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Von wegen Zicken:

Wie wir unsere Stimmungsschwankungen nutzen können, statt sie zu unterdrücken.

Text – Lesley-Ann Jahn

Mit PMS in die Bibliothek zu gehen, ist mindestens genauso effektiv, wie hungrig einkaufen zu gehen. Das habe ich vor ein paar Wochen festgestellt, als ich ausgerechnet an meinem monatlichen Stimmungstiefpunkt auf der Suche nach neuem Lesestoff war: Ziel- und planlos streifte ich durch die Regale, wollte am liebsten alles und nichts mitnehmen und musste am Ende zwei randvolle Taschen teilweise total unsinniger Exemplare nach Hause schleppen.

Und doch: Eine Buch-Perle war zum Glück dabei – Julie Hollands „Moody Bitches“.  

Denn als ich so übellaunig durch die Bibliothek lief, kam mir die mir die Idee, nach einem PMS-Ratgeber zu suchen. Irgendwas muss doch dagegen helfen, sich einmal im Monat für ein paar Tage wie ein missmutiges Marsmännchen zu fühlen, das seine Antennen für sich und seine Umwelt verloren hat.

Ich war offen für alles – Anti-PMS-Yogaübungen, Happy-Zyklus-Food, was auch immer. Hauptsache es hilft.

Als ich die Suchergebnisse für „PMS – Launisch – Frau – Hilfe“ durchscrollte fiel mir der Titel „Moody Bitches“ sofort ins Auge. Das passt. Denn ehrlicherweise fühle ich mich oft genau so: Moody. Und bitchy im Sinne davon total zickig mit mir selbst und meinen Launen zu sein.

Die Autorin Julie Holland ist Psychotherapeutin in News York. Täglich suchen Frauen ihre Praxis auf, die überarbeitet und ausgebrannt sind, dessen Stimmungsbarometer auf dem Tiefpunkt ist, weil sie glauben jeden Tag perfekt mitspielen zu müssen.  Und auch wenn ich nicht wie viele ihrer Patientinnen, über die sie schreibt, deshalb kurz vorm Nervenzusammenbruch stehe, fühlte ich mich schon vom Klappentext abgeholt – und wurde nicht enttäuscht, als ich Zuhause weiterlas.

Denn statt eines faden, blumigen Ratgebers, in dem es nur darum geht, wie toll wir Frauen sind, und dass man sich so lieben muss, wie man ist, schreibt Holland so detailliert darüber, welche Prozesse in unserem Körper ablaufen, dass einem beim Lesen fast schwindelig wird, wenn man an all die Hormone denkt, die in uns herumfliegen. Und: Sie schreibt nicht nur über den weiblichen Zyklus, sondern auch über Partnerschaft, Schlaf, Bewegung, Ernährung und Sex – und wie das alles miteinander zusammenhängt.

Kritiker bemängelten teilweise, dass Männer bei Holland als unemotional und wenig empathisch abgestempelt werden. Und auch wird nicht jedem die medizinisch sehr fundierte Art, wie Holland das Buch schreibt, gefallen. Ich fand es aber gerade spannend, so tief in das Thema einzutauchen und alle Hormone beim Namen zu kennen, die für mein Gefühlsleben zuständig sind.

Hier sind die fünf Dinge, die ich aus „Moody Bitches” gelernt habe:

1.) PMS ist eine gute Zeit, um auf die eigene Intuition zu hören.

Holland nennt die weibliche Launenhaftigkeit eine Quelle der Macht. Und auch, wenn ich mir selbst nicht gerade zuschreiben würde, machthungrig zu sein, ist es doch hilfreich zu erkennen, dass Hormonschwankungen zu einer Sensibilität verhelfen, dank derer wir empathisch auf unsere Umwelt reagieren können und eine natürliche Dynamik haben, die zu mehr Flexibilität führt. Doch oft wird vor allem Frauen von klein auf eingeredet, dass Launenhaftigkeit etwas Schlechtes ist. Wir schlucken Tränen herunter und überspielen Ärger aus Angst davor, hysterisch rüberzukommen. Auch ich habe meine Stimmungsschwankungen bisher als eine schlechte Charaktereigenschaft gesehen, die ich bei der Arbeit, zu Hause, an der Supermarktkasse usw. lieber verbergen sollte.

Holland macht gleich zu Beginn klar, dass wir, wenn wir verstehen, wie unser Körper funktioniert und wie Hormone auf natürliche Weise zirkulieren, kluge Entscheidungen treffen können. Und das heißt auch: Den PMS-Ärger und die Traurigkeit, die man in dieser Zeit oft grundlos spürt, nicht zu verdrängen, sondern aktiv wahrzunehmen. Denn wir regen an diesen Tagen über ganz reale Dinge auf, die wir in den anderen dreieinhalb Wochen nur besser von uns wegschieben. Grund dafür ist das Östrogen, das Holland das „Wie du willst, Liebling“-Hormon nennt, weil es uns anpassungsfähig macht, besser drauf sein lässt und durch das wir versuchen, andere zufrieden zu stellen.

Sackt der Östrogen-Spiegel jedoch ab (Hallo, PMS-Zeit!), hebt sich der Schleier und wir nehmen wir viele Dinge nicht mehr so hin. Diese Unzufriedenheit, sie sich dann einstellt, sollten wir als Geschenk ansehen, als Hinweis darauf, dringend notwendige Veränderungen in Angriff zu nehmen, sich um uns zu kümmern und nicht immer nur an andere zu denken. Diesen kritischen, allmonatlich wiederkehrenden Blick ist also weniger ein Stimmungstief, als vielmehr unsere Superpower, mit der wir gute Vorsätze fassen und notwendige Veränderungen angehen können.

 

2.) Von den Menschen, die wir am anstrengendsten finden, können wir am meisten lernen.

Jetzt wird’s ziemlich unromantisch. Denn auch bei der Partnerwahl werden wir ganz natürlich von unseren Hormonen beeinflusst und tun uns im Allgemeinen mit einem Partner zusammen, dessen Immunsystem sich von unserem unterscheidet, weil das dem Nachwuchs zu mehr Abwehrkräften verhilft. Ebenso ergänzen sich Fähigkeiten und Talente in einer Beziehung, um ein starkes geschlossenes Team zu bilden. Gegensätze ziehen sich an – das kennen wir alle.

Problematisch wird es dann, wenn wir uns von unserem Partner wünschen, all das zu sein, was wir nicht sind. Denn nach der ersten turteligen Phase des Verliebtsein, fallen uns bei unserem Partner schnell Macken und Angewohnheiten auf, die vorher ausgeblendet wurden. Anziehung kann sich in Abstoßung verwandeln, schreibt Holland, wenn wir auf Menschen treffen, die uns dann gerade daran erinnern, was wir nicht sind. Das gilt sowohl für eine Partnerschaft aber auch für alle anderen Beziehungen. Ihr Tipp:

Wenn uns jemand zur Weißglut treibt, einfach mal die Perspektive wechseln und einen Blick auf sich selbst werfen.

Je achtsamer wir sind, desto schwächer fällt unsere emotionale Reaktion aus, wir bewahren das Gleichgewicht und denken rationaler. Holland geht sogar noch weiter mit einem Beispiel: Beim Yoga zeigen uns die Stellungen, die wir am wenigsten mögen, weil sie am anstrengendsten sind, was unser Körper am meisten braucht, wo wir unflexibel und am schwächsten sind. So sind auch im Leben die Menschen, die man am anstrengendsten findet, diejenigen, von denen wir viel lernen können. Für Beziehungen, die gerade in einer kleinen Krise stecken, wo der Romantik-Faktor nachlässt, bedeutet das, innehalten und bei sich einchecken. Um dann zu merken: Dass der Partner in bestimmten Dingen anders ist als man selbst, macht die Partnerschaft aus. Denn wer will schon mit einer Kopie von sich selbst zusammen sein?!

 

3.) Statt emotionalen Stress in uns reinzufressen, lieber die Gefühle rauslassen.

Viele haben es schon einmal erlebt, dass man im Urlaub nach einer langen, stressigen Phase direkt krank wird. Tja – auch das Immunsystem macht Urlaub. Die Hauptauslöser für eine Stressreaktion sind Unsicherheit, Informationsdefizit, Kontrollverlust und das Gefühl von Hilflosigkeit. Laut Holland gefährden diese akut die Gesundheit.

Dabei hat es vor allem negative Auswirkungen auf das hormonelle Gleichgewicht und den Immunstatus, wenn wir diesen Stress, emotionalen Ärger oder Bedürfnisse unterdrücken. Mit einer gewissen Selbstverleugnung verbundene Verhaltensweisen wie ständiges Pflichtbewusstsein können Krankheiten hervorrufen oder verschlimmern. Hollands Fazit: Die emotionalsten überleben! Körperlichen und geistigen Gefühlen Luft zu machen, ist für die Gesundheit so wichtig wie kaum ein anderer Faktor.

 

4.) Es hilft, beim Essen vom gestressten Kolibri aufs entspannte Faultier umzuschalten.

Auch beim Essen gilt: Ruhe bewahren! Denn viele von uns haben nicht nur verlernt, auf den eigenen Körper und das natürliche Hungergefühl zu vertrauen, sondern auch WIE man richtig isst. Auch hier gilt es laut Holland vor allem achtsam zu sein und Ruhe einkehren zu lassen. Wenn das Essen gekocht ist, also lieber den Laptop zuklappen, das Handy weglegen, die Zeitung beiseite schieben und den Fernseher auslassen. Sich Zeit beim Essen zu nehmen hilft der Verdauung – Stress oder Eile verringern diese natürliche Funktion.

Holland schlägt vor, vor dem Essen über eine bewusste Atmung runterzufahren und vom gestressten Kolibri-Rumflatter-Modus am Tisch in den Faultier-Modus zu wechseln. So entspannen sich Kopf und Körper. Und wer bewusst wahrnimmt, was er gerade zu sich nimmt, wird auf natürliche Weise weniger essen, wieder mehr Genuss empfinden und der stressbedingte Heißhunger nimmt ab.

 

5.) Wir müssen Schluss machen mit Hysterie und uns für gleichberechtigte Forschung einsetzen!

Schon im 19. Jahrhunderten wurden unterschiedliche körperliche und psychische Symptome von Frauen, die sich zumeist männliche Ärzte nicht erklären konnten, unter dem Begriff Hysterie zusammengefasst, berichtet Holland. Darunter fielen Unpässlichkeit, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Nervosität, Schlafstörungen, verminderte Libido und Erschöpfung.

Bis heute kann die Medizin mit Schmerzen, an denen viele Frauen leiden, forschungstechnisch nicht Schritt halten kann. Denn 80 Prozent aller Studien darüber werden ausschließlich mit männlichen Probanden durchgeführt. Lediglich 8 Prozent ausschließlich mit Frauen. Holland nennt Frauen in der Welt der Medizin Bürger zweiter Klasse, an denen aus Unwissen unnötige OPs durchgeführt oder Fehldiagnosen gestellt werden.

Auch die Autorin Mareike Nieberding, hat über dieses Thema kürzlich im SZ-Magazin geschrieben. In ihrem Artikel „Was Frauen krank macht“, zeigt sie, dass vor allem am Mann geforscht, getestet und gelehrt wird. Mit fatalen Folgen für Frauen, bei denen Krankheiten später oder falsch diagnostiziert werden – und die Wirkung von Medikamenten oft nicht voraus gesagt werden kann. Während also über Equal Pay oder Frauenquoten in Vorständen immerhin schon diskutiert wird, fallen Frauen in der Medizin immer noch durch das Raster. Und kaum einer hat das auf dem Schirm. Im Zuge der Gleichberechtigung sollten wir also viel mehr darauf pochen, uns auch in der medizinischen Forschung zu emanzipieren.

 

Also: Viel Spaß mit euren Launen. Wir wissen ja jetzt: Die führen nur zu Gutem!

Lesley

 

Text – Lesley-Ann Jahn

5 Comments

  1. Antworten Aus dem Leben der Karoline 25. September 2019 um 11:00 Uhr

    Hallo Lesley,
    allein der Titel ist schon ein Grund genug um das Buch nicht aus der Hand zu legen :). Besonders interessant der Aspekt, je komplizierter der Gegenüber ist, desto mehr lernen wir von uns selbst. Kann mich nur all zugut erinnern, wie eine Zeit lang mein Mann mich förmlich zur Weißglut brachte, und ich mit jedem Anfall mehr über mich mehr lernte, und was ich wirklich will. Gäbe es diese Momente nicht, so wäre unsere Ehe nicht das, was Sie jetzt war 🙂
    Ganz liebe Grüße, Karoline 🙂

    • Antworten Lesley 25. September 2019 um 11:29 Uhr

      Liebe Karoline, Danke für deinen Kommentar. Und genau so versuche ich es auch zu machen und bei jedem Streit einmal kurz in mich selbst reinzuhören. Hilft tatsächlich!

      Viele Grüße – auch an deinen Mann natürlich 😉
      Lesley

  2. Antworten Katja 25. September 2019 um 13:11 Uhr

    Hihi, die Frau hat recht! Mit PMS wusste ich in früheren Beziehungen immer, dass ich mich unbedingt trennen muss und an den anderen Tagen war es doch wieder okay… oder okay genug, um die Entscheidung nochmal zu vertagen. Am Ende kam es dann doch immer so, das Gefühl war also richtig. Wenn ich heute also auch an den schlimmsten PMS-Tagen überzeugt bin, dass mein Mann der Richtige für mich ist, dann weiß ich: Er ist es tatsächlich! ;-)))

  3. Antworten Anja 26. September 2019 um 09:17 Uhr

    Hallo Lesley,
    hach – PMS ist gar nicht so schlimm!! 😉 Danke! Ich werde mir das Buch jetzt auch vornehmen und vielleicht komme ich dann tatsächlich mit meiner PMS besser klar.
    Nur ein Punkt – Frauen und Forschung – Es gibt auch noch einen sehr guten Grund, warum Frauen in Studien oft nicht teilnehmen können/dürfen: Die Möglichkeit schwanger zu werden oder schwanger zu sein. Das Risiko ist dann doch zu hoch, dass eine Unfruchtbarkeit entsteht – und da sind wir wieder bei unseren komplizierten Hormonen. 😉 VG, Anja

  4. Antworten Sigrid 30. September 2019 um 11:57 Uhr

    Hallo Lesley,

    ein wirklich sehr interessantes Thema.
    Aber liest Du Deine Texte selbst noch mal? Hier sind mir zu viele Tippfehler und Doppelungen.
    Da könnt ihr besser!

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  • Wie wir unsere Stimmungsschwankungen nutzen können, statt sie zu unterdrücken.

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