Wonach ist dir heute?

Ob mich das denn nicht störe, fragte der Chef.

„Was genau?”, fragte ich.

„Na, dass deine Freundin mehr Geld verdient als du?“

„Gib mir halt mehr Geld”, sagte ich.

Wir lachten. Dann merkte ich: Der meinte das ernst. Dabei war er nicht mal wirklich mein Chef. Er wusste nur, was ich verdiente bei den Moderationen, die ich für seinen Sender machte. Und, dass meine Freundin Ärztin war. Es blieb unser erstes und einziges Gespräch über mein Privatleben.

Ich habe noch oft daran gedacht. Wie seltsam mir diese Frage vorkam. Wie ich versuchte, sie ernsthaft zu beantworten: Ist doch super. Ich hangle mich von Job zu Job. Sie bringt stabiles Geld nach Hause. Und wenn wir keine Lust haben zu kochen, lädt sie mich zum Essen ein. Oder musste mich das als „echten Mann“ stören? Was ist ein „echter Mann“, wenn er sich vor allem über Geld definiert? Noch schlimmer, über mehr Geld als jemand anderes, noch viel schlimmer: mehr Geld als die Frau an seiner Seite?

Ich bin überwiegend unter Frauen aufgewachsen. Nicht alle waren Vollverdienerinnen. Aber meine Mutter hat immer gearbeitet. Meine Schwestern wollten selbstverständlich auch eine Karriere. Dass Frauen Geld nach Hause bringen, wurde bei uns nie in Zweifel gezogen.

Auch wenn ich kein männliches Vorbild hatte, das strikt bei den Kindern geblieben ist, habe ich einen starken Freiheitsdrang. Allein deshalb möchte ich selber entscheiden, wie ich mein Leben gestalte. Kein Chef, der mich belächelt, keine gesellschaftliche Konvention von Männlichkeit, nur meine Partnerin und ich sollen die Aufteilung bestimmen.

Und deshalb bin ich dem Feminismus dankbar für eine manchmal anstrengende, aber bitter notwendige Diskussion um Geschlechterrollen. Weil sie meine Fantasie beflügelt, sobald ich mich entspanne und ihr freien Lauf lasse. Wenn ich auf meine nächsten fünf, vielleicht zehn nächsten Jahre schaue, sehe ich eine Frau und Kinder und hoffentlich wenig Legosteine, auf die ich trete.

Aber ich sehe mich als Vater nicht morgens das Haus verlassen und abends wiederkommen.

Ich sehe mich nicht an Wochenenden aufholen, was ich unter der Woche verpasst habe. Ich sehe mich nicht im Büro mit Fotos vom Nachwuchs prahlen, während meine Frau sich zu Hause darum kümmert, dass das Fieber sinkt und es alle lebend in den Kindergarten schaffen. Nicht, weil ich ein Held der Gleichberechtigung sein will. Sondern weil es meine Kinder sind. Von denen wird es in meinem Leben nicht so viele geben. Denen will ich so nah sein wie möglich, von Anfang an. Welcher Job, welche Karriere, welches Einkommen kann dagegen ankommen?

In Leila Slimanis verstörendem Roman „Dann schlaf auch du“ holt sich ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern eine Nanny ins Haus – und damit den Tod. Eigentlich erzählt die Geschichte von der Diskriminierung und Kälte der Mittelschicht gegenüber ihren DienstleisterInnen, aber was mich besonders umtrieb, war die völlig passive Rolle des Mannes. Ob er zu Hause bliebe, sich mehr um die Kinder kümmern könnte, dass deren Wohl genauso in seiner Verantwortung liegt wie in der der Mutter – deren berufliche Ambitionen im Gegensatz zu seinen lang erklärt werden müssen – das alles steht nicht einmal zur Diskussion. Eine erfundene Familie, klar, aber in dieser Ausprägung leider realitätsnah. (Warum das so ist und vor allem: wie ungerechte Politik die nötige Veränderung hier verhindert und was Männer dagegen tun sollten, wäre ein eigener Text. Teresa Bücker hat ihn geschrieben, er ist sehr lesenswert.)

Sicher, ich habe leicht reden. Ich bin Single, arbeite frei und kann über meine Zeit momentan genau einhundert Prozent verfügen. Die Karten werden neu gemischt, wenn es zu Hause richtig anstrengend wird, das ist mir klar. Aber wieso sollte ich ein grundsätzlich anderes Blatt haben als die Mutter meines Kindes? Und vor allem: Wieso sollte ich mir Optionen nehmen lassen aufgrund meines Geschlechts? Wenn wir uns darauf einigen, dass sie mehr zu Hause ist, weil sie das unbedingt so möchte, dann sei es so. Aber mich in eine Versorgerrrolle drängen lassen, Verantwortung übernehmen, „meinen Mann stehen”, all dieser preußisch klingende Quatsch aus dem letzten Jahrhundert – auf keinen Fall. Ich bin in meinem Leben schon um die Welt gefahren, habe zwei Bücher geschrieben, war ein dutzend Mal völlig pleite – alles wegen und für meine Freiheit.

Wieso soll ich bei der wichtigsten Sache im Leben alten Muster die Kontrolle überlassen?

Diese Diskussion ist nicht neu. Der Feminismus hat schon immer versucht, die Befreiung und Gleichstellung der Frau einhergehen zu lassen mit einer Befreiung des Mannes. Er drang damit jedoch nur bedingt durch. Bis heute. Feminismus ist für viele Männer immer noch hauptsächlich Verlust. Verlust von Macht, Dominanz, Privilegien, Vorteilen, Vorrechten. Auf die Wahl zwischen Kindern und Karriere, in diesem Beispiel. Feministinnen wollen uns etwas wegnehmen, so empfinden es viele Männer, und es ist nur menschlich, dass man aus dieser Haltung die Gewinne übersieht. Natürlich ist der Alltag mit einem sechs oder sechzehn Monate alten Kind anders spannend oder fordernd als, sagen wir, sechzehn Menschen eines Teams zum nächsten erfolgreichen Projekt zu führen. Niemand behauptet, dass Erziehung und Hausarbeit auf allen Ebenen erfüllend ist. Aber sind Excel-Tabellen und Jour Fixe wirklich erfüllender? Ist es nicht ein verlockender Gedanke, sich zwischen Workshops und Windeln entscheiden zu können?

Ich empfinde das als Geschenk: Zum ersten Mal in der Geschichte unserer merkwürdigen Spezies Mensch können wir Männer uns gegen Maloche, Militär, eben all das herkömmliche Mannsein entscheiden. Und das tradierte Muster scheint sowieso nicht wirklich gesund zu sein, am wenigsten für uns selbst: „In Deutschland ist die Suizidrate unter Männern dreimal so hoch wie bei Frauen“, schrieb Julian Dörr in seiner lesenswerten Serie „Mansplaining“ auf sz.de. „Männer gehen seltener zum Arzt, haben mehr und gefährlichere Unfälle. Sie werden häufiger Opfer von Gewalt (von anderen Männern) und üben häufiger Gewalt aus. Häufiger als jeden dritten Tag tötet ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin.“ Wie auch immer ich als Mann mein Leben gestalten will: so nicht.

Ich muss mich heute nicht kaputt schuften bis zum Herzinfarkt. Sondern kann Brei füttern bis zur Sehnenscheidenentzündung. Und gleichzeitig ermögliche ich dem Menschen, den ich liebe, die Freiheit, „sich selbst zu verwirklichen“, wie es heute heißt. Was kann es denn besseres geben, als eine „verwirklichte“ Version der Frau, mit der ich mein Leben teile? Eine Frau, die ihrerseits beruflich etwas erreicht, von dem ich letztlich auch profitiere?

Denn, ich gebe es hiermit zu: ich finde Ehrgeiz und Erfolg ein bisschen attraktiv. Ich werde hellhörig, wenn eine Frau davon erzählt, wofür sie brennt, was sie unbedingt noch erreichen will. Das muss nicht immer die große Karriere sein, das nächste Kunstwerk, das große Geld.

Doch lege ich mich viel lieber ins Bett mit einer, die genau weiß, wofür sie am nächsten Morgen wieder aufsteht.

Wie widersprüchlich wäre es da, sie an Kind und Küche fesseln zu wollen.

Mein ehemaliger Chef, wenn er das hier liest, wird es erraten können: Es ist mir wirklich völlig egal, wer mehr verdient. Eines Tages gibt man das Geld sowieso zusammen für Babykleidung aus, spontane Fluchten aufs Land und das flehend ersehnte Wellnesswochenende ohne Kinder, das man früher abbricht weil Brechdurchfall zu Hause oder sowas. So viele Fragen und Probleme und Krisen warten auf junge Eltern, da ist mir doch erst recht egal, wer das alles bezahlt? Es gibt sicher noch viele Frauen, die bitte schön noch den alten Versorger wollen, „eine Schulter zum Anlehnen“, auch finanziell und was die Arbeitsteilung angeht. Fair Enough. Wenn das für beide passt, wirklich glücklich macht und nicht nur ein riesiger, frustrierender, die Beziehung riskierender Kompromiss ist, dann ist es gut.

Ich aber hätte ein schlechtes Gewissen, jeden Tag, meiner Frau und den Kindern, vor allem aber mir selbst gegenüber. Mir würde es nicht reichen, die raren Ausschnitte meiner Familie zu sehen. Ich will dabei sein, bei allem, und ich mag mich mit diesem Anspruch völlig übernehmen. Aber ist das nicht das schöne an unserer Zeit? Jeder darf scheitern, wie er will, sogar als Mann? Ich darf scheitern, weinen, aufstehen oder auch mal liegenbleiben. Fail better, quasi, und zwar besser für mich und die Menschen um mich herum.

Wenn überhaupt, ist das für mich „männlich”: Freiheit leben. Und dazu gehört auch die Freiheit, zu Hause zu bleiben.

Eine herzige Geschichte zum Abschluss: Die Deutsche Post erhält jedes Jahr vor Weihnachten tausende Wunschzettel von Kindern, an den Weihnachtsmann oder das Christkind adressiert. Sie werden von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen geöffnet, gelesen und beantwortet. In der Rangliste der immateriellen Wünsche stand vergangenes Jahr ganz oben: „Mehr Zeit mit Papa“. Meine Kinder sollen sich das nicht wünschen müssen.

 

Neu, neu, neu: Diesen Artikel gibt es auch als Audioausgabe. Friedemann hat mit seiner wunderbaren Stimme seinen Artikel eingelesen. Sprich: Ihr könnt ihn euch hier einfach anhören oder für unterwegs downloaden. Viel Freude dabei! Auf unserer neuen Audio-Seite findet ihr auch weitere von uns eingesprochene Artikel. 

 

Wenn ihr noch mehr von Friedemann lesen oder hören möchtet, können wir euch seine Bücher „Dschungel” und „Wie wir lieben: Vom Ende der Monogamie” sehr empfehlen und seinen wirklich sehr gut gemachten Podcast „Friedemann und Freunde”.

Foto: Paul Ripke

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Janina 21. Januar 2020 um 10:30 Uhr

    Danke Friedemann für diese wunderbaren und wahren Worte! Und toll, dass hier auch mal eine männliche Sicht aufgezeigt wird.

    Es wird wirklich Zeit, dass sich beide Seiten (Männer und Frauen) nicht mehr für ein Modell abseits der “klassischen” Rollenmuster erklären müssen. Wir leben auch ein “unkonventionelles” Modell – ich als Frau in Vollzeit, mein Mann kümmert sich nachmittags ums Kind, den Alltag managen wir 50:50 – und uns begegnen immer noch viele irritierte Stimmen… Solche Texte helfen bei mehr Toleranz – egal welches Modell!

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  3. Charlotte 21. Januar 2020 um 11:32 Uhr

    Vielen Dank für diesen wundervollen Text. Er trifft es genau auf den Punkt und er ist so gut geschrieben.

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  4. Ellen 21. Januar 2020 um 16:49 Uhr

    Danke für diesen Beitrag. Genau so ist es. Nein, genau so sollte es sein…

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  5. Yvonne 22. Januar 2020 um 11:35 Uhr

    Hallo! Ich bin ganz ehrlich…ich finde deine Haltung selbstverständlich super, wäre aber doch sehr gespannt auf den Artikel nach Kind 1&2 und dann aus der Sicht von dir und deiner Frau! Aber ich bin mir sicher ihr wertet einen passenden Weg für euch finden 🙂 Alles Gute Yvonne

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  6. Karolina 22. Januar 2020 um 14:51 Uhr

    Hallo Yvonne, klar ist es leichter sich etwas vorzunehmen als es dann tatsächlich umzusetzen. Aber wenn man sich nichts vornimmt, wenn man sein Denken nicht prägt oder neue Positionen popularisiert, dann setzt man auch nichts um.

    Wenn man anfängt, es tatsächlich umzusetzen, dann wird das Streben nach Freiheit auch komplexer. Da steckt meine Familie gerade mitten drin. Klar gibt es die Freiheit, das Leben mit Kind, Arbeit etc. selbst zu gestalten. Doch oft erreicht man diese Freiheit durch das, was sonst als Gegenteil von Freiheit gilt – gute Absprachen, Organisation und ein Dorf, mit dem man sich konstant abstimmen muss.

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  7. Richard & Hugo 22. Januar 2020 um 15:54 Uhr

    Ich frage mich beim Thema “Feminismus”, warum wir nie die ganzen Vorteile & die enorme Weiterentwicklung sehen!?

    Ein bisschen stört mich an dem Artikel, dass der Freiheitsgedanke so überwiegt (was ja generell schön ist), allerdings ohne Elter zu sein, kann diese Seite nicht wirklich reflektiert werden, da einfach die Erfahrungswerte fehlen, wie es ist, Elter zu sein, Verantwortung zu haben etc.

    Positiv meiner Meinung ist ganz klar, dass es keine Rolle spielt, wie das Gehalt verteilt ist.

    LG, Richard & Hugo vom vatersohn.blog

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  8. Yvonne 22. Januar 2020 um 17:00 Uhr

    @Karolina
    Ich stimme dir voll und ganz zu. Umsomehr würde mich die tatsächliche Umsetzung bei ihm dann interessieren . 🙂 Dir und deiner Familie alles Gute 🙂 LG

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  9. Karolina 2. Februar 2020 um 17:54 Uhr

    Sehr schöner Artikel!
    Was mir besonders gefallen hat ist der Gedanke, dass der Vater sich auch um die Kinder kümmern WILL und es nicht nur tut weil er es muss. Weil er Spaß daran hat die Kinder zu erleben, den Alltag mit ihnen zu meistern, Dinge zu unternehmen anstatt sich komplett seinem Job zu verschreiben. Denn im Job ist jeder ersetzbar, den Papa kann niemand ersetzen. Viele Männer haben es inzwischen verstanden, aber viele leider noch nicht.
    Vielen Dank für diesen Artikel!!

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  10. Sara Luise 2. Februar 2020 um 21:19 Uhr

    Das hatten wir uns auch vorgenommen. Als die Kleine dann zehn Monate alt war, haben wir uns getrennt. Denn: Auf meinen Schultern lag alles, sein Leben lief einfach weiter.

    Leider sind Deutschland und unsere Gesellschaft noch weit davon entfernt Chancengleichheit zu denken und ermöglichen. Und wenn frau sich unsere Familienpolitik einmal ganz genau anschaut, dann sind wir leider aktuell sogar rückschrittig unterwegs…

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  11. Lena 2. Februar 2020 um 22:52 Uhr

    Sehr mutig seine Wünsche und Träume für die Zukunft öffentlich so ausdrücken zu können. Toller Text, tolle Einstellung!

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