Wonach ist dir heute?

1. Das Kaugummi-Gefühl.

Vor kurzem sagte eine Freundin zu mir, die sich sehr intensiv mit Astrologie auseinandersetzt: Das wird ein anstrengender Monat. Ehrlich gesagt, sagte sie sogar, es würde ein anstrengendes Jahr werden. Wegen der 9 in 2019 und überhaupt.

Ich dachte: Nu ma nich durchdrehen.

Sie sagte: Es wird sich alles anfühlen wie immer, es wird nur alles zäher vonstattengehen. Was man sonst mal eben so gemacht hat, wird zwei Anläufe brauchen. Ein Kaugummi-Gefühl macht sich breit.

Und ich dachte: Mist, genau so fühlt sich gerade manches an. Aber wie beruhigend, dass es nicht nur mir damit so geht.

Seitdem sauge ich alles zum Thema Astrologie ein. Möchte unbedingt eine Astrologin für meinen Podcast interviewen (wer kennt die Beste dafür?) und mehr dazu lernen.

 

2. Nicht alle Träume gehen in Erfüllung.

Vergangenes Wochenende war das erste seit Wochen, an dem ich nicht gearbeitet habe. Es war mein Comeback-Wochenende: Ich räumte unsere Wohnung auf, rasierte die Beine, kaufte frische Blumen, rollte Kackbällchen, sortierte aus, räumte um, spielte in Ruhe mit den Kindern, wir hatten Besuch – es fühlte sich großartig an.

Bis der Nachbar von unten mit einem Besenstiel gegen die Decke ballerte. Wie wild im Wohnzimmer und den ganzen Flur entlang. Um halb acht abends. Wir waren ihm schon wieder zu laut.

Und da war dieses Gefühl, das ich so hasse: Die Einschränkung meiner Freiheit. Das nicht leben können wie ich möchte. Meine Kinder zurechtweisen müssen, weil jemand anderes sich von ihnen gestört fühlt. Obwohl wir schon irre viel Rücksicht nehmen. In diesen Momenten wünsche ich mir ein schon abbezahltes frei stehendes Haus mit viel Grün drumherum für maximale Unabhängigkeit.

Haben wir nicht. Werden wir sehr wahrscheinlich auch niemals haben. Manchmal ist das hart.

 

3. Sich an die größten Wünsche erinnern hilft.

Das Sonntagabenderlebnis führte bei mir zu einem Tsunami an schlechter Laune. Es war als dachten sich meine Gefühle, es gäbe bei mir im Herzen eine Art Grabbeltisch mit Sonderverkäufen. Wie bekloppt stürzten sich alle negativen Gefühle darauf.

Ich sagte zu mir selbst: Okay, fein, du wolltest heute eh langsamer machen, dann muckel dich doch ins Bett und schau erstmal diese tolle Dokumentation über Alexandria Ocasio-Cortez auf Netflix an. Tat ich. Ist irre gut. Es zeigt ihren Weg als jüngste Abgeordnete in den amerikanischen Kongress. Am Ende musste ich weinen. Weil ihre Geschichte so bewegend ist und sie so irre echt wirkt, dass es gar nicht anders geht als mit ihr zu leiden und lieben.

Mein Herz lag ganz roh neben mir.

Irritiert von all den Gefühlen – die ist jüngste Kongressabgeordnete! Und was mach ich genau noch mal aus meinem Leben? Hatte ich alles falsch gemacht? Würden wir, wenn ich alles richtig gemacht hätte, jetzt nicht in einem abbezahlten, frei stehenden Haus leben und auch so Sätze sagen wie: “Es ist so schön, dass die Kinder einfach raus können in den Garten…”

Ich wusste: Wenn ich heute eine Sache nicht tun sollte, ist es zu einer Podcastaufnahme gehen. Interviewt werden. Aber ich tat es und biss etwas um mich, wofür ich mich schämte, aber mir später auch selbst verzieh.

Das Wichtigste an dem Abend war: Mir fiel wieder ein, wer ich bin und warum das völlig ausreicht. Ich bin Geschichtenerzählerin. Ich erzähle Geschichten und bereite anderen (und mir) damit eine gute Zeit. Das ist was. Das ist sogar ganz schön viel.

Und ich habe alles, was ich immer wollte: Einen Mann, den ich liebe und der mich einfach so liebt wie ich bin. Zwei gesunde großartige Kinder. Und ich verdiene mit Schreiben meinen Lebensunterhalt. Von den drei Dingen habe ich immer geträumt, ich hab sie. Der Rest ist die Kirsche auf der Torte, die aber auch ohne schmeckt.

 

4. Es geht nicht um Masse.

Und dann war da noch ein großer Event in Hamburg für die Rockstars der Online-Branche. Es zog mich nichts hin und doch fragte ich mich natürlich kurz – verpass ich was? Muss ich davon was wissen? Oder ist es auch einfach okay, wenn ich glücklich bin mit dem, was ich habe und finde eigene Wege, dies zu behalten? Muss es immer um die Masse gehen oder reicht auch das kleine Feine, was man hat?

Und dann brachte Meghan ihr Kind auf die Welt. Harry trat alleine vor die Kameras und ich dachte: Das macht ihr toll. Lasst Meghan erstmal ankommen in ihrem neuen Leben.

Kurz darauf sah man Meghan auf Highheels in einem weißen Kleid der Welt das Kind präsentieren. Kann die Welt nicht einfach warten? Dachte ich. Worin genau besteht noch mal der Sinn, diese Frau, die körperlich gerade so viel durchgemacht hat und macht, vor die Kameras zu zerren? Sieht das Baby nicht in einem Monat noch genau so aus? Sehen nicht eh alle Babies eigentlich gleich aus? Warum wird in der Welt so viel unnötiger Stress erzeugt?

Ich postete kurz entschlossen dieses ungeschönte Foto von mir aus dem Wochenbett und schrieb dazu, dass ich Meghan auch so eine ruhige Zeit gegönnt hätte. Das Bild bekam über 6.000 Likes. Viel mehr gefreut habe ich mich aber über die Kommentare: Die kollektive Erleichterung, dass jemand das weltweit Beklatschte in Frage stellt und so viel Liebe für so viel Ehrlichkeit.

 

5. Weniger ist mehr.

Die Emotionen wüteten die ganze Woche. Es mussten viele Entscheidungen getroffen werden und manche davon waren nicht so einfach. Die Leichtigkeit, die mit dem Wohlfühlen kommt, war mal da und plötzlich wieder verschwunden. Also beschloss ich, zu meiner momentan liebsten Therapie zu gehen: YinYoga.

Das ist, wie die Lehrerin immer sagt, entspanntes Rumhängen. Intensives Dehnen am Boden… – was viel wichtiger ist: Der Kopf klärt sich dabei auf irre Art und Weise. Anschließend sind meine Gefühle, die vorher noch wie Raketen durch die Gegend jagten, fein einsortiert wie Socken bei den ordentlichsten Menschen der Welt.

Es macht sich eine Ruhe breit, die mich immer wieder daran erinnert, wie sehr ich Ruhe liebe und brauche. Auch wenn ich meinen Vater lange für den Spruch “In der Ruhe liegt die Kraft” angemault habe.

Mir wurde klar, dass ich verteidigen muss, was ich brauche, um so sein zu können, wie ich gern sein möchte. Dass es nicht darum geht, andere bei Laune zu halten, sondern mich. Nur so habe ich genügend Energie für alles, was mir wichtig ist.

 

Vielleicht hilft euch das auch.

Herzlich,

Steffi

 

Foto – Ravi Roshan

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Janey 21. Mai 2019 um 13:48 Uhr

    Doofe Nachbarn gibt es überall, im Mietshaus, in der Eigentumswohnung, im Reihenhaus oder im freistehenden Haus… das ist wohl leider so.
    Ich möchte trotzdem eine Lanze brechen für ein Haus in der Vorstadt, weil mir auffällt, wie oft das von hippen Städtern schlecht gemacht wird. Und das nervt auch ein bisschen.
    Ich war auch so eine tippe Städterin, habe in verschiedenen Großstädten dieser Welt (Stockholm, Kopenhagen, Washington DC und Hamburg) gelebt. Und ich habe es geliebt. Und manchmal tue ich das auch immer noch.
    Aber jetzt bin ich 40 und wohne seit 7 Jahren in der Hamburger Vorstadt. Und die Leute hier sind keine komischen Aliens, die sind ganz normal und nett und lustig und offen und nicht engstirnig oder spießig. Wir haben total coole Nachbarn, keiner stresst rum. Im Gegenteil. Arbeiten tue ich in einer noch “uncooleren” Kleinstadt, noch weiter draußen. Und auch da: total entspannte Leute.
    Anfangs war ich noch super viel in der Stadt, übrigens 12 Minuten mit der S Bahn und 30 mit dem Fahrrad. Geht alles man lebt keinesfalls auf dem Mars.
    Aber jetzt bin ich eigentlich h ganz glücklich hier in meiner neuen Welt, mit Kindern, Tieren und Garten, grillen und Nachbarschaftsfesten,… mir fällt auf wie viel weniger ich hier eigentlich konsumiere als in der Stadt. Dieses ganze Rumgeshoppe nur weil es da ist, ist bei mir weg gefallen und das ist ja was Positives.
    Wenn wir Rentner sind, gehen wir vielleicht in die Stadt zurück, mein Mann und ich. Dann haben wir aber ein Haus das wir vermieten können.

    Wären wir in der Stadt geblieben, hätten wir uns wohl einen Schrebergarten oder ein Ferienhaus irgendwo auf dem Lande zugelegt. Das wäre ja auch noch eine nette Alternative zum Haus.

    Und warum nicht erstmal ein frei stehendes Haus mieten und gucken, in das überhaupt was wäre. Machen unsere Nachbarn hier auch gerade.

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