Wonach ist dir heute?

Dies ist die Moral von der Geschicht’: Ich feier’ nicht. Ich feier’ mich. Und bekomm’ das beste Geschenk.

Vierzig zu werden, hat mir Probleme bereitet. Zuerst habe ich versucht, es sogar vor mir selbst zu verheimlichen. Echt jetzt? Du bekommst eine Midlife Crisis? Geht es noch klischeehafter? Zuerst schimpfte ich mit mir selbst. So etwas hätten doch nur Männer, die mit ihrem Leben nicht klar kämen. Die sich aus lauter Sorge vor dem Älter werden eine Jüngere suchen. Frauen, die sich über ihr Alter aufregen, es verheimlichen, versuchen zu verstecken, ein Thema daraus machen, fand ich immer – peinlich, unentspannt, unsouverän. Wie konnten sie nur?

Jetzt ahne ich, was in ihnen vorgeht. Vielleicht weiß ich es sogar. Ich beschloss nur: Das mache ich nicht mit. Ich lasse mich von diesem in mir wabernden Gefühl nicht erpressen. Was immer da in mir vorgeht, welch unbegründete Scham über eine Lebenszahl, welche Ängste auch in mir toben – ich hol sie da raus und schau mir sie an. Denn wenn ich eins in vierzig Jahren gelernt habe, dann: Monster werden immer größer, wenn man sich vor ihnen versteckt. Wenn man sich traut, laut „Buh!“ zu rufen, vielleicht sogar das Licht anzumachen, versucht, sie sich anzuschauen, dann sind sie ganz schnell weg. Oder man begreift: Eigentlich waren sie nie wirklich da. Alles nur Hirngespinste.

So sagte ich irgendwann in meinem Podcast und auch privat: Ich habe eine Midlife Crisis. Ich sagte: eine kleine, das klingt niedlicher. Niedliche Monster machen weniger Angst.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht:

Am Ende dieser Krise werde ich mit etwas ganz Großartigem belohnt. Einer völlig neuen Freiheit.

Dem größten Geschenk, von dem ich noch gar nicht wusste, wie sehr ich es mir wünschte.

Die Krise begann damit, dass meine Tochter das Thema Tod entdeckte. Und wie das so ist, wenn man versucht, etwas Neues zu begreifen – man stellt viele Fragen und spricht ständig darüber. „Boah Mama, du bist ja schon 39. Dann stirbst du ja bald!“ stellte sie für sich immer wieder fest. Und auch wenn ich anfangs darüber lachen musste, blieb es doch an mir haften. Der größte wunde Punkt in meinem Leben ist der Gedanke, dass ich nicht für immer mit meinen Kindern und meinem Mann zusammen sein werde. Es ist der verdammte Tod. Den wir alle wegdrücken, bis er sich den Weg zurück bahnt in unser Leben.

Ich weiß nicht, ob mir noch mal vierzig (oder auch fünfzig) Jahre reichen auf dieser Welt, die ich so sehr liebe. Ich habe noch so viel vor, möchte noch so viel erleben mit meinen Kindern, meinem Mann, meinen Freundinnen, möchte meine Eltern noch so viel fragen, der Gedanke, mich irgendwann verabschieden zu müssen – unerträglich.

Ich weiß, dass wir statistisch alle älter werden. Vierzig, das neue Dreißig ist. Dass man dankbar sein sollte, überhaupt altern zu dürfen und und und. Es war nur das erste Jahr in meinem Leben, das mich immer wieder auf verschiedene Arten spüren ließ, wie kostbar die Zeit wirklich ist. Als ich das begriff, kam natürlich auch die Frage auf: Nutze ich meine Zeit denn richtig? Teile ich sie gut genug auf zwischen Familie, Beruf, mir selbst? Ist das die Kindheit, wie ich sie mir für meine Kinder vorgestellt habe? Bin ich beruflich da, wo ich sein möchte? Hab ich erreicht, wovon ich mal geträumt habe? Was möchte ich eigentlich erreichen? Muss ich überhaupt was erreichen? Wofür möchte ich stehen? Was ist wirklich wichtig? Oh Scheiße, gibt es darauf überhaupt Antworten?

Fragen, für die im Alltag, in der sogenannten Rush Hour unseres Lebens, so wenig Zeit bleibt. Und bei denen man schnell denkt: Stell nur ich mir die? Haben alle anderen, die längst beantwortet und legen jetzt vor ihrem Kamin im Eigenheim die Füße hoch mit perfekt sortierten Rentenvorsorgeordnern im Arbeitszimmer, während ich in meiner Mietwohnung noch Marie Kondo auf Netflix schaue?

Die Anderen. Die Anderen. Die Anderen. Die es gar nicht gibt, nicht so pauschal gedacht, aber die uns doch alle jagen. Die Ideale in die Luft halten, die kein Mensch erreichen kann. Außer in unseren Gedanken. Wenn wir das Leben der Anderen glorifizieren bis es weh tut. Statt einfach unser eigenes anzupacken.

Die Krise war nicht wie eine Depression täglich bei mir, sie ploppte aber regelmäßig auf und stellte diese Fragen. Immer wieder. Am Anfang leiser, irgendwann schrie das Luder geradezu. Das Gute war und ist, dass ich dadurch Dinge anging, die ich tatsächlich vernachlässigt hatte. Das Thema Vorsorge. Wir ließen unsere Rentenabsicherung durchleuchten. Wir sicherten unsere Kinder finanziell ab für unseren Todesfall. Uns gegenseitig, falls einer zurückblieb. Wir füllten Patientenverfügungen aus. Wir besprachen, was so weh tut, dass man es fast nicht aushält und wurden dafür am Ende belohnt. Mit mehr innerer Ruhe.

Es ist absurd zu denken, man könnte sich auf das Leben vorbereiten. Sich absichern. Aber gar nicht darüber zu sprechen, was passieren kann, macht die Monster riesig und die Nächte noch härter.

Über Umwege entdeckte ich ein Buch, das in Amerika frisch erschienen war: „On being 40 (ish)“ (*Affiliate Link). Eine Sammlung aus Texten von Frauen zwischen dreißig und sechzig. Über das Älter werden. Ich bestellte es und pflasterte es mit Post-It’s zu. Unterstrich so viele wahre Sätze. Besonders mochte ich den Text von Veronica Chambers, der einem Mittelfinger gleich kommt in Richtung aller, die denken, nur weil man vierzig ist, sei man raus. Das Gegenteil ist der Fall:

„My thirties was like one long military crawl: I slogged through marriage and motherhood, family obligations and multiple moves. So often, it felt like the goal was just to survive, to get from point A to B. I wanted my forties to be different. (…)

Getting to forty without dying is like getting into a giant nighclub after spending a very, very long time in line. You’re wearing something cute and shoes that you can dance in. You’re in this club and there are a whole lot of girls who couldn’t get in no matter how badly they wanted to. Lena Dunham can’t come. Natalie Portman is amazing, but she can’t get in – not yet. You are partying with Amy Poehler, Cameron Diaz and Sofia Coppola. And our mentors Oprah, Meryl Streep and Helen Mirren are up in the VIP booth dropping science like the boss babes that they are.“

Auch die Erkenntnisse übers Älter werden liebe ich, die die Frauen in dem Buch teilen, weil ich es genau so empfinde:

„Our boobs drop and our asses widen and the world tells us we’ve peaked. But here’s the special secret: we’re more productive and better than ever because by forty, we know who we are.“ Jill Kargmann

The thing I gave myself permission to do now that I’m forty is say no. Nope. Can’t do it. That’s the other thing I guess – I don’t apologize anymore much anymore.“ KJ Dell’Antonia

„I finally felt ready to step away from struggling with my life and live it instead.“ Jena Schwartz

Das meinte ich, als ich im Role Models Podcast sagte: „Runter mit den Handbremsen. Was soll’s? Ich mach’ jetzt Vollgas und es ist mir egal, was die anderen denken.“

Und dieser Ausschnitt aus dem Text von Julie Klam half mir tatsächlich ein bisschen mit meinen Verlustängsten:

I guess one of the things about getting older is we develop an appreciation for the team who got us here, whatever your support system is: friends, teachers, therapists, or family. And then of course we start to lose them. But if they’ve helped form you into who you are, the they never really leave you: they’re always with you in whatever you do, and maybe that’s the point.“

Je mehr ich anpackte, was mir Sorgen machte, umso mehr löste sich genau das auf und die Belohnung für meine Anstrengungen kam zu Tage. Das Selbstbewusstsein wuchs. Ich wurde mir meiner selbst bewusster. Meinen Stärken, die ich schon so oft bewiesen hatte, dass ich sie endlich auch für wahr hielt. Meine Wünsche wurden mir bewusster, das was mir wirklich wichtig ist, das, was mich glücklich macht. Ich weiß schon jetzt, dass alles wahr geworden ist, wovon ich immer geträumt habe: Zwei Kinder, einen Mann, Freundinnen, die ich alle von Herzen liebe. Ich schreibe, veröffentliche, verdiene damit mein Geld. Der Rest wird die berühmte Kirsche auf der Torte. Und das, obwohl ich Torten gar nicht mehr so anhimmele wie früher. Aber Kirschen, die mag ich noch.

Ich weiß, dass ich mit manchen Träumen noch hadere – ein eigenes Haus mit Garten und ja, Kamin.

So bin ich aufgewachsen, ich dachte lange, das ist mein Ziel und es ist es auch irgendwie noch, die Frage ist nur der Preis dafür. Und damit meine ich nicht nur das Geld.

Ich hab mich frei gemacht von dem, was ich dachte, dass ich es müsste und gebe lieber Vollgas in die Richtung, die mich persönlich glücklich macht. Beruflich und privat. Ich habe eine Lebensinventur durchgezogen in meinem letzten Jahr in den Dreißigern. Vielleicht etwas unfreiwillig, aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Optisch erwische ich mich neuerdings zwar dabei, dass ich panisch frage: „Oh Gott, hängt die Haut da schon? Oder hing die schon immer so rum?“ Das sind die Tage an denen ich mich an gruselige Geschichten von Frauen erinnere, die erzählen, irgendwann würde man sich selbst nicht mehr im Spiegel erkennen. Vielleicht ist das so. Ich versuche mich an den Frauen zu orientieren, die so ein mildes, hübsche Lächeln haben, das ganz viel Liebe und Frieden mit sich selbst ausstrahlt. Ich denke auch oft an die Frau, von der mir meine Freundin Annika erzählte. Eine 94-Jährige Physiotherapeutin, die topfidel so jungen Hühnern wie uns immer noch dabei hilft, unseren Körpern genug Kraft für den Alltag zu geben. Mit 94. An sie denke ich auch, wenn ich gerade beruflich so viel Geduld haben muss, weil sich nicht all meine Ideen auf ein Mal umsetzen lassen.

Auch meine Reise Richtung gesunde Ernährung, Selbstliebe und Nachhaltigkeit, mein eigener Podcast hilft mir. Als ich zur Vorbereitung für das Interview mit Alexandra Reinwarth ihr Buch „Das Leben ist zu kurz für später“ (*Affiliate Link) las, wusste ich plötzlich ganz genau, wo ich meinen vierzigsten Geburtstag verbringen wollte: In dem Hotel, von dem uns Freunde schon seit Jahren vorschwärmten. Nirgends würden sie sich so umsorgt fühlen. Das Haus Hirt in Bad Gastein. Bisher war es mir zu teuer gewesen, aber jetzt schenkte ich es meiner Familie und mir einfach selbst. Ich beschloss: Lieber lassen wir uns pampern, als unsere Energie in eine Party zu stecken. Letzteres macht mir nämlich gar keinen Spaß. Und tatsächlich: Es wurde einer der schönsten Urlaube seitdem ich Mutter bin. Einfach, weil einen täglich jemand fragte, mal direkt, mal indirekt: „Was können wir dir heute Gutes tun?“ und ernsthaft interessiert war an der Antwort. Diese Frage haben wir eingepackt, um sie mit nach Hause zu nehmen, nach einer Woche mit täglich Yoga, Kinderaktivitäten, Massagen, Spa, Sauna, unfassbar gutem Essen, entspannenden Gesprächen mit anderen Eltern und der Besitzerin Evelyn, viel Lachen, dem schönsten Ausblick seit langem, Besuch von Freunden, unglaublich viel Wohlfühlen, in Ruhe Ein- und Ausatmen und ein paar kleinen Abenteuern.

„Sollte sich das Leben nicht immer so anfühlen, wie wir uns hier fühlen?“ fragte ich meinen Mann, als wir dort in einem schneebedeckten Tal standen, es ganz still um uns war und die Kinder knallrote Wangen vom Schlittenfahren hatten. Wir versuchten, auch dieses Gefühl einzupacken. Zuhause, gelandet in einer wilden kitafreien Woche, flog es uns um die Ohren. Ich versuchte es mit einem weiteren Geschenk an mich zurückzuholen: Einem Isabel-Marant-Kleid, von dem ich schon so lange träumte und jetzt mit der Geburtstagsausrede einfach bei Anita Hass zuschlug. Nach längerer Spar- und Anti-Anschaffungsphase. Lässig mit Ledergürtel drapiert, als kleinen, französischen Mittelfinger Richtung das Älter werden. Es wirkte.

Am Samstag, als mein Mann, die Kinder und ich in Schlafanzügen mit unserem Lieblingsessen am und um den Frühstückstisch saßen, vor uns hin pütscherten und miteinander Quatsch machten, war es wieder da, dieses gute Gefühl. Das nichts braucht, ausser uns vier. So wie schon ganz oft zuvor. Es sind die Momente, in denen ich denke: Ich habe alles, was ich immer wollte. So habe ich mir mein Leben vorgestellt.

Ich hab’ noch so viel vor.

Wir haben alle Zeit der Welt, sagte Beata Korioth so schön in meinem Podcast.

Lasst sie uns genießen.

Foto – Marion Michele

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Tina 13. März 2019 um 13:17 Uhr

    Ach Steffi, für diesen Text gibt’s kein passendes Adjektiv! So passend, so ehrlich, so traurig, so mutmachmachend, so unterhaltsam. Wahnsinn! Ich mag alle Deine Texte, aber spätestens als Du die “perfekt sortieren Rentenvorsorgeordner” erwähnst, hast Du mich als Fan auf Lebenszeit gewonnen 😉 Weiter so. Mehr davon! Ich bin fest davon überzeugt, dass jetzt noch ganz viel kommt! #rocktheworld – das geht erst ab 40!!!
    Lieben Gruß, Tina

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  3. Nina 14. März 2019 um 19:26 Uhr

    Steffi, dieser Text hat mich echt richtig bewegt. Danke dafür! Genauso ging es mir auch und ich finde es perfekt wie Du es zusammengefasst hast. Wow… das musste ich jetzt mal los werden. Liebe Grüße Nina

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