Wonach ist dir heute?
Diesen Text gibt es auch als Audio-Artikel. Zum Hören und Downloaden einfach hier klicken.

 

“Ich will keine Kinder”. Diesen Satz sagte ich zum ersten Mal mit 17 Jahren. So ganz bewusst, so ganz im ernst, so gar nicht als Spaß. Inzwischen bin ich 40 und noch immer fühlt sich dieser Satz für mich richtig an. Was? Warum? Wieso? Ja, ich kenne diese vielen ungläubigen, ja fast schon erschrockenen, Gesichter – gerade bei Frauen und vor allem bei Frauen in meinem Alter. Dann fängt das erklären an, oftmals muss ich mich sogar dafür rechtfertigen. Dann wundere ich mich darüber, dass ich das immer wieder tun muss – schließlich muss sich eine Frau, die gern Kinder hätte auch nicht andauernd erklären. Ist doch seltsam, oder?

Ich versuche es also meistens so:

Stell dir vor, du hast einfach keine Lust auf Bungee-Jumping. Genau so geht es mir mit Kindern.

Tatsächlich ist es so, dass ich nie einen Kinderwunsch verspürt habe – ich kenne das Gefühl nicht, Mama sein zu wollen. Ist nicht in mir drin, gibt’s nicht, kann ich mich noch so sehr anstrengen und bemühen, die Uhr fängt einfach nicht an zu ticken. Es gab Zeiten, da dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht, dass kann doch gar nicht sein, komm schon, du willst es doch irgendwie, musst dich nur anstrengen. Aber so einfach funktioniert das halt nicht. Als mit Mitte dreißig die große Babywelle in meinem Freundeskreis aufkam, dachte ich mir: “Naja wenn alle das jetzt so machen, vielleicht will ich es dann auch, vielleicht macht es ja dann tick tack tick tack tick tack”. Aber nichts passierte, es blieb einfach still. Ich wollte es nicht. Die Vorstellung war einfach unvorstellbar.

Ich wähle bewusst eine andere Form der Lebensgestaltung und bin sehr zufrieden damit. Noch besser würde es mir gehen, wenn (zukünftige) Mamas damit auch zufrieden wären und nicht die große Wertungskeule auspacken würden. Ein Beispiel: Ich war mit einer Freundin beim Essen, sie ist Zweifach-Mama. Und plötzlich fällt er, dieser eine Satz, der einfach so auf den Tisch gelegt wird, so ins Brotkörbchen hinein:

„Ich wünschte du könntest dieses Glück erfahren, wie es ist, Kinder zu haben“.

Boing! Genau in solchen Momenten fällt mir nichts mehr ein. Ich bin es nämlich leid zum 100.000 Mal zu versichern, dass ich wirklich auch glücklich mit meinem Leben bin. Mir fehlt nichts. Ich will es genau so! Dass ich mir ihr Leben auf keinen Fall für mich vorstellen kann, sage ich ihr nicht. Aber solche Sätze entzweien und leider sind einige Freundschaften gerade deswegen auch schon zerbrochen. Viele meiner Freundinnen sagten zwar vor der Schwangerschaft: “Zwischen uns wird sich aber dadurch nichts ändern.” Doch leider stimmt das nicht, denn es ändert sich tatsächlich alles. Ohne Kinder ist man nämlich erstmal so ein bisschen raus aus der Sache. Erkannt habe ich das immer an dem Satz: “Wir machen jetzt oft was mit XY, die haben halt auch Kinder im selben Alter“. Das tut schon weh, aber inzwischen weiß ich, dass jeder fürs erste seinen Weg gehen muss. Ich meinen und meine Freundinnen den ihren. Irgendwann trifft man sich wieder, nicht mit allen, aber mit einigen ganz sicher.

Das Lustige an der Sache ist, dass Kinder größtenteils mein Leben bestimmen. Ich arbeite als Sozialpädagogin täglich acht Stunden mit kleinen entwicklungsverzögerten Kindern und ihren Familien zusammen. Ich mag Kinder wirklich richtig gern – auch wenn mir als Kinderlose oft unterstellt wird, dass dem nicht so ist.

Bewusst keine Kinder kriegen zu wollen, hat viel mit einer großen Freiheits-Liebe zu tun.

Ich habe mich gegen diese riesengroße Verantwortung entschieden und das erleichtert mich sehr. Beim Gedanken daran atme ich tief durch, denn ich bin nur für mich verantwortlich, muss nur mich irgendwie durchs Leben kriegen und jeder weiß, schon das ist gar nicht so leicht. Von daher bewundere ich alle Mamas enorm! Ich könnte und möchte es nicht. Die Frage nach der späten Reue, ja die wird auch oft gestellt und ich kann sie nicht beantworten. Wenn die Tür in zehn Jahren endgültig zufällt, ist sie zu – und vielleicht ist das dann auch gut so.

In Beziehungen war dieses Thema bisher noch kein Problem. Zu Beginn sage ich klar, dass ich eine Frau bin, die keine Kinder möchte. Wenn es für den potentiellen Partner zum Leben dazugehören soll, dann werden sich unsere Wege auch hier schon gleich wieder trennen. Von Anfang an ehrlich zu sein, ist besonders wichtig und tatsächlich war dieses Thema bei mir auch nie ein Trennungsgrund.

Sich klar zu positionieren, wenn es um das Thema Kinderplanung geht, fällt vielen Frauen schwer. Vor kurzer Zeit unterhielt ich mich zufällig mit einer Bekannten, 39 Jahre alt und kinderlos. Sie erzählte mir: “Weißt du, ich finde es so mutig von dir, dass du offen sagst, dass du keine Kinder willst. Ich möchte diesen Satz eigentlich auch ganz klar und deutlich aussprechen, aber ich traue mich nicht. Alle erwarten von mir, dass ich ein Baby haben will – meine Mutter, meine Freundinnen, ja sogar mein Freund. Der Druck ist so groß, dass er mich erdrückt und lähmt.”

Genau deshalb wünsche ich mir so sehr, dass gerade wir Frauen uns gegenseitig unterstützen – ganz egal, welche Lebensform wir wählen. Nicht zu bewerten, sondern zu akzeptieren und zu respektieren, kann allen helfen. Wir sollten zusammenhalten und uns nicht argwöhnisch beäugen und zusätzlichen Druck machen. Frauen, die bewusst kinderlos sind, genießen und feiern ihr Leben exakt genau so wie Frauen mit Kindern. Sie haben Ängste und Sorgen, lachen, weinen und lieben genau wie Eltern auch. Lasst uns lieber daran denken, was uns alles vereint und nicht daran, was uns entzweit.

Ach ja, der verletzende Satz meiner Freundin liegt immer noch auf dem Tisch in diesem Brotkörbchen und ist schon ganz schön hart geworden. Ich entsorge ich ihn für uns beide und räume auf. Das ist ein sehr gutes Gefühl.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Alina 7. September 2020 um 14:10 Uhr

    Vielen Dank für den tollen Beitrag ich kann komplett nachvollziehen was du schreibst.

    Ich selbst wollte auch niemals gemacht weil ich sie nicht ausstehen kann grauenvoll das Herumgeschreie und alles dreht sich nur noch darum. Die Erde ist sowieso übervölkert also was soll das, heutzutage noch Kinder zu bekommen absoluter Schwachsinn.

    Antworten
  3. Susanne 14. Dezember 2020 um 00:14 Uhr

    Ich denke dass diese Thema immer aktueller werden wird. Ich bin 36 und hatte damals zwischen 13-17 einen großen Kinderwunsch. Als ich dann mit 18 meinen Freund kennen lernte und er mich auch ständig mit seinem riesigen Kinderwunsch genervt hat, wollte ich dann keine mehr. Einmal hatten wir nicht verhütet und er hat sich total auf die Schwangerschaft gefreut. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und hatte die Panikattacke meines Lebens, bin dann morgens direkt zum Arzt und hab mir die Pille danach geholt. Seither bekomme ich immer Panik wenn ich nur in irgendeiner Art das Gefühl habe das Kondom könnte irgendwie undicht gewesen sein. Ja, ich habe panische Angst vor einer Mutterschaft. Angst dass ein Wesen in mir heranwächst. Angst vor der Geburt. Angst vor allem was mit Verantwortung zu tun hat. Und ich hatte selbst eine sehr schlechte Kindheit und wüsste gar nicht was ich meinem Kind mitgeben könnte. Ich fühle mich selbst total leer und haltlos im Leben und würde mein Kind nur eine einzige Träne wegen MIR vergießen, dann könnte ich mir das NIE verzeihen. Mein Kind sollte niemals weinend in einer Ecke liegen weil die Kindheit traumatisch war. Und ich wünschte meine Eltern hätte genauso gedacht! Dass ich keine Kinder will ist enorm verantwortungsvoll. Aber das sieht ja kaum einer. Zum Glück werde ich mit der Frage nie konfrontiert warum ich keine Kinder habe oder will. Warum weiß ich nicht. Mein Frauenarzt sagte letztens zu mir, ich würde aussehen wie 22. Vielleicht liegt es ja daran. Und wenn ich dann in 5 Jahre eh zu alt bin für Kinder dann fragt mich hoffentlich eh keiner danach. Ich möchte einfach nur in Ruhe leben und meine eigene traumatische Kindheit irgendwie aufarbeiten.

    Antworten
  4. LucyBartels 29. Dezember 2020 um 22:58 Uhr

    Hallo liebe Leserinnen, ich finde den Text mutig und richtig.
    Ich musste beim Lesen ueber mich schmunzeln, denn ich wollte auch 41Jahre nie Kinder.
    Dann ist es doch passiert, auf den letzten Druecker, und ich habe mich spontan gefreut und mich gleichzeitig darueber gewundert, wollte ich doch nie Kinder. Mein Leben hat sich 180Grad gedreht, es sollte wohk so sein. Aber ich verstehe auch die Haltung, keine Kinder zu wollen. Haette meine Tochter sich nicht zufaellig doch noch angekuendigt, waere ich auch kinderlis geblieben. Jetzt kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen. Es ist immer so wie es ist, man muss jeden Lebensentwurf akzeptieren. Toller Text!!! Liebe Gruesse von Lucy mit 2jaehriger Tochter:)))

    Antworten
    • Franziska 3. Februar 2021 um 13:22 Uhr

      Hallo an alle,

      ich beschäftige mich zurzeit (oder eigentlich schon seit Jahren) mit dem Thema Kinderkriegen. Das begann mit Ende zwanzig und nun bin ich 35. Ich hatte einen ganz komischen Kinderwunsch damals mit dem falschen Partner und zum Glück (ich bin ihm da heute noch zutiefst dankbar) war er immer dagegen, sodass es nie zu einer Schwangerschaft kam. Wir trennten uns (aus anderen Gründen) und ich lernte vor > 2 Jahren meinen jetzigen Freund kennen, mit dem ich grundsätzlich sehr glücklich bin. Wir sind gerade zusammengezogen und ich genieße unsere Zweisamkeit. Er fragte mich am zweiten(!) Treffen ob ich mal Kinder möchte. Da ich damals gerade aus der alten Beziehung kam war der Kinderwunsch noch latent da. Ich dachte also nicht weiter darüber nach und sagte “Ja!”.
      Jetzt im Nachhinein, nach einem Jahr in meinem neuen Job, in einer neuen Stadt, mit meinem lieben Freund, in einer neuen Wohnung und ein paar Jahre älter, ist dieses selbstverständliche “Ja!” einfach verpufft. Wir probieren seit etwa einem halben Jahr ein Kind zu zeugen und ich erwische mich dabei wie ich seit zwei – drei Zyklen einfach unglaublich erleichtert bin wenn meine Tage kommen! Ich lese viel über dieses Thema (“Die Uhr, die nicht tickt” von Sarah Diehl kann ich sehr sehr empfehlen! Lese ich gerade zum zweiten Mal.) Völlig unabhängig jetzt mal von mir und meinen Gefühlen und Gedanken: was ist denn mit meinem Freund? Er hat das Recht auf ein Kind! Er hat das Recht sich diesen Wunsch zu erfüllen und wer bin ich denn ihm das zu verwehren! Ich habe so arge Gewissensbisse. Aber ich kann nicht ihm zu Liebe ein Kind bekommen, die Schwangerschaft, die Geburt und erst was danach alles folgt ängstigt mich unglaublich! Ich sehe mich nicht als Mutter, aber ich kann mir ihn sehr gut als Vater vorstellen.
      Das ist mein Dilemma und ich habe echt keinen Plan wie ich das lösen soll. Ich habe auch so Angst davor dass er mich verlassen könnte, er ist der wichtigste Mensch in meinem Leben.

      Es könnte alles so einfach sein … mit einem vorhandenen Kinderwunsch. Vielleicht kann ich ja auch gar nicht mehr schwanger werden, vielleicht wird es nie klappen. Aber es einfach drauf anlegen ist echt psycho und würde mich in den Wahnsinn treiben, Monat für Monat.

      Liebe Grüße, Franziska

      Antworten
  5. Laura 2. März 2021 um 14:39 Uhr

    Hallo liebe alle, mir gefällt eure Einstellung, jeden in seiner Entscheidung zu respektieren.
    Ich bin jetzt 30 Jahre alt und ohne Kinder. Ich hatte im Alter von 24/25 einen starken Kinderwunsch und war mit einem viel älteren Mann zusammen. Er hat immer Gründe vorgeschoben, warum zu warten besser wäre und hat mir erst gegen Ende unserer 8-jährigen Beziehung eröffnet, dass er keine Kinder mehr will. Das ist natürlich übel, jemand auf diese Art halten zu wollen.
    Wie blind mich der Kinderwunsch gemacht hat, ist mir inzwischen klar geworden. Ich hätte mit einem Mann Kinder bekommen, der enorme Probleme mit sich hat und im Chaos versinkt. Ich wundere mich noch, dass ich mit ihm zusammen war!
    Der Auslöser für das Ende unserer Beziehung war, dass ich mich in einen langjährigen Freund verliebt habe, der auch viel älter ist als ich. Er möchte eigentlich keine Kinder mehr, hat aber in unserer, jetzt eineinhalb-jährigen Beziehung, immer mal wieder geschwankt, dass es vielleicht doch gehen würde, wenn er weiterhin ungehindert seiner Berufung nachgehen könnte. Kurzum: er würde es mir zuliebe tun. Das ist aber keine Basis für mich. Ich habe phasenweise so etwas wie einen „Anflug“ in Richtung Kinderwunsch gehabt, aber es ist definitiv kein Wunsch. Eher ist es der Eindruck, ich könnte etwas verpassen, wenn ich Leute im gleichen Alter sehe, die heiraten und Kinder bekommen. Das ist ebenfalls keine Basis, um ein Kind zu bekommen. Wie in einem Kommentar erwähnt, fände ich es super, wenn das Großziehen von Kindern Gemeinschaftssache wäre. Ich bin selbständige Kleinunternehmerin, unverheiratet, mein Partner und ich sorgen jeder für sich selbst. Ich möchte nicht Hauptverantwortliche für die Erziehung sein und in Abhängigkeit geraten. Meine Mutter ist auch nicht unbedingt der Mensch, dem ich das Kind einen Großteil der Zeit übergeben möchte. Insofern ist Kinderbekommen zur Zeit kein Thema.

    Antworten
  6. Lisa 31. März 2021 um 12:28 Uhr

    Hallo Ihr Lieben,
    Ich bin 34 Jahre jung und erzähle meine Geschichte, weil ich hoffe, dass es noch andere Frauen gibt, die so fühlen und denken wie ich:
    Damals Anfang 20 war für mich immer klar: Mann und zwei Kinder, das wäre perfekt! Und am besten bis spätestens 24 Jahre – denn ich wollte eine “junge Mama” sein.
    Wie das Leben nunmal spielt, hatte ich jedoch mit der Männerwahl kein großes Glück. Das gab mir Zeit zum Nachdenken. Je älter ich wurde umso verschwindender war mein Wunsch nach einem Kind. Wenn ich ehrlich bin, schwanke ich seit Jahren – ja, nein, ja, nein mit einer klareren Tendenz zu nein, aber keinem totalen nein. Ich war wütend auf mich und neidisch auf alle anderen, die klar “nein” oder klar “ja” sagen konnten. Aber ändern konnte ich nichts an meinen Misch-Gefühlen!
    Als meine beste Freundin dann endlich voriges Jahr Mutter wurde, dachte ich, würde ich auch endlich sehen, was mir all die Jahre fehlte. Aber: Pustekuchen! Ich bin finde den Kleinen goldig, keine Frage, aber es regt sich einfach nichts in mir, dass ich das gerne 24/7 auch erleben will.
    Ich gebe zum Teil der Gesellschaft, dem modernen, hektischen Leben, dem Allein-Leben (auch als Familie) die Schuld. Ich glaube, ich bin dem einfach nicht gewachsen, nicht in dieser Welt, nicht mit dem Spagat Kind – Arbeit – Partnerschaft – Selbstverwirklichung. Und dennoch schäme ich mich für diese Gedanken, denn sollte ein Kind nicht DER SINN schlechthin des Lebens sein? Ein Produkt der Liebe? Bin ich zu lieblos? Zu egoistisch? Bereue ich es, wenn ich doch “ja” sage? Bereue ich es, wenn ich “nein” sage?
    Inzwischen habe ich den passenden Mann an meiner Seite. Er hat selbst 2 Kinder (11 und 13) – das entspannt enorm. Er kann sich nochmal Kinder mit mir vorstellen, aber er kommt auch ohne weitere Kinder klar. Das ist ja perfekt für Frauen wie mich, die sich nicht entscheiden können.
    Wenn ich meiner innersten Stimme zuhöre, gehe ich eher in die Richtung “kein Kind”. Der Rest scheint meine Angst zu sein. Meine Angst, etwas zu verpassen. Das Wichtigste zu verpassen. Es zu bereuen. Zu egoistisch gewesen zu sein.
    Und trotzdem sollten wir alle unser Leben so nehmen, wie es ist: Man kann es sich mit und auch ohne Kind bescheiden gestalten. Ein Kind entscheidet nicht darüber, wie man sich fühlt, wie es einem geht, ob man glücklich ist oder unglücklich. Es hängt von einem selbst ab.

    Antworten
Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht
* Erforderliche Felder sind markiert