Wonach ist dir heute?

Mir war zum Heulen zumute. Ich hatte den ersten Tag meiner Menstruation, in mir schossen Schmerzen und schwierige Gefühle wie Raketen durch den Körper. Eine Job-Geschichte in Berlin war nicht so gelaufen, wie ich es mir erhofft hatte. Ich war sauer auf mich, auf die Welt. Alles was ich wollte, war so schnell es geht nach Hause nach Hamburg, zu meiner Familie, ins Bett, die Gefühle geradeziehen. Alles was ich nicht wollte, war in einem überfüllten Zug zu sitzen.

Ich suchte mir den erstbesten freien Platz. Es war einer von zwei Begleitplätzen für Rollstuhlfahrer*innen. Ich dachte, zwei werden wohl heute nicht gebraucht und wenn, ist der ja schnell frei gemacht. Es strömten immer mehr Menschen ins Abteil. Handtaschen und Rucksäcke schlugen mir ins Gesicht und an die Schulter, die Luft wurde immer stickiger, alles in mir schrie: „Ich will hier weg“. Jetzt in der ersten Klasse sitzen oder irgendwo wo Ruhe ist mit einem Becher Tee, dachte ich. Das wär’s. Aber ich hatte nicht mal ein offizielles Ticket für diesen Zug. Aus lauter Frust war ich in den ersten statt den von mir reservierten gesprungen.

Ein Mann klatschte seine Wurstsemmel auf den Tisch neben mir, seine Tasche auf meine Hand, sein Schweiß spritzte auf meinen nackten Arm. „Ist hier noch frei?“ raunte er, es war gar keine Frage. Noch mehr Menschen strömten ins Abteil. Ich hörte irgendwas wie „…nochmal… steht jemand freiwillig auf?“ Dachte, ich hätte mich verhört. Und dann wieder: „Bitte, macht bitte jemand Platz für eine Rollstuhlfahrerin?“ Ich verstand immer noch nicht, was los war, aber rief einfach „Hier! Ich!“. „Oh Gott, ich danke Ihnen so,“ sagte der Schaffner „…setzen Sie sich einfach in die 1.Klasse“. Ich verstand die Welt nicht mehr. Dies war doch das Abteil für Rollstuhlfahrer*innen, mit extra Platz für die Rollstühle, nah am Ausgang mit Extrarampe. Wer wenn nicht sie gehörten hier her? Es blieb keine Zeit weiter zu fragen. Ich lief los und traf eine junge Frau im Rollstuhl auf dem Gang. Verunsichert, etwas ängstlich schauend. Sie konnte weder vor noch zurück alleine, wartete auf den Schaffner. Ich sprach ihr Mut zu und merkte zu spät, dass sie kein Deutsch versteht. Ich konnte sie nur anlächeln und schnell noch rufen: „He’s fighting for you. There is a seat for you now“. Wir lächelten uns an und ich wurde weitergeschoben von der Masse.

In der ersten Klasse fand ich einen etwas versteckten Platz am Fenster, genoss die Ruhe und konnte endlich meinen Gefühlen, Gedanken und Tränen zu der doofen Job-Geschichte freien Lauf lassen. Gerade, als ich dachte, ich kann mich entspannen, stand ein Mann vor mir. „Ich hab hier reserviert“, sagte der Mann. Mir liefen weiter die Tränen, während ich ihn anschaute. Ich musste an die („Eat, Pray, Love“-) Autorin Elizabeth Gilbert denken, die gerade irgendwo gesagt hatte, dass sie übt, anderen ehrlich zu sagen wie sie sich fühlt. Weil einem nur dann geholfen werden kann. Ich sagte: „Mir geht’s gerade wirklich schlecht, kann ich bitte einfach hier sitzen bleiben? Es ist doch noch so viel frei“. „Ich habe hier reserviert“, sagte der Mann.

Ich setzte mich um. Die Tränen liefen und liefen. Plötzlich stand der Schaffner bei mir. „Ich möchte mich noch mal bei Ihnen bedanken, dass Sie gerade geholfen haben!“ Aber das ist doch total normal, das sei doch extra das Abteil für Rollstuhlfahre*innen sagte ich. „Das interessiert aber kaum noch jemanden,“ erzählte er weiter. So viele Menschen seien so irre egoistisch. Er könnte immer nur höflich bitten, dass sie aufstehen von den Plätzen, aber die meisten würden sich so taub stellen wie gerade eben und dann könne er nichts tun. Vor nur einer Stunde hätte er mit vier ältere Damen versucht Plätze zu finden, auch da war niemand bereit aufzustehen. „Dabei wird es doch belohnt,“ sagte er und meinte damit seinen Joker, dass er Helfenden dann gern mal in die erste Klasse setzt. „So eine Belohnung sollte es aber gar nicht geben müssen“, sagte ich und langsam wurde mir die ganze Aufmerksamkeit unangenehm. Ich hatte doch gar nichts Dolles getan. Es gab dann sogar noch einen Tee für mich und bei meinem nicht passenden Zugticket wurde „ein Auge zugedrückt“. Es kam auch noch extra von ganz vorn der Zugführer, um sich zu bedanken, was mich wirklich nachdenklich machte.

Ist es wirklich so selten geworden, dass wir uns gegenseitig helfen?

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte erzähle. Zum einen dachte ich: Warum sitz ich denn jetzt in der ersten Klasse und nicht die Rollstuhlfahrerin? Und hatte Rollstuhlfahrerin Kristina Vogel nicht gerade so sehr über die Deutsche Bahn geflucht?

Und natürlich ist es einfach, mich jetzt hier als großartige Helferin darzustellen. So habe ich es aber gar nicht empfunden. So war es ja auch nicht. Der Platz war gar nicht für mich. Der ist reserviert für Menschen, die sich nicht mal eben wie alle mit zwei gesunden Beinen einen anderen Platz suchen können. Ich gehörte hier gar nicht hin, hatte keinerlei Anrecht auf diesen Platz, auch deshalb stand ich sofort auf.

Für mich ist es selbstverständlich für Schwangere, Eltern, Menschen mit Behinderung, ältere Menschen, wer auch immer sich setzen muss, aufzustehen. Kinderwagen und Koffer mit rein- und raus zu heben. Einfach zu helfen. Andere auch mit im Blick zu haben. Was mich schockte war der Gedanke, dass es davon zwar viele, aber vielleicht nicht mehr genügend Menschen gibt und es umso wichtiger wird, dass wir, die die Sensibilität haben zu sehen, was andere gerade brauchen, noch wachsamer sein sollten und in der Situation zeigen wie einfach es ist mitzuhelfen. Es ist so irre einfach. Und man wird auf so viele Weisen dafür belohnt. Dafür braucht es keine erste Klasse. Viel schöner ist das erleichterte kleine Danke-Lächeln und viel beruhigender ist der Gedanke, wenn man mal Hilfe braucht, wird auch jemand da sein. Und das wird es. Das war es.

Lasst uns aufstehen. Für andere. Und uns selbst.

Foto – Autumn Mott Rodeheaver

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Heike 24. Juni 2019 um 22:05 Uhr

    Liebe Steffi,
    heute Abend geht es mir nicht gut. Ähnlich, was du da oben beschreibst.
    Als ich deinen Artikel gelesen habe, musste ich weinen. War gut.
    Fühlt sich jetzt leichter an.
    Deine Erzählung hat mich sehr betroffen gemacht. Seit längerem versuche ich mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen, zu lächeln, zu helfen.
    Neulich habe ich der Kundin vor mir an der Kasse eines großen Supermarktes einfach eine schwere Tasche hinterher getragen, die sie später holen wollte. Sie war sprachlos und mir ging es wie dir:
    War doch nichts besonderes und doch hat es sich so gut angefühlt jemanden so einfach gutes tun zu können.
    Mehr davon!
    Herzlichst
    Heike

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  3. Samira 1. Juli 2019 um 12:42 Uhr

    Liebe Steffi,

    ich lese immer fleissig mit aber nehme mir selten Zeit für einen Kommentar. Heute hast du mich aber besonders berührt. In meinem von PMS übergefühligen Zustand kamen mir sogar die Tränen bei deinen Beitrag. Danke dir fürs Teilen. Nicht nur hierfür, sondern weil du mein Leben immer ein Stück reicher machst.

    Herzlichst,
    Samira

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  4. Astrid 19. März 2020 um 09:51 Uhr

    Liebe Steffi,
    gut 9 Monate später passt dieser Text immer noch, wieder, zu unserer momentanen Situation. Jetzt gilt es mehr denn je auf alle zu achten und Rücksicht zu nehmen. Alle sind gefordert. Am Regal im Supermarkt, in den Krankenhäusern und Apotheken, auf dem Bürgersteig oder in den Hausgemeinschaften und Nachbarschaften.

    Habt einen schönen Tag. Trotz allem.
    Astrid

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