Wonach ist dir heute?

Früher, so mit 12-18, eigentlich auch noch in den Zwanzigern, wusste meine beste Freundin immer wo ich war und was ich tat. Und das ganz ohne What’sApp. Gab’s noch gar nicht. Wir erzählten uns einfach so, wenn wir abends telefonierten, übers Festnetz, oder uns sahen, was los war, in oft minutiösen Tagesschauen. Wir erzählten uns (oder schrieben uns in Briefen), woran wir dachten, wovon wir träumten, was er gesagt hatte, der Schwarm, was er an hatte, wie er geguckt hatte, was er getan hatte, jedes Details.

Heute ist das anders.

Mit Mitte/Ende zwanzig lernten wir unsere Ehemänner kennen. Natürlich schwörten wir, das würde nichts ändern. Es änderte natürlich alles. Nun wurden die unsere Tagebücher, täglichen Begleiter und obwohl wir weiter telefonierten, uns regelmäßig sahen und es neue technische Verbindungskabel wie What’s App gab, bekam die Leitung Löcher. Wir wussten nicht mehr alles voneinander. Das große Ganze – ja. Die vielen kleinen Details – nein. Es waren zu der besten Freundin noch so viele andere Frauen gekommen: die Kolleginnen, Partnerinnen der Freunde des Mannes, die Mama-Mädels, Nachbarinnen, andere eben. Wir teilten jetzt mit vielen Frauen unser Leben, verteilten eher Häppchen als den ganzen großen Kuchen auf ein Mal. Ich weiß noch wie du, meine beste Freundin, das erste Mal eine noch andere enge Freundin hattest. Was für ein Verrat. Ich kann die Frau bis heute nicht richtig mögen. Ich glaub, sie sah, was wir hatten und wollte es auch. Also nahm sie es sich, als ich nicht da war, uns Kilometer trennten und sie dir einfach nur räumlich nah war. Mit den Jahren lernte ich, dich und mich zu teilen. Darauf zu vertrauen, das mit uns ist für immer. Das ist unkaputtbar, egal wer daran rüttelt, hatten wir selbst oft genug getestet.

Mit dem Begriff “beste Freundin” gehe ich bis heute sparsam um. Der gehörte immer dir. Heute betitel ich andere Freundinnen eher als “eine meiner engsten”. Und die lieb ich, sogar sehr. Nur die beste bleibst irgendwie du, vielleicht auch, weil das eben einmalig war und immer noch ist, das mit uns. Wir sehen uns oft länger nicht, sprechen oft länger nicht und doch ist da diese Verbindung, auch über die Ferne. Wir setzen einfach da an, wo wir beim letzten Mal gemeinsam waren und holen schnell auf. Ich muss auch gar nicht mehr jedes Detail wissen, das große Ganze reicht und doch geht es immer tief rein.

Übers Wetter sprechen wir eigentlich nie.

Dazu, zum Thema Tiefgang, würde ich dich gern etwas fragen, das mich beschäftigt. Wie machst du das mit deinen anderen Freundinnen, die man auch so irre gern hat – erzählst du denen alles? Sagst du denen immer deine ganze Meinung, auch wenn das gefährlich werden könnte? Ich denke gerade so viel darüber nach.

Als du beschlossen hast, dich scheiden zu lassen, hast du es mir erst recht spät erzählt. Du hattest es erst mit dir selbst ausmachen wollen. Mit deinem (Ex-) Mann. Und du gingst abends mit einer Flasche Rotwein zu deiner Nachbarin rüber und besprachst es mit ihr. Das war dein Weg. Manchmal erträgt man die beste Freundin vielleicht auch nicht. Die einen so gut kennt und vor der sich etwas vorzumachen einfach nicht funktioniert. Du dachtest, das Scheidungsthema passe gerade nicht so zu meiner rosa Wolkenwelt mit dem ersten Baby. Dass ich nur eine Woche nach der Geburt eine liebe Freundin an Krebs verlor, habe ich dir, glaub ich, nie erzählt. Auch rosa Wolken haben Löcher.

Als du mir von deiner Entscheidung dann endlich erzähltest, feierte ich dich für deinen Mut und deine Lust auf ein zufriedenes Leben. Ich war immer ehrlich zu dir und erwarte es von dir mir gegenüber. Besonders, wenn ich um Rat frage. Sie funktioniert aber nicht mit allen Freundinnen, diese Ehrlichkeit, das lerne ich immer wieder. Beziehungsweise denke ich viel über die richtige Dosis an Ehrlichkeit nach.

Es gibt so viele Minenfelder, je älter wir werden.

Das Thema Kinder/Männer/Treue (-losigkeit). All die Paare, von denen einer betrügt, die um Rat fragen – wie ehrlich soll man sein? Kommen sie doch so oft wieder zusammen, bleibt man über als Buhmann. Die ungleichen Partnerschaften, in denen der eine denkt, er sei mehr wert als der andere – wie kann man das für sich akzeptieren? Nur, was geht mich das an? Und wie weit gehe ich, wenn ich um Rat gefragt werde?

Taktische Spielchen waren noch nie wirklich meins. Ich bin da einfach nicht gut drin. Ich mag Klarheit, auch wenn die weh tun kann. Und ich mag diesen Schutzraum, den Freundschaften doch eigentlich bieten. Diesen Raum, den man sich gibt, eigentlich alles sagen und laut denken zu dürfen, weil klar ist, man meint es gut miteinander. Ist das nicht gegeben, legen sich Tretminen in Freundschaften und entsteht anstrengendes Drumherumgehüpfe. Weißt du, was ich meine? Wir haben früher nie drumherum geredet. Da gab es aber vielleicht auch noch nicht so viel Zündstoff. Mit (Ende) dreißig geht es plötzlich um so viel. Da geht es ja gleich um ganze Lebensentwürfe, die großen Fragen und plötzlich gibt es so richtig echte Deadlines. Irgendwann war’s das dann mit dem Kinder kriegen. Irgendwann war’s das vielleicht auch mit der Ehe, Treue, dem gemeinsamen Haus, einfach allem.

Den einen schaust du dabei zu, wie sie Mörtel über alles schmieren, die größten Pflaster haben und platzt eine Wunde auf, einfach noch mehr drüber kleben. Aber sagst du das? Und was, wenn nicht? Muss nicht jede Freundschaft zu einhundert Prozent aufrichtig sein im Sinne von sich die ganze Wahrheit sagen, alles was man denkt? Reicht auch die Hälfte? Oder ein Mal sagen, was man denkt und dann die Klappe halten? Nur wenn wir Themen aussparen, wird die Verbindung zueinander dann nicht furchtbar löchrig und reißt irgendwann ganz?

Ich hab mittlerweile mehrere solcher Freundschaften, in denen ich Themen ausspare. Weil ich weiß, da mische ich besser nicht mit. Da signalisiere ich nur: Ich bin für dich da, egal, was passiert. Die haben ihren Weg, und auch wenn ich diese Freundinnen immer wieder stolpern und hinfallen sehe, teile ich meine Gedanken dazu lieber nicht mehr. So schwer es mir fällt. Ein Mal erkläre ich mindestens, was ich über die Situation denke und was ich tun würde, aber ich wiederhole mich nicht ständig. Weil es ihr Ding ist. Weil es mich nichts angeht. Hab ich so beschlossen, um damit klar zu kommen. Selbstschutz ist so ein großes Thema in Freundschaften. Manchmal kann ich die No-Go-Areas dieser Freundschaften vergessen, dann schwebe ich in den Unterhaltungen, fühl mich frei, quatsche ohne groß nachzudenken, bis ich aus Versehen in der falschen Ecke lande und zusehe, dass ich schnell wegkomme. Dann fühle ich mich von diesen Freundinnen irre weit entfernt.

Vielleicht sind Freundschaften, je älter man wird, eben nicht mit allen schön entspannte Langstreckenflüge. Vielleicht sind einfach auch ein paar gute Kurzflüge dabei, bei denen man die Gewitter einfach schlau umfliegt.

Du, es war schön dir dies zu erzählen. Ist es das, was Freundschaften ausmacht? Das Schweigen an den richtigen Stellen, bis man die für einen wichtige Wahrheit einfach selbst erkannt hat?

Ich lieb dich.

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  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Trine 5. September 2020 um 12:41 Uhr

    Mehr als zwei Jahre her, aber immer noch brandaktuell …
    Ich habe leider meine beste Freundin vor ein paar Jahren durch zu viel Ehrlichkeit verloren. Ich habe ihr in einer Zeit voller Irrungen und Durcheinander in meinem Leben alles anvertraut und sie kam nicht damit zurecht und hat sich immer mehr entfernt.
    Leider kann sie mir heute nicht mals mehr die Tageszeit sagen ohne direkt anzufangen zu diskutieren. Ich habe das Gefühl, das eine mir wichtigste Person einfach gegangen ist, ohne mir zu sagen warum…sie hätte mich auch anschreien können was ich falsch gemacht hätte, aber nichts dergleichen, sondern einfach nichts mehr. Vermutlich konnte sie mit zu viel Offenheit doch nicht umgehen.
    Heute bin ich froh um jede Minute die sie an meiner Seite stand und was wir als Kinder, Teenies und in den Zwanzigern gemeinsam erlebt haben.
    Letztlich habe ich heute ein paar richtig gute Freundinnen, die je einen Teil meiner Persönlichkeit und meiner Interessen für liebevoll verrückt und liebenswert halten und die mich komplett machen.
    Hej Leben, danke auch für diese Erfahrung…

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