Wonach ist dir heute?
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Es ist 7:31 Uhr und ich sitze an meinen Laptop. Drehen wir die Zeit mal 15 Jahre zurück. Gut, seien wir ehrlich, drehen wir die Zeit mal 20 Jahre zurück. Da hätte ich um 7.31 Uhr auch gesessen. In einem Schulbus nämlich. Auf mehr oder minder gepolsterten Sitzen mit eigensinnig anmutenden Mustern. Und dort hätte ich gesessen und wäre fleißig schulischen Pflichten nachgegangen. Ich hätte meine Hausaufgaben abgeschrieben. Und wenn ich zu dieser Zeit noch nicht in Stimmung gewesen wäre, dann hätte ich eben die kleinen Pausen genutzt. Oder die große. Oder andere Unterrichtsstunden. Ich sage euch, das Abschreiben nicht erledigter Hausaufgaben erfordert ein gewisses Organisationstalent. Das ich nicht immer hatte und deshalb trotz aller Abschreiberei mit recht vielen Klassenbucheinträgen und Strichen belohnt wurde. Ums kurz zu machen:

Hausaufgaben trugen zu meinem Schulerfolg eher nicht bei. Nein, wirklich nicht.

Die Frage nach dem Sinn und Unsinn von Hausaufgaben beschäftigt Bildungsforscher*innen und Pädagogen*innen seit Jahren. Und in der Regel kommt dieses schulische Urgestein dabei nicht sonderlich gut weg.

Warum überhaupt Hausaufgaben?

Im niedersächsischen Schulsystem ist das Geben von Hausaufgaben durch einen Erlass geregelt und somit für Lehrkräfte und Schulen erstmal grundlegend bindend. Dort heißt es, Hausaufgaben sollen den täglichen Unterricht ergänzen und den Lernprozess unterstützen. Hausaufgaben sollen der Übung, Anwendung und Festigung von Kenntnissen, Kompetenzen und Fähigkeiten dienen. Sie sollen außerdem die eigentätige Auseinandersetzung mit Unterrichtsinhalten oder auch frei gewählten Themen und somit die Selbstständigkeit fördern.

Wichtige Worte. Große Ziele. Und ungezählte Studien, die ziemlich deutlich aufzeigen, dass durch häusliche Schularbeiten diese Ziele kaum bis überhaupt nicht erreicht werden. Aber wieso nicht?

Lernen braucht doch Übung oder?

Und wie. Jeder, der ein Kleinkind beim Laufenlernen und Hinfallen beobachtet, weiß das. Aber Lernen braucht auch so viel mehr. Effektives Lernen braucht Motivation. Lernen braucht Kraft. Lernen braucht emotionales Wohlbefinden. Lernen braucht Selbstbewusstsein. Lernen braucht Selbstkenntnis. Lernen braucht manchmal Unterstützung. Lernen braucht Handwerkszeug. Lernen braucht Entwicklungsstadien. Lernen braucht individuelle äußere Faktoren.

Lange Liste. Und hätten wir nun ein Bild vor Augen von dem Kind, das fröhlich pfeifend nach Hause kommt. Oder in den Hort. Oder. Das sich beschwingt und voller Appetit seinem Mittagessen widmet, redselig den Schultag Revue passieren lässt, ein kurzes Verdauungspäuschen macht und sich dann voll Wonne und Motivation seinen Hausaufgaben widmet, nachdem es in seinem selbstständig verlässlich geführten Hausaufgabenheft geblättert hat. Das sich freut auf all die Rechentürme, Rechtschreibübungen, Lesetexte und Auswendiglernerei, weil es ein echtes Interesse an diesen Inhalten hat und sich positiv herausgefordert fühlt. Das sicher weiß, dass es das weitgehend alleine bewältigen kann. In einer grundschulangemessenen Zeit von einer halben Stunde. Ein Kind, das weiß, wohin es sich wenden kann, wenn es Hilfe braucht. Ja, hätten wir dieses Bild vor Augen. Dann hätten die Zielsetzungen von Hausaufgaben vielleicht eine Chance. Vielleicht.

Aber wir alle wissen, aus eigener Schulerfahrung oder als Eltern von Schulkindern, wie dieses Bild wirklich aussieht: Kinder, die geschafft sind. Erschöpft von all dem Input, all den emotionalen, sozialen und fachlichen Herausforderungen des Schultags. Kinder, die vielleicht einen blöden Streit mit der besten Freundin hatten. Kinder, die sich an Matheaufgaben die Zähne ausbeißen. Kinder, deren Eigenorganisation einfach noch ihre Zeit braucht und die ihr Hausaufgabenheft gerade nicht finden können. Oder das Mathebuch. Kinder, die stundenlang intensiv gelernt haben.

Kinder, die Ruhe wollen. Und ihren wohlverdienten Feierabend.

Kinder, die keine Lust haben, sich gleich wieder an den Tisch zu setzen. Die nicht noch einen Rechenturm lösen wollen. Weil das können sie schon im Schlaf. Kinder, die den Lesetext nicht lesen wollen. Weil sie so schwierige Wörter noch nicht können. Und der Inhalt so langweilig ist. Kinder, die mit ihren Eltern kämpfen. Haussegen, die schief hängen. Tränen, die fließen. Kinder, die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie allein nicht weiterkommen. Kinder, die nicht auf Unterstützung zählen können und so mal wieder im Nachteil sind.

Und es braucht eigentlich keine Bildungsforscher*innen, um zu erkennen, dass unter diesen alltäglichen Umständen effektives Lernen schlichtweg nicht stattfinden kann. Und Hausaufgaben nicht nur ineffektiv sind, sondern Lernfrust weiter verhärten. Und dass sie nachweislich vor allem die Kinder besonders treffen, die sich ohnehin schon schwertun. Und die Schere wird wieder ein Stück größer.

Zu guter Letzt werden Hausaufgaben nicht selten zum Druckmittel und bekommen damit eine weitere sehr ungünstige Komponente. Eigentlich spannende und tolle Unterrichtsinhalte werden zur Strafe und schüren bei den Kindern negative Gefühle gegenüber diesen Lernschätzen. „Ja, aber…“

Ja abers – mein täglich Brot.

„Ja, aber Kinder müssen das eigenständige Lernen doch auch mal trainieren.“

Müssen Kinder nicht. Denn – wie cool ist das denn – das hat die Natur in uns angelegt. Dass wir Lernen wollen. Dass wir Dinge schaffen, können und verstehen wollen. Und, wie erwähnt, schaut kleinen Kindern zu. Die stellen das eindrucksvoll unter Beweis. Der Drang nach eigenverantwortlichem Lernen ist da. Aber er ist eben auch an eigene Motivation, eigene Bedürfnisse, eigene Biographie, den eigenen Entwicklungsstand und eigene Interessen geknüpft. Und an dem Punkt müssten wir ansetzen. Denn in der Regel erfolgen ziemlich einheitliche Hausaufgaben. Mit wenig Auswahl und Anpassung. Ich verstehe das. Einfach schwer zu leisten in all der Belastung. Geht mir selbst nicht anders. Was wäre es da für eine Erleichterung, uns gänzlich von dieser Pflicht zu befreien und dem eigenständigen Lernen im konkreten Schulalltag mehr Platz einzuräumen.

„Ja, aber Kinder müssen doch lernen, dass es auch Pflichten gibt, durch die man sich auch mal beißen muss. Auch wenn man nicht will. So ist das im Leben.“

Wird am meisten genannt. Und ich kann aus der täglichen Praxis nur absolut versichern, dass Kinder das in tausenden Schulsituationen lernen. Dafür brauchen wir den Kram mit den Hausaufgaben nicht auch noch. Angefangen von zeitlichen Vorgaben, wie einem klar vorgeschriebenen morgendlichen Schulbeginn, über feste Stundenpläne, zugeteilte Arbeitspartner*innen, Themenvorgaben, bis hin zu Prüfungen und zum Beispiel der peinlichen Bewertung sportlicher Unfähigkeiten am Stufenbarren.

Kinder müssen sich tagtäglich durch ziemlich viel beißen. Ob sie wollen oder nicht.

Und mal kurz #denkimpuls. Stellt euch vor euer Arbeitgeber/eure Arbeitgeberin würde euch völlig planmäßig nach einem anstrengenden Arbeitstag und dem „Ableisten“ eurer Arbeitszeit eine Stunde lästige und ineffektive Zusatzarbeit mit in den Feierabend nach Hause geben. Anstatt das sinnvoll in die Arbeitsabläufe zu integrieren. Jeden Tag. Passiert durchaus so. Weiß ich. Und? Wie zufrieden macht das so?

„Ja, aber auch das Elternhaus ist für die Begleitung des Bildungsweges zuständig und muss die schulische Arbeit unterstützen.“

Natürlich. Und Zusammenarbeit ja. Unbedingt. Gerne. Eines meiner liebsten Felder. Austausch ja. Gegenseite Unterstützung ja. Gemeinsam für das Kind. Mein Motto. Aber Lernfrust nach Hause verschieben? Beziehungsstress zwischen Eltern und Kindern verursachen? Die Aufgabe Eltern zu sein, ist fordernd genug. Müssen wir die Nachmittag zusätzlich so belasten? Zu welchem Preis?

„Ja, aber in der Grundschule mag das ja noch gehen, aber dann kommt an den weiterführenden Schulen der Hammer.“

Leider. Einer der Gründe, warum ich mitspiele. Weil ich muss. Und weil ich weiß, was von meinen Schulkindern an den nächsten Schulen verlangt wird. Und weil ich sie da nicht blind hineinwerfen möchte. Ein blöder Grund. Aber alternativlos. Es sei denn, es wird mal systemisch was getan und entschieden. Denn die grundlegende Effektivlosikgeit von Hausaufgaben wurde übrigens schulformunabhängig nachgewiesen.

„Ja, aber wie sollen wir Lehrkräfte den Stoff sonst schaffen?“

Treffer. Unsere Lehrpläne quellen über. Zeitnot, wohin man schaut. Um dieser Fülle gerecht zu werden, weichen viele Lehrkräfte aufs Elternhaus aus. Ist mir auch schon so gegangen. Unfair as hell. Und wieder ein gutes Beispiel, wie Vorgaben auf den Rücken von Lehrkräften, Eltern und Kindern lasten.

Also Stoff entrümpeln. Sowieso und prinzipiell. Aber auch für dieses Problem.

Und trotz der guten Argumente gegen die Jaabers sind wir noch beim Müssen. Kinder müssen. Hausaufgaben müssen.  Also dann wenigstens die Situation so angenehm wie möglich machen. Die optimale Arbeitszeit finden. Die kann sehr unterschiedlich sein. Dem Kind Auswahl geben. „Du könntest die Hausaufgaben jetzt erledigen, dann hättest du das geschafft. Oder du könntest sie vor dem Abendbrot machen. Dann kannst du dich jetzt erstmal ausruhen oder spielen.“ Mit dem Kind gemeinsam eine passende Arbeitsumgebung gestalten. Manche arbeiten gerne am Esstisch, mitten im Trubel. Andere bevorzugen Ruhe in ihrem Zimmer. Manche liegen gern auf dem Wohnzimmerteppich oder auf dem Sofa. Manche stehen gern. Es macht Sinn, sich einmal durchzuprobieren. Es hilft die Situation etwas schöner zu machen. Wenn ich schreibe, mache ich mir gerne einen Kaffee und knabbere etwas dazu. Ein Kakao und ein paar Kekse können für Kinder den Wohlfühlfaktor beim Erledigen der Hausaufgabenpflicht erhöhen.

Ein sehr wichtiger Punkt kann die verlässliche und überschaubare Zeitbegrenzung sein. Im Grundschulalter sollten die Hausaufgaben eine Arbeitszeit von einer halben Stunde nicht überschreiten (individuell ist es oft sinnvoll, das noch weiter zu verkürzen). Lieber kurz und wenigstens halbwegs effektiv, als lange völlig umsonst quälen. Ein Stoppuhr oder passende Sanduhr aufstellen. Dazu ist es sinnvoll mit den Lehrkräften Rücksprache zu halten. Dem Kind vermitteln, es muss nur für diese Zeit arbeiten. Ist die Zeit um, hat es seine Pflicht erfüllt, egal, ob die komplette Menge erledigt werden konnte. Gerne dann eine kurze Nachricht an die Lehrkraft. Sinnvolle Zusammenarbeit. Ich erwähnte es.

 

Also alles nur doof?

Es wurde nachgewiesen, dass Hausaufgaben unter bestimmten Umständen zumindest einen geringfügigen Nutzen haben können. Nämlich dann, wenn sie individuell an das Kind angepasst werden (Interesse, Anspruchsniveau, Umfang) und in zum Kind passender Lernumgebung stattfinden. Und wann passiert das schon so? Vorbereitende Hausaufgaben (z.B. sich im Vorfeld über ein Thema informieren) haben auch leicht positive Effekte, allerdings nur, wenn das entsprechende häusliche Umfeld besteht. Und da wären wir wieder bei der Schere.

Trotzdem sind ausreichende Übungsphasen natürlich unerlässlich.

Man denke ans Einmaleins. Wie gesagt, Lernen braucht auch das. Nur stellen all die bisherigen Erkenntnisse völlig berechtigt in Frage, ob dies durch die gängige Hausaufgabenpraxis zu erreichen ist. Vielmehr zeigt sich, dass Kinder (und zwar vor allem die, die eben zu Hause aus den verschiedensten Gründen nicht permanent unterstützt werden können) sehr von schulischen Übungsphasen, die von Lehrkräften oder anderen Pädagogen*innen begleitet werden, profitieren. In guten Ganztagskonzepten versucht man dies zum Beispiel umzusetzen. Aber auch ohne Ganztag ginge das. Wenn die Stofffülle geringer wäre und mehr Zeit für Vertiefung. Kein Durchhetzen. Und wie so oft scheitert es an all den Grenzen, die da eben in der derzeitigen Schulwelt so sind.

Für mich persönlich ist die Frage nach Hausaufgaben klar zu beantworten. Wir brauchen sie nicht. Nicht in dieser Form. Wir bräuchten so viel anderes. Bleibt abschließend also nur noch eine Frage zu klären: Wer designed eigentlich Bussitzemuster?

 

Fotos – Vidhya Schröder @liebe_im_quadrat

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Frauwilke 4. Februar 2020 um 08:52 Uhr

    Ich möchte diesen Artikel so gern den Eltern meiner Kids (5.Klasse, Stadtteilschule) schicken, weil sie immer wieder fordern, dass wir mehr HA geben sollen. Ich antworte ihnen oft genau das, was oben steht, aber „es gehört doch dazu“ meinen sie. Ich halte daran fest: ich gebe nur Vokabeln auf!!!

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  3. van der Meer 4. Februar 2020 um 10:03 Uhr

    Ich gehe den selben Weg wie du, nur dass ich Quereinsteigerin bin und somit sehr viel mehr ABERS täglich erlebe. Glücklicherweise sind wir eine hausaufgabenfreie Schule und trotzdem fordern Eltern immer c wieder danach. Das System macht Druck, bei den Eltern… ohne, dass sie es wollen. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern gerät aus dem Lot und wir erleben täglich mehr und mehr Schulängste. lähmt. Angst macht Panik. Angst lässt die Orientierung verlieren. Wir verändern, von innen, Stück für Stück…

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  4. Richard - vatersohn.blog 4. Februar 2020 um 10:29 Uhr

    Wow, was für ein Artikel, der es einfach sehr gut beschreibt. Der Blick sollte frühzeitig auf die Bedürfnisse & Interessen der Kinder gelegt werden, so dass dieser überproportionale Anteil an Zwang dem Lernen an sich (& damit meine ich das Lernen für sein eigenes Leben, keine speziellen Fächer) nicht mehr im Wege steht.
    LG, Richard vom vatersohn.blog

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  5. Antje 4. Februar 2020 um 11:51 Uhr

    Liebe Saskia, so ein guter schlauer Einwurf. Ich stehe den Hausaufgaben auch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ganz drauf verzichten fände ich nicht gut, reduzieren fände ich super. Meine Kids haben immer gern bzw. klaglos ihre HA erledigt. Mal mit mehr, mal mit weniger Einsatz. Jetzt ist meine Tochter in der 5. Klasse eines Gymnasiums und sie wird von der Masse und dem Anspruch der HAs erschlagen. Und hier machen HAs aber leider Sinn. Daher finde ich den Weg, den du vorschlägst fantastisch.

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  6. Jessica 4. Februar 2020 um 11:54 Uhr

    “Denn die grundlegende Effektivlosikgeit von Hausaufgaben wurde übrigens schulformunabhängig nachgewiesen.”

    Eine gewagte These, da würde ich die zugrundeliegenden Untersuchungen gerne nachlesen.

    Auf welche Studien beziehst du dich mit deiner Aussage?

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  7. Petra von FrauGenial 4. Februar 2020 um 12:09 Uhr

    Ein wirklich gelungener Artikel! Über dieses Thema haben meine Tochter und ich auch schon so manche Diskussionen. Ich habe es in ihrer Zeit erlebt, das Hausaufgaben kaum Individualität dem Kind bringen. Weil es nur eine richtige Lösung gibt. Sei es Mathe, eine Gedichtsanalyse und co…selbst im Kunstunterricht. Kein Wunder, dass es so negativ behaftet ist. Das Kind unserer Nachbarin( 2. Klasse) erlebt das wiederum anders. Jeder aus der Klasse kriegt ein Hausaufgabenheft, wo es seine Notizen, Gedanken wie er die Hausaufgabe fand, was er nicht gut fand aufschreiben kann, und den Kindern es frei zur Verfügung steht, das Hausaufgabenheft am Ende des Monats abzugeben um den Lehrern es als Feedback zu geben. Ich finde den spielerischen Ansatz einen wichtigen Aspekt

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  8. Lena 4. Februar 2020 um 12:20 Uhr

    Danke für den Beitrag. Ich arbeite mit Familien, deren Kinder massive Schwierigkeiten mit den Grundlagen in Mathematik haben, mit oder ohne Diagnose Dyskalkulie. Eltern, die bewusst keine Lerntherapie in Anspruch nehmen möchten. Sondern stattdessen selbst helfen möchten. Die Familien bekommen von mir einen klaren Fahrplan, was sie 10 Minuten an 6 Tagen in der Woche mit dem Kind tun können, vieles wird in den Alltag integriert, vieles findet in Bewegung statt. Die Erfolge sind enorm. Natürlich geht es auch um das WIE der Lernsituation. Diese Familien haben – bedingt durch die Schwierigkeiten des Kindes – einen täglichen Kampf mit der Hausaufgabensituation. Es sollen Hausaufgaben erledigt werden, die das Kind schlichtweg nicht begreifen kann. Reihenweise werden Hausaufgaben von den Eltern gerechnet, dem Kind in den Stift diktiert. Das Kind möchte mit gemachten Hausaufgaben in die Schule gehen. Die Not vieler Familien ist aufgrund der massiven Schwierigkeiten in Mathe enorm groß, die Hausaufgaben verschärfen die Not nochmals. Daher plädiere ich auch für den Weg: wenn Hausaufgaben, dann differenziert, angepasst an die Bedürfnisse des Kindes. Alles andere ist verschwendete Zeit für Eltern & Kind, zudem das Selbstwertgefühl schwächend. Das Kind lernt tagtäglich: ich schaffe es nicht! Gerade in Mathe können wir so vieles ohne Stift & Papier begreifbar machen, wir können Handelndes mit reinnehmen, Bewegung mit einbauen. DAS begeistert die Kids, machen sie gerne, ist hilfreich. Lässt unsere Kinder wachsen!

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  9. Manu 4. Februar 2020 um 13:30 Uhr

    Wow, was für ein toller Artikel. Gern würde ich diesen Text den Grundschullehrerin meines Jüngsten (9) schicken. Er kommt mit mindestens 2 Hausaufgaben täglich nach Hause. Hat er sie am Erledigungstag nicht fertig, gibts ein Minus. Bei zwei Minus in 14 Tagen gesammelt gibts kein Lob mehr ins Hausaufgabenheft. Möchte man das Minus noch rechtzeitig ausgleichen, heisst es neben den Hausaufgaben noch Zusatzaufgaben erledigen. Soll ich mal was verraten? Er hat resigniert. “Das schaff ich eh nicht.” war seine Antwort. Schon vor Wochen. Und: “Ich bin auch so glücklich. Ich hab ein Zuhause und Geschwister, die mich lieben. Ich brauch das Lob von der Lehrerin nicht.”
    Man könnte als Aussenstehende Person meinen, mein Sohn hat eine Lernschwäche. Wegen dem Wiederholen der 3. Klasse. Das waren andere Gründe. Wegen der Unfähigkeit zu einem funktionierenden Zeitmanagement. Mag sein. Aber welcher Erwachsene ist denn bitte perfekt? Wegen dem Unwillen zum Müssen. Er hat keine Lernschwäche.
    Was wir auch schon hörten: “Besser er geht an eine Förderschule.” Muss er nicht. Er ist auch nicht dumm. Er kann rechnen. Er kann lesen. Er kann sich mit seinen Klassenkameraden austauschen. Er kann das. Er kann das alles. Er braucht nur seine Zeit. Und Menschen, die ihm eine Chance geben und nicht alles kaputt machen. Indem man z.B. nicht vor der ganzen Klasse seine Hausaufgaben bewertet. Oder was er heute in der Brotdose hat.
    In einer Stunde kommt er nach Hause. Was er schafft, wird als erledigt abgezeichnet. Und morgen geht es wieder von vorn los.

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  10. Anja 4. Februar 2020 um 13:45 Uhr

    Ich bin zwiegespalten… als Mutter und als Lehrerin einen weiterführenden Schule. Ich fand und finde es als Mutter sinnvoll, bei den Aufgaben sehen zu können, wo es bei meinem Kind noch kneift, wir haben seinerzeit viele Übungsmöglichkeiten für‘s 1×1 geschaffen und ich weiß, dass meine Kinder ihre Englisch- und Französisch-Vokabeln nur zu Hause lernen können. Das klappt in der Schule nicht. Und ich finde es auch nicht dramatisch, wenn mal das Jugendbuch/Drama/der Roman zu Hause gelesen werden muss.
    Aber ich finde Hausaufgaben am Freitag eine Zumutung. Ich bekomme Plaque, wenn mein Kind seitenweise Aufsätze schreiben muss oder die Matheaufgaben mehr als 20 Minuten dauern. Denn auch mein Kind hat ein Recht auf Feierabend und die Familie ein Recht auf Familienzeit.
    Daher gibt es in meinem Unterricht Freitags nie Hausaufgaben und ansonsten höchstens Aufgaben, die in maximal 10 Minuten zu erledigen sind. Und die auch nur sehr unregelmäßig. Klappt auch.

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  11. Michaela Schmidt 4. Februar 2020 um 15:40 Uhr

    ch kann die Bedenken gut verstehen – bin Mutter und Lehrerin am Gymnasialzweig. Trotzdem finde ich, dass die einfache Ablehnung von Hausaufgaben nicht die Lösung sein kann. Die Ruhe, die hier im Artikel so bemüht wird, der Feierabend – wie sieht der denn aus? Meiner Erfahrung nach wird da viel Computer gespielt, viel Youtube konsumiert, es geht von einem Termin zum anderen usw.

    Da gibt es wenige Kinder, die in Ruhe mit ihren Bauklötzen spielen oder ein Buch lesen. Das Bild ist genauso weltfremd wie das Hausaufgaben-Musterkind, das im Artikel beschrieben wird.

    Warum nicht beides verbinden? Zu jedem gängigen Lehrwerk gibt es mittlerweile anständiges Übungsmaterial online oder auf CD-Rom. Kostet nur meist ein paar Euro und ein kleines bisschen Arbeit… Manche Schulen kriegen es trotzdem nicht hin, einen Zugang für alle Schüler zu schalten, manche Eltern schaffen es nicht, ihrem Kind einen Rechner hinzustellen – aber die Playstation rattert fröhlich im Kinderzimmer…

    Wer will, findet Wege. Sinnvolle Wege.

    Antworten
  12. get lucky 4. Februar 2020 um 15:44 Uhr

    Liebe Sakia!
    Warum hast du nicht den wunderbaren Beruf der Lehrerin nicht gewählt ? Irgendwie können wir immer nur alles falsch machen!
    Ich erachte richtig gestellte Hausaufgaben als sehr sinnvoll und notwendig! Keiner will, dass der Haussegen wegen Schule irgendwo schief hängt, das muss aber das Konstrukt Familie klären!!!
    Liebe Grüße
    Gabi

    Antworten
  13. Angela Bollig 4. Februar 2020 um 17:08 Uhr

    Schöner Artikel! Bin Grundschullehrerin in München. Hier sind Hausaufgaben Pflicht. Schwierige Frage… Ich sehe sehr wohl in vielen Fällen einen Gewinn- allerdings – wie mit allem im Leben- mit einem gesunden Maß. Nicht zu viel- nicht zu wenig. Kann ein Kind sie nicht machen und führt einen guten Grund dafür, sollte es kein Problem sein. Ganztageskinder haben hier keine HA, sondern erledigen Übungen mittels differenzierten Wochenplänen, für die sie eigenverantwortlich sind in der Zeiteinteilung. Ich sehe vielmehr ein grundsätzliches Problem:
    Es fehlen Mittel und Personal für einen differenzierten Unterricht an sich! Wir haben weder die Räume noch Lehrer/innen für individuelle Förderung!
    Viele Kinder haben keinen Spaß an Hausaufgaben, weil sie einfach nicht individuell auf sie zugeschnitten sind! Entweder sind sie überfordert oder unterfordert! Hausaufgaben können ja auch spannend sein und Freude bereiten! Frust und Langeweile sind kontraproduktiv! Es wird Zeit, dass wir endlich in unsere Zukunft investieren!
    In unsere Kinder!

    Antworten
  14. Frau.johannsen 4. Februar 2020 um 17:30 Uhr

    Danke für diese gute Zusammenfassung, unterschreibe ich genau so!
    Ich bin dazu übergegangen individuelle Wochenpläne als Hausaufgabe zu geben. Die können dann irgendwann zwischen Montag und Freitag erledigt werden, sodass Zeit für Hobbies bleibt.

    Antworten
  15. Wiebke 4. Februar 2020 um 20:50 Uhr

    “Weil das können sie schon im Schlaf.” – da hat aber jemand seine Hausaufgaben in deutscher Grammatik nicht gemacht.

    😉

    Antworten
  16. Saskia 4. Februar 2020 um 20:57 Uhr

    Ooooder, jemand steht bei knapp 2000 Wörtern dazu, dass sich ein Kommafehler einschleicht und die Welt sich weiterdreht. 😉

    Antworten
  17. Saskia 4. Februar 2020 um 21:00 Uhr

    Liebe Lena,

    genau das. Übungsphasen sind unerlässlich für das Lernen. Natürlich können die unter bestimmten Umständen auch zu Hause stattfinden. Wenn sie zeitlich sehr begrenzt sind und mit Bewegung. So wie du beschreibst. Super. Selbst, wenn es keine Hausaufgaben gäbe, stünde es Eltern, die das leisten können und wollen ja trotzdem so weiter zu.
    Aber wie du sagst, die lästige Pflicht und vor allem die Art der Aufgaben sind eben ein Problem und nicht passend fürs Kind.

    Antworten
  18. Kati 4. Februar 2020 um 21:10 Uhr

    Was ein toller Artikel. Klar muss lernen sein ,aber ich denke sinnvoll, und jedem Kind individuell angepasst. Ich hab mich bzw meinen Sohn 3. Klasse so wieder gefunden,und mir tut mein Sohn so leid, weil wir so viel machen. Zum einen um die Lehrer zufrieden zu stellen, und es nicht heißt er macht nichts. Wir üben für jede Arbeit ,und leider ist das Resultat immer wieder niederschmetternt für ihn. Ich wünschte ,es würde mal wieder an die Kinder gedacht werden und nicht daran,in wie kurzer Zeit wird wie viel geschafft vom Lehrplan.
    Viele Grüße Kati

    Antworten
  19. Saskia 4. Februar 2020 um 21:16 Uhr

    Liebe Jessica,

    dieses Thema war eines meiner Prüfthemen im Staatsexamen. Meine Professorin selbst hat viel auf dem Gebiet geforscht. Bereits 1964 hat zB Bernhard Wittmann SchülerInnen von 3. bis zur 7. Klasse dahingehend beobachtet. Es gab Gruppen mit und ohne Hausaufgaben. Besonders im Bereich Rechnen zeigten sich keine Unterschiede beziehungsweise schnitten sogar die Gruppen ohne Hausaufgaben besser ab.
    2008 wurde eine umfassende Studie einer Forschergruppe der Universität Dresden (Fach Mathematik) veröffentlicht, die bei einem Großteil der SchülerInnen keinen positiven Effekt feststellen konnten.
    Gleiches wird in der ja sehr bekannten Hattie-Studie belegt. Auch er stellt den Nutzen häuslicher Pflichtaufgaben sehr in Frage, stelle er doch keine Lernerfolgseffekte fest. Anders sähe das aus, wenn diese Übungsphasen von Fachpersonal begleitet werden würde.
    Es gibt auch noch eine ganz bekannte Studie, deren Name mir gerade nicht einfallen will, die sich allerdings weniger mit dem allgemeinem Lernerfolg befasst, sondern mit der Bildungsschere. Und dort wurde sehr eindrucksvoll gezeigt, dass die Hausaufgabenpraxis Kindern aus sozial schwächeren Familien mit wenig Unterstützung sogar erheblich schaden können und das eben besonders an weiterführenden Schulen, weil da die SchülerInnenzahlen oft deutlich höher sind und ein individuelles Begleiten für die Lehrkräfte (verständlicherweise) eher schwierig. Ich meine, das war eine Schweizer Studie. Trautwein hat aber ziemlich Ähnliches herausfinden können.
    Es gibt noch viele weitere. Aber gerade mit Hattie sind ja durchaus einige namenhafte dabei, falls du dich einlesen magst.

    Es gibt auch Gegenstimmen. Rabe behauptet z.B., dass gerade schwächer gestellte Familien die Hausaufgaben als Anreiz brauchen, damit sie überhaupt auf die schulischen Aufgaben schauen. Das ist aber “nur” seine These. Er hat sie weder stützen können, noch wurde das untersucht.

    Liebe Grüße

    Antworten
  20. Saskia 4. Februar 2020 um 21:21 Uhr

    Liebe Gaby,

    ich verstehe deine Frage nicht ganz? Ich habe den Beruf Lehrerin sehr gern gewählt und fülle ihn jeden Tag mit Freude aus.

    Ich weiß, dieses Thema ist kontrovers. Und es ist völlig in Ordnung, seine eigene Hausaufgabenpraxis zu verfolgen und dahinterzustehen. Von “falsch machen” kann keine Rede sein. Ich glaube viel mehr, mit uns Lehrkräften wird so einiges falsch gemacht.

    Ich erzähle hier von meinen Überzeugungen. Aber niemand beansprucht doch die alleinige Wahrheit für sich. Ich kann Meinungen neben meiner Meinung ohne Probleme akzeptieren.

    Liebe Grüße

    Antworten
  21. Danielle 4. Februar 2020 um 21:42 Uhr

    Wie bei vielen Dingen gilt für mich bei Hausaufgaben: Die Menge macht das Gift. In der Grundschule, die meine Kinder besuchten, bekamen sie unglaublich viele Hausaufgaben. Beide Kinder arbeiteten zügig und trotzdem saßen sie hochprozentig länger als eine halbe Stunde daran. Häufig mehr als eine Stunde. „Ausmalarbeiten“ habe ich regelmäßig übernommen, weil sie darauf keine Lust mehr hatten, obwohl beide Kinder ansonsten gerne malten… Mein Gefühl war häufig, dass wir zuhause dafür zuständig waren nicht vermittelten Unterrichtsstoff zuhause zu erarbeiten. Ja, wir haben das geleistet und auch hier gab es Tränen, Frust und Ärger auf beiden Seiten. Allerdings sind, aus verschiedenen Gründen, nicht alle Eltern in der Lage so umfangreich zu unterstützen.

    Seitdem unsere Kinder in der weiterführenden Schule sind haben wir diese Situationen nicht mehr. Klar, Vokabeln müssen gelernt, Lektüren zuhause gelesen und Referate vorbereitet werden. Allerdings in einem zeitlichen Rahmen, der genug Freiraum für andere Dinge lässt. Und das wichtigste ist, dass unsere Kinder seitdem Spaß an der Schule haben und tatsächlich gerne hingehen. Meistens jedenfalls

    Antworten
  22. Heidi 4. Februar 2020 um 21:47 Uhr

    Und jetzt mal das Wesentliche: woher sind die Ringe?

    Antworten
  23. Wiebke 4. Februar 2020 um 23:44 Uhr

    Absolut!

    Die Welt stört sich schließlich auch nicht daran, ob jemand das Prädikat korrekt platziert oder nicht. 🙂

    Antworten
  24. Svenja 5. Februar 2020 um 08:41 Uhr

    Hallo Wiebke!

    “Die Verwendung von “weil” mit Verbzweitstellung ist mittlerweile so gebräuchlich, dass sie schon längst Einzug in den Duden gefunden hat. Allerdings wird dort noch darauf hingewiesen, dass sie der gesprochenen Sprache vorbehalten sei, da standardsprachlich nicht korrekt.

    Es gibt eine ganze Reihe sprachwissenschaftlicher Untersuchungen über die Verbzweitstellung nach weil. Häufig werden hier die Arbeiten von Schwitalla genannt, der zeigen konnte, dass diese Konstruktion nicht nur in der gesprochenen Sprache, sondern auch in der Schriftsprache verkommt, und zwar auch dann, wenn es nicht nur um Zitate eines gesprochenen Wortes geht.

    Sprachwissenschaftler und Linguisten beschreiben hier aber meist nur die Häufigkeit von sprachlichen Ausdrücken und geben allenfalls Vermutungen zu den Gründen ihrer Verwendung. Weidacher vermutet ein stilistisches Mittel, um einen trockenen Text aufzulockern.

    Es ist also tatsächlich so, dass man einen Sprachwandel beobachten kann, der zur Verwendung von “weil” als nebenordnende Konjunktion führt.”

    (https://german.stackexchange.com/questions/6339/warum-wird-weil-zur-nebenordnenden-konjunktion)

    Und ist es nicht in Ordnung, einen Text stilistisch aufzulockern?
    Sprachwandel ist ein bekanntes Phänomen. Das Empfinden von “richtig” und “falsch” wandelt sich mit der Zeit und das ist historisch auch schon immer so gewesen.

    Viele Grüße,
    Svenja

    Antworten
  25. Dirk 5. Februar 2020 um 11:58 Uhr

    Hallo Sassi,
    so sehr die Eltern unter den Hausaufgaben Ihrer Kinder leiden, so sehr sind sie auch selber Teil des Problems.
    Wer Hausaufgaben reduzieren oder ganz abschaffen möchte, muss es befürworten, dass Lern- und Übprozesse im Rahmen von Ganztagskonzepten in der Schule stattfinden.
    Aber genau dafür sind Eltern nicht – meine Erfahrung an unserer Schule.
    Einerseits möchte ich eine Entlastung von Hausaufgaben, andererseits möchte ich, dass mein Kind um ein Uhr mittags zu Hause ist. Das ist der schizophrene Anspruch (erz) konservativer Elternhäuser, an dem es scheitert.

    Antworten
  26. Jule 5. Februar 2020 um 13:01 Uhr

    Liebe Saskia,
    ich bin Mutter und mein Sohn kommt dieses Jahr zur Schule.
    Ich habe mich entschlossen mit 36 Jahren noch einen zweiten Bildungsweg einzuschlagen, den der Erzieherin.
    Wir haben uns im letzten halben Schuljahr mit Transitionen beschäftigt und mir wurde immer klarer wie wichtig meine und eure Arbeit als Lehrer*in ist. Ich kann nur hoffen das deine Stimme lauter wird und immer mehr Lehrer*in ähnliche Ansichten teilen damit wir unsere Kinder, unsere Zukunft, stark machen.
    Ich gebe mein Kind mit viel Unsicherheit in die Schule möchte aber allem aufgeschlossen sein. Meinen Sohn und die Lehrkräfte unterstützen wo ich kann, ABER ein richtig gutes Gefühl schleicht sich bei mir noch nicht ein. Ich stehe dem heutigem Schulsystem sehr kritisch gegenüber, einfach vom Bauchgefühl her und durch all das Fachwissen was ich mir in meiner jetzigen Ausbildung aneigne sowie MEIN Bild und Blick vom/auf das Kind. In deinen Beiträgen (Instagram) finde ich meine Gefühle wieder und sie werden zu Worten mit Bedeutung. Vielen Dank das du diese Themen nach außen trägst, es gibt viele die deine Ansichten teilen oder anfangen über einiges Nachzudenken und das ist bekanntlich der erste Schritt.

    Antworten
  27. Katharina 7. Februar 2020 um 08:45 Uhr

    Lieber Dirk,
    vielleicht hat es auch ganz andere Gründe warum Eltern ihre Kinder ungern auch noch am Nachmittag in der Schule lassen wollen. Schule ist kein Ort an dem ein Kind von 8:00 – 16:00 Uhr verweilen möchte, mit oder ohne Hausaufgaben. Man muss auch nicht erzkonservativ oder gar schizophren sein, um seinen Kindern mehr selbstbestimmte Zeit schaffen zu wollen oder um sie von der Krake Schule zumindest am Nachmittag zu befreien. Ich war selbst an einer Ganztagesschule ohne Hausaufgaben, hat super funktioniert, die Schule ist ein absolutes Vorzeigemodell, aber leider die Ausnahme. Wenn schon der normale Schulalltag eine echte Quälerei ist (Ausstattung der Schulen, Klassengröße, Qualifikation/Motivation der Lehrer), dann freue ich mich einfach für mein Kind, dass es dort nicht auch noch am Nachmittag sitzen muss. In der Klasse unserer Tochter (7. Klasse Gymnasium) hat man in der Regel nur dann Hausaufgaben, wenn man im Unterricht nicht alles geschafft hat. Wer gut mitarbeitet, muss zu Hause nichts mehr machen und während der Großteil der Klasse seine Übungsaufgaben erledigt, kann der Lehrer sich noch einmal intensiv um einzelne Schüler kümmern. Finde ich perfekt so. Bei unseren Söhnen, gleiche Schule, wird noch immer das alte Modell gefahren, absolut ätzend für die Kinder und Gift für den Familienalltag.

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  28. Melanie 11. Februar 2020 um 20:01 Uhr

    Danke für diesen tollen, reflektierten Beitrag! Wir haben hier zuhause beides erlebt: Hausaufgaben, sehr viele, die das Kind und uns belastet haben und oft zu Nervenzusammenbrüchen führten und beim zweiten Kind Lernzeit im Ganztag – leider oft ohne die nötige Möglichkeit für das Kind sich Unterstützung zu holen, sich nicht allein gelassen zu fühlen. Wir haben hier zuhause für uns und unsere Kinder und auch für den Übergang an die weiterführende Schule einen eigenen Weg versucht: viel Entspannung, viel Druck rausnehmen und viel mit dem Kind zusammen ausprobieren, wie es gut und mit Freude lernen kann. Wie es lernt sich gut zu organisieren: was ist ihm wichtig, was braucht es, welche Umgebung, welche Unterstützung? Das war nämlich für uns der Aha-Effekt an der weiterführenden Schule. Die meisten Kinder haben nicht Probleme mit dem
    Stoff, sondern weil sie nie gelernt haben, was sie selbst zum Lernen brauchen – und weil sie dabei keine Unterstützung bekommen. Das ist eben bei jedem ganz individuell und das leistet unser Schulsystem leider gar nicht. Wie immer bleibt genau die Frage: was machen eigentlich die Kinder, die zuhause keine oder wenig Unterstützung bekommen? Es braucht ein neues Schulsystem, ganz dringend. Eines, das nicht so statisch ist. Eines, dass die Freude am Lernen, die Neugier fördert.

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  29. ChristinaInAustralien 25. Februar 2020 um 04:23 Uhr

    Late to the party, aber noch was zum Stichwort Schere. (Auf das die wenigsten Kommentare hier eingehen: sicher sinnvoll, mal kurz zu ueberlegen, wo man sich da selbst im Gesamtbild einordnet und wie repraesentativ das ist.)

    Das Thema Nachhilfe wurde hier ja noch gar nicht angesprochen. Als ich (in Tuebingen) studiert habe, ist mir aufgefallen, dass das eine kleine Industrie ist, generalstabsmaessig organisiert, selbst in so einer kleinen Stadt. Ich hatte z.B. ein Geschwisterpaar (anfangs er 9., sie 7. Klasse) ueber mehrere Jahre in Englisch und Franzoesisch zur Nachhilfe, die ausserdem noch einmal pro Woche zu Mathe aufschlugen (keine Sorge, nicht bei mir). Also locker 3x die Woche, pro Kind, immer einzeln. Und deren Vertraege liefen seit Grundschulalter, d.h. die zwei haben fast ihre gesamte Schullaufbahhn (bis zum Abitur) mit diesem Extraservice bestritten. Ist ja klar, dass wir dort auch Hausaufgaben gemacht haben…

    Wir brauchen ein Schulsystem, bei dem es egal ist, ob sich Eltern sowas leisten koennen. Bei dem nicht die Herkunft ueber die Bildungschancen entscheidet.

    [Und sorry: no umlauts in the office. Ich bin naemlich wirklich in Australien.]

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