Wonach ist dir heute?
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Verliebt, verlobt, verheiratet, vier Kinder und ein Haus – so sah er aus, mein Plan vom Glück, und dann schlug das Schicksal mit voller Wucht zu. Mein Mann hatte Krebs und plötzlich war nichts mehr, wie es war. Das Gute vorweg: Mein Mann überlebte die Krankheit und nach einer Zeit fingen wir ganz langsam wieder an, über unseren Familientraum zu sprechen. Es wurde ganz schnell zum Albtraum, denn wir bekamen von vielen Ärzten gesagt, dass die Chance, ein Kind zu bekommen, gegen null Prozent ging. Unsere einzige Möglichkeit war es, alles auszuprobieren, was die moderne Kinderwunschmedizin parat hatte. Wir probierten es einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal.

Wir waren am Ende. Seelisch, körperlich und finanziell. Plötzlich brachte mein Mann das Thema Adoption ins Spiel. Wir sind doch nicht Brad Pitt und Angelina Jolie, dachte ich damals. Und doch ließ mich der Gedanke nicht los. Es war ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer und in einer schlaflosen Nacht habe ich mir alle Bücher zum Thema Adoption bestellt, die ich nur finden konnte. Eines der Bücher hat mich besonders berührt:Wunderkinder: wie wir doch noch eine Familie wurden“ von Björn und Mirja Wagner. Ich habe dieses Buch geradezu verschlungen. Es gab mir so viel Kraft, Mut und Hoffnung. Endlich war da wieder dieses Gefühl: „Wir schaffen das!“

Ein paar Tage später flogen wir in den Urlaub und mit etwas Abstand verfestigte sich unsere Entscheidung – wir wollten ein Kind adoptieren.

Zurück in Hamburg meldeten wir uns gleich beim Jugendamt. Wir ließen uns alles erklären und besuchten einen verpflichtenden Informationsnachmittag. Dann begann die eigentliche Prüfung. Wir mussten unfassbar viele Formulare ausfüllen und fühlten uns zwischendurch wie gläserne Menschen. Am meisten hat uns jedoch ein Formular bewegt, auf dem man ankreuzen musste, welche Eigenschaften das zukünftige Kind haben sollte. Altersspanne, Einzelkind, Geschwister, Zwillinge, Hautfarbe, Erkrankungen, Behinderungen.

Welche Geschichte konnten wir als Paar und als Familie tragen?

Gefragt wurde auch, ob wir mit Vergewaltigung, Missbrauch, Drogen, Schizophrenie umgehen konnten. Alle Eventualitäten wurden abgeklärt und mein Mann und ich führten viele intensive Gespräche. Als wir alles ausgefüllt hatten, reichten wir die Unterlagen beim Jugendamt ein und wurden zu mehreren persönlichen Gesprächen eingeladen, auch ein Hausbesuch fand bei uns statt. Der Prozess dauerte ungefähr ein Jahr.

Am 18. November 2015 kam ich dann von der Arbeit nach Hause und irgendetwas war anders. Mein Mann saß auf der Bettkante und sagte: „Da hat heute jemand vom Jugendamt angerufen. Es möchte uns jemand kennenlernen.“ Wir versuchten ruhig zu bleiben.

Werden wir jetzt eine Familie?

Als wir beim Jugendamt saßen, war die Spannung kaum auszuhalten, geschlafen hatten wir auch nicht wirklich. Irgendwann, gefühlt nach Stunden, sagte die Frau vom Jugendamt, dass in naher Zukunft ein Kind geboren werden würde, unser Kind. Sie erzählte uns die Geschichte von Ruby und ihrer Bauchmutter. Den Begriff Bauchmutter habe ich auf einem Adoptionsseminar gelernt. Ich mochte ihn von Anfang an sehr, weil ich ihn so respektvoll und wertschätzend finde und wir endlich einen Begriff hatten, mit dem wir über die Frauen sprechen konnten, die unsere Kinder gesund zur Welt gebracht haben.

Wir hatten außerdem vorher erfahren, dass Ruby afrikanische Wurzeln hat, in einem Krankenhaus in unserer Umgebung geboren werden würde und die Bauchmutter unser Kind Nilou genannt hatte. Ich schaute mir im Internet die Bedeutung an: Himmel. Ein Geschenk des Himmels. Wir gaben ihr später zusätzlich den Namen Ruby, Ruby Nilou. In Gedanken sprach ich schon mit ihr und sagte ihr immer wieder, wie sehr wir uns auf sie freuten. Aber da war auch Angst. Was ist, wenn die Bauchmutter es sich im letzten Moment anders überlegen würde?

Irgendwann war klar, was die Frau vom Jugendamt mit naher Zukunft gemeint hatte: Der Geburtstermin war am folgenden Dienstag. Wir sollten nichts organisieren, da es immer noch anders hätte kommen können. Aber wir machten es trotzdem. Es fühlte sich richtig und gleichzeitig verboten an. Wir schauten uns Kinderwagen an. Acht Wochen Lieferzeit. Die Zeit hatten wir nicht. Denn wir würden ja schon nächste Woche Eltern werden. Wir glaubten daran. Es war ein Wechselbad der Gefühle.

Außerdem musste ich meine Chefin anrufen. Wie würde ich es ihr erklären? Ich konnte ja schlecht sagen, dass ich Dienstag eventuell Mutter werden würde. Oder doch? Wir hatten nie offen über das Thema Adoption gesprochen. Zu groß war unsere Angst, dass unser Weg nicht zum Ziel führen würde. Eine Stunde später stand ich vor ihr und konnte vor Tränen nichts sagen. Irgendwann kamen die Worte wieder, wir weinten beide – vor Freude. Ich war ab dem Folgetag freigestellt.

Und dann klingelte das Telefon endlich. Wir sollten so schnell wie möglich ins naheliegende Krankenhaus kommen. Eine Hebamme nahm uns in Empfang und führte uns ins Büro. Da war sie, unsere Tochter. Winzig, ganz klein und wunderschön.

Wir waren einfach nur glücklich und lebten unseren Traum. Das erste Jahr nannte sich Adoptionspflegejahr. Es hätte es jederzeit zur Rückführung kommen können. Der Gedanke daran war die Hölle, aber wir mussten das Risiko eingehen und verdrängten ihn. Ein anderer Aspekt, der uns übel aufstieß, war, dass uns immer häufiger Fremde ansprachen und anstarrten. Nie zuvor gesehene Personen wollten Fotos machen und stellten Fragen oder gaben einfach Kommentare ab, denn Ruby ist Schwarz.

Als Ruby drei Jahre alt wurde, wünschten wir uns noch mehr Leben in der Bude. Geschwisterliebe. Also stellten wir einen zweiten Antrag. Ruby wuchs zu diesem Zeitpunkt als einziges Schwarzes Kind in unserer Familie auf. Uns war es sehr wichtig, dass sie sich mit ihrem Geschwisterchen optisch identifizieren kann. Unsere zweite Tochter Malia ist nun sechs Monate alt. Rubys und Malias Lebensgeschichten sind sehr ähnlich, ebenso wie ihre Wurzeln. Ich bin überzeugt davon, dass beide Kinder später davon profitieren und sich gegenseitig stützen und Kraft geben können.

Ich realisierte langsam, dass es etwas gab, das wir in dem ganzen Prozess völlig unterschätzt hatten: das Thema Rassismus.

Wir gingen durch das Tal der Tränen. Auf dem Spielplatz wurden wir eines Tages von einer fremden Frau gefragt, ob wir unser Kind aus Afrika geklaut hätten. Stille. Entsetzen. Hilflosigkeit. Sprachlosigkeit. Ich war wie gelähmt. Eine Situation, wie ich sie seitdem oft erlebt habe. Ruby war im Winter geboren. Durch den Schneeanzug und durch die Mütze hatte man nicht viel von ihr gesehen, im Frühjahr häuften sich die Kommentare. Wir mussten als Eltern Schwarzer Kinder auf die harte Tour lernen, was Rassismus wirklich bedeutet. Auch wir hatten nämlich ähnlich wie Steffi jahrelang im Happyland gelebt.

Es war ein Rassismus, den wir nicht selbst am eigenen Körper erlebten, wohl aber bei unseren Kindern. Jetzt mussten wir schnell lernen, wie wir sie vor ihm beschützen können. Ein unangenehmes Gefühl begleitete uns das gesamte erste Jahr mit Ruby. Es gab von allen Seiten Blicke, übergriffige Fragen zur Hautfarbe unseres Kindes und fremde Menschen fassten sie permanent ungefragt an. Auch mein Umfeld nahm meine Sorgen nicht ernst und ich bekam immer wieder zu hören: „Ach, die meinen das doch nicht so.“

Alles, was ich wollte, war, unser Kind zu beschützen. 

Schnell war klar, dass das unmöglich ist. Was wir aber tun können, ist, unsere Kinder zu starken, selbstbewussten Menschen zu erziehen, die sich wehren können. Schließlich müssen sie in Zukunft nicht nur damit umgehen können, dass sie eine andere Hautfarbe haben als die meisten Kinder und Erwachsenen in ihrem Umfeld, sondern auch damit, dass sie adoptiert worden sind.

Damit wir als weiße Eltern alle passenden Werkzeuge gegen Rassismus parat haben, besuchen wir regelmäßig die Gruppe für „Familien mit verschiedenen Hautfarben“. Der Austausch dort ist sehr wichtig und ich lerne dort auch, wie ich meine Ressourcen richtig einteilen kann. Jede Mutter kennt das Gefühl: Man möchte seine Kinder behüten, doch man muss auch lernen, welcher Kampf sich zu kämpfen lohnt. Das heißt, ich gebe mich nicht jeder Äußerung hin und lasse auch nicht jede Bemerkung an uns heran. Der Austausch von Erlebtem und das gemeinsame Lernen mit anderen waren und sind enorm wichtig für uns. Außerdem wird uns in der Gruppe gezeigt, wie wir mit kleinen Aktionen mehr positive Erlebnisse in das Leben unserer Kinder bringen können. Wir haben zum Beispiel die komplette Kita mit „Hautfarben-Buntstiften – so bunt ist Deutschland“ ausgestattet. Das brachte enorm viel Normalität in unser Familienbild und unsere Tochter kann unsere Familie jetzt so malen, wie wir eben aussehen. Auch unser Umfeld ist heute viel diverser als früher, das hat uns und unseren Töchtern sehr geholfen.

Wir reden als Familie ganz bewusst über das Thema Rassismus, denn wir sind es ja, die ihn erleben. Ich möchte unseren Töchtern unbedingt meine Sprachlosigkeit vom Anfang ersparen. Unsere Kinder lernen von uns, warum man das „N…“-Wort nicht benutzt und dass es auch bei Pippi Langstrumpf nicht okay ist. Wir leben unseren Kindern vor, dass es wichtig ist, für sich selbst und andere einzustehen.

Ich habe in den letzten vier Jahren mehr über Rassismus gelernt als in meiner ganzen Schulzeit.

Auch das Thema Adoption ist selbstverständlich immer präsent, denn es ist Teil unserer Familie. Ruby und Malia wachsen mit ihrer persönlichen Geschichte auf, kindgerecht, altersgerecht. Unsere fünfjährige Tochter weiß ganz genau, dass sie nicht in meinem Bauch war, sondern bei ihrer Bauchmutter. Die konnte sich leider nicht um sie kümmern und deshalb hat sie eine neue Mama und einen Papa für sie ausgesucht.

Wir möchten, dass unsere Kinder in Zukunft die richtigen Worte finden werden. Ganz egal, ob jemand eine Bemerkung zu ihrer Hautfarbe macht oder dazu, dass sie adoptiert sind. Auch wenn wir verletzende Kommentare nicht für immer aus unserem Leben verbannen können, können wir doch Schritt für Schritt lernen, zu reagieren und mit ihnen umzugehen. Das klappt sogar schon bei meiner vierjährigen Tochter.

Vor ein paar Wochen waren wir mit Freunden verabredet. Die Kinder spielten, es war ein schöner Tag. Mein Baby war im Tragetuch und ich stand unmittelbar neben meiner Tochter und ihrer Freundin, die ebenfalls Schwarz ist, als sie von einer wildfremden Frau angesprochen wurden. „Na, ihr seid doch bestimmt Schwestern?“ Stille. Und dann passierte Folgendes: Unsere Mädchen schauten sich an und kicherten. Sie erklärten der Frau nun ausführlich ihre Familienverhältnisse und endeten mit den Worten: „Wir haben die gleichen Haare. Wir haben die gleichen Augen. Wir haben die gleiche Hautfarbe. Wir sind keine Schwestern, aber sind wir nicht wunderschön?“ Die Frau antwortete nicht, sie drehte sich um, schüttelte den Kopf und ging.

Mein Herz zersprang fast vor Stolz und ich spürte eine tiefe Erleichterung. Mein kleines großes Mädchen. Ich wusste in diesem Moment, dass wir auf einem sehr, sehr guten Weg sind.

 

  1. Kommentare zu diesem Artikel
  2. Katie 26. August 2020 um 09:59 Uhr

    Danke für diesen wunderschönen, berührenden, Augen öffnenden Text! Alles Liebe für die Familie!

    Antworten
    • Arian 29. November 2020 um 21:36 Uhr

      Hallo 🙂
      Einfach ein ganz toller Beitrag der mich echt tief im Herzen berührt hat. Ich danke ihnen für diese wunderschönen Einblicke. Ich wünsche Ihnen und ihrer toller Familie alles Glück der Welt .
      Mit besten Grüßen
      Arian

      Antworten
  3. Alexa von Heyden 26. August 2020 um 11:07 Uhr

    Mein Mann und ich haben auch eine Kinderwunschbehandlung hinter uns und ich hätte gerne später noch ein Kind adoptiert. Jetzt bin ich leider zu alt dafür, aber ich finde eure Geschichte wunderbar herzerwärmend und mutmachend, denn es geht doch nur darum: Kindern ein schönes Zuhause zu geben und sie mit Liebe zu überschütten, wenn das die Baucheltern selber nicht schaffen. Das macht ihr so wie es aussieht großartig und deshalb gehört euch mein ganzer Respekt! Wir brauchen mehr Familien wie euch!

    Antworten
  4. Sonja 26. August 2020 um 11:08 Uhr

    Liebe Stefanie,
    vielen Dank für den tollen Text und dass wir Euren Adoptionsprozess und Euer Familienleben so miterleben durften. Es wäre schön, mehr von Dir zu lesen, ich mochte auch Deinen Schreibstil sehr gerne 🙂
    Liebe Grüße
    Sonja

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  5. Rebecca Seeger 26. August 2020 um 11:09 Uhr

    Oh, wow. Soviel Emotionen. Zu sovielen Themen. Aber es zeigt wieder einmal. Mama ist man im Herzen und hat nichts mit Blutsverwandschaft, Geschlecht oder Hautfarbe zu tun.

    Antworten
  6. Katja 26. August 2020 um 11:47 Uhr

    Eine schöne und wichtige Geschichte.
    Ich hatte “Glück”, als Migrantin 2. Generation, habe ich als Latina in meiner Kindheit Rassismus nur sehr selten erlebt. Vielleicht lag es auch einfach an der sozialen Klasse. Meine Eltern haben zudem gut verdient, sodass wir viel Reisen konnten und auch auf Privatschulen waren.

    Als Kind war mir zwar das anders sein sehr bewusst, aber erst als Erwachsene, wurde mir klar, dass ich als exotisch kategorisiert werde, während es zb Türken und Nordafrikanern wesentlich schwerer haben.

    Im Moment beschäftigt mich das Thema auch im Zusammenhang mit Feminismus sehr. Darum finde ich es so toll, dass hier auf dieser Plattform sehr offen auch über Ignoranz gesprochen wird und der Wille zum lernen gezeigt wird.

    Danke!

    Antworten
  7. Jule 26. August 2020 um 11:58 Uhr

    Wow, ich bin sprachlos und mir kullert eine Träne über die Wange.

    Was für ein wundervolles Happyend. Erstens, dass dein Mann gesund ist, dass ihr zwei wunderbare Töchter habt und wie ihr als Adoptiveltern auch noch das Thema Rassismus bekämpft und im Prinzip schon gewonnen habt. Richtig schön. Das sollte allen Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch unglaublich viel Mut machen!

    Die Erklärung deiner Tochter ist wunderschön. Sie ist wunderschön. Mein Herz schmilzt dahin. Deine Familie und du könnt stolz auf Euch sein!!

    Antworten
  8. Lisi 26. August 2020 um 13:15 Uhr

    So ein toller Text ❤ vielen Dank

    Antworten
  9. Katrin 26. August 2020 um 13:45 Uhr

    Hut ab vor dem, was ihr tagtäglich leistet und ich freue mich, dass euer langer Weg zur Familie mit Kindern erfolgreich war! Ich bin selbst Lehrerin und ertappe mich immer wieder dabei, völlig zu vergessen, welche Hautfarbe die Kinder in der Schule haben. Zugleich habe ich schon oft erlebt, dass Kinder mit dunkler Haut genau diesen Kommentaren ausgesetzt sind. “Schokomädchen” sagen und es nett meinen wollen… Da musste ich wirklich fragen, ob noch alles rund läuft im Oberstübchen.
    Die Aussage deiner Tochter zeigt, wie toll ihr sie darauf vorbereitet habt. Auch wenn ich mir nicht genug wünschen kann, dass es eine Welt geben würde, in der das nicht mehr nötig ist.

    Antworten
  10. Rada 26. August 2020 um 14:03 Uhr

    Ihr macht das echt super …
    durch unsere Jugoslawisch/Ägyptische Herkunft ist unserer Tochter anzusehen das die Wurzeln im Ausland liegen 🙂 ich bete und hoffe das ich ihr genauso viel Selbstbewusstsein vermitteln kann, so das sie den Anspielungen auf den dunkleren Hautton oder die dunklere Körperbehaarung gut wegsteckt. Kinder können schon gemein sein aber die Eltern sind mit ihren unüberlegten Kommentaren einfach unberechenbarer. Alles gute für euch

    Antworten
  11. Manja 26. August 2020 um 14:24 Uhr

    Liebe Stefanie,

    ich habe viel Respekt und Bewunderung für Menschen, die sich für eine Adoption entscheiden, völlig unabhängig von der Hautfarbe der Kinder.
    Ich finde die Art, mit der Ihr Euren Töchtern Stärke und Selbstbewusstsein vermittelt, ganz wunderbar.
    Das Verhalten mancher Menschen ist seltsam, achtlos und oft vollkommen unverständlich. Es hat mich ebenfalls oft sprachlos zurückgelassen, auch wenn meine Kinder und ich eine weiße Hautfarbe haben. Denn eins möchte ich gerne anmerken, solche Respektlosigkeiten passieren nicht nur Menschen mit dunkler Haut und das wird für mein Empfinden beim Thema Rassismus manchmal vergessen.
    Ich selber habe rote Haare und musste mir als Kind oft “Pumuckel” hinterherrufen lassen. Meine Tochter hatte als kleines Mädchen einen wilden Lockenkopf. Wie oft fremde Menschen meinten, diesen ungefragt anfassen zu dürfen, kann ich gar nicht zählen. Einige stellten ernsthaft die Frage, ob die Locken echt seien (Nein, natürlich drehe ich meiner zweijährigen Tochter nachts Lockenwickler ins Haar). Wie häufig fremde Menschen in der Öffentlichkeit in meine Erziehung eingriffen, indem sie zum Beispiel meiner vierjährigen Tochter Geld in die Hand drückten, nachdem ich ihr kurz vor dem Abendessen in der Stadt ein Eis verweigerte und meinten, mich dann noch mit vorwurfsvollen Blicken strafen zu müssen, kann ich ebenfalls nicht zählen.
    Es gibt taktlose, respektlose und achtlose Menschen. Das bekommt man auch als weißer Mensch sehr oft deutlich zu spüren. Rassismus bedeutet für mich, die Ablehnung eines Menschen, aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Herkunft oder Kultur.
    Achtlosigkeit und Respektlosigkeit bedeutet jedoch nicht zwangsläufig unbedingt immer auch Ablehnung.
    Hier fehlt es für mein Empfinden auf Seiten der Betroffenen oft an der nötigen Differenzierung.

    Herzliche Grüße
    Manja

    Antworten
  12. Manja 26. August 2020 um 14:49 Uhr

    Liebe Stefanie,

    ich hatte Probleme beim Versenden meines Kommentares, daher hier jetzt noch einmal der komplette Text.

    Ich habe viel Respekt und Bewunderung für Menschen, die sich für eine Adoption entscheiden, völlig unabhängig von der Hautfarbe der Kinder.
    Ich finde die Art, mit der Ihr Euren Töchtern Stärke und Selbstbewusstsein vermittelt, ganz wunderbar.
    Das Verhalten mancher Menschen ist seltsam, achtlos und oft vollkommen unverständlich. Es hat mich ebenfalls oft sprachlos zurückgelassen, auch wenn meine Kinder und ich eine weiße Hautfarbe haben. Denn eins möchte ich gerne anmerken, solche Respektlosigkeiten passieren nicht nur Menschen mit dunkler Haut und das wird für mein Empfinden beim Thema Rassismus manchmal vergessen.
    Meine Tochter hatte früher einen wilden Lockenkopf. Wie oft fremde Menschen in der Öffentlichkeit meinten, dort einfach hineinfassen zu dürfen, kann ich gar nicht zählen. Einige fragten ernsthaft, ob die Locken echt seien (Nein, natürlich drehe ich meiner zweijährigen Tochter nachts Lockenwickler in die Haare).
    Ich selber hatte als Kind nicht nur Locken, sondern sie waren auch noch feuerrot. “Wie Pumuckel” war ein Kommentar, der mich jahrelang begleitet und sehr geärgert hat.
    Oft haben fremde Menschen in der Öffentlichkeit einfach in meine Erziehung eingegriffen, indem sie zum Beispiel meiner vierjährigen Tochter einfach Geld in die Hand gedrückt haben, wenn sie im Supermarkt kurz vor dem Essen nach einem Eis quengelte und ich ihr diesen Wunsch verweigert habe und mir dabei gerne auch noch einen missbilligenden Blick zuwarfen.
    Es gibt diese Menschen, sie sind achtlos, empathielos und respektlos. Aber nicht immer sind diese Menschen auch zwangsläufig Rassisten!
    Dies ist für mein Empfinden eine notwendige Differenzierung, die bei dem Thema Rassismus zu oft vergessen wird.

    Herzliche Grüße
    Manja

    Antworten
  13. Frauke 26. August 2020 um 15:43 Uhr

    Liebe Stefanie, danke für diesen tollen, mutigen und ehrlichen Text. Ich habe mich beim Lesen allerdings gefragt, warum die „Bauchmutter“ ihr Kind nicht behalten konnte, wollte, durfte. Das kommt in der Geschichte leider nicht vor. Magst du das erzählen oder ist das zu privat?

    Antworten
  14. Lisi 26. August 2020 um 16:04 Uhr

    Toller Text, vielen Dank dafür! Ihr seid tolle Vorbilder!

    Vor allem auch so völlig frei von „als Weiße werden wir aber auch manchmal schlecht behandelt“, was Manja hier sehr wichtig zu sein scheint. Liebe Manja, bitte informiere dich noch einmal zum Thema Rassismus und weiße Privilegien. Ich kann „Deutschland schwarzweiß“ als Sachbuch sehr empfehlen!

    Antworten
  15. Aileen 26. August 2020 um 18:16 Uhr

    Danke Lisi!!! Manja, was Lisi sagt.

    Antworten
  16. Melanie 26. August 2020 um 19:18 Uhr

    Einfach nur WOW ❤️
    … und Tränen in den Augen! Ihr seid großartig!

    Antworten
  17. Birte 26. August 2020 um 21:28 Uhr

    Liebe Manja, du verwechselst da was. Respektlosigkeiten hier oder da sind ärgerlich, und gegen Diskriminierung sollten wir uns alle stark machen. Aber die Erfahrung von Rassismus ist wirklich noch mal eine völlig andere. Ich empfehle Tupoka Ogettes „Exit racism“. Steffi hat hier auf dem Blog ja auchschon drüber geschrieben. Beste Grüße, Birte

    Antworten
  18. Anonym 26. August 2020 um 23:08 Uhr

    Ich möchte hier zwei Dinge loswerden, einmal an Mania: einige Vorrednerinnen haben gute Literaturempfehlungen gegeben. Es ist auf jeden Fall verletzend und übergriffig, wenn man aufgrund von optischen Merkmalen blöd von der Seite angemacht wird. Aber das ist etwas anderes als Rassismus. Rassismus ist etwas strukturelles.

    Und dann möchte ich noch etwas zu einer Sache im Artikel sagen. Es ist auf jeden Fall eine unmögliche Bemerkung, die verletzend und abwertend ist, wenn gefragt wird, „ob die Kinder in Afrika geklaut worden sind“. Diese Bemerkung ist definitiv nicht hinzunehmen.

    Doch möchte ich eine Information hinzufügen: es kommt leider tatsächlich nicht selten vor, dass Kinder vom afrikanischen Kontinent in den Westen zu Adoption vermittelt werden, obwohl(!) sie Eltern haben, die sich gerne um das Kind kümmern würden. Es kommt durchaus vor, dass afrikanische Familien ihre Kinder unter nicht-transparenten Bedingungen weggeben, im Glauben, es handelt sich um eine temporäre Trennung. Es gibt viele moralisch-fragwürdige Situationen und auch kriminelle Machenschaften rund ums Thema Adoption vom afrikanischen Kontinent.

    Das trifft auf die Familie im Artikel natürlich in KEINER Weise zu. Das ist natürlich eine ganz andere Situation, eine Adoption innerhalb Deutschlands unterliegt sehr klaren und transparenten Regeln. Und das ist richtig so!

    Ich wollte jedoch hinzufügen, dass es leider eine Realität ist, dass afrikanische Kinder „geklaut“ werden. Sie sind mitunter eine Handelsware für (verzweifelte) Menschen im Westen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen und denken, sie tun etwas Gutes. Oft geschehen solch unrechtmäßige Adoptionen unter dem Dach von christlichen Organisationen. White savior complex wäre da ein Stichwort.

    Antworten
  19. Manja 27. August 2020 um 23:31 Uhr

    Es ging mir nicht darum, existierenden Rassismus in Frage zu stellen und es ging mir schon gar nicht darum, darauf hinzuweisen, dass auch weiße Menschen aus unterschiedlichsten Gründen diskriminiert werden und sich blöde Sprüche anhören müssen.
    Es ging mir nur darum, dass man immer genau hinschauen sollte, ob ein unbedachter Satz, ein neugierigerer Blick, oder eine unangemessene Frage tatsächlich grundsätzlich einem rassistischen Grundgedanken entspringen, oder ob es nicht manchmal auch einfach nur Unsensibilität oder Unüberlegtheit ist.
    Ich maße mir nicht an, beurteilen zu können, wie sich Menschen mit einer anderen Hautfarbe hier in Deutschland fühlen. Ich wünsche mir nur, dass das Thema differenzierter betrachtet wird.
    Nicht jeder, der sich unüberlegt gegenüber einem Menschen mit einer anderen Hautfarbe verhält oder äußert, ist zwangsläufig ein Rassist!

    Antworten
  20. Katja 28. August 2020 um 07:28 Uhr

    Liebe Stefanie,

    vielen Dank für deinen berührenden und tollen Text.

    Vor allem finde ich es wichtig das Thema Rassismus in der Familie anzusprechen. Meine Tante und mein Onkel haben in den 80ern zwei Kinder aus Lateinamerika adoptiert. Ich bin normal mit meiner Cousine und meinem Cousin aufgewachsen aber welche Erfahrungen sie mit Alltagsrassismus machen mussten ist mir erst im Erwachsenenalter bewusst geworden und manches was sie mir erzählt haben, hat mich wirklich geschockt und sehr wütend gemacht.

    Toll, dass es da auch Angebote wie die Gruppen für Familien mit gemischten Hautfarben gibt, die euch unterstützen.

    Alles Liebe für deine bezaubernde Familie und dich.

    Antworten
  21. Bettina 28. August 2020 um 10:11 Uhr

    Vielen Dank für diese wunderschöne Geschichte, dass ihr uns an diesem Teil eures Lebens teilhaben lasst. Alles Liebe für euch alle!

    Antworten
  22. Dorothee Krüger 28. August 2020 um 13:16 Uhr

    Danke für Deine Offenheit und diesen ehrlichen Text – er hat mich sehr berührt. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Liebe und Gute!

    Antworten
  23. Celina 28. August 2020 um 13:52 Uhr

    Ein so toller und berührender Artikel. Mir liefen die Tränen, einerseits aus Rührung eurer Geschichte, andrerseits aus Wut und Scham, dass man nach wie vor mit dem Thema Rassismus so konfrontiert wird. Um ehrlich zu sein bekommen wir das fast gar nicht mit, wir leben in einer Bubble…gut immer wieder aufgerüttelt zu werden!!! Ich wünsche euch alles alles Liebe weiterhin!
    Vielen Dank für den Text!

    Antworten
  24. Claudia 28. August 2020 um 21:01 Uhr

    Liebe Stefanie,

    Deine Zeilen haben mich – wie viele andere auch – sehr berührt! Danke, dass Du uns an Deiner Geschichte hast teilhaben lassen!

    Du kannst extrem stolz auf Dich und Deine kleine Familie sein!!!

    Menschen, die Euch negativ gegenübertreten, dumme Fragen stellen oder einfach dumme Sprüche und Bemerkungen fallen lassen, sind m.E. zu bedauern. Meist handelt es sich um Leute, die mit sich und der Welt nicht zufrieden sind oder einfach nur extrem dumm!

    Deine beiden Mädchen werden – bei so tollen Eltern – genau zu den Persönlichkeiten heranwachsen, die Ihr Euch wünscht und die Ihr eindeutig auch verdient!

    Von Herzen wünsche ich Euch viern alles alles Gute!

    Antworten
  25. Simone 28. August 2020 um 23:31 Uhr

    Tolle Geschichte. Einfach nur traurig, dass sich heutzutage immer noch viele so diskriminierend verhalten. Hoffe, es wird besser. LG

    Antworten
  26. Susanne 4. September 2020 um 09:39 Uhr

    Danke für den wundervollen Text. Er hat mich sehr berührt.

    Auch wir sind Eltern zweier dunkelhäutiger Kinder, beide in Südafrika, dem schönsten Land der Welt ;o)), geboren. Für uns ist Adoption einfach eine andere Art eine Familie zu gründen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin weder besonders mutig noch habe ich ein Kind geklaut (es ist sinnvoll, sich auf alle möglichen dummen Kommentare vorher eine gute Antwort zurechtzulegen, oft ist man in der Situation dermaßen von der Dummheit oder Dreistigkeit seiner Mitmenschen überfordert).

    Rassismus erleben wir jedoch leider immer häufiger. Vor allem unser inzwischen 19jähriger Sohn kämpft damit. Es ist immer er, der von der Polizei kontrolliert wird. Es ist immer er, der in einfachem Deutsch angesprochen wird. Es ist immer er, der gefragt wird, warum er denn so gut Deutsch redet. Es sind viele kleine Dinge, die nagen. Ja, man MUSS die Kinder stärken, aber dennoch steckt man nicht in ihren Schuhen. Unsere Kinder sind nun erwachsen und nicht mehr die ach so süßen Exoten, sondern müssen mit dem Alltagsrassismus in Deutschland, den wir Deutsche oft so gar nicht wahrhaben wollen oder auch mit besten Absichten nicht wahrnehmen, leben.

    Herzliche Grüße an Euch 4 von uns 4 ;o))

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