Liebe, Beziehung & Sex
Tschö mit ö:
Thomas Meyer ruft zum Schlussmachen auf. Verrät aber auch, mit wem man zusammenbleiben sollte.
von Marie Kahle - 01.08.2019
Ein Großteil der Paare ist nicht glücklich miteinander und wird es auch niemals sein. Daher sollten sie sich trennen und zwar sofort. Das gilt für langjährige Beziehungen, für Eltern, für frisch Verliebte genau wie für Singles. So sagt es jedenfalls Thomas Meyer, Literatur-Superstar der Schweiz. Sein aktuelles Buch „Trennt euch! Ein Essay über inkompatible Beziehungen und deren wohlverdientes Ende" polarisiert.
Meyer ist mit seinen Ansichten rigoros. Liebe sei beispielsweise kein Grund, bei seinem Partner zu bleiben. Was wie ein Aufruf nach kollektiver Einsamkeit klingt, ist dabei eher ein Plädoyer für mehr Selbstfürsorge. Wann es Zeit ist, zu gehen, genau wie, mit wem man gar nicht erst was anfangen sollte - all das habe ich mit ihm im Interview besprochen.
Viel Spaß beim Lesen!
Herzliche Grüße,
Marie
Herr Meyer, sind Sie ein Aufgeber?
Nein, ich bin kein Aufgeber. Ich bin ein Einseher.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass vier von fünf Paaren nicht zusammen sein sollten. Gibt es überhaupt Beziehungen, die perfekt passen?
Auch das fünfte Paar passt nicht perfekt. Ich bin der Ansicht, dass es keine zwei Menschen gibt, die bedingungslos harmonieren. Bei jeder Zusammenführung entstehen Reibungspunkte und Meinungsverschiedenheiten. Ich propagiere keine sterile Kompatibilität bei der nichts mehr passiert. Das ist ja nicht realistisch. Aber ich plädiere dafür, dass man sich jemanden sucht, mit dem man sich versteht.
In jeder Beziehung gibt es Höhen und Tiefen. Ab wann ist eine Beziehung inkompatibel?
Das ist eine sehr interessante Frage, denn eine inkompatible Beziehung wird sehr häufig als schlechte Phase bezeichnet. Ich bin überzeugt, dass man immer genau weiß, woran man ist. Kann man gemeinsam an einer Lösung des Problems arbeiten oder ist man schon an die Grenze der Gemeinsamkeit gestoßen? Das spürt jeder instinktiv. Die meisten wollen es nur nicht wahr haben, denn dann müssten sie reagieren und sich trennen. Das ist unangenehm. Außerdem wäre man dann wieder allein. Das wollen die meisten schon gar nicht. Dann wird sich das Ganze lieber schön geredet, u.a. mit der häufig zitierten schlechten Phase. Wenn diese aber so lange andauert wie die Beziehung, dann ist es höchste Zeit zu gehen.
Wie sind Sie auf diese Erkenntnis gekommen?
Es gab eine ganze Abfolge von Ereignissen. Eigene und fremde, die alle nach einem ähnlichen Muster abgelaufen sind. Mir ist immer wieder aufgefallen, dass Menschen zueinander finden, die sich eigentlich gar nicht verstehen, es aber trotzdem miteinander versuchen. Mir selbst ist das auch einige Male passiert. Daraus resultiert dann ein Machtkampf. Man hat nicht den Mut zu sagen: „Das mit uns funktioniert nicht“, sondern versucht einander passend zu machen. Die Erfolgsquote liegt dabei im Keller. Es ist eine große emotionale Katastrophe, wenn einer von beiden das einsieht und die Trennung ausspricht. Irgendwann war ich der Meinung, dass sich unser Blick verändern muss und wollte etwas dazu beitragen.
Warum fühlen wir uns eigentlich schlecht, wenn wir eine Beziehung beenden? Eigentlich müssten wir nach Ihren Aussagen doch froh sein, dass wir uns von etwas gelöst haben, dass uns nicht gut tut.
Wir fühlen uns aus zwei Gründen schlecht und da bin ich übrigens überhaupt keine Ausnahme. Erstens: Weil wir uns von etwas trennen, dem wir zugeneigt sind. Eigentlich mögen unseren Partner und das Zusammensein mit ihm – oder haben es mal gemocht. Wir distanzieren uns von etwas, von dem wir uns nicht lösen möchten. Das ist schmerzhaft und irgendwie unnatürlich. Und zweitens: Weil die Trennung ein ganz mieses Image hat. Wer sich trennt, gilt als Täter. Wer, verlassen wird, hat Selbstmitleid und sieht sich als Opfer. Beide fühlen sich als würden sie scheitern. Irgendjemand muss etwas falsch gemacht haben.
Können Sie uns verraten, wie man eine Beziehung stilvoll beendet, wenn man herausgefunden hat, dass sie nicht funktioniert?
Das ist natürlich wahnsinnig anspruchsvoll, denn eine Trennung ist schwierig, traurig und kaum auszuhalten. Aber ich glaube, es hilft, wenn man den Partner nicht zum Problem macht. Schauen Sie sich lieber die Kombination an. Du und ich – das tut und beiden nicht gut. Anstatt Sätze mit: „Du bist..., du hast...“ anfangen zu lassen. Werden Sie nie persönlich oder verletzend. Wenn man einen Menschen verlässt, sollte man es möglichst anständig bewerkstelligen. Bitte niemals davonlaufen und die Kommunikation verweigern, sondern sich der Situation stellen und für den anderen da sein. Auch wenn man nicht mehr mit ihm zusammen sein will.

„Die zentrale Frage, die sich jeder stellen sollte, ist: Tut mir die Beziehung gut oder nicht?“ -

Ist es nicht sehr egoistisch, wenn man nur danach geht, was einem selbst gut tut?
Es wirkt jetzt, als würden mich die Interessen meiner Partnerin nicht interessieren – so ist das aber nicht gemeint. Gesunder Egoismus kann einer Beziehung sogar gut tun. Ich kümmere mich um mich und um mein Wohlbefinden. Das ist auch für eine Partnerschaft durchaus wichtig. Ein gutes Leben und ein gesundes Maß an Egoismus bedingen einander.
Besonders kompliziert wird eine Trennung, wenn Kinder im Spiel sind. Lohnt es sich nicht für die Familie in einer Beziehung zu bleiben?
Nein! Gerade, wenn es nur noch der Struktur wegen ist, sollte man schnell etwas verändern. Wenn zwei Menschen, also die Eltern, nicht mehr gut miteinander auskommen und die Beziehung ihnen schadet, dann ist das auch für Kinder so. Sie leiden mit. Es ist ein schwerer Irrtum davon auszugehen, dass man Kindern etwas vorspielen oder sie gar anlügen kann. Sie merken, dass etwas nicht stimmt. Außerdem ist es eine falsche Lektion, die man vermittelt, wenn man zusammenbleibt, obwohl man das nicht mehr möchte. Das würde ja bedeuten, dass Intimität etwas Schwieriges und Kommunikation etwas Gewaltvolles ist. Ja, es ist hart den Vater oder die Mutter seiner Kinder zu verlassen und sich zu distanzieren, aber es geht. Ich habe das auch durchlebt. Es funktioniert und ist nicht unmöglich.
Jetzt haben wir immer über Paare gesprochen. Kann man schon beim Daten feststellen, ob man kompatibel für einander ist? Das würde schließlich Zeit und Emotionen sparen.
Beim ersten Date kann man das nicht erkennen und das muss man auch nicht. Gehen Sie es freudvoll und locker an. Wenn man merkt, dass man ernsthaft an einem Menschen interessiert ist, sollte man sich mit der Person hinsetzen und abgleichen, was man vom Leben möchte. Was ist Ihnen sehr wichtig? Was können Sie nicht akzeptieren und womit können Sie nicht leben?

„Eine Pro- und Kontra-Liste sowie eine Muss- und Will-Nicht-Liste kann dabei helfen.“ -

Quasi eine Check-Liste fürs Kennenlernen?
Wenn jemand ein aufbrausender Charakter ist, der gern mal zu Kraftausdrücken greift, dann wird das so bleiben. Und der andere das nicht mag, wird er es auch in Zukunft nicht mögen. Man sollte natürlich vorher herausgefunden haben mit welchen Eigenschaften man leben kann und mit welchen nicht. Eine Pro- und Kontra-Liste sowie eine Muss- und Will-Nicht-Liste kann dabei helfen. Wenn sie diese dann ihrem Partner in Spe vorlegen und seine ansehen, werden sie relativ schnell feststellen, ob sie zu verschieden sind. Dann unbedingt die Finger von einander lassen. Auch wenn man gern möchte, dass es funktioniert. Die Dinge werden sich nicht ändern.
Glauben Sie, dass es den Einen oder die Eine gibt oder nur Partner für Lebensphasen?
Auch das ist individuell. Es gibt Menschen, die diesen einen Menschen antreffen mit dem sie ihr Leben verbringen und die auch in unterschiedlichen Phasen zueinander passen. Für andere funktioniert das aber nicht, weil sie zu viele innere Entdeckungsreisen in petto haben. Bei denen geht’s dann eher um die Frage „Wer ist jetzt gerade richtig für mich?". Mit den Frauen, mit denen ich vor 15 Jahren zusammen war, würde eine Beziehung heute aus verschiedenen Gründen nicht mehr funktionieren. Man entwickelt sich weiter und dann passen andere Menschen besser zu einem. Das ist eine ständige Entwicklung.
Aus ihrem Buch geht hervor, dass sie nichts von dem Spruch „Gegensätze ziehen sich an“ halten. Ist zu viel Einklang nicht auch furchtbar langweilig?
Es gibt Leute, die brauchen Drama. Sonst fehlt ihnen etwas. Solchen Leuten empfehle ich sich Jemanden zu suchen, mit dem sie äußerst schlecht zusammen passen, weil das dann ein Maximum an Drama erzeugt. Langeweile ist nichts Schlechtes. In meiner Beziehung muss nicht viel passieren. Ich suche Harmonie und Stabilität statt Aufregung und Reibung. Meinungsverschiedenheiten sind nicht erstrebenswert. Ich bin jetzt mit einer Frau zusammen, die mir sehr ähnlich ist. Natürlich gibt es auch unterschiedliche Ansichten, die auch mal zu Diskussionen führen, aber die meiste Zeit sind wir einfach miteinander zufrieden.
Haben befreundete Paare Angst, Ihnen auf einer Party zu begegnen, weil sie befürchten von Ihnen als hoffnungslose Fälle abgestempelt zu werden?
Meine Freunde und ich kennen uns so gut, dass das nicht mehr nötig ist, aber es gab schon eine Beziehung eines sehr guten Freundes, die einen Teil zum Buch beigetragen hat. Er hat nämlich oft den Konjunktiv verwenden, wenn er über seine Beziehung und über die damalige Partnerin gesprochen hat („Wir wären ja..., Sie müsste nur..., Es könnte doch...“). Es kann nicht funktionieren, wenn erst bestimmte Faktoren erfüllt werden müssen. Mittlerweile sind die beiden getrennt.

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