Wonach ist dir heute?

Mein Mann und ich haben einen miesen Witz. Der geht so: „Endlich Om-Bloggerin kommt in Burnout-Klinik.“ Den Witz habe ich erfunden. Ist natürlich gar nicht witzig, aber irgendwie auch doch. Er bewahrt mich davor, dass es wirklich passiert.

Wenn meine Ansprüche an mich und das Leben manchmal viel zu groß werden, so gewaltig, dass sich dahinter gemütlich Hochhäuser verstecken können, dann ist es wieder Zeit, alles neu zu ordnen.

Wenn ich mir viel vornehme und das Leben zwischendurch über meine Pläne einen Lachkrampf bekommt und sie in den Schleudergang schmeißt, dann ist es wieder Zeit, alles neu zu ordnen.

Nur wehre ich mich natürlich dagegen. Mit allem, was mir lieb ist. Weil ich weiß, dass man sich manchmal auch gezielt übernehmen muss, um Neues durchzusetzen und zu erreichen. Dass man immer wieder Vertrauen braucht, es schon alles wird. Die besten Ideen und Lösungswege mitten im Chaos entstehen, egal wie supergut man vorher schon alles durchdacht und geplant hat.

Manchmal denke ich, dass ich unendlich belastbar bin.

Bin ich natürlich nicht.

Das Ziel ist Zeit und Muße für alles zu haben und nicht die Burnout-Klinik.

Ich verirre mich hin und wieder, obwohl mein Weg jetzt eigentlich schon herrlich eingetrampelt ist, so mit 40. Ich weiß grob, wo es lang geht. Was mir gut tut, was eher nicht. Aber dann taucht da am Wegesrand dieser hübsche Schmetterling auf, ruft: „Haste nicht Lust zu spielen? Es macht auch ganz viel Spaß!“ und zack, komm ich vom Weg ab und verlaufe mich etwas.

Dann schmeißt mir jemand auf dem Rückweg von links und rechts große Steine vor die Füße oder den Kindern ein paar Viren an den Kopf und irgendwann ist einfach alles zu viel auf ein Mal.

Meist sitz ich dann mit meinem Mann abends spät auf der Couch und frage, ob ich auf den Arm darf. Ob er mir bitte noch mal kurz erklären kann, warum ich das alles tue, warum genau ich noch mal nicht einfach alles hinschmeißen soll.

Mein Mann fragt dann gern: „Wer macht dir denn eigentlich den Stress genau? Jemand anderes oder du dir selbst?“

Ich hasse die Frage. Weil natürlich habe ich es in der Hand, ob ich den Stress, den mir jemand anderes hinhält, auch annehme. Wir sind ja alle groß. Wir entscheiden ja täglich, was wir uns antun oder eben auch nicht. Die Schuld abwälzen auf andere gilt da nicht. Es liegt an mir, mir keine Sorgen übers Finanzielle zu machen, Vertrauen zu haben, Nein zu sagen, Dinge abzusagen. Nur muss man das auch aushalten.

Was mir beim Überwinden zum Absagen hilft, ist die Vorstellung, es sei wirklich schon zu spät. Was wäre, wenn ich mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegen würde, einen Unfall hätte, in einer Burnout-Klinik wäre? Dann ließe sich doch auch alles verschieben oder absagen, sollte man das dann nicht lieber schon vorher selbst erledigen und sich viel ersparen?

Also beginne ich regelmäßig Termine wegzustreichen, Anfragen abzusagen und finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen. So wie diese Woche. Da habe ich mir alles, was wir im Job noch für dieses Jahr so geplant haben, ganz genau angeschaut und überlegt, wie wir das hinbekommen. Und zwar ohne Burnout für alle. Eher mit ordentlich viel Gegenprogramm zur Entspannung und zusätzlicher Unterstützung von außen.

Weil ich glaube, dass man nur so qualitativ hochwertige Arbeit leisten kann. Und das nur so die Lebensqualität nicht leidet. Ich habe alles abgesagt, was diesem Ziel im Weg stehen könnte. Auch Herzensprojekte, sogar einen Urlaub mit zwei meiner liebsten Freundinnen. Auch meinen Endlich Om-Podcast wird es jetzt wieder nur alle zwei Wochen geben. Da hatte ich mich vor lauter Leidenschaft mit meinem wöchentlichen Anspruch etwas vergaloppiert.

Ich möchte mit einer guten Portion Restenergie am Jahresende beim Weihnachtsmann ankommen und nicht auf einer Notarztbarre in der Burnoutklinik. Und so möchte ich es auch für mein Team. Ich wähle extra dieses drastische Bild. Nicht, weil ich mich damit lustig machen möchte, über alle, die bereits ein Burnout hatten oder aktuell haben. Nein, ich habe großes Verständnis dafür, wie man da landet. Ich möchte nur Mut machen, schon viel, viel früher sehr gut auf sich selbst aufzupassen. Weil man sich sonst schneller ausbrennt als man denkt. Und es dann ewig dauert, sich auf Normalniveau zurück zu kämpfen.

Mein Team lacht immer, wenn jemand mich irgendwo als Powerfrau bezeichnet. Weil ich den Begriff hasse. Ich habe viel Kraft, schaffe auch viel, weil ich sehr diszipliniert und organisiert bin und mir Vieles, was ich tue, sehr leicht fällt. Aber ich habe auch nicht endlos Kraft, auch wenn ich mir das Gegenteil manchmal gern beweisen würde. Und obwohl ich mich beruflich mit all diesen Themen viel beschäftige, muss ich genau wie alle, gut auf mich aufpassen. Ganz besonders, weil ich so liebe, was ich tue.

Was ich sagen möchte: Ich fände es schön, wenn wir Frauen bei unserem Kampf für Gleichberechtigung, Vereinbarkeit und dem ganz normalen Alltagswahnsinn auch immer mal wieder erwähnen, dass wir auch Auszeiten und Ruhe brauchen, um all das zu wuppen. Damit wir auch wirklich da ankommen, wo wir hinwollen. Dass wir ganz offen darüber sprechen, wie hoch der Preis für viele Erfolge ist und Tipps austauschen, wie wir manches auch mit etwas weniger Einsatz und mehr Lebensqualität erreichen.

Mich beeindrucken Menschen, die ihre Grenzen kennen. Die überblicken können, wie viel Restenergie und Kapazitäten sie haben, die gut auf sich aufpassen. Dazu gehört das Nein sagen und ja, damit stößt man vielen vor den Kopf und es ist oft schwierig. Nur bringt einem das tatsächlich auch Respekt ein. Auch ich habe großen Respekt vor jemanden, der früh genug nein sagt, als zu viel ja und zusammenklappt.

Manchmal reicht schon ein einziger freier Tag, um aus dem Hamsterrad auszusteigen, sich umzuschauen und zu merken, wie gut Ruhe tut und sich dann neu aufzustellen. So habe ich letzte Woche Freitag einfach mal frei gemacht. Wobei das Wort einfach hier nicht stimmt – es brauchte erst einen dieser Couchabende mit meinem Mann, bis ich den Mut fasste, eine Podcastfolge ausfallen zu lassen, alles liegen zu lassen und einen Vormittag Luft zu holen. Ich weiß, ich schüttele gerade auch den Kopf beim Schreiben. Aber wie gesagt: Manchmal verlaufe ich mich und dann brauche ich Ruhe, um mich aufs wirklich Wichtige zurückzubesinnen.

Also ging ich schön mit meinem Mann frühstücken, erledigte ein paar Besorgungen und hab mich dann einfach zum Lesen mit Wärmflasche ins Bett gelegt. Mein Liebstes. Es war wie früher an Samstagen, als man noch keine Kinder hatte. Das möchte ich jetzt öfter mal wieder freitags spielen. Lustigerweise hatte ich natürlich im Nu diverse Ideen, wie man dies oder das Problem doch ganz einfach lösen und welche schönen Geschichten man noch so machen könnte. Und für die Erkenntnis brauchte ich keinen teuren Coach, kein Luxus-Wellnesshotel (wobei ich dazu nicht nein gesagt hätte), sondern einfach nur Ruhe. Ruhe ist und bleibt der beste Berater.

Und dann konnte ich die Kinder früher aus dem Kindergarten abholen, voller Vorfreude, mich ganz auf das Spielen mit ihnen konzentrieren, sie kuscheln, knutschen, sie festhalten und merken: ich will das alles nicht verpassen.

Ich möchte nicht alles nur in Lichtgeschwindigkeit an mir vorbei rauschen sehen.

Schon gar nicht die Kindheit meiner Kinder. Ich möchte dabei sein, ganz bewusst. So wie ich es ja auch schon mache, aber mir wurde nur ein Mal mehr bewusst: Dafür bleibt nicht mehr ewig Zeit. Entweder ich tue es jetzt oder das war’s.

An dem Tag, als ich merkte, es wird wieder Zeit aufzuräumen, Termine wegzustreichen, kam eine Mail, dass das neue Buch von Zeitmanagement-Guru Cordula Nussbaum auf dem Markt sei: „Lass mal alles aus!“ heißt das, ein Leitfaden, wie man sich selbst weniger ablenken lässt und effizienter arbeitet. Schon während des Lesens wurde mir klar, was ich ändern muss, um mehr Ruhe in das restliche Jahr zu bringen, auch für unser Team.

So testen wir gerade unter anderem die Deep-Work-Methode, auf die ich in Cordulas Buch aufmerksam wurde. In einem vereinbarten Zeitrahmen, arbeiten wir hochkonzentriert für uns selbst an klar definierten Aufgaben, ohne Ablenkung – Handy und Emails sind aus und außer Sichtweite. Wir unterbrechen uns gegenseitig nur, wenn es wirklich nicht anders geht. Cordula Nussbaum weiß unter anderem für diese Technik von tollen Erfolgen zu berichten. Wie das alles genau funktioniert, wir wieder mehr Zeit fürs wirklich Wichtige bekommen – über all das habe ich mit ihr in der aktuellen Podcastfolge gesprochen, die ihr ab heute kostenlos über ItunesSpotify und Soundcloud  hören könnt.

Ich versuche jetzt weiter das vielleicht Unmögliche: Meinem so schönen Beruf nachzugehen, viel Zeit mit meiner so sehr geliebten Familie zu verbringen und dabei auch noch Zeit für mich und meine engsten Freunde zu haben. Öfter freitags zu spielen, es sei ein Samstag wie früher.

Wahrscheinlich braucht es bis Weihnachten noch hier und da einen solchen Couch-Abend mit meinem Mann. Aber das ist okay.  Solange wir einfach nur weiter lachen über den wirklich miesen Witz.

 

Foto – Agnieszka Boeske/Unsplash

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Richard & Hugo 16. September 2019 um 16:05 Uhr

    Ein sehr intimer, aber auch super spannender Einblick! Ich glaube, es ist schwer (aber so enorm hilfreich) von Zeit zu Zeit einen Schritt zur Seite zu gehen & sich selbst zu reflektieren.

    Grade im schnellen, chaotisch-herzhaftem Familienalltag, bleibt man selbst schnell auf der Strecke & packt sich gleichzeitig aber immer mehr To-Do-Punkte auf seine Mental-Load Liste (https://www.vatersohn.blog/des-papas-mental-load/ )

    LG, Richard & Hugo vom https://www.vatersohn.blog/

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  3. Nadine 21. September 2019 um 23:09 Uhr

    Kurze Zusatzinfo (ich hoffe, das kommt an die richtige Stelle): Schrebergärten waren ja früher oft dazu da für die eigene Familie günstig Gemüse und Obst anzubauen, und seine Kinder durchzubringen. Die sind selten teuer, abhängig auch vom Ort.
    Meine Großeltern waren früher auf ihren Schrebergarten angewiesen und haben die komplette Ernte genutzt. Eingekocht und entsaftet und das bis in die 2000er Jahre.

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  4. Petra Richter 28. September 2019 um 10:42 Uhr

    Liebe Steffi!

    Vielen Dank für diesen sympathischen und ehrlichen Text. Ich finde es wunderbar, dass Du dabei auch an Dein Team denkst. Ich führe gemeinsam mit einer Kollegin und Freundin ein kleines Unternehmen und meine Kollegin ist auch eine 150% Macherin. Das ist natürlich auch gut und sehr hilfreich, allerdings kommt sie dabei der Burn-out Grenze oft gefährlich nahe. Also spiele ich Pausenmanagerin, plane Urlaube, freie Tage … ich mache das gerne und natürlich auch, damit es ihr gut geht. Aber natürlich weiß ich auch, dass es verdammt schwer wird, wenn sie zusammenklappt. Diesbezüglich würde ich mir von ihr schon mehr Verantwortung wünschen. Ich verstehe aber auch, dass eine Einsicht, wieviel ist Zuviel, schwer ist, wenn man, wie sie, vom Umfeld auch noch bestärkt wird. Sie gilt als Powerfrau und wird dafür bewundert, was sie alles schafft und stemmt. Das ist natürlich ein schönes, bestärkendes Gefühl. Niemand sieht aber, wer sie mühevoll wieder aufbaut, wenn dann doch wieder mal alles Zuviel wird. Deshalb: vielen Dank für Deine Gedanken an das Team!

    Herzlichst
    Petra

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  5. Irina 1. Oktober 2019 um 09:21 Uhr

    “Ich möchte nicht alles nur in Lichtgeschwindigkeit an mir vorbei rauschen sehen.”
    Diese Worte haben mich gepackt! Weil soviel Wahrheit in ihnen steckt. Danke dafür, Steffi!
    Ich bin gerade erst über Dein Blog gestolpert. Kaum zu fassen, aber wahr und habe mich festgelesen.
    Die Zeit um mich herum vergessen.
    Herrlich.
    Ich weiß nicht, wann mir das zuletzt so passiert ist.
    Und nun stürze ich mich wieder in die Arbeit und den Alltag. Mit der Aussicht darauf, bald wieder hier vorbeizuschauen und die Welt ein Weilche zu vergessen und mich in Deinen Artikeln zu verlieren.

    Viele Grüße
    Irina

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