Der Comeback-Check:

Der Stiefel-über-Jeans-Look galt einst als nuttig – jetzt ist er zurück. Aber kann man ihn auch wieder tragen? Cathrin Wißmann hat’s getestet.

Text – Cathrin Wißmann

Ich war 16, als ich mit meinen Freundinnen nach London fuhr. Schon am zweiten Tag haute ich mein ganzes Urlaubsgeld auf den Kopf, denn ich hatte in einem Laden etwas entdeckt, das ich unbedingt haben wollte: kniehohe Stiefel. So etwas gab es damals in meinem 6000-Seelen-Dorf nicht. Und auch niemanden, der so etwas trug. Meine Freundinnen trugen Baggy Pants, ich hingegen stopfte mir die Hosenbeine in die Schäfte. In der Schule tuschelten die Perlen-Paulas. So nannte ich die Gruppe adretter Mädchen mit ihren feinen Kettchen. „Nuttenstiefel“ flüsterten sie hinter meinem Rücken. Ein paar Jahre zuvor war „Pretty Woman“ im Kino angelaufen. Seitdem haftete einfach an jedem Stiefel – selbst wenn er auf Knöchelhöhe endete – etwas Schmuddeliges und Verruchtes.

 

Schluss mit hässlich, man darf sich wieder hübsch anziehen!

Heute, über 20 Jahre später, schockieren die Boots niemanden mehr. Ihr provokantes Image hat sich abgelaufen. Trotzdem denke ich gerne an die Geschichte zurück. So wie in diesem Herbst. Denn die Stiefel sind wieder da. Man trägt sie nicht nur zu Kleidern, sondern zieht sie auch wieder über die Hosen. Damit erfinden die Designer die Mode nicht neu, aber sorgen für frischen Wind. Ein bisschen so, als hätten die Stiefel den Ugly Chic vom Laufsteg gekickt. Schluss mit hässlich, man darf sich wieder hübsch anziehen! Schluppenblusen, Blazer und Jeans sind jetzt angesagt, dazu die hohen Schaftstiefel. Damit sehen die Beine aus, als hätte man sie mit Facetune bearbeitet: u-n-e-n-d-l-i-c-h l-a-n-g. Julia Roberts als Prostituierte Vivian? Längst vergessen. In diesem Herbst geht man eher als schicke Sorbonne-Studentin aus den Siebzigern durch.

 

 

Her mit den Boots!, dachte ich und holte meine alten Paare aus dem Keller. Kaum hatte ich sie entstaubt, kam ich ins Grübeln. Würde ich da überhaupt reinpassen? Ich habe weder Streichholzbeine, noch ultradünne Jeans. „Kauf dir Jeggings“, sagte eine Freundin. Ich stutzte. Jeggings? Die kannte ich bislang nur aus der Kinderabteilung. Erstaunt stellte ich fest, dass die Jeansbranche – im Gegensatz zu mir – schon bestens auf das Stiefel-Comeback vorbereitet war.

Zuhause machte ich den Kleiderschrank-Check. Als erstes schlüpfte ich in meine neuen Jeans, weinrote Stiefel und einen Oversize-Pulli. Der Look fühlte sich vertraut an, wahrscheinlich weil ihn schon mal so getragen hatte. Das war 2007. Damals kamen hohe Schäfte im Mainstream an. Alle Frauen – ob groß, klein, schlank oder kräftig – hatten sie, manche sogar bis heute. Es war das perfekte Schummel-Outfit: Die Stiefel streckten das Bein, obenrum kaschierte der Pulli lästige Pfunde. Die Achtziger hatten Schulterpolster, die 2000er konterten mit hohen Schaftboots. Sie verliehen Frauen nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Haltung. Es war die Uniform einer Generation.

 

 

Nun wurde ich mutig: Ich behielt die Stiefel an, kombinierte sie aber mit einer rot glänzenden Hose, die ich gekauft habe, weil sie die gleiche Farbe hat wie meine Stiefel. Tatsächlich passen beide perfekt zusammen. Aber anders als das Jeans-Outfit fiel der Look im Alltagscheck durch. So würde ich vielleicht ausgehen, aber ins Büro? Oder um die Kinder vom Hockey abzuholen? Besser nicht. Dem Trainer meiner Tochter traue ich zu, dass er mich lauthals schreiend vom Spielfeldrand verbannen würde.

 

 

Ich testete eine andere Variante: den Military-Overall. Ich hatte einen ähnlichen Look in der Laufstegkollektion von Isabel Marant gesehen. Doch die Wirklichkeit holte mich schnell wieder ein: Ich fühlte mich wie eine Mischung aus Gaddafi und Tom Cruise in „Top Gun“. Bereit zum Angriff. Wie der Army-Overall haben auch die Stiefel etwas Militantes an sich. Sie gelten als männliches Macht-Symbol, in der Fetisch-Szene als Zeichen der Unterwerfung. Ich musterte mich im Spiegel. Jede Klamotte für sich gefiel mir gut. Nur zusammen waren sie too much. Mein Spiegelbild sah das ähnlich. Zieh! Das! Aus!, schrie es mir entgegen. Ich gehorchte.

Stattdessen schlüpfte ich lieber in meine Lieblingsschuhe: schwarze, flache Overknees. Ich habe sie 2014 gekauft, als ich in Elternzeit war. Ich brauchte damals etwas, das schick aussieht, mit dem ich aber auch problemlos durch Hamburg schieben konnte. Ein bisschen wie Turnschuhe, nur eleganter. Ob zur Schule oder ins Büro: Immer wenn ich sie anziehe, fühle ich mich angezogen. Es sind die perfekten Stiefel.

 

 

Das haben mittlerweile auch die Lästerschwestern von meiner alten Schule verstanden. Ende August wurde dort das 50-jährige Bestehen gefeiert. Mein Mann, der auf die gleiche Schule ging, fuhr hin, ich blieb zuhause bei den Kindern. Als er mir später die Bilder von der Party zeigte, entdeckte ich die Perlen-Paulas von damals. Und was trugen zwei von ihnen an den Füßen? Kniehohe Stiefel. Ich musste lachen. Was soll’s, dachte ich, sie haben eine geile Zeit verpasst.

Text – Cathrin Wißmann

Fotos – Bettina Brenn

2 Comments

  1. Antworten Ilka 11. September 2019 um 11:40 Uhr

    Sehr gelungener und amüsanter Text! Ich liebe meinen hohen Schaftstiefel seit 40 Jahren, damals mit hohem Absatz – so wie die Mädels von ABBA halt auf die Bühne gingen, so ging ich in die Schule. Ist der Ruf erst ruiniert … Ich zog nach dem Abi nach Berlin und lebte da ganz unbeschwert vor mich hin. Pretty Woman kam in die Kinos, Overknees in die Läden und an meine Beine, jetzt mit flachem Absatz – zack, nicht mehr nuttig. Dachte ich. Ich zog von Berlin ins Rand-Ruhrgebiet, zog meine schicken langen schwarzen Stiefel an, schwarze, blickdichte Strümpfe und dunkelrote Samtshorts. Tja, die Nachbarin brachte gerade ihren Kaffeefilter mit weißem Schürzchen überm Kleid zum Kompost und ist ob meines Anblicks fast über die gerade abgestochene Rasenkante gestolpert. Immerhin war ich mit den Kindern (damals 3 und 5) auf dem weg in den Kindergarten.
    Inzwischen enden die Schaftstiefel wieder knapp unter dem Knie, haben flache Absätze und machen die Kleider wintertauglich. Was ich allerdings niemals getan habe, war Jeans oder andere Hosen da rein stecken.

  2. Antworten Cathrin 11. September 2019 um 12:20 Uhr

    Liebe Ilka, danke für deinen Post! Ist es nicht lustig, dass so viele Frauen eine kleine “Stiefel trifft auf Spießer”-Episode erzählen können? Danke für deine Anekdote, ich habe es sehr gerne gelesen! Viele liebe Grüße, Cathrin

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  • Der Stiefel-über-Jeans-Look galt einst als nuttig – jetzt ist er zurück. Aber kann man ihn auch wieder tragen? Cathrin Wißmann hat’s getestet.

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