Wonach ist dir heute?

Mit Mitte zwanzig schrieb ich für die Zeitschrift Maxi einen Artikel über den ersten guten Sex. Über den Mann, mit dem es endlich wirklich Spaß machte. Ich schrieb den Artikel unter Pseudonym, als Protokoll einer Frau, die sich aus den Erfahrungen meiner Freundinnen und mir selbst formte.

UND ES HAT ZOOM GEMACHT…

Bis vor kurzem dachte Nele Kordtmann, 30, dass sie niemals Spaß im Bett haben würde. Dann traf sie „den Mann, der mir den Sex beibrachte“.

Der Gedanke hätte keinen gemeineren Moment wählen können. Gerade als ich mich auf den Weg machen wollte, eine Frau zu werden, stellte er sich mir in den Weg. Er sagte, ich wäre nicht normal, mein Körper sei komisch gebaut, fragte sogar, ob ich mir wirklich ganz sicher sei nicht lesbisch zu sein.

Der Gedanke musste zugeguckt haben, als mein erster Freund und ich zum ersten Mal Sex hatten. Als meine selbstgebastelte Dr. Sommer-Welt auf die Realität prallte. Ich liebte meinen Freund und er mich, trotzdem war es furchtbar. Für uns beide war es das erste Mal, und wir wollten die coolen Lover sein, bloß nicht unsere Ahnungslosigkeit zugeben. Alles brannte, nichts glitt, ich wünschte mich an einen anderen Ort. Das war mein Gefühl für Sex – bis ich 27 war. Ich sehnte mich nach Liebe und dachte, der Preis, den man dafür zahlt, ist Sex. Vielleicht bin ich aber auch die Einzige, die keinen Spaß daran hat, dachte ich irgendwann, als ich überall las, was die anderen Frauen so alles fühlten und trieben, und irgendwann sogar meine Freundinnen anfingen, von multiplen Orgasmen und komplizierten, aber wahnsinnig luststeigernden Stellungen zu erzählen und dass es ihnen Herr XY ja so was von besorgen würde.

Ich besorgte mir Fachliteratur und pokerte ab dem nächsten Abend unter Freundinnen mit. Warf meine Orgasmus-Joker mit in die Runde, alle staunten, keiner deckte mein Spiel auf.

Die Sorge, dass ich die einzige Frau auf Erden sei, die nicht für Sex geschaffen wurde, behielt ich für mich, tat so, als sei alles normal. Sogar die Männer glaubten mir. Mein weiblicher Körper zog sie von alleine an. Mein Humor tat das Übrige, ich fügte ein paar erotische Gesten hinzu, die ich mir aus Filmen abgeguckt hatte, und schon wollten sie mit mir zusammen sein. Aber leider nie lange. Es stimmt, dachte ich einmal mehr, mit mir stimmt etwas nicht.

Ich kämpfte im Bett für die Befriedigung meines Mannes und gegen meine Gefühle, ich wäre eine unterirdische Liebhaberin.

Ich zwang mich zum Oralsex, obwohl mir davon speiübel wurde. Ich ließ mich wie eine Gummipuppe ficken. Dachte, wenn es ihm gut geht, wird er nicht gehen. Warum sie trotzdem gingen? Ich traute mich nicht, ich zu sein. Ich war keine Herausforderung, ich war austauschbar.

Irgendwann, mit Mitte zwanzig, legte sich der Schalter in mir um. Warum nicht früher? Wenn ich das wüsste. Ich bekam ein Gefühl für meinen Körper. Meine Hand wanderte von allein an die richtigen Stellen. Zwischen meine Beine, den Hals entlang. Endlich wollte ich mich spüren und begann eine Affäre mit mir selbst. Wann immer mich die Lust überkam, gab ich ihr nach. Ich wurde immer hemmungsloser, setzte mir keine Grenzen mehr, dass entspannte meinen Kopf und Körper.

Und dann traf ich Sebastian. Eine Freundin stellte ihn mir auf einer Party vor, und er blieb einfach neben mir stehen. Er guckte mir in die Augen, wenn er mit mir sprach. Er stellte mir Fragen und hörte zu, wenn ich erzählte. Er lachte mich an, schenkte mir seine ganze Aufmerksamkeit, ohne ein Gegengeschenk zu erwarten. Wir trafen uns ein paar Mal, unterhielten uns viel. Die Angst, es könnte wieder so enden wir früher, wurde immer kleiner. Und irgendwann hatten wir Sex. Und es war geil. Richtig geil. G-E-I-L! Das Wort hatte zum ersten Mal eine wirkliche Bedeutung. Er wollte mich so sehr, zeigte es mir ohne jede Einschränkung, so selbstbewusst, dass ich aus meinem Schneckenhaus kroch und mitmachte, ohne Panzer.

Volle Kraft voraus, rief mein Körper, und Sebastian schien zu hören. Er berührte mich überall, nur nicht da, wo alle anderen immer zuerst hingelangt hatten. Und das bewirkte genau das Gegenteil von dem, was bei den anderen Männern das Ergebnis war: Ich wurde feucht. Und Sebastian wusste, wie ich es blieb. Er beobachtet mich ganz genau. Wo ich aufstöhnte, blieb er. So lange, wie ich wollte. Er raste nicht wie meine ehemaligen Bettgefährten ohne Umwege auf sein eigenes Ziel zu. Er schaute sich immer wieder nach mir um. Wurde mein Atem ruhiger, flüsterte er mir ins Ohr „was wünscht du dir?“. Ich dirigierte ihn ein bisschen und er mich. Und dann erreichten wir diese Grenze, an der es heiß, aussteigen oder mit Vollgas durchbrausen.

Ich löste die Handbremse und zog sie nie wieder an. Was war das für ein neues Leben. Es fiel so unglaublich viel von mir ab. Endlich war Platz für etwas Neues: ein Selbstbewusstsein. Das fiel nicht etwa als Brocken von meinen Füßen, nein, es kam in kleinen Happen, und ich genoss jeden einzelnen. Zusammen mit Sebastian. Zwei Jahre lang.

Foto – Toa Heftiba/Unsplash

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Ines 4. Juli 2018 um 12:50 Uhr

    Ich glaube ja, dass wir Frauen häufiger und ehrlicher über diese Themen sprechen sollten. Das würde nämlich bei ALLEN sehr viel (Leistungs)druck rausnehmen. Ich finde es SO SO wichtig dem Körperhype (das beinhaltet auch den Hype um Sex) etwas entgegenzusetzen. Denn, ganz ohne es zu wollen, verliere ich mich zB häufiger als mir lieb ist, in falschen Idealen. Das betrifft nicht nur das Mama-Sein, Ehefrau-Sein, die Wohnung, die Ernährung…sondern ganz oft mich und meinen Körper. Etwas Entspannung täte sehr gut. Auch, weil wir Frauen es unseren Kindern vorleben. Unsere (Un)Zufriedenheit mit uns selbst…
    Dazu zählt auch, dass sie lernen (wenn sie entsprechendes Alter haben), dass man “alles” lernen kann, aber nicht muss. Das lässt sich auf soviele Dinge beziehen und eben auch auf Sex.
    Und wenn man seinen eigenen Körper nicht kennt oder vielleicht nicht mag, weil man womöglich schon so aufgewachsen ist, dass die eigene Mutter immer auf Diät war, immer nur selbstkritisch ihrem eigenen Körper gegenüber stand, wie soll man sich dann fallen lassen können. Sich selbst vertrauen. Sich selbst spüren?
    Wir erhoffen uns von unserem Partner, dass er uns die Liebe, die Lusterfüllung, den Sex gibt, den wir uns selbst nicht geben können oder es uns nicht trauen, uns soviel Eigenliebe und Lust zuzugestehen.
    Ich denke, erst wenn wir Frauen lernen, uns mit einer gehörigen Portion Eigenliebe auszustatten, dazu gehört auch, uns selbst in jeder Facette anzunehmen wie wir sind und auch uns selbst Lust zu bereiten, erst dann sind wir bereit unsere Sexualität auszukosten und zu genießen.

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  3. Carla 5. Juli 2018 um 11:27 Uhr

    Ein schöner Text. Ich musste 30 werden, bis ich das erste Mal richtig guten Sex hatte.
    Ist noch gar nicht so lange her. Über die mangelnden Bettqualitäten meiner Exfreunde konnte ich bisher immer ganz gut hinweg sehen, was man nicht kennt und so…

    Tja, und dann kam er. Und wir hatten von Anfang an richtig richtig guten Sex. Es war einfach ein Match und er hat mit seiner Art dafür gesorgt, dass ich mich einfach fallen lassen kann. Und das Schöne daran: Wir fanden es beide richtig super. 3 Monate lang, bis ich mehr wollte. Und er nicht.

    Der Liebeskummer ist seit kurzem überstanden, die Sehnsucht nach gutem Sex nicht.
    Leider macht es das nicht einfacher, wenn da noch eine zusätzliche Komponente hinzu kommt, die eine echte Rolle spielt. Und dabei bin ich ja eh schon eine Frau aus der Problemkategorie “selbstbewusste, gut ausgebildete Akademikern, die ihre Bretter alleine an die Wand nagelt”.

    Ich habe meine Pläne von Anfang 20 für mein 30. jähriges ich (Mann, Kinder, Haus) ziehen lassen und arbeite gerade daran, offen zu sein für alles was kommt. Oder was eben auch nicht kommt.

    Hast du nicht auch noch einen Text in petto zu Männern die nicht küssen können? Kann man denen das noch beibringen? Und wenn der Sex dann genauso schlecht ist, na dann gute Nacht. :/

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  4. Anne 8. Juli 2018 um 16:39 Uhr

    … und was passierte mit Sebastian nach zwei Jahren?

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