Wonach ist dir heute?

In meinem Keller steht eine Kiste, in der sich der Beweis befindet: Nicht jedes Buch, das jemals geschrieben wurde, ist ein Kassenschlager. Auf dem Pappkarton steht „Suse’s Tagebücher“. Mindestens dreißig Bücher. Auf manchen ist Richard Gere als American Gigolo, auf anderen Snoopy abgebildet. Ich fing mit dem Schreiben an, als ich dreizehn war. Dahinter steckte weder Absicht noch Aussicht auf Ruhm und Reichtum. Was mich antrieb war Notwendigkeit: Meine Gefühle waren einfach zu viel. Sie platzten aus mir heraus wie ein voller Bauch, wenn man nach einer Pizza den obersten Knopf der Hose öffnet. Ich verstand das Leben zwar nicht besser, nachdem ich es in Stücke zerlegt hatte, aber es wurde irgendwie verdaulicher. Vor allem kam ich mir selbst auf die Schliche. Seitdem schreibe ich so, als würde es niemals jemand zu lesen bekommen außer ich.

Das ist ein Trick, den jeder anwenden kann: Sperre die Kritiker aus.

Schubse die Eltern, die Exfreunde, Freunde und Feinde von deinen Schultern. Tu’ es erstmal nur für dich. Hol’ die Scheiße hoch, wühle im Dreck, tauche tief. In den matschigen Gewässern liegen oft Kostbarkeiten, die man nicht erreicht, ohne ein wenig zu sinken. Man entdeckt dort auch Zartes und Unerhörtes. Löschen ist einfach. Apfel A, Apfel X. Was schwer ist, und womit alles steht und fällt, ist die Stimme im Kopf abzustellen, die jedes einzelne Wort bewertet, die dir sagt, dass du es einfach nicht kannst, es alle anderen besser können, man dies und jenes doch so nicht sagen kann, nicht verraten darf, und du eh niemals eine erfolgreiche Autorin werden wirst.

Ich glaube, Teil meines Erfolgs liegt darin, dass ich diese Stimme selten höre. Das hat weniger mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein zu tun, sondern eher mit Naivität. Ich konnte mir nie vorstellen, dass jemand auch nur einen Satz aus meinem Tagebuch erfahren wird. Ich vertraute ihm einfach alles an. Heute schreibe ich nur noch selten Tagebuch, aber mache es mit jedem Artikel, den ich liefern muss, mit jedem Buch genauso: Ich verbiete mir zu Beginn nach oben zu scrollen, jedenfalls so lange bis Fahrt in die Story gekommen ist. Immer weitertippen, so als ginge es um gar nichts.

Das mindert den Druck, dass es brillant werden muss, was es niemals wird, wenn man meint, es müsse brillant werden. Weswegen auch die besten Passagen immer dann entstehen, wenn man eigentlich grad was ganz anderes vorhatte. Eines meiner, wie ich finde, stärksten Kapitel im letzten Buch („Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“) ist jenes, das ich heulend in der Küche zwischen Kühlschrank und Kochen hinrotzte. Es war hausgemacht, scharf und ursprünglich nur für eine Person angerichtet: Mich. Was nicht heißt, dass alles, was man schreibt, eine tieftraurige Suppe sein sollte, aber es liegt so furchtbar viel Komik im eigenen Drama.

Charles Bukowski sagte mal in seinem Gedicht „So you want to be a writer?”: “If it doesn’t come bursting out of you in spite of everything, don’t do it. Unless it comes unasked out of your heart and your mind and your mouth and your gut, don’t do it.” Ich kann ihm nur zustimmen, mit dem kleinen Zusatz, dass die Tatsache, dass ich damit seit zwanzig Jahren mein Geld verdiene, nicht immer dazu beiträgt, so entspannt darauf zu warten, bis die Prosa aus meinem Herzen quillt. Manchmal muss man sich zwingen. Und das geht so: Fang an, selbst dann, wenn du es kaum packst, dich in die Horizontale zu schaffen.

Fang an wie jeder Schreiber: Mit dem ersten Satz.

Er wird vielleicht grässlich uncool und einfältig sein. Egal, mach weiter. Um den ersten Satz können wir uns später noch kümmern. Jetzt gilt er erstmal als Starthilfe. Tippe wenigstens fünf Sätze. Danach darfst du aufhören. Meisten hört man dann nicht auf, meistens ist ein guter Satz dabei, wenigstens ein halber, einer mit dem man am anderen Morgen weitermachen kann. An dem man sich beim Aufwachen erinnert und heimlich lächelt. Als ich mich vor ein paar Monaten quälte, mein nächstes Buch („Angst ist nichts für Feiglinge“) anzufangen, fragte meine Freundin Mone, ob ich denn eine Routine habe. Ich zuckte mit den Schultern. Sie meinte, Thomas Mann habe immer nur am Vormittag ein paar Stunden gearbeitet, dann Mittagessen, Mittagschlaf und Feierabend. Ich rief: Au ja, so mache ich das ab sofort auch. Es funktionierte nicht, weil ich nicht so funktioniere. Weil ich nicht Thomas Mann, sondern Susanne Kaloff bin. Auch das ist elementar wichtig zu erkennen: Wer man ist. Nicht nur, um herauszufinden, welche Stunden des Tages oder der Nacht am produktivsten sind, sondern auch, um den Mut zu haben, nur man selbst zu sein.

REGEL NUMMER EINS: Imitiere niemanden.

Schon gleich gar nicht jene, die du anhimmelst. Nicht jeder muss witzig sein, es gibt Schreiber, die sind brottrocken und genial. Beides ist möglich, alles ist möglich, solange es echt ist.

REGEL NUMMER ZWEI: Niemand muss lesen, was du machst.

Vielleicht wird es das auch niemals jemand tun, das sehen wir dann. Erstmal produzieren. So wie man kocht, weil man hungrig ist, nicht schon dabei drüber nachdenken, wem es schmecken könnte. Nicht jedem wird es das, das ist in Ordnung. Es entzieht sich immer unserer Kontrolle, sobald es den Schreibtisch verlässt. Danach darf jeder damit machen, was er will. Es sogar bescheuert finden. Aber keinen Moment eher.

Ich bin wirklich nicht in allen Lebenslagen so emotional unabhängig, aber es gibt einen Bereich, in dem ich mir zu hundert Prozent vertraue: Schreiben. Und obwohl ich es weder gelernt noch studiert habe, hielt ich es von Anfang an so, dass ich nie meine Texte jemandem zeige, bevor sie veröffentlicht werden. Keinem Mann, keiner Freundin, keinem Kollegen, nicht mal meiner Agentin. Niemanden. Ich habe die letzten Monate 250 Seiten schweigend geschrieben. An manchen Tagen sah ich am Abend an mir herab und trug immer noch meinen Pyjama. In manchen Nächten schreckte ich auf und taumelte ins andere Zimmer, weil jemand im Traum einen bedeutsamen Satz hatte fallen lassen.

REGEL NUMMER DREI: Hab ein Notizbuch neben dem Bett liegen.

Und einen Stift. Sonst geht es dir so wie mir, die Autorin, die nie einen Stift zur Hand hat. Wenn du einen tollen Einfall, eine Erkenntnis, einen Alptraum hast, glaube dir bloß nicht, dass das Zeit hat bis morgen. Setz dich auf und kritzle es in dein Büchlein. No matter what! Manchmal verschwinden solche Dinge nämlich über Nacht und kommen nie wieder. Man muss die Seele überlisten, damit sie auspackt, wenn sie denkt, dass du noch knackst.

Bei meinem letzten Buch brauchte ich für den ersten Satz Wochen, ach, es waren Monate. Ich lag einen Sommer lang auf dem Teppich, auf Wiesen, auf dem warmen Sand, auf Männern (kleiner Scherz). Und auch wenn es von außen betrachtet so aussah, als würde ich auf der faulen Haut liegen -auch ich selbst hatte mich in Verdacht- ackerte ich in meinem Inneren. Als der Sommer vorbei war, wachte ich in einem Meer von hellrosa Karteikarten auf. Solche Notizen sind Gold wert. Leider war ich nicht so emsig, sie thematisch in einen Karteikasten zu sortieren. Sie flogen einfach verstreut in meiner Bude rum. Dummerweise beschreibe ich sie auch stets beidseitig, so dass ich nie weiß, welche Seite relevant und welche Käse ist. Es gibt absolut kein System, und wenn ich rückblickend auf dieses Chaos schaue, wundere ich mich, dass daraus jemals das wurde, was es nun ist: Mein neues Buch, das diesen Frühling im S. Fischer Verlag erscheinen wird. Ein Wunder möchte man meinen. In Wahrheit harte Arbeit. Was ich sagen will: Jeder arbeitet anders, und es ist egal, wie es von außen aussieht. Was zählt ist nur eine einzige Sache:

Mach’ weiter. Inspiration comes from working.

Auch Designer Bruce Mau hat 1998 in seinem „Incomplete Manifesto for Growth“ geraten, irgendwo anzufangen. Einer meiner Lieblingspunkte aus seinem Manifest lautet: „Don’t clean your desk. You might find something in the morning that you can’t see tonight.“ Einmal fand ich am Morgen auf einem Umschlag des Finanzamtes das Fragment eines Satzes geschmiert, den ich am Abend zuvor dort hinterlassen hatte. Nachdem ich den halben Vormittag damit zugebracht hatte, ihn zu entziffern, war ich baff: Er war gar nicht mal so übel.

REGEL NUMMER, ÄHM, WO WAREN WIR GRAD? 

Wurscht, mehr noch als ein stringentes Konzept, braucht man ein gutes Thema. Es reicht nicht zu schwadronieren, man muss was zu erzählen haben.

Die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert schrieb in ihrem Buch „Big Magic“ von diesen magischen, raren Momenten, wenn eine Idee bei einem anklopft. Dass, wenn man der Idee nicht öffnet, sie weiterzieht und sich einen anderen Gastgeber sucht. Nachdem ich vor ein paar Jahren davon gelesen hatte, geschah etwas Seltsames: Es klopfte an der Tür. Anfangs versuchte ich, es zu überhören, tat so, als sei ich beschäftigt, aber das Geräusch in meinem Kopf hörte nicht auf.  Ein paar Tage später saß ich auf dem Sofa und ein Schauer lief mir ohne Ankündigung von den Fußzehen bis zum Scheitel hoch- und dann wieder mit Vollgas runter. Darauf hatte ich viele Jahre gewartet. Davor hatte mich keine Idee wirklich gepackt, ich hatte nicht mal Lust ein Exposé zu verfassen.

Ich sprang in letzter Sekunde hoch, riss die Tür auf und packte das Thema beim Schwanz. Was lernen wir daraus? Aufmerksam zuhören, wenn eine innere Stimme mit dir spricht, und nicht zu lange auf dem Hintern hocken und Kaffee trinken. Einfälle stehen nicht mit einem Blumenstrauß im Hausflur und machen einem Avancen, aber mit der Zeit lässt sich erlernen, wie sich das anfühlt, wenn Zeitgeist in der Luft liegt. Man kann auch ein lauwarmes Buch schreiben, vielleicht, weil einem das Thema oder eine Stange Geld angeboten wird. Das ist verlockend. Auch ich lies mich einmal vor sehr vielen Jahren davon verführen. Es wurde ein sensationeller Flop.

Unless the sun inside you is burning your gut, don’t do it.

 

Neu, neu, neu: Diesen Artikel gibt es auch als Audioausgabe. Suse hat ihn selber eingesprochen – für euch zum Anhören oder Downloaden. Auf unserer neuen Audio-Seite findet ihr auch weitere von uns eingesprochene Artikel. 

Fotos: Brita Sönnichsen

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Anne 28. Januar 2020 um 13:58 Uhr

    Ohhh!
    Das passt ja perfekt! Ich mache gerade mein Diplom und schreibe ein Buch. Es soll zwar weniger Geschichten erzählen, aber dafür informieren und dies nicht trocken und lahm. Es soll so werden, dass ich es selbst gerne lesen würde.:)
    Was ich gelernt habe, aus diesem Artikel? So tun, als würde es niemals jemand lesen. (Ich denke nämlich viel zu oft:”hm.. das kann man so nicht schreiben, das klingt bestimmt merkwürdig für andere oder sie verstehen nicht was ich wirklich meine..”)

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  3. Pia 28. Januar 2020 um 18:45 Uhr

    Ach wie klug gesagt – und es gilt für sooo vieles: Einfach anfangen! Und auch “Inspiration comes from working”. Und gerne mehr von Susanne – ich liebe ihre Texte!

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  4. Suse 29. Januar 2020 um 09:46 Uhr

    Ach, super, liebe Anne!

    Genau deshalb schreibe ich auch: Für solche Nachrichten! Weil es mich so irre freut, wenn jemand anderes auch was von hat, was ich mir so zurechtspinne 🙂
    Ganz viel Erfolg bei deiner Diplomarbeit, und ja, Fake it ’til you make it ist zu Beginn ein guter Kompass.

    Liebeste Grüße,
    Suse

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  5. Suse 29. Januar 2020 um 09:50 Uhr

    Du hast so Recht, liebe Pia: Das gilt für so vieles. Einfach anfangen, heute so gut es geht, und morgen so gut es geht. Und übermorgen weitermachen. No matter what 😉
    Danke für deine lieben Worte!

    Happy Day&Inspiration,
    Suse

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  6. Petra von FrauGenial 29. Januar 2020 um 12:46 Uhr

    Ich bin gefesselt, ertappe mich aber meistens selbst in der Sache wieder, wie ich Stunden brauche um eine Sache anzufangen, und dann witzigerweise gar nicht mehr damit aufhören möchte. Erst letztens habe ich mit einer Kollegin gearbeitet, die arbeitstechnisch komplett anders als ich gearbeitet habe, und das Ergebnis mich selbst umgehauen hat, weil ich das einfach nicht erwartet habe.

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  7. Nadine 29. Januar 2020 um 15:52 Uhr

    Sehr schöner Artikel! Ich habe einige Inspirationen mitgenommen.

    Könnt ihr allerdings den Hinweis, dass der Artikel auch als Audio zur Verfügung steht am Anfang schreiben oder vielleicht als kleines Icon anzeigen. Am Ende sehe ich erst, wenn ich den Artikel bereits gelesen habe.

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  8. Kathrin 29. Januar 2020 um 17:17 Uhr

    So toll geschrieben, obwohl ich keine Schriftstellerin bin sondern Fotokünstler habe ich mich so wiedererkannt in dem Text, ich kritzel auch auf Briefumschläge und alles Mögliche rum wenn ich eine Idee für ein neues Projekt habe , Block und Stift liegen am Bett weil oft Ideen vor dem Einschlafen kommen und ich weis wie Wichtig es ist einfach anzufangen mit einer Idee, einem Projekt ohne vorher schon genau zu wissen wie es ankommt oder wie es sich entwickelt oder ob es vielleicht nicht so erfolgreich wird wie das davor. Der Text ist so toll geschrieben das ich mir jetzt echt überlege das Buch zu kaufen, der geniale Titel schwirrt mir sowieso schon länger im Kopf rum.
    LG Kathrin

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  9. Suse 30. Januar 2020 um 14:30 Uhr

    Super, liebe Kathrin, das gefällt mir so gut, dass auch du dich angesprochen fühlst, obwohl du die Welt nicht in Buchstaben, sondern Bildern beschreibst, toll! Und jaaa, kaufe mein Buch (egal, welches), ich freue mich.
    Liebe Grüße,
    Suse

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  10. Suse 30. Januar 2020 um 14:32 Uhr

    Huhu Nadine, Dankeschön fürs Lob und den Hinweis, das kann Steffi sicher beantworten. Liebe Grüße!

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  11. Suse 30. Januar 2020 um 14:34 Uhr

    Ja, Petra, das kenne ich auch, das einfach nicht hochkommen und anfangen. Dafür habe ich natürlich auch ein Mantra parat von meinem Lieblingsmeister Yogi Bhajan:
    “Start, and the pressure will be off!”
    Er hatte bisher jedes Mal Recht damit :))

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  12. Katharina Happ 5. Februar 2020 um 18:42 Uhr

    Aus irgendeinem Grund wird mein Kommentar nicht angezeigt? Weil er noch on der Zwischenablage war und ich mein Lob echt gerne loswerden will starte ich noch einen Versuch:

    Menschenskinder Suse, kannst Du gut schreiben. Allein dieser Artikel war ein Sahneschnittchen. Jedes Wort sitzt, ich hab mich bestens unterhalten, gelacht, Dich vor mir gesehen – und mich auch. Denn ich hab auch was in mir drin, was raus muss. Manchmal in Worten, meist in Bildern. Und der Kraft kann und soll man nicht widerstehen. Auch wenn’s manchmal schwer ist, zu kreieren und auch wenn’s mit dem Öffentlichwerden (noch) nicht klappt. Ich freu mich jedenfalls sehr, dass ich Deine Texte hier genießen darf, gratuliere Dir herzlich zum zweiten Buch und wünsch Dir, dass es ein satter Erfolg wird. Ganz liebe und bewundernde Grüße, Katharina

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  13. Suse 7. Februar 2020 um 10:15 Uhr

    Danke from the bottom of my heart, liebe Katharina! Und ganz viel Glück für dich.

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