Wonach ist dir heute?

Das Gemeine ist: Man sieht ihn nicht kommen. Eigentlich war doch alles okay. Wir waren ein bisschen spät dran morgens wie immer, es regnete, wir kamen Punkt genau in die Kita, ich dachte, ich gebe ihn als Erstes ab und dann schnell die Größere. Es lief gut – und dann krachte alles zusammen.

Er klammerte sich plötzlich an mich. Er schrie: „Ich will nach Hause!!“ Mein Herz guckte mich mit großen Augen an. Alle schauten mich mit großen Augen an. Ab da ging alles bergab in Lichtgeschwindigkeit. Die Erzieherin bot an, ihn zu nehmen, aber er schrie plötzlich um sein Leben. Mir liefen die Tränen. Die sonst so einfühlsame Erzieherin wollte unbedingt mit ihrem festen Ablauf weitermachen. Da passten wir nicht rein. Meine Tochter wartete im Garderobenbereich auf mich, ihre Frühstücksrunde ging schon los. Mein Handy brummte, ein wichtiger Job, um den ich mich kümmern musste. Mein Herz schlug die Hände überm Kopf zusammen. Die Tränen rannten so sehr, dass ich kaum etwas sehen konnte. Links und rechts grüßten mich die Eltern und ich wünschte ebenfalls ganz ruhig einen „Guten Morgen“ zurück.

„Ist alles okay?“ fragte mich ein Vater, der mich in dem Trubel kurz ansah. „Jaja, Danke, lieb, alles okay,“ schluchzte ich und versuchte irgendwie mit dem Weinen aufzuhören, den Sohn zu beruhigen, die Tochter zu motivieren, jetzt in ihre Gruppe zu gehen. Aber es wurde nicht besser. „Mama, warum hast du denn so rote Augen?“, „Ach der Wind, mein Schatz, der Wind.“.

Was mach ich bloß, fragte ich mich. Was mach ich bloß? Ich brauchte in Sekundenschnelle eine Antwort. Sie beide wieder mitnehmen? Alle Job-Aufträge zusammenkrachen lassen? Die Erzieherin sah mich an. „Ich bring ihn später noch mal, zur zweiten Runde…“ sagte ich und versuchte, Land zu gewinnen. Oder wenigstens ein paar Millimeter.

Wir können nicht alles haben. Nicht immer. Nicht immer gleichzeitig.

Wir können auch nicht immer allen und allem gerecht werden. Nicht gleichzeitig.

Manchmal läuft alles wie am Schnürchen, bleibt Zeit für Auszeiten, zum Beispiel mit den Freundinnen in London. Und manchmal fliegt einem einfach alles um die Ohren und dann muss man in dem Nebel aus Tränen versuchen, ein Ding nach dem anderen sicher landen zu lassen.

Mit ganz viel Ruhe und Liebe brachte ich die Größere dazu, in ihrer Gruppe frühstücken zu gehen. Zog den Kleinen wieder an und ging mit ihm in das Café gegenüber ein Croissant essen. Das Handy stellte ich auf lautlos. Ich würde die Welt heute einfach eine Stunde später als gedacht retten. Das hier war jetzt so viel wichtiger.

Wir gingen also ins Café, kuschelten uns aneinander und mein Sohn verspeiste ganz entspannt und glücklich sein Croissant. Leider hörten die Tränen nicht auf zu laufen. Aber ich dachte: Dann lauft doch. Vielleicht tat Tante Rosa da auch noch ihr Übriges. Mein Körper schrie nach Fortpflanzung und ich zeigte ihm den Mittelfinger. Vielleicht war das die Rache. Vielleicht hatte das arme Ding aber auch gar nichts getan.

Ich saß in dem Café, der kleine Sohn auf meinem Schoß, Wange an Wange mit ihm, er schnurrte glücklich und aß, ich saugte seine Wärme und Liebe ein und dachte kurz an die Mutter, die mir vergangene Woche eine kleine Beschimpfung als Kommentar auf Instagram hinterlassen hatte. Ich dachte darüber nach, dass es bei dem Kommentar gar nicht um mich ging, sie brauchte nur ein Ventil. Es schien sie in ihrem eigenen Leben irgendwas so zu ärgern, dass sie nicht wusste, wohin mit ihrer Wut. Also lud sie die bei mir ab.

Ich dachte daran, wie irre viel verlangt wird von uns Müttern. Vom Leben, aber auch von uns selbst. Wir sollen toll aussehen, toll im Job und Bett sein, bitte nicht altern, aber fürs Alter vorsorgen, noch kurz die (Um-) Welt retten, was Gesundes kochen, fit bleiben, wir sollen für alle ein offenes Ohr haben, aber auch noch genügend Zeit für Selbstliebe. Wir sollen, sollen, sollen… In Amerika schreiben gerade viele Blogger-Mütter darüber, wie sie „ ich muss“ durch „ich kann“ ersetzen möchten. Vielleicht ist das einen Versuch wert.

Generell bin ich dafür, nett zueinander zu sein. Weil man nie die Backstage-Stories der anderen Menschen kennt. Wer gerade was zu wuppen hat. Wir zahlen alle einen gewissen Preis. Egal, ob wir Zuhause bleiben bei unseren Kindern oder sie betreuen lassen. Ich gehe immer davon aus, dass jeder sein Stück Drama auszuhalten hat. Das macht mich milder anderen Gegenüber, aber auch mir selbst. Ich muss gar nicht genau wissen, welches Drama wer hat, aber jeder hat eins. Das ist sicher.

Doch uns Mütter vereint so viel mehr, als das uns trennen sollte.

Unsere Kinder waren in uns, sie bleiben für immer in uns. Und nur wir wissen, wie sich das anfühlt. An guten und an schlechten Tagen. Wir sollten uns helfen. Immer. Alles andere ist mies. Und das wissen wir auch.

Das kleine gemeinsame Frühstück rettete uns die Situation. Mein Sohn und ich wagten einen zweiten Versuch in der Kita. Ich hatte immer noch knallrote Augen und versuchte die Tränen irgendwie runterzuschlucken, um da durchzukommen. Es klappte. Eine Mama sagte mir noch etwas Liebes zu meiner Podcast-Reihe beim Rausgehen, was mich sehr freute. Ich ärgerte mich kurz, dass ich ihr das nicht noch mehr zeigen konnte in der Eile und beim Wegdrücken der Tränen. Und hoffte, dass sie es schon wissen würde. Weil sie mein Leben doch so gut kennt, auch ohne, dass wir uns näher kennen. Weil es doch auch das ihre ist.

Ich musste schnell nach Hause. Mir selbst eine Mama sein. Und weiter die Welt retten. Vielleicht aber auch heute einfach mal ein bisschen weniger als das.

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Sherin Sorour 27. Oktober 2018 um 13:13 Uhr

    Ooooh, was für ein schöner Text, vielen Dank! Du sprichst mir aus der Seele und aus dem Herzen! Meine Tochter ist erst 15 Monate und die Kita macht ihr richtig Spaß, Teilzeit arbeiten im Theater macht mir richtig Spaß, aber ich hab trotzdem immer das Gefühl, alles zuwenig zu tun und immer irgendwie schnellschnell zu machen. Aber: die Nachmittage mit Irma versuche ich so zu planen, dass wir auch Mama-Tochter-Zeit haben und uns voll auf unsere Zeit miteinander konzentrieren können! In Ruhe 7 Bücher nacheinander angucken ist viiieeel toller als die Wäsche aufhängen (dann bleibt die eben in der Waschmaschine, ist doch egal!).
    Alles Liebe aus Salzburg von der Norddeutschen!

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  3. Nina 28. Oktober 2018 um 09:22 Uhr

    Gerade gestern ein Michelle Obama Zitat gelesen:

    „I am always irritated by the „You can have it all“ statement. It‘s a ridiculous aspiration. I don‘t want women out there to have the expectation that if they‘re not having it all, then somehow they are failing.“

    Michelle, das seh ich genau wie Du!

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  4. Bine 29. Oktober 2018 um 07:54 Uhr

    Ach, solche Situationen liegen bei uns schon in weiter Ferne, aber ich erinnere mich noch gut. Richtig gut. Und ich erinnere diese schrecklichen Gefühle, die man als Mama dann hat.
    Ich weiß nur- es wird besser. Von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Sie entfernen sich immer ein kleines Stückchen mehr und irgendwann sagen sie- nee, Du brauchst nicht mitkommen, ich mach das alleine.
    Und dann wünsche ich mir fast wieder ein bisschen, dass sie meine Hand fest umklammern und mich bitten, da zu bleiben, sie rein zubringen, nicht wieder weg zugehen.
    Halte durch! 😉
    Liebe Grüße Bine

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  5. Daniel 17. November 2018 um 01:20 Uhr

    Wir Väter kennen das übrigens auch. Wollte ich nur mal erwähnt haben. Kinderbetreuung wird nicht immer und überall vom weiblichen Elternteil übernommen 🙂

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  6. Carola 24. November 2018 um 20:37 Uhr

    Moin, Moin! Ich lese schon länger bei Dir mit und habe heute diesen deinen tollen Text gelesen, der mich jetzt dazu bringt einen Kommentar zu hinterlassen. Genauso ist es als berufstätige Mutter mit kleinem Kind/ kleinen Kindern. Ich bin Mutter von drei Kindern, die inzwischen erwachsen sind, fühle aber, diese Zeilen lesend, die Zerrissenheit und Hilflosigkeit im Spannungsfeld der täglichen Herausforderungen, als wäre ich an deiner Stelle und müsste Tränen trocknen. Richtig entschieden für das, was wirklich wichtig ist!

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