Wonach ist dir heute?
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Wenn es darum geht, Geld zu verdienen, sind der Phantasie der Amerikaner keine Grenzen gesetzt. Ein New Yorker Start-up lässt sich jetzt für etwas bezahlen, das man eigentlich genauso gut und billiger alleine machen könnte: konzentriert arbeiten. „Caveday“ passt auf, dass überwiegend junge Freiberufler sich vier Stunden lang nicht von Instagram, Facebook, Twitter und all den anderen Verlockungen des Internets ablenken lassen. Ich habe es ausprobiert.

Mit einer Höhle hat der sonnendurchflutete Loft im siebzehnten Stock in Manhattan nicht viel zu tun. 13 Freelancer sind hier an einem Donnerstagmorgen zusammengekommen. Wenn ich nicht auf Recherche bin, arbeite ich von zuhause. Auch ich hänge zwischendurch mal die Wäsche auf und telefoniere mit Freunden, aber mit Selbstdisziplin und Prokrastination habe ich eigentlich kein Problem. Die anderen Höhlenbewohner offensichtlich schon. Sonst wären sie wohl nicht hier, denke ich mir. Und Menschen wie sie gibt es überall. Caveday boomt in New York, Los Angeles, Dallas. Und mit Hilfe von Webcams lassen sich Menschen in aller Welt freiwillig von Caveday-Mitarbeitern beim Arbeiten überwachen. Auch in Deutschland. Big Brother is watching you!

Mit einer Stirnlampe und einer „Monotasker“-Mütze auf dem Kopf versammelt Caveday-Gründer Jeremy Redleaf die Teilnehmer um einen Stehtisch. Er erfand die gemeinsame Höhlenarbeit vor vier Jahren nach einer Phase beruflicher Unzufriedenheit und Unproduktivität. Mittlerweile ist er mit sich und seiner Arbeit wieder im Reinen und verdient mit Caveday gutes Geld.

Zu Beginn jeder Session sammelt der 35-Jährige alle Handys ein.

Dann berichten die Höhlenarbeiter, was sie heute schaffen wollen. Redleaf nennt das „positive peer pressure“. Eine Zukunftsforscherin will einen 200 Seiten starken Bericht durcharbeiten, eine Coaching-Expertin einen Marketingplan erstellen, ein Journalist eine Theaterkritik verfassen, Caveday-Gründer Jeremy bei seinem neuesten Drehbuch vorankommen. Klingt alles sehr ambitioniert. Ich will mich vor den anderen (oder mir selbst?) nicht so recht festlegen und sage alles und nichts sagend: „Liegengebliebenes Zeug abarbeiten.“ Niemand hat Einwände.

Aber wir temporären Höhlenbewohner sagen nicht nur, was wir in der Höhle schaffen wollen, sondern auch, was wir nicht mit in die Cave nehmen wollen. E-Mails, Müdigkeit, Ablenkung, Selbstzweifel – in Gedanken notieren wir auf kleinen Schnipseln, was draußen bleiben soll. Anschließend lässt Caveguide Jeremy die Zettel in einer Stichflamme verpuffen. Er sagt, dass Rituale wie diese uns helfen, effektiv zu arbeiten. Ich wundere mich, dass die Rauchmelder offenbar nicht sehr effektiv arbeiten.

Dann beginnt der Arbeitstag in der Höhle mit einem Gong von Jeremys Klangschale und der Aktivierung des Timers auf seiner Smartwatch. Zunächst macht es mich ein bisschen nervös, mein Telefon nicht in Griffweite zu haben. Doch das Handy ist schnell vergessen und bald habe ich die erste Konzentrationsphase, „Sprint“ genannt, geschafft. Nach einer kurzen Pause klatschen die Höhlenmenschen sich beidhändig und zeitgleich ab.

Ich komme mir vor wie in einem drittklassigen Motivationsseminar, alle anderen scheinen es toll zu finden.

Sekunden später ist es – abgesehen vom Tastaturgeklapper – wieder so still wie in einem Schweigekloster. Man muss nicht wie bei Starbucks belanglose Gespräche fremder Leute mithören und nicht interessiert tun, wenn die Kollegen im Büro mal wieder ausführlich erzählen, was sie am Wochenende alles Spannendes gemacht haben. Man kann einfach arbeiten. Oder besser gesagt: Man muss arbeiten.

„Hier haben alle dasselbe Ziel. Alle kämpfen den Kampf gegen die Ablenkung. Caveday hilft, ihn zu gewinnen. Denn Zeit ist eine nicht erneuerbare Ressource. Wir sollten damit effizient umgehen“, erklärt Jeremy Redleaf mir, als die letzte Arbeitsphase geschafft ist. Ob man die gewonnene Zeit später für ein ausgiebiges Lunch mit Freunden nutzt oder einfach weitermalocht, ist dem Filmemacher völlig egal. Hauptsache: gut gearbeitet.

25 Dollar zahlen die Teilnehmer für eine Session. Wer mehrfach pro Woche kommt, kann für 99 Dollar einen Monatspass kaufen. Aber könnte man sich das Geld nicht sparen? Ist es nicht so, als würde man jemanden dafür bezahlen, den eigenen Fernseher auszuschalten, weil einen die ständige Berieselung nervt? Andererseits: Yoga und Fitness könnte man auch alleine machen! Trotzdem leben viele Yogalehrerinnen und ein paar Yogalehrer sowie ungezählte Personaltrainer davon, dass man offenbar doch manchmal jemanden braucht, der einem hilft, den inneren Schweinehund zu überwinden. Auf der Yogamatte, an der Hantelbank und in der Cave in New York auch am Computer. Aus Sicht der vielen Stammgäste sind die Gebühren jedenfalls eine gute Investition.

In Amerika, wo mit Superlativen traditionell nicht gerade sparsam umgegangen wird, schreiben sie auf der Seite des Start-ups. „Caveday hat mein Leben verändert!“ Und: „Seit Jahren bin ich nicht mehr so produktiv gewesen.“

Mein Leben ist nach Caveday eigentlich immer noch genauso wie vorher.

Aber das liegt wahrscheinlich an mir. Ich gebe zu, ich habe während der „Sprints“ auch nachgelesen, was Harry und Meghan gerade so treiben, und eingehende E-Mails beantwortet. Beides soll man eigentlich nicht, sagt Jeremy. Aber ich arbeite nun mal hauptsächlich für Tageszeitungen, die Deadlines sind oft kurzfristig. Meine Auftraggeber hätten nur eingeschränktes Verständnis dafür, zöge ich mich täglich vier Stunden in eine von der Außenwelt abgeschnittene Höhle zurück. Sollte ich für die Zeit eine Abwesenheitsnotiz einrichten? Was würde ich darin schreiben? „Ich bin gerade in einer Höhle. Ich melde mich, wenn ich wieder draußen bin.“

Wahrscheinlich hat sich niemand so viel in der Höhle umgeschaut wie ich. Und ich habe festgestellt: Andere konzentriert arbeiten zu sehen, erzeugt tatsächlich Druck, selbst auch etwas zu schaffen. Ich kann doch nicht einfach lesen, welche Probleme Harry mit seiner Oma und seinem Bruder hat, während der Typ neben mir vielleicht gerade am next big thing arbeitet! Ich klicke Harry weg und arbeite. Jetzt aber richtig! Am Ende habe auch ich in der Höhle wohl etwas mehr als am Schreibtisch zuhause geschafft.

Dafür ist die Wäsche jetzt nicht aufgehängt.

 

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Steffi 7. Februar 2020 um 11:52 Uhr

    Ich persönlich finde das Angebot von Caveday total unnötig, aber das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren. Es bringt mich schon zum Nachdenken, mit welch vermeintlich überflüssigen Ideen Unternehmen gegründet werden und erfolgreich sein können. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Entsetzen. Sollte Mensch nicht in der Lage sein sich selbst zu organisieren? ?

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    • Steffi 8. Februar 2020 um 13:14 Uhr

      @Steffi: Liebe Steffi, genau deshalb finden wir die Geschichte so spannend. Sagt und schreibt Philipp ja auch, wie absurd es ist, dass wir Hilfe beim Abschalten brauchen. Nur leider ist dem ja wirklich so in der Dauerbeschallung, der wir die meiste Zeit ausgesetzt sind. Also ist der Caveday-Mann auf jeden Fall ein schlauer Unternehmer! Bis die Masse erkennt, dass weniger tatsächlich mehr ist. Herzliche Grüße, Steffi

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  3. Nabila 7. April 2020 um 12:14 Uhr

    Toller Artikel! Mir würde solch eine Höhle sicher auch nicht schaden. Eine ähnliche Stimmung gibt es in der Staatsbibliothek. Alle arbeiten höchst konzentriert und es ist schon etwas peinlich auf das Smartphone zu schauen. Das erzeugt Druck und ich schaffe weit aus mehr, als an irgendeinem anderen Ort. Die Ausnahme ist eine immer näher rückende Deadline. Das bewirkt soviel Antriebskraft und Fokussierung, dass die Location stark in den Hintergrund rückt, sofern nicht die eigenen Kids zu hören sind – die Ausnahme der Ausnahme 😉

    Liebe Grüße
    Nabila

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