Seit mein Mann, unsere zwei Töchter und ich letzten Sommer von Deutschland nach Stockholm gezogen sind, malen wir uns den Winter hier so aus: Schnee, Kerzen, Schlittenfahren, zugefrorene Seen, auf denen wir Schlittschuh laufen können. Und tatsächlich – die Realität sah fast genauso aus wie meine Vorstellung. Und weil wir so überwältigt waren von all den Mengen an Schnee, die Stockholm in ein Winter Wonderland verwandelt hatten, entschieden wir uns dazu, noch tiefer in den schwedischen Winter vorzudringen.
Anlässlich des 5. Geburtstages unserer Tochter, Hundeliebhaberin, wie ich sonst keine kenne, planten wir ein Wochenende im Schwedisch Lappland. Huskyschlitten-Fahren wünschte sich das Kind, ich hoffte derweil darauf, Polarlichter zu sehen, und mein Mann liebäugelte mit der Fahrt eines Schneemobils.
Bei der Planung stießen wir auf eine passende Unterkunft, das
Aurora Camp Kurravaara, nicht weit von Kiruna, eine Flugstunde von Stockholm entfernt. Das Camp überzeugte mich mit seinem Mix aus roten Schwedenhäusern und gläsernen Aurora-Hütten, die am Flussufer des Torneträsk-Sees auf Stelzen ins Wasser gebaut waren. Auf einer Internetplattform bewarben Fotos die Aussicht auf Nordlichter, die zwischen November und März den Himmel färbten; ebenfalls reizte mich die Idee einer eigenen Sauna, die zur Hütte gehörte.
Wir buchten und stellten beim Rumerzählen fest: So geläufig ist das gar nicht, was wir uns da vorgenommen hatten.
Viele unserer schwedischen Freund*innen waren selbst nie im Winter so weit nördlich gewesen. Das Ganze mit kleinen Kindern zu unternehmen, schien in unserem Bekanntenkreis niemand versucht zu haben.
Mitte Februar packten wir unsere wärmsten Klamotten in den Koffer; eine Woche zuvor war es in Kiruna tagsüber minus 30 Grad und nachts fast minus 40 Grad gewesen. Dank einer Wärmewelle durften wir uns laut Wetterbericht auf minus 10 Grad am Tag und minus 18 Grad nachts einstellen.
An einem Freitagnachmittag landeten wir in Kiruna: mein Mann, unsere Töchter (2,5 und 4 Jahre) und meine Schwester, die sich zufällig auch für das Wochenende angekündigt hatte. Dankbar hatten wir sie mit in die Reiseplanung aufgenommen, denn so konnte immer jemand auf die Kinder aufpassen, wenn Aktivitäten anstanden, die nicht für Kinder geeignet waren.
Nach der Ankunft nahmen wir ein Taxi zu unserem Camp, nicht ohne unterwegs noch am Supermarkt Halt zu machen, damit wir uns für das Wochenende mit Lebensmitteln eindecken konnten. Einfache Sachen wie Pasta, Pesto, Käse und Cracker, Haferflocken, Obst, Avocados und Eier wanderten in den Einkaufswagen. Wir wussten, wir würden keinen Wasseranschluss in der Hütte haben, und wollten uns, was das Kochen angeht, nicht zu sehr verausgaben.
Weiter ging die Fahrt, vorbei an eingeschneiten Häusern, über eine Straße, die man durch die dicke Schneedecke nur erahnen konnte. Die Bäume waren zentimeterdick mit Schnee bedeckt, und als ich schon dachte, so viel Schnee habe ich im ganzen Leben noch nie gesehen, bogen wir auf einen Waldweg ab, der uns die verbleibenden drei Kilometer zum Aurora Camp Kurravaara führen würde – vorbei an Schnee, soweit das Auge blicken konnte.
Das Taxi hielt an, wir stiegen aus dem Auto und waren wie versetzt in eine andere Welt. Ringsum kleine rote Schwedenhäuser, Lichterketten und Schnee, wo wir auch hinschauten. Keine Menschenseele war auszumachen, die Lichter in den Häusern allesamt aus.
Es war kurz vor 17 Uhr, der Himmel schwarz, ziemlich einsam war es hier, zeitgleich wunderwunderschön.
Unsere Hütte entpuppte sich als wundervoll warme Oase inmitten dieser Welt aus Schnee. Neben dem Esstisch befand sich ein Kamin, ansonsten war die Hütte spärlich ausgestattet, aber hatte dennoch einen ganz gemütlichen Flair. Mein Mann schmiss die Sauna an, wir kochten Nudeln für die Kinder, brachten sie ins Bett und entspannten im Wechsel in unserer Holzofensauna.
Etwas entfernt von unserer Hütte verfügt das Camp noch über drei weitere Gemeinschaftssaunen sowie eine Dusche mit Warmwasseranschluss. Dennoch entschieden wir uns für die bequemere Variante, unsere eigene Sauna direkt nebenan, und verließen uns auf die traditionell schwedische Art der Dusche: einmal im Schnee wälzen nach vollendetem Saunagang.
Wir wachten mit dem ersten Tageslicht gegen 7 Uhr auf, warfen uns direkt in die volle Schneeanzug-Montur und gingen hinaus auf den Fluss, um den Sonnenaufgang von hier aus zu erleben. Was sich am Vorabend im Dunkeln nur erahnen ließ, entpuppte sich im Tageslicht als noch fantastischer, als wir es uns hätten ausmalen können.
Da stehst du aus dem Bett auf, steigst in die Schuhe und stolperst vor der Haustür auf eine meterdicke Eisschicht, die so weit reicht, wie das Auge blicken kann.
Der Torneträsk-See, Schwedens sechstgrößter See, friert jedes Jahr bis zu sieben Monate komplett zu. Wie eine zusätzliche Verkehrsstraße wird er dann genutzt – für Schneemobile, Huskyschlitten und Langlaufski.
Auf dem Eis tranken wir Erwachsenen unseren ersten Kaffee des Tages. Die Kinder spielten in den Iglus, die das Camp tatsächlich an Gäst*innen vermietet, um auf dem zugefrorenen See in einer Höhle aus Schnee zu schlafen. Wir spazierten auf dem Eis einmal um das Camp herum, um die „Aurora Huts“ anzuschauen.
Dadurch, dass unsere Kinder sich in der Kraxe bzw. auf dem Schlitten nicht bewegten, wurden die Füße zu kalt. So wurden auf dem Rückweg zwar ein paar Tränchen vergossen, über unseren „Herr-der-Ringe-und-die-Gefährten-Moment“ muss ich im Nachhinein dennoch lachen. Zu lustig muss es ausgesehen haben, wie wir uns, zwei Kinder tragend, hintereinander aufgereiht durch den kniehohen Schnee kämpften.
Nach der Tour (oder sollte ich sagen „Tortur“?) machten wir uns einen gemütlichen verbleibenden Samstag mit Sauna und darauf folgendem Schneebad, einer schwedischen Kaffeepause, genannt „Fika“, noch ein wenig Schlittenfahren auf dem See und ganz viel Staunen darüber, wie wundervoll dieser Ort war, an dem wir gelandet waren.
Am Abend wurden mein Mann und ich abgeholt für unsere Schneemobil-Tour. Zwischen 19:30 Uhr und 0 Uhr sollte die uns über den Torneträsk-See führen, hin zu den Nordlichtern, oder sagen wir: hin zu den Orten, von denen aus man sie besonders gut sehen konnte.
Ich war den ganzen Tag, naja, eigentlich ja schon seit Wochen, auf diesen Moment gespannt gewesen. Die Wetterbedingungen waren ideal, es war keine Wolke zu sehen. Schon vom Treffpunkt aus konnten wir mehr Sterne am Himmel erkennen, als ich je zuvor gesehen hatte.
Es ging los: Mein Mann fuhr das Schneemobil, ich saß hinten. Ca. 15 Fahrzeuge preschten los in die Nacht, raus auf den See. Schon jetzt konnten wir schwache Nordlichter am Himmel erkennen, leichte grüne Schlieren, die sich, gen Norden blickend, am Himmel breitmachten. Wir fuhren weiter und weiter in die Nacht hinein, wir waren mittlerweile fern von jeder Zivilisation.
Die grünen Lichter über uns nahmen minütlich zu. Immer wieder hielten wir an, um Fotos zu machen und zu staunen. Es war genauso, wie ich es mir seit Wochen ausgemalt hatte. Wir hatten so viel Glück:
Die Nordlichter tanzten am Himmel, wir konnten tatsächlich ihre Bewegungen verfolgen.
Im Nachhinein steigen mir beim Schreiben Tränen in die Augen, so schön war dieser Abend da draußen, umgeben von nichts, nichts außer den anderen Schneemobilen, dem Schnee, dem Himmel über uns, den grünen Lichtern am Himmel. Irgendjemand hatte es so wahnsinnig gut mit uns gemeint an diesem Wochenende in Kiruna, sogar unsere Tourleiterin staunte „You don’t usually geht as much as this“, wobei sie sich auf die Polarlichter bezog.
Am nächsten Tag verließen wir mit unseren gepackten Koffern früh das Camp, liefen ein letztes Mal über den See, nahmen Abschied von diesem Ort, dessen Zauber ich für alle Zeiten in mein Herz geschlossen habe.
Ein Taxi brachte uns 30 Autominuten weiter an einen Ort namens Jukkasjärvi – nicht ohne, dass wir während der Fahrt schon das erste Highlight des Tages erleben durften: einen Elch erspähen, einen riesig großen, schweren Elch, mit einem Geweih so groß wie meine 5-jährige Tochter lang ist.
Kurze Zeit später rollten wir auf den Parkplatz des
Sweden Ice Hotels: ein Hotel aus Eis mit unzähligen Zimmern und Suiten, die von Künstler*innen aus Eis gehauen waren. Als Hotelgast hat man hier tatsächlich die Möglichkeit, in einem Zimmer aus Eis zu schlafen, in einem Bett aus Eis! Ich konnte es kaum glauben.
Während wir uns kurz umschauten, hörten wir schon die Huskys bellen auf der anderen Seite der Eismauer. Schnell zogen wir uns um – Schneeanzug, Schneestiefel und Handschuhe, alles bereitgestellt von der Organisation, für extra kalte Temperaturen also. Für die Kinder brachte der Tourguide noch Fellsäcke, fand bei den beiden allerdings wenig Zuspruch.
Für einen Moment kamen wir alle ordentlich ins Schwitzen: Da war ein fast 5-jähriges Kind, das den eigenen rosa Schneeanzug schöner fand als den schwarzen; ein 2-jähriges Kind, das nicht nur Schneeanzug, sondern auch Stiefel und Handschuhe komplett verweigerte; und ein sichtlich genervter Reiseleiter, der erklärte, er könne die Kinder auf keinen Fall mitnehmen ohne die Extraklamotten.
Einiges Zureden später rannten wir zu den Schlitten, und kaum hatten wir Platz genommen, liefen die Huskys schon los.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich mich von der Anziehaktion erholt hatte, aber dann spürte ich, wie ruhig der Schlitten über den Schnee glitt, und mein Puls beruhigte sich.
Auch den Kindern gefiel die Schlittenfahrt ab Sekunde eins, und in mir machte sich wieder ein Gefühl breit wie schon gestern Abend: eins der maximalen Freude und Dankbarkeit. Für den blauen Himmel, für meine Familie, mit der ich auf diesem Schlitten durch die Schneelandschaft fuhr, meine Kinder, die so viel Freude daran hatten, den Hunden beim Rennen zuzuschauen.
Nach der Fika zogen uns die Hunde zurück zum Ice Hotel. Wir hatten noch ein paar unvergessliche Stunden hier, auf diesem riesigen Spielplatz aus Eis, meine Kinder ließen es sich nicht nehmen, eine Rutsche, die komplett aus Eis gehauen war, gefühlt 100 Mal raufzuklettern und runterzurutschen. Die Freude der Kinder war so ansteckend, dass ich selbst ein paar Mal rutschte und mindestens so viel Freude hatte wie die Kleinen.
Das alles, unser gesamtes Wochenende in Kiruna, war so abgefahren, so Glücksgefühle weckend, so fantastisch und wundervoll, dass selbst zwei Monate später in mir ein Feuer zu lodern beginnt, sobald ich von Lappland erzähle. Es gibt keine Erfahrung, die ich mit dieser vergleichen kann.
Obwohl meine Kinder noch so klein sind und wir sie sicher gefordert – wenn nicht mitunter sogar überfordert – haben, bin ich unfassbar stolz und dankbar, dass wir es durchgezogen haben. Der Trip war definitiv außerhalb der Komfortzone – die Kälte, ein Haus ohne Wasser, ein Plumpsklo, die Mengen an Kleidung, die wir den Kindern mehrmals täglich an- und wieder ausziehen mussten –, aber wir wurden so sehr belohnt dafür, dass wir uns einfach getraut hatten.
Lea