Wonach ist dir heute?

Seid ihr schon Mitglied im „5 a.m.“-Club? Gemeint ist keine neue Szene-Disco in Berlin Mitte, die erst nach Sonnenaufgang ihre Türen öffnet, sondern DAS Morgenritual erfolgreicher Menschen. Erst wird meditiert, dann Yoga gemacht (oder Gym oder Joggen oder oder oder), anschließend werden Ziele definiert (kurz-, mittel- und langfristige) und sich am Ende noch weitergebildet, z.B.: eine neue Sprache wie koreanisch gelernt. Das alles um 5 Uhr morgens!

Robin Sharma hat mit seinem Buch „The 5 Am Club: Own Your Morning, Elevate Your Life“ Ende letzten Jahres den Hype in Amerika ausgelöst. Jetzt schwappt die Botschaft auch zu uns immer stärker herüber. Plötzlich reden auch hier alle von ihrem straffen Programm früh am Morgen. Von ihrer Morgenroutine. Im Buch entsteht schnell der Eindruck, dass (fast) alle Probleme gelöst werden können, wenn man nur vor Sonnenaufgang den Sprung aus dem Bett schafft und anschließend an sich zu arbeiten beginnt. Die Stunde am Morgen ist dabei in drei Phasen aufgeteilt: 20 Minuten Bewegung, 20 Minuten Zielsetzung, 20 Minuten Weiterbildung. Auch Michelle Obama und Apple-Boss Tim Cook hüpfen angeblich beide schon gegen 4:30 Uhr für die Selbstoptimierung aus den Federn. Das Buch wirbt damit, dass die Routine fokussierter und produktiver macht – aber macht sie nicht auch viel, viel müder?

In manchen Lebensphasen mag dieses Konzept Spaß machen. Matze Hielscher erzählte zum Beispiel in unserem Endlich Om-Podcast, dass er eine Stunde vor seiner Frau und dem Sohn aufstehe, um Zeit für sich zu haben. Tagebuch zu schreiben, zu meditieren. Leuchtet ein. Das wäre dann ja eher der 6 AM-Club. Von dem erzählte auch Noch-nicht-Mama Natascha Wegelin in unserem Boom!-Podcast, die ebenfalls irre gern früh aufsteht und eine sehr ausgeklügelte Morgenroutine hat (Stichwort Darmfloradrink, Yoga, Dankbarkeitsnotizen, Ziele definieren…).

(Ex-) Langschläfer Luxat klappte in beiden Interviewszenen die Kinnlade runter, sie sagt gern:

“Für mich zählt oft schon als Wellness, alleine kacken zu können.”

Gerade Eltern bekommen richtig schlechte Laune, wenn sie das Wort Morgenroutine nur hören. Denn mit Kindern gilt der Morgen doch bereits als gelungen, wenn alle bis um 6 Uhr (oder verrückter Weise bis um 7 Uhr) geschlafen haben und jeder das Haus mit geputzten Zähnen verlässt. Und ist es nicht auch schon toll, wenn man es abends noch zum Lieblingssport oder auf einen Drink mit einer Freundin schafft? Müssen wir uns wirklich immer noch mehr selbst optimieren? Und birgt so eine Morgenroutine nicht auch viel Potential für ein schlechtes Gewissen, wenn man sie nicht schafft oder noch schlimmer: anderen von seiner ausgeklügelten erzählt?

Dies soll ein Plädoyer für die kleinen Auszeiten im Alltag sein. Für das Leben im Moment. Die zehn Minuten durchgepustet werden auf dem Fahrrad. Das Lieblingsgetränk bei der Arbeit für sich zubereiten und genießen. Der Lachflash mit der Kollegin oder dem Kind. Das Loslassen für einen Moment – zum Beispiel beim Spaziergang in der Mittagspause. Auf dem Nachhauseweg eine Station früher aussteigen und noch ein paar Meter laufen.

Wenn man sich das zur Routine macht – ist dann nicht schon irre viel erreicht? Statt noch toller in was auch immer zu werden? Oder maximal viel zu erledigen? Was wollen wir eigentlich alle noch alles erreichen? Ausser die kleinen Momente des wirklichen Lebens zu verpassen?
Denn auch Lunch-Dates oder Mittagspausenpläne wie „schnell nochmal zum Arzt“, „mal kurz in die Stadt“, oder „eben nochmal zum Sport“ lassen den Puls höher schlagen und werfen uns von einem Hamsterrad ins nächste.

Wir haben Freundinnen, die bekommen morgens einen Kaffee von ihren Männern ans Bett gebracht oder eine Frühstücksbox mit ins Büro. Wie sensationell optimiert klingt denn das bitte? Okay, es gibt auch noch Leute, die haben morgens sogar schon Sex. Da sprechen wir im nächsten Monat ausführlich im Endlich Ich-Abo drüber (also nicht nur über Sex am Morgen).

Ich wollte euch nur vorbereiten auf den Moment, der bestimmt bald kommen wird, wenn eine Kollegin/Freundin/Nachbarin/jemand bei Instagram sagt: “Uuuuuuund? Wie geht deine Morgenroutine?” Dann sag doch einfach: “Mittelfinger!!!” Also innerlich. Ausgesprochen ginge auch ein: “Ach, ich hab da was ganz Tolles entdeckt: Ich dreh mich einfach noch mal um!”

Da machen wir auf jeden Fall mit!

Was meint ihr?

Marie

P.S.: Wer ist eigentlich diese Marie? Hey! Ich bin seit Anfang Juni im OhhhMhhh-Team, 26, verheiratet, Mama einer elfmonatigen Tochter und ihr werdet hier jetzt öfter mal was von mir lesen. Ich freu mich drauf!

 

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Katja 27. Juni 2019 um 20:19 Uhr

    Toller Start, Marie! Und das Thema trifft genau meinen Nerv, denn wie viele andere Mütter auch suche ich ein Zeitfenster am Tag, das nur mir gehört. Da klingt das Konzept der Morgenroutine verlockend. Zugleich weiß ich aber auch, wie sehr ich meinen Schlaf brauche und dass es unmöglich mein Weg in meiner aktuellen Lebenssituation sein kann, nach einer viel zu kurzen und unterbrochenen Nacht um 5 Uhr aus dem Bett zu springen. Es ist so wichtig, bei sich zu bleiben und den eigenen Weg zu finden…

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  3. Birte 27. Juni 2019 um 21:23 Uhr

    Wunderbar und treffend beschrieben. Der Text spricht mir aus der Seele und die Ex-Langschläferin Luxat so richtig. Kacken kann man auf jeden Fall sagen. Man muss dass Kind beim Namen nennen und mal weg vom
    Selbstoptimieren. Das hat bei mir dieses Jahr super viel Stress ausgelöst Daher bin ich zu meinem ursprünglichen Motto zurückgekehrt. Dieses Jahr ist ZweitausendNEINzehn!
    Ich hoffe weiterhin auf ruhige Klominuten. Weiter so!

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  4. Marga 28. Juni 2019 um 08:00 Uhr

    Meeeega! Wirklich super geschrieben, habe sehr gelacht. Freue mich auf mehr von Dir! Liebste Grüße nach HH

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  5. Ulrike 28. Juni 2019 um 09:13 Uhr

    Liebe Marie,

    danke für den Artikel. Und ich gebe zu, dass ich sehr neugierig war – alleine schon wegen dem Zitat als Aufmacher 🙂 Nur irgendwie hinterlässt er – zumindest bei mir – einen schalen Beigeschmack. Warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben? Weil es Menschen gibt die sich eine solche Morgenroutine zu eigen machen, es toll finden und unerhörterweise dies auch noch öffentlich erzählen? Warum wird in dem Artikel explizit darauf hingewiesen, dass Natascha Wegelin ja noch keine Kinder hat und Matze Hilscher ja eher Team 6 am angehört oder generell Eltern schlechte Laune bekommen? Irgendwie habe ich bei solchen Sätzen immer das Gefühl, dass diese als Rechtfertigung für das eigene Nichttun dienen und im Umkehrschluss andere dazu zwingt, sich zu rechtfertigen warum sie es tun und schaffen. Teufelskreis.
    Nein, man muss und soll nicht alles toll finden und jeden Scheiß mitmachen, nur kann man nicht einfach nach dem Motto handeln “jedem das seine”? Denn ehrlich – wenn ich ein schlechtes Gewissen habe nur weil ich keine Morgenroutine haben/ nicht Vegetarier bin / nicht 4 mal die Woche zum Sport gehen oder nicht whatever bin oder tue – was sagt das über mich? Sollte ich dann nicht lieber darüber nachdenken WARUM ich ein schlechtes Gewissen habe?

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    • Marie 1. Juli 2019 um 11:21 Uhr

      Liebe Ulrike,

      genau darum geht es uns. Sich nicht rechtfertigen zu müssen und nur dann Routinen in den Tag einzubauen, wenn es auch wirklich in die jeweilige Lebensphase passt. Als Mutter mit Baby ist schon das Kämmen der Haare an manchen Tagen eine Herausforderung, als Vater eines Schulkindes wie bei Matze Hielscher kann Me-Time um 6 Uhr überlebensnotwendig sein und als Frau ohne Kinder wie Natascha Wegelin wird der Morgen noch ganz nach seinen Wünschen und seinem Biorhythmus gestaltet. Erlaubt ist, was gut tut und eben kein schlechtes Gewissen macht. Sich eben in kein Korsett zwängen, dass gar nicht passt und einmal richtig durchatmen.

      Herzliche Grüße,

      Marie

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  6. Ina Kreft 28. Juni 2019 um 13:46 Uhr

    Ich habs noch gar nicht ganz zu Ende gelesen, dachte aber sofort bei den ersten Sätzen “Jaaaaa”, endlich! Es gibt anscheinend außer mir noch andere, die von dem Morgenroutine-Thema langsam angefressen sind. Der Beitrag entlastet ja total. Ich finde mich mit meinem morgendlichen Zitronenwasser, dem grünen Smoothie und vier Mal Sonnengruß schon mega. Aber es stimmt, Morgenroutinen hängen sehr mit bestimmten Lebens- oder auch Stimmungsphasen zusammen. Neben meiner Trinkroutine 😉 reicht es mir im Moment einfach, morgens zu sagen:”Wie geil, ich lebe.”
    Liebe Grüße Ina

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  7. Kathrin 2. Juli 2019 um 11:48 Uhr

    Also ich bin dabei….also rumdrehen und Mittelfinger. Mich würde mal interessieren wann die Leute mit der tollen Morgenroutine ab 5.00 Uhr dann abends ins Bett gehen. Ich mache diese ganzen Sachen auch aber Abends manchmal noch um 24.00 Uhr, Ziele definiere ich immer Abends für den nächsten Tag schriftlich und weiterbilden kann ich auch Abends am Besten wenn der Sohn im Bett ist. Die Besten Ideen kommen mir Nachts. Ich gründe dann jetzt mal den Mitternachtsclub, wer ist dabei.
    Viele Grüße Kathrin

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  8. Katrin 2. Juli 2019 um 15:54 Uhr

    Super Artikel!
    Morgenroutine ist nett, aber ich frage mich tatsächlich, ob all diese Prediger eigentlich Kinder haben?
    Meins geht zum Beispiel im Moment erst um 11 ins Bett (ich würd ja gern schon um 9 in die Heia), soll ich jetzt wirklich noch um 5, nach nur 6 Stunden Schlaf aufstehen?
    Und, ja, das mit denn kacken, da ist was dran … 😉

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  9. Tanja 11. Juli 2019 um 11:23 Uhr

    Hab sehr gelacht! Danke!
    Ja, dieser ganze Selbstoptimierungskram funktioniert tatsächlich nur, wenn man nicht noch andere zu optimieren, sprich: zu erziehen hat. Und ich habe schon lange eine Morgenroutine, die tatsächlich Zähne putzen für alle beinhaltet. Idealerweise hat dann auch noch jede*r mindestens eine Unterhose an, ehe wir das Haus verlassen. Klappt auch nicht immer…

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