Frag Suse:

Macht Selbstdisziplin glücklich? Wenn es zum Rausch statt Nervenzusammenbruch führt, dann schon, findet Kolumnistin Susanne Kaloff.

Text – Susanne Kaloff

Die Autorin Susanne Kaloff beantwortet hier alle zwei Monate die großen Fragen des Lebens. Die heutige Frage lautet:

Macht Selbstdisziplin glücklich?

“Sie hat nicht den besten Ruf. Kaum fällt das Wort Selbstdisziplin, wird die Atmosphäre schmallippig. Hochgezogene Augenbrauen und Sätze à la: „Tja, wenn ich so diszipliniert wäre wie du…“ Diese Aussage ist unbegrenzt zu ergänzen mit „würde ich auch so viel Yoga machen.“, „mich auch besser ernähren“, oder „auch aufhören, Alkohol zu trinken.“ Darin schwingt immer so ein wenig der Vorwurf mit, man sei privilegiert und mit Chia-Pudding im Mund geboren. Ich bin nicht diszipliniert zur Welt gekommen, ich fand nur raus, dass mir Selbsterziehung ganz gut bekommt.

Ich stellte das bereits mit neunzehn Jahren in meiner Einzimmerbutze in Frankfurt fest, in der ich zwar keine Tür im Badezimmer hatte, dafür jedoch eine Getreidemühle besaß. Es war Ende der Achtziger, Techno hatte seinen Höhepunkt, ich schlief sporadisch mit dem besten DJ der Stadt und aß Getreidebrei zum Ausgleich für die Nächte, in denen ich probeweise Ecstasy schluckte. Es war nur ein kurzer Selbsterfahrungstrip, die Drogen verschwanden schnell, was blieb war die Getreidemühle.

Heute mahle ich keinen Hafer, dafür entsafte ich seit ein paar Monaten jeden Morgen einen Bund Sellerie und trinke den Saft auf nüchternen Magen. Dazu braucht es vor allem den Glauben, dass einem dieser Lifestyle dient. Wenn du denkst, das ist alles Käse, wird es zur Qual, und Qual macht unglücklich. Du brauchst gar nicht so furchtbar viel Disziplin, wenn du spürst, dass dich der Wandel an einen Ort bringt, an dem du vorher noch nicht warst. Das ist auf beinahe alles anzuwenden von Sport über Ernährung bis Job.

Die größte Belohnung der Disziplin ist das Gefühl, stärker zu sein als der Geist.

Man muss ihn, den Geist, erziehen, er ist sonst wie ein Welpe, der dir in jeden Winkel, Pardon, kackt. Kein Mensch springt gerne morgens um halb fünf aus dem Bett, um zu meditieren. Aber jeder liebt das Gefühl nach der Meditation. Der Effekt ist das, was glücklich macht, die feinen Folgen, nicht die Disziplin selber. Bestes Beispiel: Kalte Duschen. Ich hasse sie, aber wir Kundalini Yogis tun sonderbare Dinge, um uns in rauschhafte Zustände zu versetzen. Ja, auch für Meditationen, in denen es gilt, 31 Minuten seine Arme über dem Kopf zu halten und ein Mantra dabei zu wiederholen, als habe man einen Sprung in der Schüssel. Es braucht dazu Durchhaltevermögen und den eisernen Willen, niemanden auf dem Nachbarschaffell umzubringen.

Solche Übungen lassen einen glauben, der Nervenzusammenbruch sei nah, aber schnell erfasst man, dass diese Art der Selbstbeherrschung das Nervensystem ungemein stärkt. Man wird unbesiegbar, es ist ein Triumph, der Stärke gibt, es ist der Sieg über deine eigenen negativen Gedanken, über diese innere Stimme, die dir sagt, du kannst das nicht, du schaffst das nicht. Selbstdisziplin hat weniger mit Entsagung zu tun, eher mit Selbstliebe, und mit der Erkenntnis, dass ich mich sehr wohl auf mich verlassen kann.

Ja, es gibt Tage, manchmal Wochen, in denen ich mich von Schokocroissants ernähren und bis in die Puppen unter der Bettdecke liegen möchte, und dann nach einer Weile habe ich sie satt, die Croissants und das mich gehen lassen, dann packe ich mich und das Leben wieder bei den Hörnern. Nicht jeder mag Disziplin, manche streben nicht danach, auch das ist sicher wirksam. Es ist Privatsache, es ist dein Business. Es ist ein Deal zwischen dir und dir. Niemandem sonst.”

Text – Susanne Kaloff

Foto – Hanna Schumi

11 Comments

  1. Antworten Nina 7. August 2019 um 10:53 Uhr

    Erstaunlich bleibt allerdings seit jeher, wieso der Deal zwischen mir und mir negative Rückmeldung generiert. Schließlich heißt es Selbstdisziplin und nicht “Anderendisziplin”.

    • Antworten Steffi 7. August 2019 um 10:55 Uhr

      @Nina: Haha, das kenn ich! Das Lustige ist, dass unsere Disziplin dann so viel mit dem Gegenüber macht, weil er/sie auch überlegt, ob das nicht vielleicht gut für sie/ihn wäre, aber erstmal mit Ablehnung reagiert. Die meisten kommen aber kurze Zeit später, um sich zu erkundigen, wie man das denn nun genau mache, mit der gesunden Ernährung et cetera. 🙂 Herzlich, Steffi

  2. Antworten Tina 7. August 2019 um 13:43 Uhr

    Hallo Susanne,
    können deine Texte nicht noch etwas länger sein?
    Ich finde dann kann man so manche Ausführungen besser nachvollziehen. Vielleicht braucht es bei dem Thema auch ein bißchen mehr “Beispiele und Tiefgang”. Sich 30 Minuten lang die Arme übern Kopfhalten animiert mich noch nicht zu gar nichts. Aber grundsätzlich stimme ich dir zu, dass Selbstdisziplin auch etwas Feines sein kann. Manchmal ist es auch fein sich dem “Rausch u Genuss” völlig hinzugeben. Vielleicht macht es die Mischung. Ein Leben in dem Selbstdisziplin die höchste Maxime darstellen soll, finde ich irgendwie schwierig. Kann das noch Spaß machen? Um vielleicht diese und noch weitere Fragen zu beantworten könnte der Text gerne etwas länger sein. Er ist viel zu schnell zu Ende und dies dachte ich bei deinem letzten Text hier bereits. In dem Fall “mehr ist besser”. Danke 😉

  3. Antworten Ann-Kathrin 7. August 2019 um 13:47 Uhr

    Sensationell guter Text! Wie immer, wenn eigentlich! Danke, das kam jetzt genau zur richtigen Zeit! 🙂

  4. Antworten Hannah 7. August 2019 um 14:01 Uhr

    Ich schließe mich Tina an, ich fände es auch schön, wenn die Texte länger wären,
    damit sie mal richtig in die Tiefe gehen können und nicht nur Gedankengänge eher
    oberflächlich anreißen. So ist mir das zu wenig, vor allem, wenn es um Antworten auf
    die großen Fragen des Lebens gehen soll. Das schürt natürlich die Erwartungen.
    Vielleicht ist auch nur der Titel nicht so gut gewählt. LG Hannah

  5. Antworten Eva Besseling 7. August 2019 um 17:06 Uhr

    Hey!
    Super Text. Ich finde Kurz und knackig, und auf den Punkt gebracht: Jeder ist für sich selbst verantwortlich.
    Und ich dachte schon, es gibt Leute denen es nichts ausmacht um 5.30 Uhr unter die kalte Dusche zu springen. 😉 Jetzt weiß ich, dass sie es “nur” schaffen ihren inneren Schweinhund zu überwinden. Genau dieses Wissen motiviert mich gerade! DANKE

  6. Antworten britta 9. August 2019 um 10:28 Uhr

    Wahnsinnig toller Text und so lustig!

  7. Antworten Magdalena Elsner 18. August 2019 um 08:46 Uhr

    Ein wunderbarer Text. Auf den Punkt getroffen. Danke für die Reflektion, die ich gerade brauche. Denn ich wohne in einer Stadt, in der eher XXL Schnitzel angesagt ist. Und dann bin ich da eher eine Ausnahme und komme mir wie ein Exot vor. Danke, Danke. Diese Frauen hier sind so inspirierend, was würde ich für ein Treffen mit ihnen geben. LG, Maja

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