Wonach ist dir heute?
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Die spinnen doch! Als ich mit meinem Mann raus aufs Land zog, waren meine Berliner Freunde entsetzt. Den Traum von einem Eigenheim konnten sie nachvollziehen, aber in ihrer Vorstellung war das eine lichtdurchflutete Altbauwohnung, die nicht nur top ausgestattet und geschmackvoll eingerichtet, sondern vor allem zentral gelegen ist. Wie kann man nur in ein Kaff nach Brandenburg ziehen? Ohne Cafés, Yogastudios, Biobäcker, Drogerien, Kunstgalerien, Designerläden, geile Restaurants oder einen Flughafen vor der Tür?! Verzichtest du da nicht auf viel zu viel? Wo bleibt denn da die Lebensqualität?

Auch ich hatte nach fast 20 Jahren Großstadtleben ziemlichen Bammel vor Shopping-Langeweile, kulinarischer Eintönigkeit und depressiver Einsamkeit. Meine Mädels nicht mehr regelmäßig treffen zu können, jeden Tag alleine im Home-Office zu hocken und meine sozialen Kontakte auf die Postfrau, muffige Nachbarn und Florians Oma zu beschränken – das wirkte auf mich als junge Mutter beängstigend.

Aber ich stellte fest, dass ich die Einsamkeit gut aushalten kann. Wenn ich dann die 60 Minuten mit dem Zug zurück nach Berlin fuhr, konnte ich die Vorzüge der Stadt viel mehr wertschätzen. Eines Tages spürte ich, wie ich am Alexanderplatz, umringt von vielen Menschen, plötzlich ein Gefühl von Panik in mir hoch krabbelte und ich mich nach der Abgeschiedenheit auf dem Land sehnte. In der Corona-Krise ist mir bewusst geworden: Hier im 3.041-Seelen-Kaff

Im Kreise meiner Kernfamilie, mit einem überschaubaren Konsum- und Freizeitangebot, lebe ich die Zukunft.

Wenn wir eins gelernt haben nach Merkels Ansage auf der Pressekonferenz vergangene Woche, dann: Es wird so schnell nichts wieder wie es war. Dachten wir vorher noch, irgendwann ruft jemand: “So, kann weitergehen wie bisher, viel Freude!” wissen wir jetzt – wir werden mindestens den Rest des Jahres mit vielen und vielem auf Abstand gehen müssen. Verzicht wird Thema. Auch für die nächsten Jahre.

Wir werden überdenken, wie wir leben können, oder alle, die es sich leisten können – möchten. Wirklich so eingequetscht in der Altbauwohnung ohne Ausweichmöglichkeit für die Kinder? Braucht es nicht doch noch einen Auslaufstall wie einen Schrebergarten? Oder gar ein eigenes Haus? Wie sichern wir uns am besten ab für eventuelle weitere Krisen? Wollen wir uns weiter so abkämpfen im Job und unsere Kinder wieder so selten sehen wie vorher oder lässt sich das nicht doch neu aufteilen, gleichberechtigter in der Mann-Frau-Beziehung, aber auch einfach zusammen als Familie? Lohnt es sich nicht für die gemeinsame gute Zeit, eine höhere Lebensqualität auf ein paar weniger wichtige Dinge zu verzichten?

All die Fragen haben wir uns schon vor gut drei Jahren gestellt. So kamen wir nach Brandenburg, mit Familienanschluss zu der meines Mannes. So kamen wir zu einem sehr günstigen, aber sehr renovierungsbedürftigen Haus. Ein Zuhause für uns, unsere Tochter und irgendwann meine Mutter, die nicht ins Altersheim soll und unsere eigene Altersvorsorge.

Wir beschlossen: Der Verzicht lohnt sich. Und merkten später: Was wir bekommen fühlt sich als viel mehr statt weniger an.

Wir haben nur überschaubar Geld, kein großes Erspartes, kein gigantisches Einkommen, aktuell ist mein Mann sogar in Kurzarbeit. Deshalb renovieren wir das Haus nur Stück für Stück. Was für uns total okay ist. Am Wochenende unternehmen wir meist Dinge, die wir draußen machen können und die nichts kosten: eine Radtour ins nächste Dorf, Wanderungen über die Felder oder Würstchen grillen im Garten. Dafür schauen wir beim Abwaschen nicht mehr in den Hinterhof, sondern auf einen See.

In unserem Dorf gibt es einen Supermarkt, das war’s. Wir gehen einmal in der Woche einkaufen, bzw. einer von uns und zwar mit einer Liste, damit es schnell geht und nichts fehlt. Wir essen immer zuhause. Die Eier fürs Frühstück bekommen wir von Oma, die den Karton – in diesen Zeiten – kontaktlos vor unsere Tür stellt. Früher haben wir sie regelmäßig besucht und sie hat uns viel beim Babysitten geholfen, damit ich mehr arbeiten konnte. Jetzt winkt sie uns über den Zaun zu. Am Anfang hatten wir alle Tränen in den Augen, weil wir uns nicht umarmen durften. Jetzt ist es zur neuen Normalität geworden, dass wir Abstand halten und wir den Alltag mit unserem Kind selber organisieren. Und dabei kommt auch meine Ehe noch mehr in der Zukunft an. Corona zwingt mich dazu, meinen Mann machen zu lassen. Loszulassen. Ich leb’ jetzt feministischer, aus der Not heraus hat es angefangen, aber jetzt wünsch ich mir selbst die Fortsetzung, weil ich sehe, wie gut es uns tut.

Ich erinnere mich noch, als wir frisch Hausbesitzer waren. Zwischen uns schlief unser Kind und der Abwasch musste mit kaltem Wasser in der Badewanne erledigt werden, weil es noch keine Küche gab. Das war nervig und bis heute klebt das Fett im Abflussrohr. Aber es war alles machbar. Jede Baustelle, die wir abschließen, verbindet uns. Weil nie etwas nach Plan geht haben wir gelernt, wie wir mit Geldsorgen, komplizierten Kredit- oder Bau-Anträgen oder Frust über Stillstand umgehen. Wir müssen Enttäuschungen verkraften, Geduld lernen und persönliche Einschnitte machen, die aber der ganzen Familie zu Gute kommen. Denn darum geht es hier: um uns.

Abends sitzen wir oft zusammen vor dem Ofen im Wohnzimmer oder auf der Terrasse und denken uns Umbaumaßnahmen aus, die wir vielleicht nie realisieren können. Trotzdem erlauben wir uns zu träumen, von einem Saunafass oder einer mit “Katzenköpfen” (so nennt man die Steine) gepflasterten Auffahrt. So lange es die nicht gibt, werden wir Berge von Sand unter unseren Füßen ins Haus tragen.

Auch die Einrichtung gestalten wir Zimmer für Zimmer, statt sofort das perfekte Haus haben zu wollen. Dafür haben wir auch gar nicht die Kohle. Wir stellen die Möbel deshalb immer wieder um, um zu gucken, ob sie woanders besser funktionieren, bevor wir etwas Neues kaufen oder wegschmeißen. Erst vor Kurzem haben wir das Bett in unserem Schlafzimmer umgedreht. Wahrscheinlich brechen wir damit jede Feng-Shui-Regel, aber wer kann schon zum Einschlafen die Sterne zählen?

Neben ein paar ausgesuchten Designerklassikern, wie der orangefarbenen Louis Poulsen Lampe über dem Esstisch, besitzen wir vor allem Erbstücke und Vintage-Möbel: Bauernschränke, Küchenstühle, Melkschemel, Kommoden und Tische, die wir neu lackiert haben, damit sie zu uns passen. Das ist unser Spirit: Wir versuchen, aus allem das Beste zu machen, auch wenn es im ersten Moment nach einem Haufen Schrott aussieht.

In Brandenburg sagt man: aus Kacke Bonbons machen.

Ende nächster Woche wird Frau Merkel sagen, wie unser zukünftiges Leben oder das für die nächsten zwei Wochen ausschauen wird. Ich weiß es jetzt schon, weil wir unsere Zukunft selbst in die Hand genommen haben. Wir haben eine Antwort auf die Frage, was uns wirklich wichtig ist gefunden und was wir aufgeben können. Andere müssen dies jetzt nachholen und ich kann nur anfeuern und sagen: Es lohnt sich sehr!

Unsere Berliner Freunde kündigen gerade alle nach und nach an, dass sie, wenn möglich, mit ihren Kindern ihren Sommerurlaub gerne bei uns am See verbringen würden. Für mich geht das klar, es gibt nur eine Bedingung: Sie müssen mir aus der Stadt ein Sushi-Menü mitbringen. Denn das vermisse ich in Brandenburg: ein richtig gutes Lachs-Sashimi. Aber das war’s dann auch schon.

 

 

Infos zu den Möbeln in der Villa Peng:

KÜCHE:

Schränke und Fronten: Ikea “Vedding”, Wasserhahn: No Name über Amazon, Griffe: Superfront, Kelim: Trendcarpet, grauer Schrank: Vintage (mit “Purbeck Stone” von Farrow & Ball lackiert), Bilder: Juniqe; Esstischlampe: Louis Poulsen, runter Tisch: Maßanfertigung, Stühle: Vintage Wishbone Chairs, roter Stuhl: Mycs, Rattan-Schrank: Ikea Stockholm Collection, Messing-Leo: À la Collection, SW-Print: Dear Sam, Lampe: Vintage, rosa Regal mit Bauholzplatten: Johanenlies, Fuchs-Eierbecher: Minimarkt, Wandfarbe im gesamten EG: “Wool” von Schöner Wohnen, weißer Lack für die Türen: “Wimborne White” von Farrow & Ball, Türklinken und Fenstergriffe: Klinkenfabrik

WOHNZIMMER:

Taubenblaues Sofa: Mycs, Kissen: HK Living, Nandi, weiße Bücheregale: Maisons du Monde, Tischlampen: Westwing, Couchtisch im Marmorlook: Westwing Collection, alle Gardinenstangen im Haus: “Pitres” von Loberon, Vorhänge: Ikea, runder Spiegel mit Bast-Kranz: Maisons du Monde, Schwedenofen: Globe Fire, Beni Ourain Teppich und Pouf: The Weavery, weiße Kommode: Vintage (mit weißer Kreidefarbe lackiert), schwarze Wandlampe: Vintage Serge Mouille, blau-weißer Print: Minimarkt, Reispapierlampe: Pachia, kleiner Messing-Tisch: Zara Home

EINGANG:
Patisserie-Fliesen: “Calvet Gris”von Vives, Vorhang: Vossberg, Schrank: Ikea, Kissen: Les Ottomans, Print: Dear Sam, schwarze Steckdosen: Busch-Jaeger (im ganzen Haus), Farbe Treppe: “Purbeck Stone“ von Farrow & Ball, Garderobe: Ikea, Wandfarbe im Bad: “Ash Grey” von Farrow & Ball, Mischbatterie: Grohe, Natursteinplatte: Made-to-measure vom Steinmetz

HOME-OFFICE:

Schreibtisch: Egon Eiermann, Bürostuhl: Vitra, Bild: Lumas, Rollos: Otto, Reispapierlampion: Pachia, Lowboard aus Eiche: Mycs, Sofa: Bo Concept, Kissen: Les Ottomans, Nandi, Anrichte mit Wiener Geflecht: Bolia, Print: Dear Sam, Viskose-Teppich: Home24, Messingtisch: Vintage Maison Charles (Erbstück), Wandfarbe: “B Boy” von Caparol Icons

SCHLAFZIMMER:

Bett: No Name, Leinenkissen: Syd Collection, schwarzes Wandregal: House Doctor, Prints: Juliane Kellersmann (li.), Dear Sam (r.), runder Spiegel: House Doctor, Kommode: Berliner Landjungs, Ikat-Kissen: Hello Petersen, Stuhl: Vintage, kleiner bunter Flickenteppich: The Weavery, Wandfarbe: “Grey Matter” von Caparol Icons

KINDERZIMMER:

Schreibtisch, Bank, Vorhang und Stehlampe: Ikea, Bilder: Juniqe, Teppich: Jill & Jim, Bett: Brio (im Secondhand-Kinderladen gekauft), Bettwäsche: Katha Covers, Tiermasken: Hay, Matten für die Leseecke auf dem Boden: Maisons du Monde, schwarze Wandlampe: House Doctor

GÄSTEZIMMER:

Bilder und Rahmen: Juniqe, Bett: Ikea, große Leinenkissen: Syd Collection, Samtkissen: Les Ottomans, Tagesdecke mit Ikatmuster: Vintage, Messing-Wandlampen: House Doctor, Muschellampe an der Decke: Vintage

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Doro 24. April 2020 um 08:55 Uhr

    Ein wunderbarer Artikel! So schön zu sehen, was es heißt, sich Gedanken um die Zukunft zu machen und wie man für sich die Frage beantworten kann: Wie wollen wir künftig leben.

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  3. Julia 24. April 2020 um 11:57 Uhr

    Wow, ein toller Artikel! Danke für den Denkanstoß. Ich bin auch ein Stadtkind, aber die Sehnsucht nach Grün wächst in Tagen wie diesen. Liebe Grüße

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  4. Anna 29. April 2020 um 11:23 Uhr

    Schöner Text! Wir leben die Zukunft… das klingt erst ein bisschen surreal, aber es stimmt und es erdet. Ihr habt alles richtig gemacht 🙂
    Wir sind Anfang März auch in unser eigenes Haus gezogen, stecken zwar noch mitten im Umbau, aber es schenkt uns soviel Lebensqualität! Morgens einfach im Jogger auf der Terasse zu sitzen – um uns das Bauchaos – und die Ruhe zu genießen und sagen zu können, das ist unsers, das machen wir uns jetzt hübsch für die nächsten Jahrzehnte, ganz egal was Corona vor der Haustür treibt. Das klingt vielleicht etwas egoistisch, aber das ist es nicht, wir freuen uns schon, mit Familie und Freunden bald gemeinsam im Garten zu sitzen und sie teilhaben zu lassen. Viele liebe Grüße nach Brandenburg!

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  5. Stefanie 29. Mai 2020 um 12:35 Uhr

    Sehr schön! Leider schwierig lebbar mit einem Mann an der Seite, der nicht Bio-Deutsch aussieht…

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  6. Ivy 14. Juni 2020 um 07:46 Uhr

    Vielen Dank für den tollen Artikel liebe Alexa!! Dein Text ist pure Inspiration. Während ich die Wörter gelesen habe, höre ich die ganze Zeit im Unterbewusstsein Peter Fox’ Lied “Haus am See”. Das ist es. Ihr habt es raus 🙂 ganz liebe Grüße aus Freiburg, Ivy

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