Wonach ist dir heute?
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Irgendwann knie ich im Beet und hacke mit der Dreifinger-Hake, oder wie auch immer dieses Ding heißt, auf das Unkraut ein. “Das ist doch alles Scheiße!” schreit es in mir. Wie schon öfter in diesen Corona-Zeiten. Nur dieses Mal hab ich endlich ein Ventil: Ich hake, hacke, grabe, gieße – ich gärtner. Zum ersten Mal in meinem Leben so richtig. Ich knie im Beet und denke – ist es das? Beten am Beet? Schwärmen deshalb so viele übers Gärtnern, weil man über die einfachen, klar definierten Tätigkeiten wie in einen Meditationszustand kommt und sich durch die Berührung der Natur zurück zum Wesentlichen geführt fühlt?

Es fühlt sich so an.

Aber der Reihe nach:

Dieses Jahr haben uns Freunde das schönste Geschenk gemacht, das wir, ich glaub das kann man so ohne Übertreibung sagen, je bekommen haben: Sie haben uns ihren Schrebergarten vermacht. Einzugsfertig. Inklusive Kühlschrank, Klo und funktionierender Wasserleitung. Inklusive Trampolin, Spielzeug und Sitzecke. Als unsere Urlaubsrückkehrer-Quarantäne abgesessen war in unserer hellhörigen Altbauwohnung mit sich gern beschwerenden Nachbarn, fuhren wir das erste Mal in den Garten. Als wir ihn betraten, liefen mir die Tränen übers Gesicht. Wahrscheinlich aus Erleichterung. Hier gibt es endlich Freiraum für uns. Die Kinder rasten los, spielten, schaukelten, wir ließen uns in die Sitzecke fallen und holten zum ersten Mal wieder richtig Luft.

Die ersten Tage konnte ich nur sitzen und staunen. Und ich hatte etwas Sorge: Nimmt man uns diese Oase? Heißt es bald, hier dürfe man auch nicht mehr hin? Verstärkt wurde die Sorge durch eine Nachbarin, die in Frage stellte, ob das bei uns denn auch alles der Verordnung entsprechend laufe. Tut es. Also, ihr sei das ja egal: “Aaaabbber…” Ich blieb freundlich, sagte, es sei alles offiziell mit allen geklärt, nannte einen wichtigen Namen und erwähnte vor allem sowas wie: “Ist es in diesen Zeiten nicht noch wichtiger als eh schon, sich das Leben gegenseitig leicht zu machen?” Interessierte sie so mittel.

Eigentlich hatten wir mit meinen Schwiegereltern geplant, dass sie uns ihre Gartenwerkzeuge, Liegen – alles, was sie nicht mehr brauchen, bringen. Aber durch die Kontaktsperre dürfen sie nicht mal aus Bad Oldesloe nach Hamburg rein, nur um etwas abzuladen. Also nahm mein Mann einen Besuch im Baumarkt in Angriff. Um das Klopapier der Gärtner, wie Caro von Hauptstadtgarten mir in unserem Live-Chat erklärte, zu ergattern: Blumenerde. Plus das Nötigste, was man so braucht, um Ordnung zu halten und aus der Gartenkolonie nicht gleich wieder rauszufliegen: Haken, Schaufeln, Rasenmäher.

Wir haben keine großen Ansprüche an diesen Garten, eigentlich gar keine. In zwei, spätestens drei Jahren wird er abgerissen. Mehr Hochhäuser müssen her und unser Paradies muss dann weichen. Corona hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, im Jetzt zu leben. Eckhart Tolle natürlich auch. Wer weiß gerade schon genau, was morgen ist.

Gärtnern ist, als ob man eine große Angel nach dem Morgen auswirft.

Der Satz kommt aus Meike Winnemuths Buch “Bin im Garten”. Zu Gärtnern heißt, zu hoffen. Und zu wissen: Es geht alles weiter. Das zeigt einem die Natur täglich. Wir sind für sie nur bedingt wichtig, sie wird auch ohne uns weitermachen. Darüber sprechen Meike Winnemuth und ich in der aktuellen Endlich Om-Podcastfolge. Genau wie übers Spuren hinterlassen wollen auf der Erde und sei es “nur” ein Baum.

Zu gärtnern macht demütig. Gnädiger sei sie geworden, erzählt Meike Winnemuth, mit sich selbst und anderen. Das Gärtnern bringt einem viel bei. Nichts muss, alles kann. Einfach mal machen. So stand ich, genau wie Winnemuth, als Komplett-Anfängerin vorm Blumenbeet und konnte nicht sagen: Ist das Unkraut oder eine offiziell anerkannte Pflanze? Ist das Kunst oder kann das weg? Für jeden ist es etwas anderes und ich bin die, die in dem Moment für sich entscheidet, was sie möchte. Mein Mann brachte es auf den Punkt: “Mach es dir doch einfach so, wie du es gern hättest.” So simpel? So simpel ist das.

Das Einfache ist das entspannende bei uns im Garten. Jeden Tag nehm ich mir eine Kleinigkeit vor. Caro hat mir gezeigt, was ich aus meinen drei kleinen Beeten hinter der Hütte machen kann. Die vorhandenen Erdbeerpflanzen habe ich von Vertrocknetem befreit, ins mittlere Beet Möhren, Pflücksalat und Radieschen gepflanzt und im letzten die gekeimten Kartoffeln aus der Quarantäne. Jeden Tag schaue ich nach ihnen. Die Vorstellung, dass da irgendwann etwas Grünes durch die hart erkämpfte Bioerde sprießt ist noch unvorstellbar. Gestern hab ich mich dabei erwischt, Fußspuren eines Tieres in einem der Beete mit gekrauster Stirn und einem leichten Kopfschütteln zu beseitigen. Liebevoll strich ich die Erde wieder glatt.

Jeden Tag freue ich mich aufs Neue, in den Garten zu fahren. Und immer bleib ich am Gartentor stehen und muss erstmal kurz schauen, wie schön der Anblick ist. Die Kirschblüte. Das viele Grün.

Im Gärtnern liegt auch viel Trost.

Meike Winnemuth erzählt in unserem Podcastgespräch, dass ihr vor allem der Garten geholfen hätte, die Erkrankung und den Tod ihres Vaters zu verarbeiten. Er führt einem immer wieder den Kreislauf des Lebens vor Augen, so ein Garten.

Manchmal muss ich darüber lachen, was aus mir geworden ist. “Du Gärtnerin!” schrieb mir meine Freundin Alexa und ich dachte: “Ich? Von wem spricht sie da?” Gärtnern war doch eigentlich was für alte Leute. Spießer. Bin ich alt? Ja. Nein. Es ist völlig egal. Meine fünfjährige Tochter tut es jetzt auch schon. Vielleicht, weil sie sieht, wie gut es mir tut. Wie ich da hocke und grinse, vor mich hinsumme oder auch mal kräftig hacke oder einfach nur ganz still bin. Sie hat sich ihr Werkzeug genommen, einen Spielzeuglaster, auf den sie das von ihr als “Unkraut” definierte Grünzeug legt und zum Kompost fährt.

Wir kommen hier zur Ruhe. Und wie immer zeigt einem die Ruhe, was man wirklich braucht. Es ist so viel weniger als wir denken. Doch das, was wir als wichtig definieren, möchten wir nie wieder missen. So bete ich oft am Beet, dass ich, bevor ich diesen Garten in zwei Jahren aufgeben muss, einen neuen finde. Einen, den ich für immer behalten darf. Egal wie lange mein immer dauern wird. Mit einem kleinen Wohnhaus dran, aus dem ich schon morgens ganz alleine in die Schlappen steige, mit einem Becher warmen Tee in der Hand und rausgehe, um zu schauen, was das Leben heute so vorhat.

Doch jetzt erstmal das Jetzt.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Holunderbluetchen 16. April 2020 um 17:35 Uhr

    Wie sag’ ich immer so schön: Gartenarbeit ist keine Arbeit, sondern Therapie 🙂
    Herzliche (Garten-)Glückwünsche
    Helga

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  3. Katja 16. April 2020 um 17:44 Uhr

    So ein schöner Text! Schon Luther verband die Natur/das Gärtnern mit der Hoffnung (zumindest wird ihm das nachgesagt): „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ So halte ich es heute auch. Sobald ich das Gartentor öffne: Normalität statt Ausnahmezustand, 300 Quadratmeter Freiheit statt Kontaktsperre, Unkraut statt Virus.

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  4. Inga Voller 16. April 2020 um 18:10 Uhr

    Einen Garten zu haben ist so toll. Mein Garten ist mein Yoga, da fahre ich runter, entspanne, bin im Flow und von einem tiefen Glücks- und Zuhausegefühl erfüllt. Und es ist wunderbar, die Jahreszeiten und den „Circle of Life“ immer wieder zu verfolgen. Und erst die Vögel, Eichhörnchen, Mäuse, manchmal Kaninchen und Igel. . . Hach! Liebe Steffi, Ich wünsche Euch ganz viel Spaß und gute Gefühle mit Eurem Garten. Und irgendwann kommt auch der mit dem Haus dran! Ganz bestimmt!

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  5. Lisa Ha 16. April 2020 um 18:18 Uhr

    So ein Garten ist toll
    Wir haben seit 6 Jahren einen Schrebergarten in Dresden. Wir sind dort die jüngsten Pächter. Leider führt dies auch dazu das bei uns alles genau beäugt wird und uns regelmäßig mit etwas gedroht wird. Finden wir sehr schade. Aber so ist es leider mit den “Alten” Leuten in den Garten Vereinen statt sich zuerfreuen das es grünt und die Leute glücklich sind, wird gemeckert weil die hecke 2 cm zu hoch ist und der Rasen 2 Wochen nicht gemäht wurde (wir haben uns mal erlaubt Urlaub zu machen und bekamen dann einen bösen Brief).
    Viele Grüße
    Lisa

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    • Steffi 16. April 2020 um 21:14 Uhr

      @Lisa Ha: Liebe Lisa, hast du dir schon meine Podcastfolge mit Meike Winnemuth angehört? Da sprechen wir ja auch noch über Nachbarn und ich erzähl von unserer. Vielleicht hilft dir die Stelle noch mal. Man darf sie einfach nicht zu ernst nehmen. Nur wundern, nicht ärgern und einfach weitermachen 🙂 Herzlich, Steffi

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  6. Katrin Riedel 16. April 2020 um 20:54 Uhr

    Das finde ich so schön, dass auch so eine tolle und taffe Businessfrau wie du, sich am Ende das Kleine und Wesentliche wünscht. Das ist nicht spießig, sondern geerdet. Das ist für mich, deine schönste und wärmste Seite. Du brauchst definitiv ein Haus mit Garten, um frei zu sein.
    Eine Frage habe ich, warum kann die Zerstörung der Kleingartenanlage nicht verhindert werden?

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  7. Rebecca 16. April 2020 um 21:02 Uhr

    Liebe Steffi,

    ich lese schon lange sehr begeistert dein Blog-Magazin und heute schreibst du über das Gärtnern – das schon lange mein Beruf (Gärtnerin u. Ingenieurin der Landschaftsarchitektur) und meine Leidenschaft ist. Ich freue mich sehr für euch mit für das neu gewonnene grüne Paradies, Anfänge und Freude im Garten.
    Ich sage immer, wenn meine Hände in der Erde stecken ist mein Kopf frei und wünsche das allen ebenso.

    Viel Spaß im Garten,
    liebe Grüße
    Rebecca

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  8. Dani 16. April 2020 um 21:52 Uhr

    Unkraut ziehen hat was..Machste einfach..und schwupp sind 2 oder 4 Stunden weg.Dann guckste und denkst…Aha,0 verändert.Am nächsten Morgen guckste und denkst: “oh watt is das schön”. Grade jetzt, das HÖCHSTE GLÜCK. Garten,rausgehen können. Unser Garten sieht aus,wie ne Mischung aus Paarty und Fussballplatz..Aber es hilft. Scheiss auf grünen Rasen,wenn abends alle glücklich sind und ausgepowert.Morgen bauen wir den Mini-pool auf…Bleibt gesund.

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  9. Yvonne 16. April 2020 um 22:00 Uhr

    Ich liiiebe das Buch von Meike Winnemuth….es ist so lustig und weise :))) Erde…erdet einfach ….ich muss immer aufpassen nicht wieder in ein alles muss perfekt sein Wahn zu verfallen…aber die Natur trägt sowieso ihren Beitrag dazu bei ;))) mich davon runterzuholen:)) Viel Spaß beim Gärtnern und in der Natur bei sich zu sein…
    Gubber….also die Dreizackharke :@)

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  10. Anny 17. April 2020 um 11:32 Uhr

    Das klingt so so schön und berührend wie Du das in Deinem Text beschreibst und so ist es auch. Wenn ich wirklich nicht mehr kann, tut eine Stunde Unkraut jäten und graben einfach gut, wie ein Therapiequickie quasi. Wir zünden dieses Jahr die nächste Stufe: das nicht mehr bespielte Klettergerüst wird in einen Hühnerstall umgebaut. Ich sehe mich auch schon in Schlappen in den Garten gehen und frische Eier holen. Hach, das wird so herrlich!

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    • Steffi 17. April 2020 um 11:46 Uhr

      @Anny: Hühner! Die hören wir hier im Strebergarten auch öfter und es ist so – klingt bekloppt – gemütlich. Ich weiß, dass die auch sehr nerven können, vor allem früh morgens, aber hier ist es irgendwie nett. Viel Spaß beim Umbau! Herzlich, Steffi

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  11. Carla 17. April 2020 um 21:12 Uhr

    Liebe Steffi, deine Gartenbegeisterung schwappt sofort über… morgen wird erst mal Unkraut gejätet. Danke!

    Allerdings wollte ich Bookbeat testen, verstehe aber wohl das Kennwort nicht richtig!?
    Hilfst du mir?
    Gruß und Danke! Carla

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  12. Lisa 18. April 2020 um 01:11 Uhr

    Liebe Steffi, was für ein schöner Text. Ich find mich so wieder. Wir haben einen großen Garten, halb Rasen – halb angelegte Beete. Und Himmel – seit der Ausgangssperre habe ich meine Liebe zum Garten entdeckt. Wir haben unendlich viel Unkraut gejätet und ich stehe in meinem Teppich aus Giersch (Unkraut – kannte ich früher nicht) bin glücklich um jede Wurzel , die ich erwische und höre meinem Sohn zu , wie er aus Erde und Sand kleine Straßen baut und fröhlich singt. Das ist es – das ist Meditation. Ich glaube echt an die meditative Wirkung vom Unkraut pflücken ( und auch von einem Drink Freitag Abend auf der Terrasse ) Auf die entdeckte Gartenarbeit – alles Liebe , Lisa

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