Wonach ist dir heute?

Diesen Text versuche ich seit langem zu schreiben. Meist denke ich an den Wochenenden daran. Weil die noch schöner und so viel einfacher als früher geworden sind. Die Kinder spielen jetzt wirklich mal länger am Stück zusammen, so ganz allein in ihrem Zimmer oder im Wohnzimmer. Wo auch immer, ich geh vorbei oder höre sie von nebenan, wie sie sich Spiele und Geschichten ausdenken, lächele vor mich hin und genieße die simpelsten Dinge wie Aufräumen, Waschen, Kochen in Ruhe.

Bis einer schreit.

Bis sie sich gegenseitig was wegnehmen.

Bis einer von beiden heult, als hätten wir gesagt: Nie wieder Süßigkeiten.

Dann denke ich: Ich schreib diesen Text doch lieber nicht.

Doch dann sind wir draußen zusammen, unternehmen etwas, basteln uns Abenteuer, entdecken und erleben so viel. Plötzlich erzählen oder machen sie beide wieder so etwas Niedliches, dass ich sie einfach nur fangen, knutschen und ganz doll an mich drücken muss. Dann flüstert es in meinem Kopf: Lass sie bitte, bitte, bitte nicht so schnell groß werden.

Oder wenn sie einfach mit ihren Rollern durch die Straßen heizen und ich ganz entspannt mit Handtasche ohne Karre, ohne tausend Wickeltaschen und Gedöns hinterher schlendere. Wenn ich mich endlich nicht mehr fühle, als würde ich nachmittags mit ihnen und ihrem Zubehör einen Mini-Umzug meistern müssen.

Wenn ich einfach nur mal auf einer Parkbank sitze, ihnen kurz zuschauen und stolz sein kann, statt ununterbrochen assistieren zu müssen.

Wenn jeder einfach so vor sich hinpütschert am Wochenende.

Wenn ich einfach nachmittags bei Spielverabredungen mit meiner Freundin auf der Couch sitzen, schnacken und in Zeitschriften blättern kann, während die Kinder auch mal alleine spielen. Oder ich mit meinem Mann mal kurz in Ruhe etwas bespreche.

Wenn wir einfach ein Restaurant betreten können und dort zu viert eine Mahlzeit zu uns nehmen, ohne auf halber Strecke mit knallroten Birnen und schreienden Bälgern panisch flüchten zu müssen.

Wenn sie einfach sagen, was sie essen möchten, als nur einen Schreianfall zu bekommen, wenn man das Falsche auftischt. Wenn sie einfach sagen, dass sie Pippi/Kacka müssen, statt den Rücken hoch zu scheißen. Dann fühlt es sich so viel einfacher an als früher.

Wenn sie dann aber einen Trotzanfall bekommen, gern auch parallel voneinander inspiriert, der ganz neue Schwierigkeitsstufen erreicht – egal ob Zuhause oder auswärts, oh boy, dann würde ich manchmal am liebsten wegrennen. Weit, weit weg. Stattdessen atme ich, gehe ins andere Zimmer, atme noch mehr und erinnere mich daran, auf was ich stolz bin: Ruhig zu bleiben in diesen Situationen. Ihnen mit viel Liebe statt Wut zu begegnen. Weil das am besten funktioniert. Auch wenn es in mir tobt.

Bin ich dann mal beruflich weg oder auch mit Freundinnen oder auch einfach nach einem langen Arbeitstag, ist da dieses Gefühl, diese Vorfreude, die Sehnsucht nach Zuhause. Was nicht heißt, dass ich das andere nicht genießen kann, das tue ich in vollen Zügen, nein, es ist so eine Freude, die immer da ist, wenn ich an meine kleine Familie denke. Wie gern ich zu ihnen zurückkehre. Nach Hause komme.

Beruhigt hat mich auch die Einsicht: Er kommt zurück, der eigene Tanzbereich. Manchmal auch dadurch, weil man gewisse Situationen einfach satt hat und sie endlich so organisiert, dass man wieder Spaß daran hat. Oder sie einfach weniger nervig sind. Einkaufen zum Beispiel. Lieber haue ich zehn Minuten früher bei der Arbeit ab, suche schnell alle Sachen alleine im Supermarkt zusammen, als später mit den Kindern bei doppelter Zeit und mit der Hälfte an Nerven. Oder Zeit für mich. Die ist ein fest eingeplanter Punkt, an dem es nichts zu rütteln gibt, weil ich sonst zusammenkrache und dann irgendwann alles.

Stolz macht mich auch mein Selbstbewusstsein als Mutter. Ich weiß, dass ich mein Bestes gebe und das gut ist. Und reicht. Ich stelle mir keine nicht zu erreichenden Ziele, ich schimpfe nicht mit mir als Mutter, nenne mich niemals Rabenmutter, zweifle nicht daran, dass das, was ich täglich versuche, nicht gut genug sein könnte. Ich bin die Mutter meiner Kinder und das mache ich richtig gut. Ich vergleiche mich nicht mit anderen Müttern, weil das nur ins Unglück führen kann. Ich brauche auch keine Komplimente von anderen. Ich achte lieber auf mein Gefühl, ob es sich richtig anfühlt, wie ich mit meinen Kindern umgehe. Und das tut es.

Es ist wie an einem Mischpult. Der Regler für die unglaublich schönen Momente als Familie und als Mutter ist in Jahr vier noch weiter nach oben geschoben worden. Ich denke so oft, wie gut alles ist, dass ich alles habe, was ich immer wollte.

Dass es jetzt so ist, wie ich mir das Kinder haben immer vorgestellt habe.

Der andere Regler, der mit den Trotzanfällen ist nur auch noch da. Und manchmal schießt der ebenfalls so hoch, so wie noch nie zuvor, dass ich ungläubig daneben stehe.

Wie immer, wenn ich merkte, dass wir neue Phasen des Zusammenlebens betreten, werde ich auch jetzt einfach weiter auf die Supertricks warten, die einem irgendwann für die neuen Herausforderungen einfallen. Noch mehr auf sie eingehen, als ich es eh schon tue, noch bewusster mit ihnen spielen, ihnen noch mehr Aufmerksamkeit widmen, oft lässt das die Abstände zwischen den Trotzanfällen weiter werden. Oft werden sie dann nicht ganz so schlimm. Das ist ein Weg, den ich ausprobiere. Und wenn der nichts wird, gehe ich einen anderen, neuen.

Wir machen das doch alle zum ersten Mal. Das darf man einfach nicht vergessen. Genau so wenig, wie was es für ein Geschenk ist, zwei so kleinen, bezaubernden Menschen beim groß werden zuschauen zu dürfen. Und Mama genannt zu werden.

Foto – Marco Ceschi/ Unsplash

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Katrin Pfeuffer 15. Oktober 2018 um 19:24 Uhr

    Liebe Steffi, mal wieder mitten ins Herz getroffen , Dein Artikel! Ich hatte gerade heute Nachmittag diesen Moment, als mein großer 10-jähriger meine nur wenig größere, liebste Nachbarin mit einem Lächeln beim Tischtennis abgezogen hat. Ich könnte ihn knutschen, wie selbstbewußt und liebenswert er bisher gelungen ist. Und auch wenn es zu schnell geht, jedes Alter der Kinder hat auch irgendwie was Magisches! Wir dürfen wirklich stolz sein, auf das, was wir geschaffen haben. Trotz Wutanfällen und Zweifeln zwischendurch! LG Katrin

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  3. Ute 15. Oktober 2018 um 21:59 Uhr

    Liebe Steffi,
    Ein Text zum Warm-ums-Herz-werden…. Ich genieße das Mama-Sein auch sehr und bin sehr dankbar für zwei großartige, gesunde Kinder. Bis jetzt fand ich auch jedes Alter spannend, so süß als Baby, drollig als Kleinkinder (die sehr ausgeprägte Trotzphase mit täglichen Kreischbrüllanfällen meiner Lütten hab ich irgendwie komplett verdrängt), schön, wenn sie ihren Radius langsam erweitern und immer mehr allein organisieren, Wege allein zurück legen….
    Und jetzt finde ich es höchst spannend, meinem Großen (15) beim Erwachsenwerden zuzugucken, dass er ein Selbstbewusstsein hat, das ich mir mit 15 gewünscht hätte, dass er sich auch schon ganz auf Augenhöhe mit erwachsenen Freunden von uns unterhalten kann, dass er jetzt langsam das Partyleben am Berliner Mauerpark für sich entdeckt und davon aber zum Glück auch viel erzählt, dass er sich schnell und heftig verliebt und auch davon erzählt….
    Ich kann dir nur sagen, es bleibt weiter spannend!
    Genieß die Zeit! Liebe Grüße Ute

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  4. Jessica 15. Oktober 2018 um 22:35 Uhr

    Liebe Steffi,
    ich habe gerade in deinen Stories den Link entdeckt und mich richtig aufs Lesen gefreut.
    Ich möchte dir ein riesiges Kompliment machen. Neben all den Blogs und Instamamas denen ich so folge, bist du eine der wenigen die mich wirklich inspiriert. Bei der mir vieles gedanklich hängen bleibt. Was nicht heißt dass ich die anderen Mamis weniger schätze… Zu gerne lasse ich mich in den Stories von jenen abends auf dem Sofa berieseln.
    Aber bei dir ist es anders. Wir haben erst kürzlich die Großstadt verlassen und sind zurück aufs Land in unsere Heimat gezogen. Die Renovierungen im neu gekauften Haus haben wir maßlos unterschätzt. Ich bin in einem neuen Job, meine 4 jährige Tochter in einem neuen Kindergarten. Es ist also alles sehr turbulent.
    Aber spätestens seit deinem potcast denke ich täglich daran. Dankbar zu sein. Stolz auf mich und unseren Mut zu sein. Denke daran, wie positiv du das Leben nimmst. Klingt jetzt hoffentlich nicht unheimlich 🙂
    Eigentlich alles ganz simple. Ich danke dir für die tägliche Ration positiver Vibes. Gerade helfen sie mir oft und viel! Ich freue mich auf mehr Beiträge, blogposts, potcasts usw.
    Viele Grüße Jessica

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  5. Franzi 16. Oktober 2018 um 09:53 Uhr

    Was für ein toller Text.

    Meine Kinder sind ein bisschen jünger als Deine (knapp 2 und 3,5) und Du bist immer mein Ausblick auf “in ein paar Monaten”. Ich merke jetzt schon, dass es in manchen Momenten einfacher geworden ist. Beide Kinder sind trocken, laufen, sprechen (naja, oder kreischen), die große geht vormittags in den Kindergarten. Und das alles ist SO viel wert.
    Die Babyzeit war schön, ja, aber hat uns als Eltern ziemlich aufgezehrt. Jetzt blitzt es immer mal durch, dass auch wieder andere Zeiten kommen.

    Ich rolle jedes Mal mit den Augen, wenn einer mit dem Spruch “kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder…” um die Ecke kommt. Es mögen andere Sorgen sein mit anderen Dimensionen, ja, aber mir kann echt keiner sagen, dass es nicht einfacher wird. Dass diese Baby-/Kleinkinder-Phase nicht hardcore ist.

    Tja, “leider” wollen wir noch ein drittes Kind. Es kommt also alles nochmal, seufz.

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  6. Julia 16. Oktober 2018 um 14:17 Uhr

    Oooh ja, geht mir genauso!! Absolut! Auch ich feier, wenn beide Mädels (fast 4 und fast 2) alleine spielen und ich sogar mal ungestört für eine winzige Kleinigkeit ins Bad kann. Oder die kurze Pause zwischen Job und Kita, wenn ich etwas alleine erledige. Oder, oder, oder! Schön, wenn es anderen Mamas ähnlich geht – im Guten wie im „Schlechten“.

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  7. Margit 16. Oktober 2018 um 15:18 Uhr

    Liebe Steffi,
    so herzallerliebste, kluge Worte!
    Ich möchte dir als stille Leserin endlich einmal meine Hochachtung und meinen Dank für deinen Blog aussprechen. Wie großzügig du auf diesem Forum deine cleveren Tipps, gescheiten Gedanken und die deiner interessanten Weggefährten mit deinen Leserinnen teilst, ist sehr besonders. Deine Podcasts haben so eine hohe Qualität! Ich wünsche dir — und bin mir aber eigentlich sicher —, dass du ebenso viel Gutes zurück bekommst.
    Herzlichst, Margit
    (die übrigens altersmässig deine Mutter sein könnte)

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  8. ruth 16. Oktober 2018 um 15:49 Uhr

    Danke für diesen Text. Meine Kinder sind noch größer, 7 und 12. Und natürlich sind sie schon unfassbar selbständig, aber – keine Sorgen – sie brauchen uns immer noch sehr. Und sind immer noch sehr sehr niedlich, manchmal. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie glückliche, autonom denkende Menschen werden. Dafür möchte ich ihnen möglichst viel mitgeben, ihnen zeigen, erklären, mit ihnen ausprobieren, erleben…. und deswegen freue ich mich seit dem ersten Krabbelversuch immer unfassbar, wenn sie etwas alleine machen, selbständig werden und sind. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich dann “Pause” habe oder “endlich meine Ruhe” – wie mir oft unterstellt wird. Ich wünsche mir einfach, dass sie selbständige, kritisch denkende, mutige, neugierige Menschen sind. Und das muss man halt jahrelang üben. Toleranz übe ich auch jeden Tag mit ihnen, damit sie nicht so verbitterte Leute werden, die ihre Sichtweise über alles andere stellen und andere Menschen aus Frust dumm anmachen müssen. Ach so, und DANKE für deinen Blog, deinen Podcast, deine Kommentare, deine Insta-Stories…. große Freude immer. Ehrlich.

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  9. Stephanie 16. Oktober 2018 um 16:26 Uhr

    Dein Text ist so voller Wärme und Urvertrauen. DANKE. Und jetzt Nina … beim Lesen musste ich immer irgendwie an Nina denken. Sie hat die Erleuchtung ja noch vor sich.
    Liebste Grüße
    Stephanie

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  10. Katrin 16. Oktober 2018 um 19:57 Uhr

    Liebe Steffi, was für ein schöner Text!!
    Mein Sohn wird im November 21 und ich finde diese Zeit ist im Fluge vorbei gegangen. Manches habe ich versäumt oder vergessen, weil ich als Alleinerziehende arbeiten ging, um uns beide durch’s Leben zu bringen. Aber diese Zeit nimmt einem niemand und es ist etwas, was einen trägt, woran man gerne denkt.
    Ich habe Fehler gemacht bei diesem damals kleinen Kerl, für die ich mich selbst heute noch schäme, aber er trägt sie mir nicht nach.
    Und wenn ich sehe, wie er sein Leben wuppt, was aus ihm geworden ist (=seine Persönlichkeit) bin ich stolz und demütig. Und er sagt, ich habe alles richtig gemacht und bin die beste Mutter, die er sich wünschen kann – Herz, was will ich mehr.

    Genieße die guten und trotzigen Momente mit Deinen Kids, schreibe sie auf oder bewahre sie so in Deinem Herzen, sie sind ein Geschenk! Du/Ihr macht das bestimmt klasse 😉
    Ganz liebe Grüße Katrin

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  11. Nika 7. November 2018 um 20:54 Uhr

    Dieser Text könnte von mir sein. Meine Zwillinge werden nächste Woche 4. Und ich kann jede Zeile, jeden Satz nachvollziehen. Danke!!

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