Wonach ist dir heute?

Einer meiner Träume für dieses Jahr war: Susanne Kaloff als Autorin für OhhhMhhh zu gewinnen. Ich liebe, liebe, liebe Suses Schreibe. Sie schafft es, mit ihren Texten mein Herz in die Hand zu nehmen und es ordentlich durchzumassieren.

Wir haben uns vor Jahren bei der Zeitschrift Allegra kennengelernt, seit inzwischen acht Jahren schreibt Suse jede Woche für die Zeitschrift Grazia eine Kolumne, ist freie Autorin für sämtliche Magazine und Zeitungen, von Myself über Emotion bis Welt am Sonntag, ist Buchautorin (Ihr letztes: „Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“, dazu war sie auch zu Gast im Endlich Om-Podcast).

Suse praktiziert seit zwanzig Jahren Yoga auf und abseits der Matte, hat einen erwachsenen Sohn, eine dreizehnjährige Ehe und eine friedliche Scheidung hinter sich, die Welt gesehen, Männer verlassen, wurde verlassen, hat Gurus um Rat gefragt, entdeckt, dass sie bereits alle Antworten in sich trägt, und sagt sich jeden Abend vorm Einschlafen: “Morgen mache ich bessere Fehler.”

Mein Traum ist in Erfüllung gegangen: Ab jetzt schreibt Suse Kaloff alle zwei Monate eine Kolumne für uns. Es geht um die großen Fragen des Lebens. Wenn euch welche auf dem Herzen liegen, schickt sie uns gern oder hinterlasst sie hier bei den Kommentaren.

Heute starten wir mit der Frage: Wie hält man es aus, wenn im Leben nicht alle Träume in Erfüllung gehen?

“Träume verändern sich. Früher war mein größter Traum, einmal einen Affen zu halten. Als ich älter wurde, glaubte ich, wenn ich doch nur Sängerin werden könnte, dann wäre ich ein für alle Mal glücklich. Nein, ich konnte nicht singen. Es war nur die Sehnsucht danach, etwas Besonderes zu sein, was mich von allen unterscheiden würde. Erfüllt hat sich keiner der beiden Träume, statt eines Schimpansen hielt ich plötzlich über Nacht ein Baby auf dem Arm. Mein eigenes.

Ich hatte nie den Traum, eine Familie zu gründen, ich bin da so reingeschlittert. Eigentlich wollte ich nur schnell die Pille verschrieben bekommen, dachte, ich husch da mal eben bei der Vertretungsärztin rein, es war Sommer in Hamburg, mein Arzt verreist. Sie sagte, sie müsse mich schon noch mal wenigstens untersuchen, was ich nervig fand, ich hatte doch ganz andere Pläne. Meine beste Freundin wartete im Wartezimmer, wir wollten frühstücken gehen. Ich war Stewardess und hatte in der kommenden Woche drei Tage Tokio in meinem Dienstplan stehen. Ich war frisch verliebt in einen Mann, den ich sechs Wochen lang kannte. Ich hatte nicht den Traum, Mutter zu werden.

Als ich nach fünf Minuten wieder rauskam, war ich schwanger, siebenundzwanzig Jahre alt und irritiert vom Schicksal. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es war das Beste, was mir hätte widerfahren können.

Was ich sagen will:

Man bekommt nicht immer das, was man will, sondern das, was man braucht.

In diesem Satz liegt große Gefahr, ich weiß das. Denn wer bin ich, zu wissen, was jemand braucht? Was ich allerdings gelernt habe in fünfzig Jahren, ist, dass die Dinge nicht anders kommen als man denkt, weil man etwas falsch gemacht hat, bestraft wird, sich mehr bemühen muss oder sonstige selbstzerfleischende Argumente, sondern dass alles, was für einen bestimmt ist, ins Leben strömen wird, ohne Stress, ohne Sorge, ohne Suche, ohne Kampf: If you have to force it, leave it.

Eines meiner liebsten Mantras, das sich auf alle Bereiche des Lebens anwenden lässt. Bei manchen Träumen fällt es leichter, sie loszulassen, bei anderen püriert es dir das Herz, ich weiß.

Ich las grad irgendwo, dass vom Zeitpunkt, wenn wir unseren Schulabschluss machen bis zu dem Tag, wenn wir sterben, wir circa 21.000 Tage zu leben haben. Einundzwanzigtausend Tage. Ist das viel? Oder am Ende wenig? Was machen wir mit dieser Zeit? Träumen hinterherhängen, bedauern, bereuen, was nicht eintraf, Wünschen hinterherweinen, die sich nicht erfüllt haben, uns daran festklammern, oder vielleicht doch besser, jeden verdammten Tag mitnehmen, im einzigen Jetzt leben, das uns zur Verfügung steht, mit all seinen Schrecken und Schönheiten?

Nichts ist konstant, alles verändert sich ständig, Blumen welken, wir welken, man muss die Dinge sterben lassen. Auch seine eigenen Träume. Und selbst, wenn das erst mal hässlich klingen mag, es ist in Wahrheit das Gegenteil: Darin verbirgt sich doch so viel Hoffnung! Denn all das, was nicht wurde, stößt eine Tür auf für das, was kommen will und kommen wird. Vielleicht trauen wir uns dann überhaupt erst, uns ehrlich zu fragen, ob es wirklich jemals unsere eigenen Träume waren und sie noch aktuell sind. Und auch wenn uns möglicherweise etwas Anderes beigebracht wurde, doch, man hat das Recht mit seinem Leben zu experimentieren, Fehler zu machen, Umwege zu gehen, es sich mitten auf dem Weg anders zu überlegen, eine ganz andere Richtung einzuschlagen.

Man verrät niemanden damit, vor allem aber nicht sich selbst.”

Foto – Hanna Schumi

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. fluffylista 21. Juni 2019 um 16:14 Uhr

    Toll geschrieben und es zeigt, dass man das Leben nicht planen kann und die Dinge auf sich zukommen lassen muss. Dinge passieren, ob gewollt oder nicht…, letzten Endes ist wichtig, was man daraus macht.

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