Wonach ist dir heute?
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„Alexa, mach das Licht an“ – in der Vergangenheit gab es kaum jemanden, der sich in meiner Anwesenheit diesen Witz nicht verkneifen konnte. Die Verkäuferin einer Fielmann-Filiale lachte so sehr darüber, dass sie ihre Brille abnehmen und sich die Tränen von den Wangen wischen musste. Ich saß vor ihr beim Sehtest und dachte: sehr witzig. Nicht.

In den letzten Jahren habe ich mir ein dickes Fell zugelegt, denn neben dem Amazon-Gerät gibt es Alexa, die Handtasche, Alexa, das Einkaufszentrum und Alexa, die Seniorenresidenz.

Mein Name scheint, abgesehen von seiner ursprünglichen Bedeutung „die Beschützerin“, in der heutigen Zeit Assoziationen mit Luxus, Konsum und Exklusivität zu wecken. Dass es mittlerweile auch eine Sexpuppe gibt, die Alexa heißt? Geschenkt. Ich war fein damit, weil ich an meine prominenten Namensschwestern wie die britische TV-Moderatorin Alexa Chung oder die deutsche Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange dachte.

Bis mir die Mutter eines kleinen Mädchens namens Alexa schrieb. Sie fragte mich,

ob ich es vertretbar finde, wenn der Name eines Kindes nur noch geflüstert werden kann, weil sonst alle Haushaltsgeräte anspringen.

Oder was ich dazu sagen würde, dass andere Eltern ihre Tochter aufgrund des Namens nicht mehr zu sich nach Hause einladen wollen. Mir schossen die Tränen in die Augen, weil ich mir vorstellte, was diese Art von Mobbing mit einem Kinderherz macht.

Die meisten Eltern wählen den Namen ihres Kindes mit Liebe und Sorgfalt aus, im Bewusstsein darüber, dass ein Name prägend für das ganze Selbstverständnis sein kann. Das gilt sowohl für das Kind als auch die Eltern. Als neulich eine schwangere Mom-Influencerin nach den Lieblingskindernamen ihrer Follower*innen fragte, überschlugen sich die Kommentare. Toni, Ava, Romy, Matilda, Carla, Luca, Lotta, Josefine, Luise, Matti, Theo, Robin, Miro, Fred, Matz, Alfi, Finn, Bosse: Teilweise waren die Aufzählungen fünfzeilig. Die Namensfindung ist halt mit das Schönste an der Vorfreude auf das neue Familienmitglied.

Auch meine Eltern haben vor 43 Jahren die Entscheidung bewusst getroffen, mich Alexa zu nennen, denn der Name war selten, aber nicht zu exotisch. Das soll übrigens auch der Grund gewesen sein, warum Amazon sich ausgerechnet für diesen Namen entschieden hat: weil er aufgrund des „X“ nicht alltäglich ist.

Das Gerät ist weltweit ein millionenfacher Bestseller, der Name kein Hit mehr. Wurden früher pro Jahrgang zwischen 200 und 400 Mädchen so genannt, schaffte es Alexa letztes Jahr nicht einmal mehr in die Top 1.000 der beliebtesten Vornamen, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. meldet. Ihre Daten bezieht die GfdS von den Standesämtern und erfasst so seit über 40 Jahren etwa 90 Prozent aller in Deutschland vergebenen Vornamen. Laut Knud Bielefeld, dem Autor von beliebte-vornamen.de, gehört Alexa wie Kevin oder Greta sogar zu den „verdorbenen“ Vornamen, weil sie allgegenwärtig oder mit Vorurteilen belegt sind. Echt? Greta? Würde ich meine Tochter sofort nennen, dank Aktivistin Thunberg.

Viele Eltern und Namensträgerinnen sind seit der Lancierung der künstlichen Intelligenz verzweifelt, denn während Trendnamen oft Wellenbewegungen unterliegen, ist ein Ende von Amazons Marktführerschaft nicht in Sicht.

In den USA, wo allein über 130.000 Frauen Alexa heißen, gibt es deshalb sogar eine Petition: „Alexa is a human“.

Gegründet wurde die Aktion von Lauren Johnson, deren Tochter ebenfalls Alexa heißt. Sie schrieb einen Appell an den Amazon-Boss Jeff Bezos – als Vater. Sie beschreibt, wie ihre Tochter von anderen Kindern aufgefordert wird, den Fernseher anzumachen, den Mund zu halten oder das Wetter vorauszusagen. Ihr Kind würde wie eine Sklavin behandelt, so Johnson.

Eltern, die diesen Vergleich übertrieben finden, ruft Johnson zu einer Challenge auf: Sie sollen das Gerät 90 Tage lang mal mit dem Namen ihres Kindes rufen, um zu verstehen, wie es sich anfühlt. Sie wolle kein Geld, schreibt Johnson. Sie will es nicht so stehen lassen, dass ein Mädchen oder eine Frau, die heute Alexa heißt, einfach Pech gehabt hat, und fordert eine Umbenennung des Gerätes und des Aktivierungswortes. Es gäbe Teenager, die wegen Selbstmordgedanken in Therapie müssten, und junge Frauen, die sexuell belästigt werden. Denn der Name „Alexa“ ist zu einem Befehl geworden: Alexa, was hast du an? Alexa, belle wie ein Hund! Alexa, bück dich. „Das ist kein kleines Problem“, findet Lauren Johnson. Und sie hat recht.

Michelle Obama sagte:

„Jede Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit ihren Frauen und Mädchen umgeht.“

Demnach ist es auch eine moralische und ethische Frage, wenn ein milliardenschweres Unternehmen einen realen Frauennamen für eine Dienstleistung verwendet, die dafür zuständig ist, zu bedienen, zu shoppen und zu unterhalten.

Natürlich gibt es auch männliche Beispiele für Namensverunglimpfung. Ich erinnerte mich an meinen Cousin, der seinen Vornamen Caspar aufgrund von Hänseleien in der Schule ebenfalls ablegte und seinen Folgenamen annahm.

Ich machte der Mutter der kleinen Alexa, die mir die E-Mail geschrieben hatte, den gleichen Vorschlag, obgleich er für mich selbst nie infrage käme. Mein zweiter Vorname ist nämlich Regine, benannt nach einer Patentante, die mich kurz vor ihrem Tod enterbt hat, also nein danke.

Die Mutter schrieb zurück, dass ihre Tochter ihren Namen trotz aller Umstände liebt und sich ihn nicht nehmen lassen will. Sie ist sieben Jahre alt. Und da beschloss ich: Auch ich werde Amazon nicht die Macht geben, mir meinen Namen zu versauen. Ich war nämlich zuerst da.

 

PS: Das Aktivierungswort lässt sich übrigens ändern: dafür die Alexa-App auf dem Smartphone öffnen. In der Liste das gewünschte Gerät auswählen, auf den Reiter „Aktivierungswort“ tippen und ein neues Aktivierungswort auswählen. Danke schön!

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Luna 3. März 2021 um 17:37 Uhr

    Liebe Alexa,

    ich finde es eine Unverschämtheit von Amazon, einen existierenden Vornamen für so ein Gerät zu nutzen. Es war doch vorher klar, welche unangenehmen Folgen das für die Namensträgerinnen haben wird.

    Von daher sollte Amazon einfach für dieses rücksichtslose Verhalten bestraft werden – die Alexas dieser Welt sollten gegen Amazon klagen, dass das Gerät nicht mehr Alexa heißen darf! So kann Alexa wieder ein schöner, positiv assoziierter Name werden.

    Antworten
    • Alexa von Heyden 4. März 2021 um 08:55 Uhr

      Liebe Luna, danke für deine Nachricht. Ich habe mich inzwischen mit Lauren Johnson ausgetauscht und sie hat tatsächlich nie eine Stellungnahme oder Antwort von Amazon auf ihren Brief an Jeff Bezos erhalten. Krass, oder?

      Antworten
      • Luna 4. März 2021 um 18:47 Uhr

        Liebe Eva,

        tja, der sitzt das aus…scheint ihm dann wohl egal zu sein. Wahrscheinlich müsste man da in Deutschland anfangen. Und Amazon Deutschland wegen psychischer Belastung o.ä. verklagen. Inkl Schmerzensgeld natürlich. Wäre echt interessant, was dann passiert…

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