Wonach ist dir heute?
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„Boah, man ey!!!“, schreit mein Sohn mir entgegen und stampft dabei mit seinem Bein so fest auf den Boden, dass er bei der Talentshow „The next Rumpelstilzchen“ direkt ins Finale schießen würde. „Dann müssen deine Füße aber auch runter!“ Er schaut mich herausfordernd an.

Der Moment, der dieses Gewitter heraufbeschwor, war die simple Bitte, dass mein Kind nicht mit seinen nassen, komplett matschigen Füßen in mein frischbezogenes Bett krabbelt, auf dem ich gerade mit meinerseits trockenen und sauberen Füßen sitze. Und wie so oft endet diese unscheinbare Situation in einer nervenaufreibenden Diskussion, warum ich denn dann dürfe, außerdem hätte ich bestimmt auch Krümel an den Füßen, wieso eigentlich alles, was er macht, immer verboten wäre und warum zum Donnerwetter nochmal nur ich bestimmen darf. Es ist einer dieser Tage. An dem unsere familiären Vereinbarungen plötzlich vergessen sind. An dem ich mich bei jedem Schritt um Kopf und Kragen diskutieren muss. An dem das Wort „warum“ zu meinem ständigen Ohrwurm wird. An dem die Lieblingsjacke plötzlich die falsche Farbe hat, Sandalen als adäquates Winterschuhwerk gelten sollen und jede Aufforderung einen nicht enden wollenden Verhandlungsprozess nach sich zieht. Ihr kennt das. Denke ich. Hoffe ich.

Hast du etwa eine Anleitung für uns?

Nun umgebe ich mich ja nicht nur im Familienleben mit Kindern, sondern begleite diese jungen Persönlichkeiten auch in meinem beruflichen Alltag. Das ergibt in Summe viel Zeit für Diskussionen. Sehr viel Zeit. Vormittags „Warum, Frau Niechzial?“ und nachmittags „Ja, aber Mama…“ – mein Leben in a nutshell. Und wer nun hofft, dass ich mit der Zauberformel a+b = verhandlungsfreies Eltern- oder Lehrkraftleben um die Ecke komme, wird leider enttäuscht.

Aber nur kurz. Denn wenn ihr mir ein paar Zeilen gebt, dann kann ich euch vielleicht zeigen, warum ihr diese Formel eigentlich gar nicht wollt, was das alles mit Demokratie zu tun hat und warum ihr jede Diskussion eures Kindes ein bisschen feiern könnt. Oder naja, zumindest fast jede.

Kindliche Debatten als demokratische Lernprozesse

Wenn wir als Lehrkräfte oder Eltern Kinder in ihrem Aufwachsen begleiten, dann ist sicherlich eines der grundlegenden Ziele, sie eines Tages stark, selbstbewusst und kompetent in ihr Erwachsenenleben zu entlassen. Und wenn wir uns nun wünschen, dass (unsere) Kinder sich zu eben jenen sicheren Persönlichkeiten entfalten, dann muss Raum sein für die entsprechenden Erfahrungen.

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder später ihre Stimme nutzen, müssen wir von Beginn zuhören.
Wenn wir wollen, dass sie sich für ihre Wünsche und Bedürfnisse stark machen, müssen wir diese achten.

Wenn wir wollen, dass sie eine eigene Meinung und Haltung entwickeln, müssen wir ihre Sichtweisen zulassen.

Wenn wir wollen, dass sie sich trauen zu hinterfragen und dass sie reflektieren, müssen wir Konfrontationen und Kritik aushalten.
Wenn wir wollen, dass sie differenzieren können, wann es doch mal wichtig ist, andere Wege zu akzeptieren, dann müssen wir erklären und begründen.
Wenn wir wollen, dass sie lernen ihre Überzeugungen achtsam mit denen anderer in Verbindung zu bringen, müssen wir uns dem Aushandeln stellen.
Wenn wir wollen, dass sie irgendwann selbstbewusst die Konsequenzen für ihr Handeln tragen, dann müssen wir sie ausprobieren lassen.

Und all das beginnt bereits bei Diskussion um die passende Wintergarderobe. Wenn wir möchten, dass unser Kind sich eine Jacke überzieht, jener Sprössling diese Ansicht aber so gar nicht teilt, dann prallen zwei Fronten aufeinander. Und jetzt kann es laut werden. Und dauern. Und sich hochschaukeln. Bis am Ende alle Nerven blank liegen. Dabei haben sowohl Eltern als auch Kinder eigentlich das gleiche Ziel – eine gute Lösung finden.

In unserer Vorstellung besteht diese gute Lösung jedoch meist in einem Kind, das möglichst widerstandslos in das gewünschte Kleidungsstück schlüpft. Das klingt zwar irgendwie nett und mein Geduldsfaden erhebt sich zur Standing Ovation, aber es lässt wichtige demokratische sowie soziale Lernprozesse und viel Potential zur Persönlichkeitsentwicklung ungenutzt. Ziel bei Verhandlungen sollte es nicht sein, kompromisslos die eigene Meinung durchzudrücken, sondern in die Kooperation zu gehen. Dabei wünschen wir uns kooperative Kinder und vergessen schnell, dass sich Kinder auch kooperative Eltern wünschen.

Und wie geht das?

Nun fehlt es auf beiden Seiten meist einfach an passenden Strategien oder Ausdrucksmöglichkeiten, das umzusetzen. Wir als Eltern haben es einfach anders gelernt. Wir sind oft noch in sehr hierarchischen Strukturen aufgewachsen und haben immer wieder erfahren, dass „brav sein“, „hören“, „keine Widerworte geben“ und „machen, was ich sage“ erstrebenswertes Verhalten ist. Diese Sätze sind tief in uns verankert und es kostet viel Kraft, sie zu überwinden und selbst anders zu handeln.
Unsere Kinder ihrerseits erfahren heutzutage deutlich mehr Augenhöhe, aber auch sie müssen erst lernen, miteinander zu verhandeln und gemeinsam Vereinbarungen zu treffen. Das müssen sie üben (dürfen) wie das Laufenlernen. Immer und immer wieder.

Zum Beispiel in einer schnöden Jackendiskussion. In Momenten wie diesen lernen Kinder unter anderem, dass andere Menschen andere Wünsche und Überzeugungen haben können als sie selbst. („Ich möchte, dass du dir eine Jacke anziehst.“) Sie lernen von uns zu begründen. („Ich finde wichtig, dass du eine Jacke trägst, denn es ist sehr kalt und ich habe Angst, dass du dich erkältest.“) Sie lernen das Zuhören und sie lernen, dass ihre Meinung auch zählt. („Warum möchtest du keine Jacke tragen?“) Sie lernen, selbst Ideen einzubringen. („Hast du eine Idee, wie wir das gut lösen können?“) Sie lernen von uns das Entgegenkommen und Vorschläge zu machen. („Du ziehst deine Jacke nicht an, aber wir nehmen sie einfach mit. Dann kannst du sie überziehen, wenn dir doch kalt wird.“)

Diese Sätze sind kein Rezept. Sie können so oder ganz anders aussehen. Es geht um den Ablauf. Das Aushandeln. Sich gegenseitig zuzuhören und zu versuchen, zusammenzufinden.

Hier beginnt Demokratie.

In solchen Situationen werden wichtige Kompetenzen angebahnt, um sich wirksam und sicher in einer demokratischen Gesellschaft zu bewegen. Bevor wir mit Kindern über Demokratie reden, Erklärbücher durchblättern, Wissenssendungen raussuchen oder 329 Links durchforsten, sollten wir erstmal im Kleinen beginnen. Wir können Demokratie von Beginn an erlebbar machen. Ihren Wert durch eigene Erfahrungen spürbar werden lassen. Denn Kinder lernen noch immer am besten durch Vorbilder und eigenes Tun.

So far, so logisch. Klingt aber auch knülle anstrengend. Schaffst du das immer?

Ach, iwo. Auch hier fehlt es mal an Zeit. Und bei der 35. Auseinandersetzung oder dem 49. Aberwarum fehlt es sicherlich auch an Nerven und Geduld. Letztendlich geht es auch nicht um jede Einzelsituation. Es geht um die grundlegende Haltung gegenüber der Stimme unserer Kinder.

Natürlich lässt sich nicht jede Konfrontation lösen. Je nach Entwicklungsstand der Kinder oder der Tagesform aller Beteiligten gelingt auch einfach mal keine Lösung. Aber auch sich nicht einig zu werden ist eine wichtige Erfahrung.

Dann gibt es da durchaus Dinge, bei denen wenig Verhandlungsspielraum bleibt. Bei denen wir als Eltern oder Lehrkraft in unserer Verantwortungsrolle feste Grenzen ziehen, die wir zwar gern erklären, aber aus gutem Grund nicht verschieben. „Hart“ in der Sache, behutsam zum Kind. Auch das sind wichtige Lernerlebnisse. So möchte ich zum Beispiel nicht, dass mein Kind rote Ampeln überquert (aus lebenserhaltenden Gründen) oder eben seine komplett vermatschten, nassen Füße auf meinem Kopfkissen abschmiert (aus Gründen des gemütlichen Schlafes). Aber ich verstehe Nachfragen oder Widerstand nicht als persönlichen Angriff oder als mangelnden Respekt und speise sie mit einem wenig erklärenden „weil ich es sage“ ab. Ich begründe, appelliere an das Verstehen und vertrete meinen Standpunkt auf Augenhöhe. Gerne auch mehrmals, denn Kinder fragen mehr als einmal nach. Anstrengend, ja. Aber bestehende Regeln immer wieder zu hinterfragen, hat nichts damit zu tun, dass Kinder bei der ersten Erklärung nicht zugehört hätten. Es geht vielmehr darum, Regeln und ihren Wert entweder erneut zu legitimieren oder eben doch auch mal anzupassen. Und das ist besonders jetzt, in der sich stetig schneller ändernden Welt eigentlich eine sehr wünschenswerte Haltung.

Eine Aufgabe für alle

Eltern sollten für dieses Lernen nicht allein verantwortlich sein. Wie so oft, ist das ganze Dorf gefragt. In der Interaktion mit Omas, Opas, Tanten, Onkel, Geschwister, Nachbar*innen, Freund*innen steckt jede Menge Potential für demokratische Erfahrungen. Und mehr noch – das Bildungssystem, die Gesellschaft, die Politik haben einigen Nachholbedarf, wenn es darum geht, die Rechte und Belange von Kindern in den Fokus zu nehmen. Zu wenig werden sie mitgedacht, zu gering ihre Mitsprachemöglichkeiten. Die letzten 1,5 Jahre haben das besonders schmerzlich gezeigt.

Aber immer dran denken…

Unser Einfluss bleibt uns. Und wenn du gerade wieder tief ein- und ausatmen musst, weil du zum ungezählten Mal deinem Kind begründest, warum DU Bitteschön abends noch fernsehen darfst, dann versuch dich ein bisschen darüber zu freuen, dass es wieder einen weiteren Schritt in Richtung diskussionserprobtes Erwachsenenleben gehen kann. Ein Leben, in der es sich und seine Meinung vielleicht eines Tages anders behaupten kann als mit „Du hast abgeschrieben!“ – „Nein, du hast aber abgeschrieben!“

Zu guter Letzt

Wer nun aber doch ein hilfreiches Bilderbuch wünscht, ist mit „Im Dschungel wird gewählt“ von Larissa Ribeiro, André Rodrigues, Paula Desgualdo und Pedro Markun gut beraten. Geeignet fürs Klassenzimmer oder das heimische Sofa.

 

 

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Manu 2. November 2021 um 10:50 Uhr

    Wunderbar, einfach nur wunderbar!

    Antworten
  3. Lena 27. Oktober 2021 um 18:56 Uhr

    Ich habe zwar noch keine eigenen Kinder aber ich bin immer wieder erstaunt wie oft man die Worte „weil ich es sage“ immer noch hört. Im Supermarkt wenn ein Kind quengelt, in der U-Bahn oder Tram …
    Mir fällt das einfach auf.
    Ich habe auch schon mit Menschen gearbeitet die “weil ich es sage” für einen guten Führungsstil gegenüber Angestellten halten.
    Cringe.

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    • Anne Freund 29. Oktober 2021 um 21:27 Uhr

      Liebe Lena, sehe ich prinzipiell auch so. Aber ganz ehrlich? Nach dem 96. “Aber warum?” hintereinander und wenn es in der Nacht zuvor extrem wenig Schlaf gab haben manche Eltern manchmal einfach keine andere Antwort mehr als “Weil ich es sage.” 😉

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  4. Katharina 27. Oktober 2021 um 10:46 Uhr

    Ein schöner Text mit vielen guten Denkanstößen. Aus der Erfahrung mit meinen 3 Kindern kann ich vieles so bestätigen. Die größte Anstrengung für uns als Eltern war es zunächst eine gemeinsame Linie zu finden. Unsere eigenen Kindheitserfahrungen zu reflektieren, die zum Teil krass unterschiedlich sind, in Frage zu stellen und dann abschließend eine gemeinsame Linie finden. Also wann diskutieren wir und wann nicht und wie sieht so eine Diskussion aus und was machen wir, wenn es eskaliert und das Kind in Tränen ausbricht, weil es oft ganz schnell nicht mehr um die eigentliche Sache geht, sondern nur noch ums “gewinnen”. Das ist wohl die wichtigste Lektion überhaupt fürs Leben: Eine Diskussion ist kein Wettkampf mit Gewinner und Verlierer, sondern das große Glück seinen Blickwinkel zu ändern und zu erweitern.

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