Wonach ist dir heute?

Ich sitze im Bett.

Ich habe eine Mütze auf.

Eine Wärmflasche glüht von unten so stark an meine Oberschenkel, dass die Hautärztin beim jährlichen Check gerade wieder festgestellt hat, nachdem sie mir gezeigt hatte wie man eine Gesichtsmaske korrekt trägt (das! muss! enger! an! der! Nase!): „Ah, sie haben dieses Gittermuster an den Beinen von zu heißen Wärmflaschen – wollen Sie nichts gegen machen, oder?“ Und ich: „Nö.“ Ich habe mir irgendwann mal ausgerechnet: Das ganze Jahr den Genuss einer heißen Wärmflasche versus perfekte Beine zum Herzeigen für ein paar Wochen im Sommer.

Wo war ich?

Ah: Ich sitze im Bett. Mit Mütze auf. Wärmflasche. Neben mir mein Lieblingsbecher mit schwarzem Tee, etwas Zucker und Milch. So wie damals, als ich im Sprachurlaub in Broadstairs war. Verliebt in meinen Lehrer (er war Student!). Die Sonne schien und in der Pause bekamen wir diesen köstlichen Tee und es gab einen Teller mit Schokokeksen (extra dicke Glasur).

Zwei Jahrzehnte ist das her. Seit Corona spult mein Gehirn verstärkt durch Erinnerungen. Wie ein alter Kassettenrekorder wird gespult, gestoppt, vor und zurück. Besonders nachts. Ex-Freunde, Ex-Schwärmereien, Ex-Chefs – alle lagen sie noch mal mit mir im Bett. Es ist als wüsste mein Gehirn im Moment manchmal nicht so genau, wohin die Reise gehen soll. Vor? Zurück? Wann und wo war ich denn noch mal besonders glücklich? Oder unglücklich? Lässt sich daraus vielleicht etwas ablesen, wie es weitergehen soll?

Wie geht’s jetzt eigentlich genau weiter?

Ich hab’ die Konfettikanone verpasst. Ich hab’ sogar die Party verpasst.

Ich habe aber doofer Weise den Kater. War da nicht ein Versprechen, dass, wenn wir alle ganz brav sind während der Isolation, die Zähne zusammenbeißen bei der Doppel-/Dreifach-Belastung oder auch beim (Fast-) Bankrott, dass es dann ganz am Ende, wenn die Gefahr gebannt sei, eine fette Belohnung gäbe?

Gibt’s leider nicht. Corona hat (noch) kein Ablaufdatum. Es ist wie mit Freunden, die irgendwann „nur“ standesamtlich heiraten und hochundheilig versprechen: Es wird später noch eine ganz große Party mit allen geben. Gibt’s nicht. Das war’s jetzt schon.

Wobei: Vielleicht ist die Belohnung, dass es weniger Beerdigungen als in anderen Ländern gab. Wie eine Freundin aus Spanien zu meiner Freundin Lexi sagte: „Hier sind die Menschen wie die Fliegen weggestorben – warum freut ihr euch nicht mehr über euer Glück?“

Tun wir. Wir sind nicht undankbar, auch wenn es so klingt. Viele von uns halten sich sogar weiter an die Regeln. Auch wenn die mittlerweile schwieriger zu googeln sind als die neue Bleibe von Meghan und Harry in Los Angeles (OMG! Habt ihr sie gesehen? Das sind doch hoffentlich Fake News!).

Wo war ich?

Entschuldigung. Ich bin so müde. So müde von mehr als zweieinhalb Monaten Ausnahmezustand, beruflich und privat, und dem Gefühl, es ginge jetzt (einfach) weiter wie davor. Nur irgendwie ganz anders. Wer hat noch mal den Plan? Keiner? Oh.

Es gibt, wenn man jetzt sehr tief hineingoogelt ins Internet, immerhin eine Info für Eltern mit kleinen Kindern, wie das mit der Betreuung weitergeht. Sogar für Hamburg. Guck an, können wir aufhören die Biergarten- und Fußballer-Witze zu reißen (der gängiste: „Setz ich meine Kinder eben zum Fußball gucken in den Biergarten“). Ich weiß, die Pointe zündet nicht so richtig. Es sei denn, es käme die zweite Welle. Dann ist ja klar, wer schuld ist: Die, die beim Friseur waren. Besonders die Kinder.

Während sich wie wild verabredet wird zum Grillen, Eis essen, endlich wieder treffen, denke ich nur: Ich bin noch nicht so weit. Ich hab’ Kater. Früher half bei einem Kater was Fieses zu essen, zu schlafen und ach ja, sich im Selbstmitleid zu suhlen. Sogar Selbstmitleid hat Corona uns versucht zu versauen. Oder war das Spiegel Online?

Ich weiß zwischendurch nicht, wohin mit mir.

Das, wofür ich die Großstadt einst liebte, unkompliziert hier etwas Kultur, Freunde treffen und da etwas Besonderes zu essen, sagte meine Kollegin Lesley so schön, ist weg. Beziehungsweise gerade nicht so einfach erreichbar. Wer weiß, wann wieder. Was mach ich dann noch hier?

Ich sehne mich nach Einsamkeit. Nach dem Gefühl, alle zu vermissen. Nur mich selbst nicht mehr. Ein Hotelzimmer, Room-Service, schlafen. Sinnloses tun. Zeit vertrödeln. Mich erholen. Ich habe sogar angefangen „Ein Zimmer für sich allein“ von Virgina Woolf zu lesen.

„Let her sleep“ sagt US-Olympionikin Abby Wambach zu ihren Kindern, als die ihre Mutter, Abbys Frau, die Autorin Glennon Doyle wecken wollten nach stundenlangem schlafen. „Wenn sie wach ist, wird etwas Wunderbares passieren.“

Doyles Buch „Untamed“ habe ich am Wochenende gelesen. Im Bett. Mit Wärmflasche, Tee, Mütze auf und einem Keks in der Hand. Als ich dachte, ich müsste tun, was andere von mir wollen, mich verabreden, obwohl alles in mir rief „Ich kann gerade nicht mehr“, las ich: „Every time you’re given a choice between disappointing someone else and disappointing yourself, your duty is to disappoint that someone else.“

Es ist ein sehr weises Buch über das Leben, das Infragestellen von allem, an das wir glauben oder uns glauben gemacht wurde. Zum Beispiel, dass man als Mutter auch Märtyerin zu sein hat. Selbstviktimisierung hat Berufsberaterin Katrin Wilkens es gerade bezeichnet, sich in die 50er-Jahre-Rolle zurückdrängen zu lassen von Corona. Doyle schreibt zu der Märtyerinnen-Rolle: „Mothers have martyred themselves in their children’s name since the beginning of time. We have lived as if she who disappears the most, loves the most. We have been conditioned to prove our love by slowly ceasing to exist. What a terrible burden for children to bear – to know that they are the reason their mother stopped living. What a terrible burden for our daughters to bear – to know that if they choose to become mothers, this will be their fate, too.“

Ich sitze im Bett. Mit einer Mütze auf. Einer Wärmflasche. Einem Tee. Einem Keks. Weil ich weiß, das hilft. Beim Nachdenken. Beim Luftholen. Beim nicht sofort einen Plan haben, aber bald wieder. Beim Auskatern. Beim Vorbereiten von etwas Wunderbarem.

Let her sleep.

 

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Foto: Tracey Hocking/Unsplash

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Richard - Papablogger 17. Dezember 2020 um 16:11 Uhr

    Ja, man will einfach allem nur noch entfliehen. Gefühlt schnürt es einem die Kehle zu, gerade mit einem Kleinkind zu Hause, dem man versucht das ganze iwie zu erläutern und gleichzeitig Normalität vorzugaukeln.

    LG, Richard von der papammunity.de

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