich für dafür interessiert, wo er gerade sein letztes Schuljahr verbracht hatte ( indigene Schule in Ecuador) oder wo die kulturellen Wurzeln seines Vaters liegen? Sie und der Rest der Klasse hätten unglaubliche Abenteuer-Geschichten hören können. Nein, wäre wohl zu spannend geworden, vielleicht hätte man auch mal was neues lernen können. Stand ja auch nicht im Lehrplan.
    Im Lehrplan steht ja auch nicht, daß man Schülern, die einen anderen mit den Worten (” Du besoffener Afrikaner”- gleich 2x eine 6 und Nachhilfe in Geographie und Biologie, da Ecuador nicht in Afrika liegt und man ohne Alkohol nicht betrunken sein kann) zur Rede stellen muss….Ernsthaft, das will doch keiner, das solche Werte vermittelt werden, und sei es durch träges Unterlassen, da klare Grenzen zu setzen.

    Antworten
  7. Susanne Strobach 18. Juni 2020 um 15:17 Uhr

    Liebe Saskia,

    mal wieder vielen Dank an Dich für den tollen Artikel!
    Mir ging es genau wie Dir – erst dachte ich, dass ich mit dem Thema nichts zu tun habe. Und je mehr ich mich und meine Arbeit hinterfragt habe, desto mehr musste ich mir rassistische Handlungsweisen eingestehen.

    Als Logopädin finde ich super, dass Du das Thema Mehrsprachigkeit ansprichst. Wir haben in unserer Praxis einen hohen Patientenanteil mit ausländischen Wurzeln. In den Kindertherapien sind wir von verordnenden Ärzten oft dem Vorurteil ausgesetzt, wir würden nur „kostenlose Deutschkurse“ für die Kinder anbieten. Und bei pädagogischem Personal hören wir oft noch das Vorurteil, mehrsprachige Erziehung führe zu Sprachentwicklungsverzögerungen.

    Tatsächlich ist das kindliche Gehirn dafür ausgerüstet problemlos mehrere Sprachsysteme gleichzeitig zu erlernen ohne dabei Nachteile im Spracherwerb zu haben.
    Wenn ein mehrsprachig aufwachsendes Kind eine Sprachentwicklungsstörung (z.B. eingeschränktes Sprachverständnis) ausweist2, hat das Kind immer Probleme in BEIDEN Sprachen, d.h. das Kind hat grundsätzliche Spracherwerbsprobleme, die nichts mit der Mehrsprachigkeit zu tun haben!

    Im Interesse der Kinder finde ich es wichtig diese Information breitflächig zu streuen, damit die betroffenen Kinder die nötige therapeutische Förderung und damit die viel zitierte „Chancengleichheit“ erhalten!

    Viele liebe Grüße,
    Susanne

    Antworten
    • Saskia 18. Juni 2020 um 21:46 Uhr

      Danke für diese Rückmeldung. Ja, ich lese mich da gerade sehr ein und merke, wie wenig ich da wusste und wie viel ich einfach angenommen habe!
      Danke nochmal, dass du es mit deiner Expertise stärkst.

      Antworten
  8. Hanna 18. Juni 2020 um 17:06 Uhr

    Liebe Saskia,
    toller und sehr wahrer Artikel!

    Wir sind seit einem Jahr „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, was leider nicht heißt, dass wir rassismusfrei sind, uns aber deutlich positionieren und auf den Weg machen wollen. Ich kann dieses Netzwerk wirklich jeder Schule nur empfehlen, da können auch schon Grundschulen mitmachen soweit ich weiß.

    Antworten
  9. Kadiriye 18. Juni 2020 um 19:50 Uhr

    Mein Grundschul-İch und mein Jetzt-İch ..

    Und ich schäme mich dafür, dass ich mich dafür geschämt habe, wenn meine Mutter in der Öffentlichkeit auf türkisch mit mir gesprochen hat, wenn sie mich abgeholt hat
    Und ich schäme mich jetzt dafür, dass ich mich nicht traue, in der Öffentlichkeit türkisch mit meinen Kindern zu sprechen. Und alles nur, damit keiner sagen kann, “siehst Du, deshalb können die alle kein Deutsch.”
    Dabei habe ich Deutsch und Politik studiert und könnte jedem Vorurteil locker parieren.
    İch bin ein Beispiel dafür, dass auch wenn zu Hause türkisch gesprochen wird, man super deutsch lesen und schreiben kann. İch hatte noch nie Probleme mit der Sprache. Zur Sprachentwicklung gehören noch viel mehr Faktoren…
    İch habe meine Grundschullehrerin geliebt und sie hat mir nie das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören. Natürlich kannte ich viele Klassiker noch nicht, aber das ist mir nie zum Verhängnis geworden. İch habe ein gutes Fundament bekommen und wünsche es jedem. İch weiß, dass sehr viele diese Erfahrung nicht haben können. İch durfte von meinen Wurzeln erzählen, ich durfte von meinen Erlebnissen bei meinen Großeltern in der Türkei erzählen und was ich dort gemacht habe. Ohne Wertung.

    Antworten
  10. Eadaoin Boese 19. Juni 2020 um 09:37 Uhr

    Wonderful to read. Oh how I wish this was the norm in all German schools… celebrate instead of castigate differences. School in Germany is a cruel theater. Ausgrenzen is the norm. Ugly, ugly, ugly. I am thankful for your post.

    Antworten
  11. Marta 19. Juni 2020 um 12:42 Uhr

    Wunderbarer, ehrlicher Artikel! Danke für diesen persönlichen Einblick und das mutige und selbstreflektierende Zugeständnis, es selbst noch nicht perfekt zu machen.
    Bewusstsein ist der erste Schritt zur Veränderung, ich schneid mir ne Scheibe davon ab. Grade im Kindesalter wird viel geformt, was dann später als normal gilt. Danke für diesen Text, mich motiviert er sehr, denn in einer Welt, in der so viele Ausgrenzungen stattfinden, kann und möchte ich nicht weiter stumm bleiben und mich auch in diesem wichtigen Thema selbst hinterfragen. ES WIRD ZEIT!

    Antworten
  12. Claudia 19. Juni 2020 um 16:55 Uhr

    Wow! Sehr ehrlich, sehr gut! Ich dachte auch wir wären nicht schlecht, mein Mann unterrichtet u.a. Geflüchtete, meine Mädels gehen/ gingen auf eine sehr bunte große Schule, wir leben sehr offen. Aber mir wird gerade bewusst wie viele Möglichkeiten es gibt, Fehler zu machen und wie oft ich wohl schon jemandem unbewusst wehgetan habe. Ich werde immer zerknirschter und finde es sehr schwierig. Wie wenn man in der Schule nicht richtig aufgepasst hat… aber ich bin und bleibe lernfähig.
    Danke für deine Offenheit und die vielen Tipps
    Claudia

    Antworten
  13. Michele 19. Juni 2020 um 22:19 Uhr

    Vielen Dank für diesen ehrlichen, großartigen Artikel!
    Ich kann so vielem nur zustimmen, es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Als Halbamerikanerin bin ich selbst hier zweisprachig aufgewachsen, meine Mutter hat mit mir nur englisch gesprochen. Das finden viele toll, die gleichzeitig verlangen, dass in türkischen oder arabischen Familien deutsch gesprochen werden soll.
    Da wir viele Kinderbücher aus USA und Großbritannien haben, taucht das Thema der verschiedenen Hautfarben öfter auf. Ein großartiges Buch dazu ist „The Color of Us“ von Karen Katz.
    Ich denke, was Schulen machen können, ist flexibel zu sein. Im Englischunterricht meiner älteren Tochter (8. Klasse) wurde gerade das Thema „Stars“ angefangen. Die Referendarin, die sie unterrichtet, hat sie gleich die im Buch aufgeführten Stars anschauen lassen, von denen nur einer nicht weiß war (Will Smith). Sie haben jetzt gemeinsam entschieden, ihren Schwerpunkt auf prominente POC zu setzen: Beyonce, Megan Markle, etc.
    Und ja, mehr Raum im Lehrplan, um auf besondere Themen einzugehen, sei es gesellschaftliche oder solche, die in einer Klasse grad wichtig sind, wäre so wichtig!

    Antworten
  14. Carmen Delgado 24. Juni 2020 um 17:07 Uhr

    Mein Sohn wächst viersprachig auf, ist halt so mit unserer Familienkonstellation. Ich kann nicht mehr nachzählen, wie oft schon jemand mehr oder weniger direkt (und immer ungefragt) suggeriert hat, dass mein Mann doch aufhören könnte mit ihm Amharisch zu sprechen und stattdessen halt nur Englisch, denn das sei “nützlicher”. Hauptsache die einzige afrikanische Sprache wird eliminiert, denn diese hat ja keinen Wert – abgesehen von der Stärkung der Vater-Kind-Beziehung, die wirtschaftlich ja nun wirklich irrelevant ist…

    Im Unterschied zu mir haben diese “Expert_innen” keinerlei Fachwissen in Mehrsprachigkeit (oder Erziehung) und argumentieren einfach aus ihrem eigenen eingeschränkten und meist privilegierten Erfahrungshorizont heraus.

    Es ist ok, als Forscherin im Bereich Mehrsprachigkeit kann ich mich wehren. Aber so viele Migrant_innen geben ihre Mutter- und Vatersprachen auf, weil Fachpersonen in Autoritätspositionen ihnen davon abraten, ihre Kinder zu “verwirren”. Sprache gibt Wurzeln, Halt und Selbstvertrauen und gehört zum Aufbau einer persönlichen Identität, sie ist nicht verwirrend und es ist auch nicht schlimm, wenn Kinder einige ihrer Sprachen nur teilweise oder rudimentär beherrschen. Es geht nicht um Leistung sondern um Beziehung.

    Dieser Blog-Artikel hat mich so gefreut, weil Sie als Lehrerin an vorderster Front sind und wirklich Einfluss nehmen können. Bitte, bitte, bitte überzeugen Sie so viele Lehrer_innen wie möglich davon, dass soziale Ausgrenzung und nicht Mehrsprachigkeit das Problem sind und auch, dass sie vielleicht nicht unbedingt das notwendige Wissen über Mehrsprachigkeit mitbringen um das zu beurteilen…

    Antworten
  15. Ina 24. Juni 2020 um 17:31 Uhr

    Toller Text, sowohl sprachlich, als auch inhaltlich!
    Und endlich mal ein Text, der nicht nur mit “müsste” und “sollte” daherkommt, aondern Handlungsempfehlungen an die Hand gibt und weiterführende Informationsquellen nennt.
    Vielen Dank für diesen tollen Text!

    Antworten

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