Wonach ist dir heute?
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Liebes Tagebuch,

heute wäre ich fast im Gefängnis gelandet. Ich sah sie mich schon holen kommen. Es lag ein Brief der Justizkasse vor der Tür. Und ich dachte: Das war’s. Irgendwas haben wir doch falsch gemacht, obwohl wir seit Wochen versuchen, alles richtig zu machen. Bei etwas, das wir zum allerersten Mal in unserem Leben tun, wovon wir also nur bedingt Ahnung haben. Die Bank, die uns die Finanzierung fürs Haus gibt, weiß mittlerweile mehr über uns als wir voneinander. Und das nach elf Jahren Ehe. Dachten wir gerade noch, es sei irre kompliziert, ein Haus zu finden, fühlen wir uns jetzt wie in einem Bankraubfilm in Slow Motion. Wir würden das gestohlene, ähm, geliehene Geld gern schnellstmöglich an die Verkäufer geben, denn vorher können wir rein gar nichts machen (Stichwort Gefahrenübergang, aktuell sind sie noch in der Haftung). Aber da haben wir gar nix zu melden. Die alte Grundschuld aufs Haus muss erst mal ausgetragen werden, die neue ein. Dann muss man wieder zum Notar, da steht auch irgendwas von Schuld. Ich hatte noch nie irgendwo Schulden, aber jetzt unterschreib ich hohe, sehr hohe Berge an Papier, dass ich die nächsten Jahre mehr als fein damit bin und sie brav abtragen werde.

Ein lustiger Moment war auch der, als ich den Brief der Stadt Hamburg öffnete: Sie würden von ihrem Vorkaufsrecht auf unser Haus keinen Gebrauch machen. Wie nett! Das erzählte unser Notar so ganz nebenbei, dass die Stadt uns unser Haus, um das wir so, so, so lange gekämpft hatten, jetzt vor der Nase wegkaufen könnte. Weil es ihnen ganz früher mal gehörte. So schön gemütlich vom warm gepupsten Bürostuhl, während wir uns blutige Knie draußen im Wilden Westen des Immobilienmarktes geholt hatten.

„Bald kommt übrigens auch noch jemand von der Bank vorbei und guckt sich das Haus an“, erzählte mir mein Mann nebenbei. „Häh? Die haben doch alles freigegeben, ist das nicht ein bisschen spät?“, fragte ich. „Nee, offiziell gehört’s ja denen.“ – „Aber der darf nicht mitbestimmen, wie wir streichen, oder kommt jetzt sonntags immer zum Kaffee, oder? Oder?!?!?!?“

In der Nacht vor unserem Notartermin weckte ich meinen Mann, als er gerade eingeschlafen war. Ich sprang auf und dachte:

„Oh Gott! Was ist, wenn es die Bankberaterin gar nicht gibt?!?!“

Wir hatten seit Wochen mit einer sehr, sehr, sehr netten Frau der Bank, die unseren Kredit finanziert, immer nur per E-Mail und Telefon zu tun. Ich dachte, als Kind vom Land, wir werden sie persönlich treffen, um den Finanzierungsvertrag gemeinsam zu unterschreiben (und anzustoßen, na gut, das hatte ich mir schon abgeschminkt). Doch sie sagte: „Kommt alles per Post.“ Wir mussten per Verifizierungsverfahren online unsere Identität nachweisen, sie ihre nie. Alles klar, dachte ich, das ist der Punkt, den wir nicht geahnt haben nach all den Jahren des Haussuchens, daran wird es scheitern. Es gibt diese Frau gar nicht. Alles Fake und wir Idioten sind darauf reingefallen. „Aber was hätte sie denn davon?“, murmelte mein halb schlafender Mann. „Na, all unsere Daten, mit denen sie sich jetzt selbst Geld besorgt bei sonst wem …“ So was Ähnliches versuchen Betrüger*innen tatsächlich mit Kaufangeboten von Fake-Immobilien im Netz. Mieten Ferienwohnungen, bieten die im Netz an, machen sogar Besichtigungstermine und verschwinden mit Anzahlungen. „Schatz“, versuchte ich noch mal meine Gangsterfantasien zu teilen, doch der Mann antwortete mit einem lauten Schnarchen.

Irgendwann traute ich mich den Brief der Justizkasse zu öffnen. Ich sollte nicht direkt über Los ins Gefängnis gehen, dafür aber eine dicke Gebühr überweisen: für den Eintrag meiner Schulden.

Bis hoffentlich bald,

deine

 

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  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Katharina 24. September 2021 um 10:49 Uhr

    Willkommen im Club! Die Schulden vergisst man ganz schnell, das ist gut so. Man fährt ja schließlich auch nicht Auto und denkt die ganze Zeit, dass das sau gefährlich sein kann und man sterben könnte. Bei uns hat mittendrin die Bankberaterin gewechselt, die neue war grauenhaft. Aber Kredit ist bezahlt, Dachgeschoss ist mega-toll geworden und bei der Abschluss Besichtigung durch die grauenhafte Dame habe ich sie so freundlich behandelt wie sie uns. Schuhe ausziehen, keine Fotos und den Hund extra nicht in der Küche eingesperrt. Sie war schnell wieder weg – hurra!

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  3. Frankfurter mädsche 24. September 2021 um 07:54 Uhr

    Das könnte ja mein Tagebuch sein, genau vor zwei Jahren… Und nun der Blick in die Zukunft wenn das Haus mal fertig ist (selbstverständlich später als geplant), die Bank Fotos von den durchgeführten Maßnahmen sehen möchte und man mit dem Handy durch das Haus läuft und hofft dass es diesen mysteriösen Bankberatern gefällt

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  4. Teresa 23. September 2021 um 09:37 Uhr

    Die teuren Briefe hören relativ bald auf (ok, bis dahin sind sie auch wirklich sehr teuer) und ab dann freust du dich über die stetig sinkende Restschuld 🙂

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  5. Tina 22. September 2021 um 20:07 Uhr

    oooooh jaaaaa,das Gefühl kenne ich!!! jedes Wort könnte ich so unterschreiben. Wir haben vor knapp 4 Jahren gekauft und man gewöhnt sich an die Gedanken, die du schilderst. Nur ganz selten erschrickt man noch 😉
    aber: es lohnt sich!!!!

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    • Steffi 22. September 2021 um 20:23 Uhr

      @Tina: Ah super, Danke Tina! Ich vergess es jetzt auch schon öfter und erschrick dann nur, wenn so teure Briefe kommen. 😉 Heut wieder einer von der Justizkasse, diesmal für den Mann. Haha! Herzliche Grüße, Steffi

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