Wonach ist dir heute?

Motivationsfensterbank

Am Freitag reiste meine Mutter an. Ich hatte sie angerufen: “Mama, bitte komm” hab ich gesagt. Tue ich sehr selten. Das letzte Mal vor zehn Jahren als ich Single war, hohes Fieber hatte und niemanden ausser Mama sehen wollte. Und das war jetzt im Renovierungschaos auch der Fall.

“Wann seid ihr denn endlich fertig?” fragen schon Freunde. Meine Mutter fragte beim Eintritt in unsere Wohnung: “Seid ihr irre?” Im Wohn- und Esszimmer stapeln sich die Kartons und Möbel, der Boden ist überall abgezogen, aber noch nicht wieder versiegelt, nur in der Küche und dem Schlafzimmer, weil man es nur Raum für Raum, wenn alle Möbel raus sind, tun kann, weshalb überall Pappen auf dem Boden liegen, Maschinen – meine Schwester nannte es: Truppenübungsplatz.

Es ist halt wie immer: es kam alles auf ein Mal. Die Renovierung, die Fast-Insolvenz eines kleines Betriebes mit 30 Mitarbeiten, die mein Mann als Anwalt retten sollte, ich bekam plötzlich einen schönen Auftrag nach dem anderen, mein Buch wurde so erfolgreich, dass plötzlich auch eine Buchtour denkbar war – was soll man da sagen: “Entschuldigung, rufen Sie in vier Wochen noch mal an, wir stehen gerade auf der Leiter?”. Also Chaos. Überall Staub. Nirgendwo frische Klamotten. Jede gefundene gewaschene Socke wurde gefeiert wie ein Tor des HSV, wie selten die sind, hat das Wochenende gezeigt.

Meine Mutter schnackte nicht lang, sondern packte mit an. Niemand kann so gut mit anpacken und putzen wie meine Mutter. Wenn meine Mutter etwas putzt, sieht es besser aus als beim Zeitpunkt des Kaufs. Kennt ihr das? Natürlich brachte sie selbst gekochtes Essen mit, die beste Medizin und Motivation.

“Also kauft ihr die Wohnung?” wurden wir in den letzten Wochen oft gefragt. “Nein? Aber warum macht ihr das dann?” – kam immer gleich hinterher. Die Frage, die wir uns stellten, war: Warum haben wir das nicht schon viel früher gemacht? Wir wohnen seit fünf Jahren in der Wohnung und leider war uns beim Einzug nicht klar, wie hellhörig sie ist, wie laut die Nachbarn über uns sind. Wir fühlten uns also nicht hundertprozentig wohl. Schauten uns nach anderen Wohnungen um, sogar nach einem Haus. Aber irgendwann merkten wir: es ist gerade nicht das zu finden, was wir suchen uns ansatzweise leisten könnten, über uns zogen ruhigere Nachbarn ein und wir entschieden uns endlich zu bleiben. Endlich die Wohnung so zu gestalten, wie wir sie haben möchten, soweit das bei einer Mietwohnung möglich ist und finanziell. Jetzt stecken wir also Geld in die Wohnung, ja, aber das würde man bei einer neu angemieteten Wohnung durch Abstand, Maklergebühr oder was auch immer auch tun. Es überrascht aber trotzdem viele.

Uns macht es glücklich. Es ist ein Riesenfrühjahrsputz. Wir trennen uns von fast allem, was wir mitgeschleppt haben, was uns aber schon lange auf die Nerven ging. Und es scheint auch über unsere Wohnung hinaus sich auf unser Leben zu übertragen: wir sorgen für Klarheit wo wir nur können. “Was tut uns gut, was nicht so? Und wie wird man letzteres los?” fragen wir uns immer wieder. Einen Nachmittag frisch frei gelegte Bodenfliesen in der Küche mit Betonreiniger und Spachtel bearbeiten – das hat durchaus therapeutische Wirkung! Da wird man beim Nachdenken nicht groß abgelenkt! Überhaupt, wie hochemotional diese “Wie will ich wohnen?”-Thema ist. Es geht ja nie nur um eine neue Couch, es geht umso viel mehr – wie will ich leben, was ist mir wichtig, wo lege ich Schwerpunkte, schaffe mir Raum, wie sehe ich mich selbst, wie will ich gesehen werden? Was oder wen möchte ich gern um mich haben?

“Bin ich Blau?” hab ich mich zum Beispiel gefragt, als unsere Küche gestrichen war im wunderbaren Hague-Blue No.30 von Farrow & Ball. Eine Idee von meiner Kolumnistin und Innenarchitektin Jutta Werner, bei der ich eine Designsprechstunde gebucht hatte, um auf neue Ideen für unsere Wohnung zu kommen. Für Freunde habe ich immer die dollsten Ideen, aber in meiner Wohnung schien es mir als sei ich betriebsblind geworden. Jutta hat das wunderbar aufgebrochen, jetzt sprudeln die Ideen wieder, die Ergebnisse werde ich euch in den nächsten Wochen zeigen. Und ach ja, ich bin Blau!

Und wenn es irgendwann nicht mehr Blau ist, dann wird sie eben umgestrichen, verdoritnochmal, es ist doch nur eine Wand! Warum macht man immer viel zu viel Theater, um so viele Sachen? Auch so eine Erkenntnis während der Renovierung: Leichtigkeit. Wie einfach man sie haben kann, wenn man den Ballast abwirft, sich nicht immer so einen Kopp macht. Kann man schon mal vergessen vor lauter Kram, den man mit sich rumschleppt, oder?

Und wenn so viel alter Müll weg ist, ist so herrlich viel Platz für neue Ideen. Beim Zusammenpacken unserer Sachen ganz am Anfang musste ich darüber nachdenken, wie es war als mein Mann und ich damals zusammen zogen, als unsere Sachen plötzlich gemeinsam in einer Wohnung standen – ich dachte, wie bekomm ich den komischen Sessel, die seltsame Holzfigur, dies und das von ihm bloß aus der Wohnung? Und er: was hat die denn alles für Tüddellüt? Darüber habe ich für das schöne Magazin Flair eine Kolumne geschrieben, erscheint am 17. April 2013 und wie es aussiehst, schreib ich jetzt wohl regelmäßig für Flair über das Zusammenleben-Thema, was mich unglaublich freut!

Schön ist auch zu sehen, wie Freunde uns unter die Arme greifen, vor allem mit Essen. Meine Freundin Willi zauberte ein köstliches Abendbrot, Annika und Torben das beste 3-Gänge-Menü, das wir je gegessen haben. Lustig zu beobachten ist, wie unsere Renovierung diverse Freunde ansteckt, sich auch um ihre Wohnungen zu kümmern, der Dominoeffekt.

Als meine Mutter und ich uns durch die Berge mit voll gestaubtem Geschirr in der Küche gearbeitet hatten, sagte ich ihr, ich müsse mal kurz los, etwas sehr, sehr Wichtiges holen. Kurz darauf war ich mit einem Paket vieler kleiner Blumensträuße aus meinem Lieblingsblumenladen Saxifraga zurück. Meine Mutter schaute mich fragend an. “Mama, das wird jetzt meine Motivations-Fensterbank! Wenn mir das hier alles über den Kopf wächst, schau ich einfach dahin und weiß: am Ende wird hier alles so hübsch sein.”

Jetzt ist sogar schon das Schlafzimmer so etwas ähnliches wie fertig. Die hübsche Bolia-Tapete hängt und jedes Mal, wenn ich vorbei gehe hüpft mein Herz. Und das ist es: dieses hüpfende Herz, dafür lohnt sich alles, das macht Sinn.

[herz steffi mitte]

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Britta 3. April 2013 um 21:56 Uhr

    Liebe Steffi,

    ein toller Post!
    Welch schöne Idee mit der Blumen-Fensterbank, ich hoffe, sie ermutigt dich immer wieder, wenn du es grad brauchst.
    Letztes Jahr um diese Zeit fingen wir mit dem Renovieren an, drei Monate lang Staub und Dreck und dazu schwanger. Da hätte ich auch ab und an eine Blumen-Fensterbank gebraucht :-). Aber jeder Teilerfolg motiviert weiter zu machen und wenn ich mal fertig seid, werdet ihr stolz sein wie Bolle! Und das völlig zurecht. Ich bin schon sehr gespannt auf deine Bilder!

    Haltet durch und alles Gute!
    Britta

    Antworten
  3. Katrin 4. April 2013 um 09:21 Uhr

    Wunderschöne Geschichte und sehr motivierend, weil ich gerade auch mein Arbeitszimmer in Angriff nehmen will — danke! Und kann man Deine Mutter irgendwo ausleihen?

    Antworten
  4. missmenke 4. April 2013 um 20:21 Uhr

    Liebe Steffi, ich stecke mitten in den FFF-Vorbereitungen und wollte nur mal kurz auf deiner Seite schauen, wie man deinen Namen denn nun richtig schreibt. Und bin dann hier bei diesem Artikel hängen geblieben. Deine neue Fensterbankdeko zeigt schon, dass sich der ganze Aufwand wahrscheinlich mehr als lohnt und zum Schluss alles wunderschön aussehen wird.
    Wir wohnen auch in einer “Übergangswohnung”, die zu gut ist, um auf Biegen und Brechen auszuziehen, aber nicht gut genug, um ein Leben lang zu bleiben… ich kenne das Dilemma. 😉

    Antworten
  5. sarah h. 5. April 2013 um 23:59 Uhr

    die vasen schauen echt wahnsinnig toll sommerlich aus (auch wenn der leider noch weeeeeit entfernt ist :/)
    lustigerweise hab ich das 1. bild von deinem post ja zuerst mal auf einem amerikanischen blog entdeckt . bevor ich deinen post überhaupt gelesen hab .. jaja so toll ist dein blog dass er sogar rund um die welt gelesen wird .!! 🙂

    liebe grüße und schönes wochenende .

    Antworten
  6. sarah 24. April 2013 um 22:33 Uhr

    Hallo stefanie, ich habe schon öfter hier auf deinem blog vorbeigeschaut und finde deine ideen immer ganz hübsch. aber heute habe ich deine neue kolumne in der flair gelesen und war enttäuscht. haben die deinen text so verändert oder gekürzt? irgendwie habe ich die fröhliche, spritzige steffi gar nicht darin wiedererkannt. schade…

    Antworten
Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht
* Erforderliche Felder sind markiert