Wonach ist dir heute?

Ich bin kein Horter. Das war ich schon vor Corona nicht. Ich horte nicht nur keine Lebensmittel, sondern auch keine Objekte. Sentimentalitäten gehen mir völlig ab. Ich kann sogar die selbstgemalten Bilder meiner Tochter, ohne mit der Wimper zu zucken, wegschmeißen.

 

Mein Kleiderschrank misst 120×120 Zentimeter. Alles, was ich ein Jahr lang nicht getragen habe, verkaufe ich über Instagram. In meinem Wohnzimmer gibt es zwei kleine Sideboards, die jeweils 90×50 Zentimeter groß sind. Ordner haben darin Platz, Briefumschläge und ein Drucker. So komme ich nie in die Verlegenheit, zu viel Mist anzusammeln, den ich sowieso nicht brauche. Schließlich habe ich keinen Stauraum dafür.

Ich lasse gerne radikal los und fühle mich danach viele Kilo leichter. Alle sechs Monate nehme ich große blaue Müllsäcke in die Hand und entleere meine Wohnung. Übrig bleibt nur, was wirklich lebensnotwendig ist.

Alles andere versperrt unsere Sicht, macht uns schwer, hält uns auf.

 

 

Dass ich so denke, mag daran liegen, dass ich selbst früh radikalen Ausnahmezuständen ausgesetzt war. Als ich neun Jahre alt war, fiel die Mauer. Bis dahin hatte ich in der DDR gelebt. Ohne Barbie, Gummibärchen und Coca-Cola. Dafür mit Reisebeschränkungen, der Staatssicherheit und Menschen, die sich gegenseitig bespitzelten.

Für viele bestimmt unvorstellbar. Für mich aber Normalzustand.

 

Mit der Wende kamen neue Regeln, Gesetze und Moralvorstellungen. Jene, denen es möglich war, sich blitzschnell an das neue System anzupassen, trugen die wenigsten Verwundungen davon. Was diese Personen ausmachte, war ihr Wissen darum, dass Wahrheit immer relativ ist. Weder die DDR hatte sie für sich gepachtet noch die BRD.

Diese zwei politischen, aber auch gesellschaftlichen Systeme, die ich in den ersten zehn Jahren meines Lebens kennenlernen durften, lehrten mich:

Wahrheit ist die Bewegung zwischen zwei sich widersprechenden Positionen.

Sie ist beweglich, nicht statisch. Sie ist grau, nicht schwarz oder weiß. Und sie ist niemals absolut oder autoritär. Sie weiß um ihre eigene Fehlbarkeit. Zweifel ist ihr Aggregatzustand. Wer behauptet, sie zu besitzen, irrt.

 

 

In dem Kinderzimmer meiner Tochter steht ein kleines Regal mit Büchern und zwei Schuhkartons mit Spielsachen. Darin befinden sich lediglich Tierfiguren, Barbies und Legos. In einer Ecke gibt es einen Spielesack mit Tüchern, Haarkränzen und Prinzessinnenkleidern. Dass sie so wenig hat, liegt unter anderem daran, dass ich kaum Spielsachen kaufe.

Im ersten Lebensjahr musste sich Etta mit Topfdeckeln, Kochlöffeln und Dingen begnügen, die rumlagen.

Danach konzentrierte ich mich darauf, Sachen zu kaufen, aus denen sie etwas Neues schaffen konnte. Wir, die Erwachsenen, definieren ein Objekt als Gegenstand zum Spielen. Kindern ist sowas allerdings völlig egal.

 

Vor ein paar Wochen habe ich zusammen mit meiner Tochter den Inhalt ihrer zwei Schuhkartons und ihres Spielsachensacks sowie etliche Bücher auf dem Boden verteilt und alles aussortiert, was nicht mehr altersentsprechend war oder was sie glaubte, entbehren zu können. Ich habe gesagt, „Wir machen jetzt Platz für Wesentliches und geben ab, was wir nicht mehr brauchen. Ein anderes Kind wird sich darüber freuen.“ Das fand sie toll und griff besonders beherzt in ihre Sachen.

Dann brachten wir gemeinsam die bis oben gefüllte Tragetasche nach unten auf den Gehweg, legten einen Zettel darauf ab, „Zum Verschenken“, und gingen zurück in die Wohnung. Nach einer Stunde – wir schauten immer mal wieder aus dem Fenster – war sie weg.

Danach vermisste sie keinen einzigen Gegenstand.

Aber vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass ich ihr die Verantwortung dafür übergeben hatte. Sie war sozusagen in charge gewesen, auch wenn ich den Prozess für die Loslösung von allem Unwichtigen angestoßen hatte. Sie war es, die entscheiden durfte, was sie nicht mehr brauchte und was das andere Kind kriegen sollte.

 

 

Auch der aktuelle Ausnahmezustand wird irgendwann vorbei sein. Dinge, von denen wir glaubten, sie sind richtig, werden rückblickend möglicherweise widerlegt. Wenn wir uns zu sehr an diese vermeintlichen Wahrheiten klammern, wird es uns schwerfallen im richtigen Moment loszulassen, um glücklich und frei weiterleben zu können.

Uns gehört keine Wahrheit, kein Subjekt und auch kein Objekt. Besitzdenken beschwert den Geist. Auch, weil es uns von unserer Intuition entfernt, die meistens den richtigen Riecher hat. Also nutzt die oktroyierte Ruhe: Lasst alles los, was ihr nicht notwendigerweise zum Leben braucht. Und nehmt diese Erkenntnis mit in die neue Zeit, die bald anbrechen wird.

 

Portrait: Robert Rieger, Wohn-Bilder: Mirna Funk

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Sandra 30. März 2020 um 09:13 Uhr

    Wie wundervoll klar – ich ziehe ein!!

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  3. Daniela 30. März 2020 um 10:05 Uhr

    Liebe Mirna,
    danke für die Führung durch deine Wohnung. Dein klarer Stil spiegelt die Prägnanz und Schärfe deines Schreibens. Spannend und anregend.
    Ich würde mich sehr freuen, mehr über deine Sicht auf die Ereignisse von 1989/90 zu lesen.
    Herzliche Grüße
    Daniela

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  4. Lilli 30. März 2020 um 10:13 Uhr

    Wie spannend, die Worte passen so perfekt zur Wohnung! Ich liebe solch eine klare Einrichtung ohne schnick schnack, dennoch sehr individuell und geschmackvoll. Leider bin ich genau das Gegenteil, ich liebe zu Hause schnick schnack und wenn mein Mann das Wort ‘ausrümpeln’ sagt, fange ich an zu heulen und klammere mich an Dinge, von denen ich nicht wusste, dass ich sie besitze. Deshalb große Bewunderung hier für Mirna und ihre Tochter!!! Guten Wochenstart und vielleicht lerne ich ja durch diesen Sturm hier ‘loszulassen’, lg Lilli

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  5. Alex 30. März 2020 um 10:50 Uhr

    Liebe Mirna, was für ein toller Text und wunderschöne Wohnung. Eine neugierige Frage: Wo ist denn das Bett her? Ich ziehe bald um und bin auf der Suche. Danke und lieben Gruß!

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  6. Teresa 30. März 2020 um 10:54 Uhr

    Sehr schöne Wohnung! Woher ist denn das tolle Bild über dem Bett im Schlafzimmer?
    Viele Grüße
    Teresa

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  7. Mirna Funk 30. März 2020 um 11:01 Uhr

    Liebe Daniela, ich danke dir. Ja, das sollte ich mal machen. Bald bald.

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  8. Mirna Funk 30. März 2020 um 11:22 Uhr

    @Alex: Das Bett ist von muun x New Tendency: https://muun.co/

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  9. Steffi 30. März 2020 um 11:24 Uhr

    Hi Mirna,
    ich bin das genaue Gegenteil. Ich klammere mich übertrieben sentimental an alle möglichen Dinge. Entrümpeln fällt mir sehr schwer, muss ich zugeben. So häufen sich Dinge und Gegenstände die mit der Zeit definitiv zu viel werden. Gerade jetzt in dieser Krisenzeit wird mir bewusst, wie überflüssig die Menge ist. Aber im Kopf umzuschalten ist ein hartes Stück Arbeit, zumindest für mich. Meine Blogsucht in den letzten Jahren hat zur Kauflust geführt die ich aber natürlich nicht in dem Maße ausleben konnte, Stichwort: Handtasche für 3000 €. Eine für mich utopische Summe. Im Nachhinein denke ich mir, was ein Glück dass ich mir das nicht leisten konnte. Ist doch Grütze das Designerzeugs für Otto Normalverbraucher – eigentlich. Obwohl ich es jedem gönne der es sich leisten kann, keine Frage!
    LG Steffi

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  10. Mirna Funk 30. März 2020 um 11:25 Uhr

    @Teresa: Das Bild ist von meiner Freundin Nadine Schemmann. Du findest sie auf Instagram: https://www.instagram.com/nadineschemmann/

    Dann kannst du sie anschreiben und fragen, ob du ein Bild kaufen kannst.
    Liebe Grüße
    Mirna

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  11. Vera 30. März 2020 um 14:05 Uhr

    Liebe Mirna

    Eine Traumwohnung und ein stilvoller Text. Hach, einfach toll zum lesen.

    Weniger ist mehr – das gefällt mir sehr. Und vorallem beziehst du die Tochter ein. Hut ab!

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  12. Eva 30. März 2020 um 16:44 Uhr

    Mega inspirierend, wenn auch in diesem Extrem nichts für mich. Toller Einblick, danke dafür!
    Lasst es euch gut gehen! Liebste Grüße
    Eva

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  13. Maren 30. März 2020 um 19:04 Uhr

    Ein toller Artikel! Deine Wohnung sieht klasse aus. Für mich jedoch ein bisschen zu nüchtern eingerichtet.
    Jedoch ist das Ausmisten bei mir gerade ein großes Thema. Ich werde im Sommer mit 40 zum ersten Mal Mutter. Da gibt es also einiges Auszumisten. Ich übe noch und gebe mein Bestes. Danke für deine Inspiration!!!

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  14. Katharina 30. März 2020 um 20:35 Uhr

    Mega guter Einrichtungsstil. Genau mein Ding. Ich sag auch immer trotz zwei Kindern, die brauchen nicht so viel Zeug. Werde dann hier immer als Museumsdirektorin bezeichnet.
    Schön zu sehen das es doch klappt und ich nicht so falsch liege. Zu viel Besitz und Zeug beschwert nur, finde ich.
    Danke für den Einblick in Dein Leben.
    Bleibt gesund.

    Antworten
  15. Corinn 30. März 2020 um 23:12 Uhr

    Hi,
    ich finde es interessant, dass Du Deine DDR-Geschichte für den aufgeräumten Stil verantwortlich machst. Nun du warst neun und hattest nicht viel Schischi. Ich war doppelt so alt und hatte schon die Prinzipien des sozialistischen Marktes verinnerlicht; kaufe, wenn es da ist und nicht wenn du es brauchst, das kann man immer gebrauchen / tauschen. Und so ist es heute bei vielen Sachen, ich muss erst mind. 3mal versuchen sie zu verkaufen bis ich sie verschenken kann. An manchen Tagen klappt es gut an anderen weniger. Aber mit wenig Stauraum kann ich auch gut leben und das hilft nicht zu horten. Für jedes Handtuch/Tasse etc. die wir kaufen/geschenkt bekommen muss ein anderes/e gehen, da eben nicht mehr Platz dafür da ist.
    Beste Grüße

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  16. Eva 31. März 2020 um 14:18 Uhr

    Liebe Mirna, tolle Wohnung und interessanter Gedanke zur Wahrheit. Darüber habe ich mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht. Wenn ich mich nicht täusche, war es bei Heidegger oder Gadamer, wo Wahrheit als intersubjektiver Aushandlungsprozess beschrieben wurde und das fand ich in einem gewissen Sinne immer ganz einleuchtend (bin aber Historikerin, habe nicht Philosophie studiert). Gerade im Vergleich verschiedener historischer Gesellschaften drängt sich das fast auf. Allerdings habe ich den Eindruck, dass diese Position in der Diskussion um Fakenews, Geschichtsklitterung etc. wieder stark kritisiert wurde, da sie ins Extrem getrieben sozusagen einen Angriff auf die Ereignisse und Fakten darstellt. Mich würde es interessieren, wie du als studierte Philosophin dazu stehst und ob du eine Leseempfehlung hast.
    Beste Grüße und weiterhin gutes Aussortieren!
    Eva

    Antworten
  17. Jana 31. März 2020 um 20:01 Uhr

    Ich muss Corinna beisteuern: Ich habe auch eine DDR-Kindheit (war b Mauerfall 14) und mein Schatz ist der Meinung, dass ich deswegen ne fast zwanghafte Sammlerin bin, er sagt, das sind die Ostgene, die mich zum Horten treiben. Ich lieb es einkaufen zu gehen, kann mich bis heut an der Auswahl in allen Läden freuen wie damals. Ich werf nichts freiwillig weg, denk bei jedem Teil “DAS kann man ECHT noch gebrauchen, heile machen oder tauschen” und hab immer einen Vorrat von allem da. Meine Eltern sind da ganz ähnlich.

    Davon abgesehen ist das eine Wohnung, die echt zeigt, was möglich ist, wenn man Disziplin und Geschmack miteinander vereint!

    Antworten
  18. Jana 31. März 2020 um 20:02 Uhr

    PS Was sind das für Briefkästen in der Wand?

    Antworten
  19. Abdalla Somali 1. April 2020 um 22:26 Uhr

    Dear Mirna, Thank you for sharing your beautiful apartment and your beneficial thought that we was really need, the more we apply minimalism the more happy we are and the more cost saves.
    but how we can change the ownership believes/philosophy that every one wants to own or buy everything that he wants instead of rent until the end of the need.

    Antworten
  20. Julia 2. April 2020 um 09:19 Uhr

    Liebe Mirna, das gibt mir einen wertvollen Anstoß. Die Frage nach dem Festhalten oder Loslassen begleitet mich schon eine Weile, deine Sicht macht mir Mut. Habe Dank! Juli

    Antworten
  21. Annette 3. April 2020 um 07:51 Uhr

    Liebe Mirna,

    Deine Zeilen bereiten mir gerade einen tollen Start in den Tag! Ich horte auch gar nichts, Sentimentalität in Bezug auf Konsum und Besitz ist mir völlig fremd und auch ich hatte nie Probleme damit, mich von den gebastelten oder gemalten Werken meiner Tochter zu trennen. Das war immer ein Gefühl von “Durchlüften” für mich und ich freute mich auf den gewonnenen Raum für Neues! Diese Einstellung, gerade in Bezug auf Kinderwerke oder auch geerbte Dinge, ist aber für viele Menschen sehr befremdlich. Da wirkt man wenig emphatisch und sehr unterkühlt. Gerade auf dem Land sind die Häuser voll , ebenso die Vorratskammern – auch bei relativ jungen Menschen. Mir tut dein Text deshalb sehr gut, ich bin also nicht ganz allein mit dieser Sicht auf die Dinge.
    Liebe Grüße!

    Antworten
  22. Birgit 3. April 2020 um 15:00 Uhr

    Danke ….
    so denke ich auch, konnte es nur nie sooooooo schön und treffend in Worte
    fassen❤️

    Antworten
  23. Sylvia-Manorita Wiedemann 6. April 2020 um 12:35 Uhr

    Liebe Mirna,
    alles okay. Alles klar.
    Bei mir, die ich in der DDR als Flüchtlingskind, Halbweise, unehelich, bei meiner Oma und im Heim aufwuchs, sieht es ganz anders aus!!! Ganz toll, weil ich improvisieren kann und als einziges Kapital Kreativität besitze. Mit wenig Geld viel erreichen! Hohe Ästhetik! Ist ja alles Geschmacksache. Aus Abfall und Schrott habe ich Stühle, Plastiken, Collagen und Schmuck erschaffen. Ich war Objekt- und bin nun Lebenskünstlerin. Von 300qm in einem selbst erbautem Haus, zogen wir in eine Altbauwohnung mit 140qm und nun leben wir in einer 75qm großen Neubauwohnung, in die wir vor fast 5 Jahren, einen libyschen Kriegsflüchtling aufnahmen. Ich sammle, werfe nichts weg, verschenke nur immer großzügig.
    Ich bin bald 74, muss mich immer mit Schönheit umgeben… So unterschiedlich sind eben Lebensentwürfe…
    Dir liebe Wünsche, auch in dieser komplizierten Zeit, herzlichst
    Sylvia-Manorita Wiedemann
    Dresden

    Antworten
  24. Natalie 10. April 2020 um 20:14 Uhr

    Ne. Tristesse oblige.

    Antworten
  25. Bianca 12. April 2020 um 12:12 Uhr

    Hi Mirna, erst mal frohe Ostern! 🙂 Vielen Dank für die inspirierenden Einblicke. Kannst Du mir verraten, welches Bild über dem Bett Deiner Tochter hängt und von wem das ist?
    Herzliche Grüße Bianca

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