Wonach ist dir heute?

Als ich vor einigen Jahren mit einer Jacke nach Hause kam, die ich in einem Secondhandladen entdeckt hatte, begrüßte mich mein Mann mit den Worten: „Willst du diese Picknickdecke wirklich anziehen? Ist das dein Ernst?“ Tatsächlich ließ sich eine gewisse Ähnlichkeit nicht abstreiten. Die Jacke war Oversize geschnitten, mit einem großflächigen rotweißen Karomuster. Sie hätte auch als Geschirrtuch oder Tischset einer Pizzeria durchgehen können. Das behielt ich aber lieber für mich. „Das ist mein voller Ernst!“, antwortete ich so selbstbewusst, wie ich konnte.

Tatsächlich ist der Albtraum meines Mannes zu einem meiner All-Time-Favourites geworden. Bei jedem Karo-Comeback hole ich die Jacke wieder heraus. So wie in diesem Herbst. Denn kaum tauchten die ersten Karos auf den Laufstegen auf, eroberte das Muster auch flächendeckend die Modeketten der Innenstädte. Den Hype verdanken wir wahrscheinlich den Briten: Kaum ein Tag ohne Brexit-Skandal, Fotos von Baby Archie und den Royals, ebenso Neues von Kultserien wie „Downtown Abbey“ und „The Crown“. Die Welt schaut nach Großbritannien – so auch die Designer. Zwar stammen Muster wie Tartan und Glencheck aus Schottland, aber sie gelten als Sinnbild für Traditionsmode – und sind damit very britisch. Die Queen ohne „Balmoral Royal Tartan“? Undenkbar!

Das Spannende an Karos aber ist: Kaum ein Muster vereint mehr Gegensätze. Es steht nicht nur für Spießiges und Konventionelles, sondern auch das Gegenteil, den Punk. Seit die britische Designerin Vivienne Westwood in den Siebzigern die Outfits der „Sex Pistols“ schneiderte, ist das Muster Synonym des Anti-Establishments und taucht in regelmäßigen Abständen wieder in der Mode auf.

Für mich funktioniert Karo vor allem auch als Stimmungs-Seismograf.

An Tagen, an denen ich schon mit Spitzenlaune aus dem Bett springe und mir nach lautem Design ist, ziehe ich gerne einen Bleistiftrock mit großflächigem Muster an. Je greller, desto besser. Allerdings versuche ich immer, den Look zu brechen. Bloß nicht zu perfekt, das wirkt schnell tantig. Statt das Seidenblüschen ziehe ich immer das graue Sweatshirt vor. Das ist vielleicht meine Form von Punk.

Manchmal kommt es auch vor, dass ich laute Klamotten trage, wenn mir eigentlich gar nicht danach ist. Wenn meine Augenringe von schlaflosen Nächten erzählen oder völliger Überforderung. An solchen Tagen bin ich dankbar, mich hinter einem grellen Outfit zu verstecken. Nach dem Motto: Wer einen Glitzerpaillettenrock trägt, dem schaut keiner ins Gesicht. Ein Ablenkungsmanöver, dass natürlich nicht die Ursache heilt, aber zumindest kurzfristig die Aufmerksamkeit vom Problem abwendet.

Doch zum Karotrend gehören nicht nur große Muster, sondern auch Kleinkariertes. Dass in den Modeketten plötzlich bieder wirkende Kostüme mit Hahnentrittmuster hängen, verdanken wir vor allem Hedi Slimane von Celine. Der Designer der gehypten Marke entwarf Kostüme, wadenlange Culottes und Faltenröcke, die an den Look der Sorbonne-Studentinnen aus den Siebzigern erinnern. Schick, tragbar, unaufgeregt – eine Formel, die man in der Mode schon lange nicht mehr angewendet hat. Die Celine-Kollektion wirkt deshalb wie eine Vollbremsung zurück in die Seventies. Der Look ist nicht neu – aber kommt gut an. Was mich allerdings stört: Als ich ein Kostüm mit Hahnentrittmuster testete, fühlte ich mich verkleidet. Meine Rolle? Die strenge Gouvernante. Der Look gefiel mir zwar, er war seriös und cool, aber ihm fehlte die Lässigkeit.

Think big – Das ist zwar nicht mein Lebensmotto, aber wenn es um Karos geht, mag ich es lieber groß. Das wirkt unkonventionell, ohne traditionellem Dünkel. Zu meinen Lieblingslooks gehören deshalb Teile, die mich schon seit vielen Jahren begleiten: ein rotkariertes Holzfällerhemd, ein Schal mit großflächigem Muster und natürlich meine „Picknickdecke“. Ich weiß, dass sie auch in zehn Jahren noch in meinem Kleiderschrank hängen und geduldig darauf warten, wieder angezogen zu werden. Denn das nächste Comeback kommt bestimmt…

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Steffi 14. November 2019 um 09:05 Uhr

    Der Glitzerrock ist wahnsinnig toll, gefällt mir mega! Die Kombi mit Sweater finde ich unschlagbar, und steht dir sehr gut. Würde ich nachmachen und ungeniert klauen.
    LG Steffi

    Antworten
  3. Lena 14. November 2019 um 09:09 Uhr

    Danke für die wieder mal sehr unterhaltsame und gut geschriebene Geschichte!
    Ich würde mir von Cathrin mal wünschen, dass sie die verschiedenen Einstecktechniken von Pullover und Shirts in die Jeans (Röcke, …) erklärt. Ich denke, da hat sie den ein oder anderen Tipp.. Würde mich riesig freuen!
    Liebe Grüße, Lena

    Antworten
  4. Cathrin 14. November 2019 um 09:55 Uhr

    Liebe Lena,

    danke für dein Feedback, ich freue mich sehr!
    Deinen Vorschlag finde ich super und mir kam auch gleich eine Idee dazu. Mal schauen, was die Frau Luxat dazu sagt… 🙂
    Ich wünsche dir einen schönen Tag!
    Viele Grüße,

    Cathrin

    Antworten
  5. Cathrin 14. November 2019 um 09:58 Uhr

    Liebe Steffi,
    danke für dein Feedback! Der graue Sweater geht einfach immer!
    Viele Grüße,
    Cathrin

    Antworten
  6. Malwina 14. November 2019 um 17:37 Uhr

    @Lena und @Cathrin
    Die Idee mit der Einstecktechnik finde ich super!
    Den Artikel hier auch.
    MfG
    Malwina

    Antworten
  7. Cathrin 15. November 2019 um 13:52 Uhr

    Hallo Malwina, danke für dein Feedback! Viele liebe Grüße, Cathrin

    Antworten
  8. Tamara Hermeier 16. November 2019 um 22:19 Uhr

    Liebe Cathrin, vielen Dank für deine Geschichte und ich hole mir gerne ein bisschen Inspiration von Dir und werde gleich mal Sweatshirt zum Glitzerrock tragen. Über mehr Tips und Tricks von Dir würd ich mich sehr freuen.

    Viele liebe Grüsse Tamara

    Antworten

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