Wonach ist dir heute?

Es ist bereits stockdunkel in Deutschland, als es in der ZOOM-Konferenz kurz knackt und ich sie endlich sehe: Glennon Doyle. Plötzlich ist mein Gesicht so rot vor Aufregung, dass es geradezu mein Büro erleuchtet.

„Warum bist du denn so aufgeregt?! Du hast doch schon so viele Stars interviewt!“, fragt mich meine Freundin Pia, als ich ihr erzähle, dass ich seit Tagen unter dem Imposter-Syndrom leide. Sprich, mir denke: „Das schaff ich nicht, das wird nicht gut genug, Hilfe!“ Und auch im Gespräch mit Glennon Doyle erwähne ich meine Sorge. In die Imposter-Falle tappe ich immer mal wieder, obwohl ich mit mittlerweile 40 den ausgetrampelten Weg dorthin bestens kenne und eigentlich versuche zu umgehen. Es passiert, wenn ich es dann doch wieder allen recht machen möchte. Einer internationalen Bestsellerautorin wie Glennon Doyle, die ich bewundere wie schon lange niemanden mehr und die mir ihre wertvolle Zeit schenkt, der netten Verlagsfrau, die so für mich gekämpft hat, dass ich eines der sehr wenigen Interviews bekomme, meinen Hörer*innen und natürlich mir selbst („Ein Interview auf Englisch? Das tausende Menschen im Podcast hören und auf Video sehen? Bist du dir sicher, dass dein Englisch dafür gut genug ist?“).

Der Unterschied zu früher ist nur: Ich verheimliche die Sorge nicht mehr. Ich spreche sie an. Wie vieles, worüber andere lieber öffentlich nicht sprechen. Das habe ich unter anderem genau dieser Glennon Doyle zu verdanken. Ihr Buch „Untamed“, zu Deutsch „Ungezähmt“, das es seit dieser Woche endlich auch im Rowohlt Verlag in Deutschland gibt, hat mich ein paar negative Denkmuster erkennen und rausschmeißen lassen. Darüber sprechen wir im Podcast (gibt’s jetzt überall kostenlos, wo es Podcasts gibt), den ich, wie erwähnt, auf Englisch geführt habe und deshalb hier die wichtigsten Themen ins Deutsche übersetzt habe. Von unserem Gespräch gibt es auch ein ZOOM-Video, dieses findet ihr in unserem Endlich Ich-Abo.

Wer ist eigentlich diese Glennon Doyle?

Die kurze Antwort:

Glennon Doyle ist eine 44-jährige Bestsellerautorin und Aktivistin aus Florida. „Ungezähmt“ sind nach „Carry on, Warrior“ und „Love Warrior“ bereits ihre dritten Memoiren, aber ihr Leben und die lange Suche nach dem Glück darin wären bewegt genug für ein ganzes Buchregal.

Die etwas längere Antwort:

Glennon Doyles Streben danach, es anderen recht machen zu wollen, begleitet sie seit ihrer Kindheit. Sie verlor sich zunächst in einer Essstörung, dann jahrelang in Alkohol- und Drogensucht. Halt gab ihr erst eine ungeplante Schwangerschaft. Doch auch in der Ehe mit ihrem Mann Craig Melton merkte sie schließlich, dann schon Mutter von drei Kindern: Hier gehe ich verloren. Vor allem in der Märtyrerrolle, die die Gesellschaft Müttern aufdrückt. Und an der Seite eines Mannes, der sie seit der Hochzeit immer wieder betrogen hatte.

Doyle begann, sich davon zu lösen, was ihr als ideales Leben vorgegaukelt worden war, und schaffte sich ein Leben nach ihren eigenen Wünschen. 2016 traf sie auf einem Pressetermin Abby Wambach, die amerikanische Fußballikone – Liebe auf den ersten Blick. Heute lebt die 44-Jährige mit Abby, mit der sie seit 2017 verheiratet ist, und den drei Kindern aus erster Ehe in Florida und ist mit ihrem Ex-Mann gut befreundet. Und, auch dafür ist sie eine große Inspiration, sie engagiert sich sozial und politisch. Mit ihrer Stiftung Together Rising hat sie unter anderem geholfen, Familien, die durch die Trump-Regierung an der Grenze zu Mexiko getrennt wurden, wieder zusammenzuführen. Und in den letzten Wochen hat sie tausende Amerikaner dazu motiviert, wählen zu gehen.

Zum Fanclub von „Untamed“ gehören nicht nur Oprah Winfrey, Elizabeth Gilbert und Brené Brown, sondern unzählige Frauen weltweit. Das Buch, das jedoch nicht nur für Frauen gedacht ist, wie Doyle, Mutter eines Sohnes, oft betont, ist längst ein Bestseller. Sicher auch deshalb, weil sie sich getraut hat, so verletzlich und ehrlich über ihre Befreiung zu schreiben, und damit vielen Mut macht.

Wir haben uns darüber unterhalten, wie man es schafft, sich von den Erwartungen anderer zu befreien und endlich das Leben zu leben, das man schon immer wollte. Viel Freude beim Lesen!

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Dienstagabend, 18.30 Uhr deutscher Zeit, ich sehe Glennon Doyle über eine ZOOM-Videokonferenz. Zwei Tage, nachdem verkündet wurde, dass Joe Biden der nächste US-Präsident wird. Nach einer sehr herzlichen, gut gelaunten Begrüßung, die mir die Röte ins Gesicht treibt, frage ich sie:

Wie geht es dir?

Wir sind als Familie sehr glücklich, aber auch komplette Zombies. Jetzt ruhen wir uns kurz aus. Und dann geht die Arbeit weiter. Aber das Grundgefühl ist gut.  

Sogar in Florida?

Na ja. Als ich die Nachricht erhielt, dass Biden gewonnen hatte, konnte ich auf dem Handy mitverfolgen, wie meine Freunde feierten. Ich war dagegen bei einem Fußballspiel mit meinen Kindern und die Stimmung war wie bei einem Begräbnis. Wir leben in einer selbst für Florida sehr konservativen Gegend. Aber nicht mehr lang. In ein paar Monaten ziehen wir um.

Immer die Wahrheit zu sagen, ist so etwas wie dein Markenzeichen. Wie ist es dir gelungen, im Moment des Triumphs unter lauter Trump-Anhängern still zu bleiben?

Normalerweise halte ich mich nicht zurück, aber meine Kinder hatten mich gebeten: „Bitte, können wir nicht einfach dieses Fußballspiel hinter uns bringen?“

Du hast als Aktivistin gerade in den letzten Monaten noch einmal viel für die Wahl bewegt, gleichzeitig bist du immer für deine Community erreichbar, bist Ehefrau, Mutter, Autorin. Deine Freundin Brené Brown hat einmal gesagt: „Ich kann nicht als Hülle meiner Selbst von der Arbeit nach Hause kommen.“ Wie passt du auf dich auf, dass du trotz Corona, Trump und all dem Wahnsinn nicht durchdrehst und noch genügend Energie für dich selbst hast?

Zuletzt habe ich viel aufgeräumt. Ich trieb zuhause alle in den Wahnsinn, weil ich vor nervöser Energie nur so vibrierte. Also fing ich an, das Haus zu organisieren. Als ich damit fertig war, nahm ich mir die Garage vor. Als ich damit fertig war, einen weiteren Stauraum. Sieht jetzt alles fantastisch aus (lacht). Aber ernsthaft: Ich trenne nicht zwischen Arbeit und Familie. Der Aktivismus, das Schreiben, die Erziehung, das hängt alles miteinander zusammen.

Ich versuche nicht nur, meine Kinder auf die Welt vorzubereiten. Sondern die Welt für meine Kinder.

Ich habe zwei Töchter und einen schwulen Sohn. Sie brauchen mich nicht nur zuhause, sondern da draußen, um für die Rechte zu kämpfen, die ihnen zustehen. Dass ich daher gelegentlich erschöpft und komisch drauf bin, verstehen sie.

Deine Frau Abby ist sehr gut darin, nichts zu tun. Du übst eher noch …

Sie schafft es, sich mitten am Tag auf die Couch zu legen und eine Realityshow zu gucken, während ich um sie herumflirre. Das rührt aus der Kindheit. Ich erinnere mich, dass ich jedes Mal von der Couch hochschreckte, wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, und so tat, als sei ich schwer beschäftigt. Ich lernte damals, dass sich mein Selbstwert über meine Produktivität definiert. Im Grunde will ich aber das, was Abby kann: in der Lage sein, dieses Hamsterrad von einem Verstand anzuhalten und nicht zu denken, dass mich keiner mehr liebt, wenn ich nicht ständig am Erledigen bin. Ich arbeite daran. Gestern habe ich mich mitten am Tag für eine Stunde hingelegt. Ich hatte Muskelzucken vor lauter Überwindung (lacht).

High Five (wir lachen beide)! In „Ungezähmt“ erzählst du, dass Abby den Kindern oft sagt: „Lasst sie schlafen. Danach wird etwas Großartiges passieren.“ Holst du dir so deine Erholung?

Ich muss sehr viel sogenannte Self-Care betreiben, um nicht nur zu überleben, sondern am Leben teilnehmen zu können, trotz meiner psychischen Erkrankung. Als ich zu meinem ersten Treffen der Anonymen Alkoholiker ging, nannte das noch keiner Self-Care. Aber die Erkenntnis, dass ich mit der Diagnose klinische Depression und Angststörung viel Selbstfürsorge brauche, wurde mir damals dennoch klar. Seitdem ich trocken bin, weiß ich: Essen und Alkohol, meine zwei Süchte, waren nicht das Problem, sondern meine ineffektiven Lösungen, mit dem Problem fertig zu werden. Schlafen ist eine bessere Lösung. Und unfassbar viel Yoga. Das ist der einzige Sport, der mir nicht wie eine Selbstbestrafung vorkommt. Bei meiner Vorgeschichte mit Bulimie muss ich aufpassen.

Obwohl sie so viele Jahre zurückliegt?

Ich weiß nicht, ob ich je darüber hinwegkommen werde. Mal denke ich seltener über meinen Körper nach. Dann kommen Zeiten wie jetzt durch die Pandemie, wenn alles außer Kontrolle scheint, die meinen Kontrollwahn beim Essen triggern. Das ist der Preis dafür, in einer Kultur aufzuwachsen, die besessen davon ist, Frauen in jeder Hinsicht klein zu halten. Vieles von dieser Botschaft habe ich aufgearbeitet. Ich halte meine Ambitionen, meine Stimme oder meinen Intellekt nicht mehr klein. Doch die Erwartung, dass Frauen physisch klein sein sollten, habe ich bisher nicht überwunden. Das nervt. Das macht mich wütend. Das sollte mir als Feministin nicht passieren.

Was hätte ich nur alles mit der Lebenszeit anstellen können, die ich bisher mit Gedanken an Essen vergeudet habe.

Manchmal komme ich mir deswegen vor wie eine Betrügerin. Aber ich vergebe mir dafür. Diese ständige Selbstverbesserung ist doch auch entsetzlich anstrengend.

 

 

Dieses Gefühl, Zeit zu vergeuden, kennen sicher viele. Bei der Vorbereitung auf das Interview hatte ich zum Beispiel plötzlich das Imposter-Syndrom. Zuerst habe ich mich zermartert, warum mir das passiert. Aber dann versuchte ich, mich darauf einzulassen und zu schauen, welche Themen das in mir auslöst.

Welche waren das?

Ich versuche, ein braves Mädchen zu sein. Gute Arbeit zu liefern. Es allen recht zu machen. Dinge, die mich schon lange beschäftigen. Wir Frauen denken ja oft, wenn wir ein Problem angegangen sind, haben wir das für immer erledigt. Dabei ist man für den Rest seines Lebens auf dieser Reise.

Deshalb ist es im Grunde ziemlich komisch und völlig falsch, dass mein Buch „Ungezähmt“ heißt, wenn man ungezähmt versteht als: komplett frei von kulturellen Erwartungen und Idealen. Wer zur Hölle ist das je? Ich habe das verdammte Ding geschrieben und frage mich trotzdem fast täglich: „Oh Gott, habe ich jemanden verärgert?“ Als Frauen sind wir darauf gedrillt, nett zu sein. Ich war früher Grundschullehrerin und merkte, dass wir Jungs, durchaus unbewusst, signalisierten: „Sag, was du denkst, und dann mach weiter.“ Dagegen gaben wir Mädchen zu verstehen: „Sei lieb und denk an die Gefühle der anderen.“ Dadurch lernen Mädchen, dass es ihre Aufgabe ist, keine Gefühle zu zeigen, die andere verletzen könnten. Und dann wundern sich die Leute, warum Frauen später Probleme damit haben, offen zu reden. Wir haben gelernt, unser wahres Gesicht zu verbergen.

… im repräsentativen Ich, wie du es in deinem Buch „Love Warrior“ nennst. In dem wir uns verstecken, wenn wir nicht genügend Mut haben, unser wahres Ich zu zeigen.

Wir mögen als Kinder laut und stürmisch sein, große Persönlichkeiten, doch durch die soziale Konditionierung lernen wir im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, uns den Erwartungen der Gesellschaft anzupassen, also leise, nett und zuvorkommend zu sein. Das betrifft Jungs ebenso, denen beigebracht wird, nicht zu weinen, nicht weich zu sein, keine Gnade zu zeigen. Diese Erwartungen sind wie Käfige.

Mit der Zeit entwickeln wir ein Ich, das dem entspricht, was von uns erwartet wird, während unser wahres Ich immer kleiner wird.

Ich stelle oft fest, dass wenn ich mein wahres Ich zeige, statt Smalltalk zu machen, das Gegenüber vielleicht zuerst schockiert ist, dann aber dankbar. Es ist, als habe man der anderen Person eine Tür geöffnet, auch ehrlich zu sein.

Die Wahrheit ist wie ein Schlüssel. Und es ist so einfach, ihn auszuhändigen. Allein mit der einfachen Frage: „Wie geht’s zuhause?“ Das repräsentative Ich antwortet: „Fantastisch! Die Kinder sind wundervoll! Es ist so leicht, verheiratet zu sein!“ Das wahre Ich möchte dagegen sagen: „Der Lockdown war die Hölle. Die Kinder sind ein Albtraum. Und so sehr ich meinen Partner liebe, nach neun Monaten, in denen wir zusammen eingesperrt waren …“ Teilt man das, merkt die andere Person: Ich bin nicht allein. Wir sind alle auf Erden, um einander zu helfen, die Last zu tragen. Solange wir etwas vortäuschen, können wir das nicht. Und dann wundern wir uns, warum alles so schwer ist.

Deine Töchter verhalten sich ganz anders und hinterfragen die Regeln. Bei unserer Generation wundere ich mich, wie wir es zulassen konnten, dass viele von uns versuchten, einem kranken Bild zu entsprechen. Auch ich hatte mit dem Thema Essstörung bis Anfang 20 zu kämpfen. Warum hat es so lange gedauert, die Hintergründe zu verstehen und sich davon zu lösen?

Erstmal vergebe ich uns dafür, dass uns das widerfuhr. Uns wird von allen Seiten gesagt, dass wir keinen Appetit haben dürfen. Eine Essstörung ist eine geradezu logische Folge. Nun war meine Bulimie keine gute Lösung, denn sie hätte mich beinahe umgebracht. Aber wenn man es von der Perspektive betrachtet, dass mein junges Ich nach einem Weg suchte, mit den Erwartungen der Welt fertig zu werden, bin ich stolz auf mich. Auf uns.

Heute wird es Mädchen gestattet, Menschen zu sein, mit all dem Appetit, den das beinhaltet.

Was hat sich genau verändert?

Oberflächlich betrachtet nicht viel. Die Botschaft lautet nach wie vor: Sei zuvorkommend und lieb. Meine Mädchen haben aber eine Mutter, die davon sehr krank wurde und die herausgefunden hat, dass wir in einer zutiefst misogynen Kultur nur zwei Möglichkeiten haben: daran zu erkranken oder wütend zu werden. Wütend werden Mädchen, denen beigebracht wird, dass die Botschaften Gift sind. Meine Mädchen sind konstant wütend. Da habe ich meinen Job als Mutter gut gemacht. Ich bin mir sicher, ich vermassele es mit ihnen an anderer Stelle (lacht).

Auch Erwachsene verlieren sich in der Aufgabe, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wie schützt man sich davor?

Wir sehen es als unsere Aufgabe, in der Kindheit sicherzustellen, dass es allen anderen gut geht, und sagen daher nie das, von dem wir annehmen, dass es für Ärger sorgen wird. Frauen kalkulieren immer: „Was kostet es mich, wenn ich meinen Mund aufmache?“ Doch die Wahl ist nicht zwischen „Ich sage meine Meinung und sorge für Unruhe“ und „Ich sage nichts und es gibt keine Konsequenzen“. Die Wahl ist: Entweder du machst den Mund auf oder du lebst nicht. Schwer ist beides. Warum dann nicht das richtige Schwer wählen? Das richtige Schwer ist für mich in jeder Situation, ehrlich mit mir und meinen Gefühlen zu sein und so zu leben, wie es mir meine Intuition sagt. Und dann abzuwarten, wie die Leute sich auf mich einstellen. Dabei passiert dann etwas Erstaunliches: Du gibst den Menschen in deinem Leben die Erlaubnis, ebenso ehrlich zu sein. Nehmen wir die Ehe. Als ich meinem Ehemann Craig sagte, dass ich ihn für Abby verlasse, war er am Boden zerstört. Ein Jahr später schrieb er mir eine Geburtstagskarte, in der stand: „Danke, dass du den Mut hattest, mein Herz zu brechen.“ Weil er jetzt glücklich ist. Wenn es einem Partner in einer Ehe schlecht geht, ist ja selten der Fall, dass der andere Partner überglücklich ist. Es braucht nur jemanden, der es ausspricht.

Du dankst Craig am Ende deines Buches, dass er ursprünglich schon am Anfang eurer Beziehung die Idee hatte, dass ihr besser getrennt lebt.

Als er den Vorschlag machte, war ich noch nicht so weit, ihm zuzuhören, weil ich dachte, wir müssten diese perfekte kleine Familie sein. Einerseits gut, dass ich nicht auf ihn hörte, sonst hätten wir nicht unsere Töchter Tish und Amma. Aber wenn man nur danach lebt, was man „müsste“, endet es nicht gut.

Hast du manchmal das Gefühl, dass das ehrliche Erzählen deiner Geschichte wie eine Art Gefängnis ist? Bist du auf eine Art gefangen in deinem Erlebten, weil andere, so wie ich, dich ständig wieder darauf ansprechen, obwohl du vielleicht längst an einem anderen Punkt in deinem Leben bist?

So denke ich nicht darüber, denn alles Gute in meinem Leben basiert darauf, dass ich seit 18 Jahren trocken bin. Ich werde es nie überdrüssig sein, über Abhängigkeit und Genesung zu sprechen. Wenn mich die Leute auf Anekdoten aus meinem ersten Buch ansprechen, ist mir das auch schon mal peinlich. Aber ein Gefängnis? Nein. Wenn man ein ehrliches Leben führt, befindet man sich in einem immerwährenden Zustand des Werdens. Ich gebe den Menschen in meinem Leben das Versprechen, präsent zu sein. Aber ich bin es niemandem schuldig, meinen alten Identitäten zu entsprechen.

Doch es gibt Menschen, die deine Ehrlichkeit gegen dich verwenden, zum Beispiel als du ein Kind adoptieren wolltest und es dir versagt wurde. Wie gehst du damit um? Ich habe zum Beispiel über meine Ehekrise geschrieben und ein Mandant meines Mannes sprach ihn darauf mit den Worten an: „Haben Sie denn noch Zeit für mich? Habe gehört, in Ihrer Ehe kriselt es.“ Das hat mich so wütend gemacht.

Arschlöcher wird es immer geben, egal, ob du nun ehrlich bist oder nicht. Du wirst ihnen begegnen, wenn du dein wahres Ich zeigst. Du wirst ihnen aber auch begegnen, wenn du etwas vortäuschst. Entscheidend ist, dass du für dich beschließt, kein Arschloch zu sein. Ich bin immer verblüfft, wenn jemand meint, ich erzähle zu viel. Wenn ich aber etwas aus den persönlichen Erfahrungen der Frauen gelernt habe, die sich mir in den letzten zehn Jahren anvertraut haben, dann ist es, dass jeder Schmerz in sich trägt und zu kämpfen hat, dass es schwer ist, Eltern zu sein, eine Ehe zu führen und seine Bestimmung zu finden. Wir alle versuchen einfach nur, durch den Tag zu kommen. Warum sollte ich nicht darüber reden, was es bedeutet, ein Mensch zu sein? Wenn jemand damit ein Problem hat, gehe ich davon aus, dass derjenige das Problem ist.

Mittlerweile suchst du die Lösungen in dir selbst statt im Außen. Du trägst sogar eine Tätowierung auf deinem Handgelenkt: „Be still“ – Halte inne.

Es hat gedauert, an diesen Punkt zu kommen. Früher diskutierte ich meine Probleme stundenlang mit Freunden. Die rieten mir aber oft ganz unterschiedliche Dinge. Meine andere Taktik: das Internet befragen. Ein besonderer Tiefpunkt war, als ich von Craigs Untreue erfuhr und nachts um zwei Uhr Eis essend vor dem Rechner saß und eingab „Was soll ich machen, wenn mein Ehemann ein guter Vater ist, mich aber betrogen hat?“ Meine Freunde konnten mir nicht helfen, Google auch nicht, und daraus entstand in mir irgendwann die Einsicht, dass ich es nicht jedem recht machen kann. Außer mir selbst. Und der einzige Weg, rauszufinden, was ich brauche, ist, in mir nach der Lösung zu suchen.

Wir müssen aufhören, andere nach dem Weg zu Orten zu fragen, an denen sie noch nie waren.

Kein anderer lebt schließlich mein Leben. Wenn ich mit mir selbst in aller Ruhe zusammensitze, was am Anfang übrigens wahnsinnig nervt, kommt irgendwann die Antwort. Es ist nicht die Stimme Gottes, es ist auch kein Fünf-Jahres-Plan, es ist eher wie ein Wink in die richtige Richtung. Passiert jedes Mal. Garantiert.

Und du gibst dir dabei die Erlaubnis, alle Arten von Gefühlen zu fühlen. In deinem Badezimmer klebt sogar ein Post-it mit der Aufschrift „Feel it all“ – Erlaube dir, alles zu fühlen. Ist es noch da?

Oh ja. Es ist nämlich nicht menschlich, die ganze Zeit glücklich zu sein, auch wenn uns immer weisgemacht wird, dass Erfolg gleich Dauerglück und Dankbarkeit ist. Die Tatsache, dass ich mir erlaube, ein gebrochenes Herz und eine irre Wut zu haben, machen mich zu einer guten Aktivistin. Übrigens klebt das Post-it auch im Bad der Kinder. Manchmal wollen sie dann so viel über ihre Gefühle sprechen, dass ich denke: „Leidet einfach in Stille, bitte“ (lacht).

Seinen Kindern immer gerecht werden zu wollen beschreibst du so treffend als „Mutter-Märtyrer-Syndrom“. Kannst du uns erklären, wie du dich davon befreit hast?

Ein Beispiel: Ich hatte beschlossen, mit Craig verheiratet zu bleiben, weil ich mir Sorgen darum machte, wie unsere Kinder unter einer Trennung leiden würden. Eines Tages, meine Tochter und ich machten uns gerade zum Ausgehen fertig, dachte ich: „Ich bleibe für sie in meiner Ehe. Aber würde ich mir meine Ehe für sie wünschen?“ Und wenn die Antwort „Nein“ lautet, warum lebe ich ihr dann eine schlechte Liebe vor und nenne es gutes Elternsein? Es bricht mir das Herz, dass so viele Frauen denken, sie sollten ihr kaputte Ehe gerade wegen der Kinder aufrechterhalten. Ihnen möchte ich sagen: Gerade wegen der Kinder solltet ihr gehen. Was wir unseren Kindern vorleben, begleitet sie für immer. Sie werden sich nur erlauben, so zu leben, wie wir es tun. 

Du schreibst in „Ungezähmt“ auch: „Wir müssen keine Helden für unsere Kinder sein, sondern ihnen beibringen, wie sie selbst Helden werden“.

Wenn wir sie vor jeder Kleinigkeit beschützen, bringen wir ihnen bei, dass sie es selbst nicht schaffen könnten. Darum gibt es auf dieser Welt so viele Menschen, die nicht mit Schmerz umgehen können. Die Scheidung war das Schwerste, was meine Kinder durchgemacht haben. Aber es war das richtige Schwer.

Liebe Glennon, herzlichen Dank für dieses schöne Gespräch! 

 

Das gesamte Gespräch findet ihr in Englisch jetzt überall, wo es Podcasts gibt kostenlos. Das Video unseres gesamten Gespräches gibt es jetzt bei uns im Endlich Ich-Abo. Dort sprechen wir auch im Buchclub noch weiter über „Ungezähmt“ und es gibt viele andere schöne Geschichten, Entspannungsvideos und Meditationen, die beim Loslassen und Loslegen helfen. Für gerade mal 6,90 Euro/Monat, jederzeit kündbar. Hier findest du weitere Infos und kannst dich registrieren oder auch an liebe Mitmenschen einen Gutschein verschenken. Wir freuen uns auf dich!

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Steffi 19. November 2020 um 09:50 Uhr

    Ein tolles Interview, das Buch habe ich mir soeben bestellt. Ich verspüre den großen Drang, dieses Buch – obwohl noch ungelesen – 10 x zu besorgen und den Frauen in meinem Leben zu Weihnachten zu schenken. 🙂
    LG Steffi

    Antworten
  3. Maike 19. November 2020 um 17:33 Uhr

    Hi Steffi, vorweg und sowieso: du bist toll. Ich lese deinen Blog seit Jahren.

    Das Buch OMG ich habe es halb durch und es bringt mich so in Aufruhr und zum klingen.
    Es sind keine Memoiren, es ist ein Manifest!! So großartig! Ich möchte direkt alles anzünden. X

    Antworten
  4. Nicole 20. November 2020 um 21:38 Uhr

    Oh Steffi, das Gespräch war wirklich wunderbar! Eigentlich wollte ich es hören und nebenbei irgendwas tun, aber ich musste mir so gebannt das Video anschauen.
    Es war so schön, so ehrlich, so toll vorbereitet und gefragt. Das Buch zum Lesen liegt schon bereit und ich freue mich drauf.
    Danke für deine Arbeit und diesen großartigen, positiven und empowernden Ansatz, den du mit deinem Team auf OhhhMhhh verfolgst. Es hat sich lange nicht so gut angefühlt, in journalistische Arbeit zu investieren. Ich war so oft enttäuscht von (Frauen)Zeitschriften, aber das Endlich Ich-Abo hab ich noch nie bereut, im Gegenteil.

    Vielen, vielen Dank und weiter so!

    Antworten
  5. Julia 21. November 2020 um 14:11 Uhr

    Liebe Steffi,
    ich finde, Frauen wie du, Glennon Doyle, Brené Brown, Kübra Gümüşay, Tupoka Ogette, Alice Hasters um nur einige zu nennen, seid so unsagbar wichtig für die Gesellschaft. Ihr tragt dank eurer großen Reichweite dazu bei, den Diskurs ehrlicher, menschlicher, schamfreier und zu gestalten und Frauen den Druck zu nehmen, perfekt sein zu müssen.
    Ich feiere euch dafür, dass ihr euch aus der Deckung wagt und dazu beitragt, dass Werte wie Selbstbestimmung und Authentizität ihren gebührenden Platz erhalten.
    Julia

    Antworten
    • Steffi 25. November 2020 um 09:39 Uhr

      @Julia: Wow, liebe Julia. Mit diesen Frauen, die ich so sehr bewundere, in einem Atemzug genannt zu werden ist ein sehr schönes Kompliment. Herzlichen Dank! Herzliche Grüße, Steffi

      Antworten
  6. Beke 25. November 2020 um 06:56 Uhr

    be still.

    Für mich ist das die wertvollste Essenz, die Glennon Doyle so gnadenlos deutlich und unausweichlich herleitet.
    Dass wir die Antworten auf alles in uns finden können, wenn wir wirklich leise sind und mit Geduld hineinhören, habe ich oft gelesen oder als Rat bekommen. Aber wirklich verstanden in dieser Klarheit und umfassend mit allen Konsequenzen habe ich es tatsächlich erst jetzt.
    There is a cost not doing the things we truely want. We slowly die inside.

    Danke euch für dieses, ja, Manifest trifft es gut!! Ich habe mir das englische ungekürzte Hörbuch gegönnt und möchte hier auch meine uneingeschränkte Empfehlung abgeben. Ich finde, es gibt für alle Menschen so viel Wertvolles darin zu entdecken. Gerade in Krisenzeiten, bei Interesse an persönlicher Weiterentwicklung und wenn wir die Welt verändern wollen. Fangen wir bei uns selbst an! So viel Selbsterkenntnis ist noch nie mit einem Buch einhergegangen und auch mit hochsensiblen Tendenzen gibt es diverse Wiedererkennungsmomente, wie ich finde. Ich musste Tränen lachen und weinen.

    Wie toll, dass es auch noch mit dem Interview geklappt hat! Ich bin gerade erst seit Mitte November im Abo. Was soll ich sagen- die Latte hängt jetzt wirklich hoch 😉
    DANKE!

    In diesem Sinne:
    Put on the big girl pants and answer the doorbell!
    The braver we are, the luckier we get.

    Antworten
  7. Katharina Wippel-Slupetzky 25. November 2020 um 09:22 Uhr

    Liebe Steffi! Ich habe das Interview beim Radfahren von der Arbeit nach Hause gehört, großartig! Dein Englisch ist so toll, weiß gar nicht, wie Du da Zweifel haben konntest! Klar und gut verständlich. Und ich konnte so viel für mich mitnehmen, bin auch in dem Hamsterrad “Daseinsberechtigung durch Aktivität bzw Produktivität”-ich werde heute am Nachmittag gleich mal die Couch ausprobieren und fest die Augen zumachen, wenn ich dabei Brösel am Boden entdecke ;o). Und diese 2 Sätze werden als Mutter zu meinem neuen Mantra: “Wir müssen keine Helden für unsere Kinder sein, sondern ihnen beibringen, wie sie selbst Helden werden! Wenn wir sie vor jeder Kleinigkeit beschützen, bringen wir ihnen bei, dass sie es selbst nicht schaffen könnten.” Danke, für soviel Inspiration in Deinen Gesprächen!

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