Wonach ist dir heute?
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Ich feiere kein Weihnachten und auch kein Ostern. Schon seit vielen Jahren nicht. Denn ich bin Jüdin. Während viele aktuell aufgeregt durch die Einkaufspassagen oder das Internet jagen, um Geschenke zu besorgen, liege ich auf meiner Couch und tue nichts. Ich tue auch nichts an Heiligabend und den darauffolgenden Feiertagen. Rein gar nichts. Meistens bin ich zuhause und genieße diese unglaubliche Ruhe. Denn niemand ruft mich an oder schreibt mir eine E-Mail. Alle haben sich gemeinsam darauf geeinigt, dass in dieser Zeit Stille herrschen darf. Und das liebe ich sehr. Die Woche zwischen dem 24. und dem 31. Dezember ist die schönste des gesamten Jahres für mich. Früher bin ich mit anderen jüdischen Freunden an Heiligabend Essen gewesen. Traditionell geht man bei uns ins chinesische Restaurant, weil die meistens aufhaben, denn die meisten Chinesen feiern auch kein Weihnachten. Und mit ihnen noch sehr viel mehr Kulturen und Religionen in Deutschland. Leider wird von vielen diese Tatsache ignoriert. Mit einer Vehemenz, die mich oft zum Staunen bringt.

Wir, also Personen, die nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind und deshalb auch die Mehrheitsgesellschaftsfeiertage nicht feiern, kennen das: Uns wird viel zu häufig ungefragt alles Mögliche gewünscht: frohe Ostern, frohe Weihnachten und gerne auch mal einen super Nikolaus.

Da wird per se von sich auf andere geschlossen, obwohl wir doch schon früh lernen sollen, das gerade nicht zu tun.

Dabei wäre es so einfach, uns glücklich zu machen. Uns komische Minderheiten mit unseren Spezialfeiertagen. Zum Beispiel, indem man uns einfach eine Frage stellt wie: „Hey, was machst du eigentlich während der kommenden christlichen Feiertage?“

Denn vielleicht kommt dann raus, dass die befragte Person allein zuhause sitzt und das gar nicht so lustig findet wie ich zum Beispiel? Denn die Stille, die sich in dieser Zeit über das gesamte Land legt, kann sich für Nichtfeiernde auch bedrohlich oder beängstigend anfühlen. Und vielleicht würden sie sich sehr freuen, eingeladen zu werden, zu diesem hyperexklusiven Weihnachtsspaß, der da immer hinter den eigenen vier Wänden in der Nuklearfamilie gefeiert wird. Aber das ist nur so ein Gedanke!

Ich habe das große Glück, dass mich meine engen Freunde, die Weihnachten feiern, immer wieder aufs Neue einladen, auch wenn ich oft nein sage. Aber manchmal sage ich eben auch ja. Alle paar Jahre wieder. Auch weil Ente, Klöße und Rotkohl schon richtig krass mein Ding sind.

Vielleicht wollen sie aber gar nicht mitessen so wie ich, sondern einfach erzählen, was sie in dieser Zeit vorhaben: ein Buch lesen, sich die Nägel lackieren, mal so richtig ausschlafen. Wenn ihr nicht fragt, werdet ihr es nicht erfahren.

Der einzige Ort, an dem man mir in den nächsten Wochen nicht ungefragt frohe Weihnachten wünschen wird, ist die Kita meiner Tochter. Denn da werden nicht nur die jüdischen Feiertage geachtet, sondern man erinnert mich und alle anderen Eltern per App auch an wirklich jeden einzelnen Feiertag der über 40 verschiedenen Nationen, die in Form von Kindern im Kindergarten vertreten sind. Und nicht nur das. Die Kinder feiern auch alle möglichen Feiertage einfach mit. Because, why not? Während des chinesischen Neujahrs, um nur ein Beispiel zu nennen, wird ein Neujahrsbaum im Foyer aufgestellt, an den dann alle Kinder des Kindergartens einen Neujahrswunsch hängen, wie es eben Tradition ist. An Chanukka wird eine Chanukkiah, also ein neunarmiger Leuchter, aufgestellt. Für Thanksgiving schreiben die Kinder auf große Zettel, wofür sie dankbar sind.

Ein außergewöhnliches Idyll, könnte man meinen. Aber eigentlich ist es das gar nicht. Eigentlich ist diese Vorgehensweise nur die Anerkennung von Realitäten. Wahrscheinlich werden auch in der Kita oder Schule eurer Kinder Menschen sein, die aus anderen Kulturräumen stammen oder eine andere Religion haben.

Vielleicht fragt ihr bei der nächsten Begegnung mal nach ihren Traditionen, falls ihr es nicht eh schon habt?

Nicht weil man jetzt auf supermultikulti machen muss, sondern weil es der gesunde Menschenverstand gebiert. Nämlich zu verstehen, dass wir längst in einer transkulturellen Gesellschaft leben und einer globalisierten Welt.

Besonders Kinder profitieren davon, mit den Traditionen und Ritualen unterschiedlicher Kulturen aufzuwachsen. Denn wenn etwas gegen Rassismus, Antisemitismus oder eine andere Form des Menschenhasses hilft, dann ist es die Normalität des anderen, also die völlig selbstverständliche Integration von anderen Lebensweisen. Was ich kenne, muss ich nicht fürchten und deshalb auch nicht wie einen Feind bekämpfen.

Also, lasst euch diesen Dezember auf ein Experiment ein: Die Personen, denen ihr begegnet, werden nach ihren Plänen und ihrer Beziehung zu den christlichen Feiertagen befragt, bevor man ihnen einfach so frohe Weihnachten wünscht. Wer weiß, was ihr dabei noch alles Spannendes dazulernen werdet.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Lina 14. Dezember 2020 um 21:53 Uhr

    Liebe Stefanie, vielen Dank an dich und Mirna Funk für den großartigen Gedankenanstoß! Als bald Lehrerin (u.a. für das Fach ev. Religion, in dem Feiertage allgemein ja eine große Rolle spielen) nehme ich für mich ganz wertvolle Gedanken daraus mit, wie ich mich noch aufmerksamer auf die Heterogenität im Klassenraum (hier bzgl. der Bedeutung und Wahrnehmung verschiedener Feiertage) einstellen kann.
    Wenn ich im neuen Jahr nur halb so viele tolle Anregungen durch euch erhalte wie in diesem, dann: Danke!!

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  3. Heike 15. Dezember 2020 um 11:13 Uhr

    Was für ein wunderbarer Artikel. Wir haben dieses Jahr spontan 2 wunderbare Menschen zu uns an Weihnachten eingeladen – gute Freunde.
    Aufgrund der neuen Corona Bestimmungen dürfen sie jetzt aber gar nicht kommen. Ich bin sprachlos. Nur die engsten Verwandten. Ist es nicht traurig genug, dass diese Menschen einsam sind? Jetzt darf man sie nicht mal mehr einladen. Ich bin sprachloser denn je.

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