Wonach ist dir heute?
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Zwischen mir und der anderen Mutter auf dem Spielplatz herrschte plötzlich Stille. Nicht etwa, weil ich gesagt hatte: „Ich putze meinem Kind die Zähne mit Ketchup!“ Oder: „Ich lass es kopfüber im Bällebad schlafen.“ Nein. Ich hatte ihr erzählt, dass ich schwanger sei. In der achten Woche.

„Na, du traust dich ja etwas, das so früh zu erzählen“, sagte sie, selbst schwanger, und verschwand Richtung Ausgang.

Natürlich kenne auch ich die unausgesprochene Zwölf-Wochen-Regel, die besagt, dass man im ersten Trimester die Schwangerschaft lieber für sich behalten und nur mit dem Partner oder der Partnerin teilen sollte. Schließlich enden fast ein Drittel aller Schwangerschaften innerhalb der ersten drei Monate in einer Fehlgeburt. Doch genau das ist für mich der Punkt, worüber wir mehr sprechen sollten. Ist es wirklich noch zeitgemäß, die ersten drei Monate über eine Schwangerschaft zu schweigen? Oder sollten wir nicht viel lieber darüber sprechen, weil wir genau in der Zeit oft am meisten Unterstützung von unserem Umfeld brauchen? Auch ohne Fehlgeburt.

Das kollektive Schweigen in den ersten drei Monaten tabuisiert das Thema Fehlgeburt.

Es zwingt viele, dieses Erlebnis allein verarbeiten zu müssen. Und auch ohne Fehlgeburt wird suggeriert, eine Schwangerschaft sei etwas, das nach wie vor verheimlicht gehört, bis alles vermeintlich perfekt und spruchreif ist. Dabei quälen sich viele Frauen in dieser Zeit mit Übelkeit und Schlappheit und wäre es für sie so viel einfacher, wenn sie ihr Umfeld einbeziehen könnten. Abgesehen davon, dass auch später innerhalb einer Schwangerschaft noch viel passieren kann. Wie generell im Leben. Viele Frauen fürchten sich auch davor, ihrem*ihrer Arbeitgeber*in zu sagen, dass sie schwanger sind, um keine beruflichen Nachteile zu bekommen. Denken sich, lieber erst mal sicher sein, dass alles gut ist mit der Schwangerschaft. Wenn etwas passiert, muss es der*die Arbeitgeber*in ja vielleicht gar nicht wissen, entstehen mir keine Nachteile. Dabei geht es auch anders, gleich mehr dazu.

Viele kennen bestimmt auch die Fotos von Chrissy Teigen, die ihre Instagram-Follower*innen an der Todgeburt ihres Sohnes Jack vor ein paar Monaten teilhaben ließ, oder haben von Hilaria Baldwin, der Ehefrau des Schauspielers Alec Baldwin, gehört, die zwei Kinder innerhalb der ersten vier Monate verloren hatte und dies online teilte. Oder eben zuletzt von Meghan Markle, die in einem Brief in der New York Times öffentlich machte, dass ihre zweite Schwangerschaft in der Anfangszeit endete. Diese drei Frauen, die offen über ihre Fehlgeburten sprechen, sind aber eben immer noch die Ausnahme.

Ich habe sie alle drei sehr für ihre Offenheit gefeiert. Denn: Es kann helfen, wenn man weiß, dass das nicht nur Stars, sondern auch der Nachbarin, der Freundin oder der Kollegin passieren kann. Damit auch hierzulande mehr über Fehlgeburten gesprochen wird, hat die Journalistin Julia Stelzner den Blog „Das Ende vom Anfang“ ins Leben gerufen. Dort werden ehrliche, berührende Geschichten von Frauen erzählt, die ihr Kind noch während der Schwangerschaft verloren haben und von ihrer Erfahrung berichten möchten.

Die neuseeländische Schriftstellerin Kathryn van Beek sagte nach ihrer Fehlgeburt: „Eine Fehlgeburt ist eine seltsame, geheime Geburt, die auch ein Tod ist.“ Und den muss eben jede Mutter und jeder Vater auf eine eigene Art und Weise verarbeiten. Ein Schritt in die richtige Richtung geht da das neuseeländische Parlament, das sich vor einigen Wochen dieser Thematik angenommen und einstimmig beschlossen hat, dass Schwangeren und ihrem Partner oder ihrer Partnerin nach einer Fehl- oder Totgeburt drei Tage Trauerurlaub zustehen. Damit ist Neuseeland das einzige Land, das nicht nur der Frau, sondern auch dem Partner oder der Partnerin eine Trauerphase einräumt.

Drei Tage sind wenig, aber besser als nichts, wie das in vielen anderen Ländern der Fall ist. In Deutschland wird bisher zwischen einer Fehl- und einer Todgeburt unterschieden. Als Todgeburt wird bezeichnet, wenn man sein Kind nach der 24. Schwangerschaftswoche verliert oder es mehr als 500 Gramm wiegt. Wenn dieser Fall eintritt, hat die Mutter das Recht auf einen bezahlten Mutterschutz. Wenn die Schwangerschaft vorher endet, spricht man von einer Fehlgeburt und kann von einem Arzt bzw. einer Ärztin krankgeschrieben werden, hat jedoch kein Recht auf einen bezahlten Mutterschutz. Als ließe sich dieser Schmerz abzählen oder abwiegen.

Es gibt also noch viel zu tun. Doch wo fangen wir an?

Vielleicht erst mal im Kleinen und damit, dass wir vor allem der Zwölf-Wochen-Regel ihren Schrecken nehmen und miteinander sprechen. Die andere Mutter auf dem Spielplatz gab mir nämlich mit ihrer Aussage das Gefühl, dass ich mein Glück herausfordern würde, wenn ich andere in meine Schwangerschaft einweihen würde. Dabei brauchen viele Frauen gerade am Anfang Rat, Hilfe und Unterstützung – keine Vorwürfe oder ein schlechtes Gewissen. „Das erste Trimester eurer Schwangerschaft ist superwichtig“, sagt die Berliner Hebamme Sissi Rasche in ihrem Podcast Hebammen Salon. „Da wird alles angelegt und es braucht ganz viel Ruhe und Zeit. Da braucht man eigentlich am meisten Unterstützung!“

Und genau darum geht es mir. Nicht jeder muss nach einem positiven Schwangerschaftsergebnis all seine Instagram-Abonnent*innen einweihen – kann man aber natürlich trotzdem machen, wenn man mag. Vielmehr bin ich dafür, dass wir uns schon von Anfang an ein Umfeld schaffen, das uns unterstützt. Und sei es nur, wenn zum Beispiel das weitere Kind der Familie ein paar Stunden gut betreut wird und man sich kurz hinlegen kann. Auch den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin zu informieren, kann helfen – auch wenn ich weiß, dass in vielen Unternehmen statt mit Fürsorge oft mit Ausgrenzung reagiert wird, aber das ist ein anderes Thema. Mir hat es geholfen, dass ich meine Familie und einige sehr gute Freund*innen eingeweiht habe. Ich musste mir so keine Lügen für meine viermonatige Übelkeit einfallen lassen und bekam nicht nur oft ein Spieldate für meine Tochter angeboten, sondern eben auch mal Essen vor die Tür gestellt oder erhielt den Kontakt zu einer sehr guten Hebamme, die mir jetzt mit Rat und Tat zur Seite steht.

Deshalb finde ich: Wenn dir danach ist, erzähl von deiner Schwangerschaft und hol dir die Hilfe, die du in dem Moment gerade brauchst. Wenn du deine Schwangerschaft lieber für dich behalten und niemanden teilhaben lassen magst, ist das auch okay. Und wenn du über deine Fehlgeburt sprechen möchtest, lass es raus. Du entscheidest, was für dich und deine Familie richtig ist – und keine blöde Zwölf-Wochen-Regel.

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